Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Von den zwei Tüpfchen auf dem ü

Die englische Sprache hat bekanntlich keinen ü-Laut und folglich auch keinen Buchstaben dafür, weder in der Schreibschrift noch in der Druckschrift. Der amerikanische Erfinder der ersten brauchbaren Schreibmaschine, Charles Glidden, dachte denn auch gar nicht daran, ein ü in seine Tastatur aufzunehmen. Er konnte sich’s um so eher ersparen, als ein solcher Buchstabe weder im Italienischen noch im Französischen ein Bedürfnis ist. Auf das Deutsche nahm er keine Rücksicht, noch viel weniger auf das Schweizerdeutsche. Als nun die amerikanische Schreibmaschine — es war die Remington — sich auf deutschem Sprachgebiet einbürgerte, behalf man sich mit ue für ü, wie man sich mit ae und oe für die ebenfalls fehlenden ä und ö behalf. Dieser Mißbrauch schlich sich bald auch in die Druckschrift ein, zumal im Anlaut der Wörter, wo Ae, Oe und Ue für den Setzer eine technische Erleichterung bedeuteten.

Am meisten hat das Schweizerdeutsch unter diesem neuzeitlichen Setzerbrauch zu leiden, vor allem beim Ue, weil dieses Zeichen keine Unterscheidung erlaubt zwischen dem Umlaut ü und dem Zwielaut u-e, nicht einmal zwischen u-e und üe. Die Folge ist, daß wir nun bei Eigennamen, besonders Ortsnamen, oft nicht wissen, wie wir lesen sollen. Man schlage das Geographische Wörterbuch der Schweiz auf und lese zum Beispiel:

Uehlingen, Uerkheim, Uerzlikon, Ueßlingen, Uebewil, Uelikon, Uerikon, Piz Uertsch, Uessikon, Uetenbach, Uetikon, Uetigen, Uetzikon, Uezwil, Uetendorf.

Um beim letzten anzufangen, soll einer nun, wenn er diesen Dorfnamen 74 zum erstenmal sieht, ütendorf oder u-etendorf oder üetendorf lesen? Wir Berner können nicht fehlgehen, weil wir üetendorf durchs Gehör kennen; aber wer den Namen nicht durchs Gehör kennt? Geht es ihm nicht gleich, wie uns bei Uerzlikon, Uetikon, Uetzikon? Und nun gar der Ausländer, dem unsre Aussprache u-e ohnehin unbekannt ist und der nie wissen kann, ob ü oder ue oder üe zu lesen ist! Das Geographische Wörterbuch schreibt zum Beispiel auch Uetliberg. Wie soll der Landfremde wissen, daß das nicht ütliberg und nicht uetliberg, sondern üetliberg zu sprechen ist?

Oder man denke an schweizerische Personennamen wie Ueli (üli, üeli oder ueli?), Uetz (ütz, üetz oder uetz?), und so auch Ueltschi, Uehlinger, Uebelin u.a. Aber auch für Sachnamen haben wir oft keine eindeutige Schreibung, wenn wir «Ue» setzen, zum Beispiel bei Uerte (sprich ürte), bei Uerseli (sprich ürseli) und bei dem aussterbenden, aber in der oberländischen Jägersprache noch wohl bekannten Wort Ueb (Fuchsgrube).

Heute, wo die Mundart wieder höher im Kurse steht, sollten sich alle, die auf Deutlichkeit in der mundartlichen Schreibung halten, besonders also die Mundartschriftsteller und die Mundartforscher, dafür wehren, daß die zwei Tüpfelchen auf dem ü, auch auf dem großen U erhalten bleiben, in zweiter Linie auch die auf dem ä und dem ö. Es geht hier um die Deutlichkeit in der mundartlichen Schreibung und ist keine Tüpfli... — ich hätte bald etwas gesagt.


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