Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Muttersprache

(Ein Gespräch)

Da streiten sich die Leute jetzt um den Begriff Muttersprache. Im Grund ist es ein richtiger Wortstreit, ein Streit mit Worten und um Worte!

— Wie kann man darüber streiten? Die Sache ist so klar wie etwas!

Wirklich? So legen Sie denn los! Muttersprache ist —?

— Muttersprache ist doch einfach die Sprache, die man von der Mutter gelernt hat.

So? Kurz und gut? Und wenn man sie vom Vater gelernt hat, nicht von der Mutter?

— Aha, weil die Mutter gestorben war? In diesem seltenen Fall kann man sie meinetwegen Vatersprache nennen. Aber das tut man eben nicht. Jeder Mensch hat eine Muttersprache, auch wenn er sie vom Vater hat.

Gut, Sie steigen also ein. Die Muttersprache kann man von jemand anders gelernt haben als von der Mutter.

— Natürlich, z.B. von der Großmutter, von einer Tante, einer Kindermagd oder von den Schulkameraden. Es ist eben die Sprache, die einem von der Kindheit her bleibt.

Wenn also einer von seiner Mutter Englisch gelernt hat und von den Schulkameraden Deutsch, und dieses Deutsch «bleibt» ihm, wie Sie sagen, dann ist nicht das Englisch seiner Mutter, sondern das Deutsch seiner Schulkameraden seine Muttersprache?

— Meinetwegen, aber das sind doch Sophistereien über Ausnahmefälle.

Mich reizen aber die Ausnahmen mehr als die Regel, besonders wenn es sich um die Feststellung eines Begriffs handelt.

— Das Vergnügen lasse ich Ihnen; ich fühle nicht den geringsten Beruf, «Begriffe festzustellen». Ich brauche die Wörter, wie man sie eben braucht, basta! Jeder Mensch weiß, was seine Muttersprache ist, und das ist die Hauptsache.

50 Und wenn er es beim besten Willen doch nicht weiß? Hören Sie! Den Fall habe ich selbst erlebt. Ich hatte unter meinen Studenten einen, an dessen Sprache mir etwas Fremdes auffiel. Als ich ihn einmal fragte, was eigentlich seine Muttersprache sei, besann er sich, lächelte und sagte dann: «Das ist nicht so einfach. Meine Muttersprache habe ich nämlich vom Vater gelernt, und — meine Vatersprache von der Mutter. Meine Mutter war Bernerin aus dem Emmental, mein Vater Waadtländer. Durch die Heirat kam meine Mutter ins Waadtland und fühlte sich da fremd. Um ihr das Einleben zu erleichtern, bemühte sich mein Vater, deutsch mit ihr zu reden; so bekam ich zu Hause fast nur Deutsch zu hören. Meine Mutter aber wollte dem Vater das Opfer, das er ihr in der Sprache brachte, mit Gleichem vergelten und fing nun an, französisch zu sprechen. Und beide blieben aus Liebe bei der gewählten Fremdsprache. So habe ich tatsächlich von der Mutter die Vatersprache, vom Vater die Muttersprache gelernt — nicht gerade zu meinem Vorteil, denn es war weder ein Musterdeutsch noch ein Musterfranzösisch. Und doch habe ich dabei», sagte er mit einem schamhaften Lächeln und gedämpfter Stimme, «etwas Schönes gelernt.» — Und jetzt, fragte ich, was ist jetzt Ihre Muttersprache geworden? — «Ich glaube doch, die Vatersprache», sagte er. «Ich habe sie eben von der Mutter gelernt.» Nicht wahr, so was kann auch nur in der Schweiz vorkommen?

— O warum? Ich hatte eine Freundin in Mailand, die von ihrer ersten Mutter Italienisch, von der zweiten Französisch gelernt hatte. Es war, als ich sie in der Pension kennen lernte, ein drolliges Gemisch.

Eine Müttersprache also.

— Dabei war die eine katholisch, die andere protestantisch. Ich glaube, auch da gab’s ein Krausimausi. Wenn man meine Freundin nach der Konfession fragte, scherzte sie etwa: sie sei protestholisch erzogen worden. In diesen gemischten Ehen...

Denken Sie nur an die sprachlich gemischten. In der Schweiz ist ja jede dritte Ehe sprachlich gemischt!

— In der deutschen Schweiz? Doch nicht.

51 Gerade da. In unzähligen Ehen spricht die Frau einen andern Dialekt als der Mann, und die Kinder...

— Aber Dialekte sind doch keine Muttersprache!

Ach? Warum denn nicht?

— Dialekte sind Dialekte. Mit Muttersprache meint man eine große, allgemeine Sprache wie Deutsch, Französisch, Englisch usw., eine Sprache, die man schreiben kann.

Und doch lernt man von der Mutter nicht schreiben, sondern reden.

— Ja schon. Aber meine Muttersprache ist Deutsch, nicht Bielerisch, so lieb es mir ist. Darüber gibt’s nichts zu reden.

Doch. Gerade darüber redet und streitet man jetzt. Die einen sagen mit roten Köpfen, unsere Muttersprache sei das Hochdeutsch, und die andern mit noch röteren, es sei das Schweizerdeutsch. Fragen Sie einmal einen gebildeten Tessiner, was seine Lingua materna sei, ob Italienisch oder z.B. Mendrisiottisch. Da werden Sie etwas zu hören bekommen! Ob sie ihn eigentlich für einen Hinterwäldler halten? Italienisch mit Mendrisiottisch nur zu vergleichen!

— Gut, ich nenne auch Hochdeutsch meine Muttersprache; aber noch mit größerem Recht nenne ich meine Mundart so. Ich habe sie eben vom Mund der Mutter.

So hätten wir also beide zwei Muttersprachen? Ganz einverstanden.

— Zwei Muttersprachen? Das will mir nicht in den Kopf.

Sie haben doch selber vorhin erklärt —

— Ja, ja, ich habe erklärt, und Sie haben erklärt, und andre haben erklärt, und zuletzt —

Geht’s uns wie dem Valentin im «Verschwender»: Zuletzt weiß keiner nix. Ist es nicht so?

— Man muß eben keine Wortdefinitionen machen wollen; die kommen immer falsch heraus.

Und dabei wäre noch zu bedenken —

— Noch etwas? Puh! Also meinetwegen. Was denn?

Daß man «Muttersprache» auch im Sinne von Sprachmutter braucht. So ist z.B. das Latein die Muttersprache oder Sprachmutter 52 des Italienischen, Spanischen, Französischen und aller andern romanischen Sprachen, die darum ihre Tochtersprachen heißen.

— O, da machen wir aber im Französischen einen Unterschied: das Lateinische heißt in diesem Sinne die langue-mère, nicht die langue maternelle.

Gewiß, und so unterscheidet man im Italienischen auch: lingua materna und lingua madre. Aber im Deutschen gibt es nur ein Wort für beides, und im Englischen auch: mother-tongue.

— Also gut. Aber wollen wir nicht von etwas anderm plaudern?


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