Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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wärweise

«I hulf jitz nümme lang wärweise. Es sött öppis gah, und grad öppis Rächts.»

Diese gut bernerische Aufforderung wendet sich an Zweifelnde, Ängstliche, Unentschlossene, die vor lauter «Wär weiß!» nicht zum Handeln kommen. «Wär weiß, wie das de usechunt! Wär weiß, was de d’Lüt derzue säge! Wär weiß, öb’s nit scho z’spät isch! Wär weiß, öb’s nit der ander Wäg besser gieng!» Solches «Wärweiße» oder, wie wir es aussprechen, wärweise, ist das Hemmnis 145 aller Tatkraft, der Radschuh mutigen Handelns, die faule Ausrede der Bequemen und Zaghaften. Darum wird es von energischen, wagemutigen Menschen mit dem Tone der Verachtung ausgesprochen: Das ewige Wärweise!

Sprachlich betrachtet ist «wärweise» einer der seltenen Fälle, wo aus einem Satz (Wär weiß!) ein Tätigkeitswort entstanden ist. Daß von einem Ausrufwort ein Verb abgeleitet wird, kommt häufiger vor: vom «hüscht!»-Rufen stammt das «hüschtere» (mit Rufen antreiben), vom «ach»-Rufen das «achene», wie vom «Jeses!»-Rufen das «jesene» und «jesele». Auch ein «bigotte» im Sinn von «bi Gott schwören» wird im Aargauischen bezeugt; und wenn wir von dem Ausruf «sä!» (da, nimm!) eine Mehrzahl «sät!» bilden, so ist es im Grunde eine Biegungsform eines gar nicht vorhandenen Zeitworts. Auch von unsrem «gäll, gältet?» gibt es nur eine scherzhaft gebildete Grundform «gälle» im Sinn von «zulieb reden, schmeicheln» (er tuet ere gälle, bis si-n-ihm’s git); denn «gäll» als Fragewort, aus «gält» vereinfacht, ist eigentlich Konjunktivform von gelten: gelte es! fragend: soll es gelten?

Es gibt auch andere Beispiele dafür, daß aus einer Konjunktivform, also einem Satzprädikat, ein Zeitwort gebildet wird. In seinem Volksstück «Der Fleck auf der Ehr» läßt Anzengruber jemand auf die Frage «Möchtst halt aa so sein?» die Antwort geben: «Ihi! wann’s aufs Sein-möchten ankaam!» — Dieses «möchten» findet man auch in unserer Mundart; aber noch etwas viel Kühneres. Bei Gotthelf liest man im «Geldstag» (12. Kap.) «Wohl, die hätten es so treiben sollen, me hält ne wurde!» Dieses unerhörte Zeitwort «wurde», das es gar nicht gibt, erklärt sich aus der im Berndeutschen häufigen Drohrede: Dä wurd der de (z.B. der Meischter zeige)! Dä wurd i schön ringgle! oder bloß andeutend: Dä wurd i! Die Drohung liegt also für die Verstehenden schon genugsam in dem «wurd», das damit die Rolle des zu ergänzenden Zeitworts (schelten, strafen, prügeln u. dgl.) übernimmt.

Früher glaubte ich, auch das seeländische Zeitwort «tuuffe» sei von einem Satz abgeleitet, nämlich von dem Befehl «tue uf!»; denn tuuffe wird gebraucht im Sinn von auftun, öffnen, besonders 146 auf Türe und Fenster bezogen. Nun könnte aber (nach Idiotikon 1, 353) an das (schon mittelhochdeutsche) Zeitwort uuffen, uufenen gedacht werden, das in unserm heutigen «äufnen» (aufbringen, befördern, vermehren) fortdauert und an eine Zusammensetzung mit ent-, ähnlich wie bei «entäußern», mittelhochdeutsch ent-ûßenen, von ûß = aus. Von dem ent- wäre in der Aussprache nur t- geblieben, und tuuffe hieße eigentlich ent-uuf-machen: öffnen. Eine den Philologen ansprechende Vermutung.


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