Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

 << zurück weiter >> 

hänge!

Wie oft hörten wir als Knaben, wenn wir auf einem Bauplatz dem Drehen des großen «Bärnrades» zuschauten, wie es von ein paar «Schallewärcher» getrieben, die darin anort liefen, schwere Bausteine in die Höhe beförderte oder in die Tiefe sinken ließ — wie oft hörten wir da den lauten, langgezogenen Befehlsruf «hänge!» worauf die Sträflinge ihren Lauf einstellten, so daß das Seil, an dem der Baustein, von einer großen eisernen Zange festgehalten, hing, entspannt wurde und locker in der Luft schwebte! — «Hänge!» Wir kannten das Wort sonst aus der Mundart nicht und wußten eigentlich nicht recht, was es bedeutete. Eben deshalb prägte es sich unserm Gedächtnis ein, zusammen mit dem «Bärnrad», diesem einzigartigen «Grageel», das es auf der Welt nirgends gab als eben in Bern.

Welch unglaubliche Überraschung daher, als ich nach Jahren, in die Türkei verpflanzt, im Goldenen Horn von Konstantinopel eine riesige Baggermaschine erblickte, die ich mit freudigem Ausruf als «Bärnrad» begrüßte. Ein Stück versunkene Heimat stand plötzlich in greifbarer Wirklichkeit vor meinen Augen. Wie war das möglich? Das Rätsel löste sich sehr einfach, als ich erfuhr, daß eine bernische Firma Bomonti hier Baggerarbeiten ausführte und zu dem Zweck ein «Bärnrad» von Bern hatte kommen lassen. So wurde bald eine Bekanntschaft und Freundschaft mit Bernerleuten angeknüpst, die für meinen Aufenthalt in der Fremde die angenehmsten Folgen hatte.

Aber nun dieses «hänge». Das Wort wäre als «Faktitivum» zu hangen sehr einfach zu erklären gewesen. Das Seil «hängen» hieß: das (vorher gespannte) Seil hangen lassen, lockern. Ich wußte jedoch damals nicht, daß «hängen» auch sonst im Schweizerdeutschen verbreitet ist, und wurde erst darauf aufmerksam, als ich in der Simmentaler Mundart Wendungen hörte wie: «Es het nuch ghengt, daß ier schöens Wätter hiit gchaa fur uber e Bluttlig» oder «We’s nus numa grad hengti, daß wer i de Gismatte chönnti 112 fertige!» — beidemal ein unpersönliches «henge» im Sinne von «günstig sein» oder, persönlich ausgedrückt: «Glück haben». «Es hengt mu guet» heißt: es hat eine gute Wendung für ihn genommen; «es het nus ghengt»: wir haben Glück gehabt. Man denkt hier leicht an einen Bedeutungszusammenhang mit «Verhängnis, verhängt sein»; allein andere Beispiele sprechen eher für bildliche Anwendung von «hänge» im ursprünglichen Sinne des Hangenlassens, Lockerns, «Si hii mu ghengt, süscht wien er stercher gstraft werde» heißt: Man hat ihn geschont, sonst wäre er härter gestraft worden. «Mu cha mu henge»: man kann Nachsicht mit ihm üben, fünfe gerade sein lassen. Das Lockerlassen des Seils ist also auf ein Nachlassen der strengen Behandlung, auf schonendes Verfahren übertragen. Wenn der Himmel, das Glück, das Wetter usw. uns wohl will, so «hengt» es uns, es schont oder verschont uns.

Auf der Vorstellung des Locker-lassens und damit der schonenden Rücksichtnahme auf andere beruht auch ein weiterer, im Kanton Bern verbreiteter Gebrauch von «hänge», nämlich im Sinne von zuwarten, langsamer gehn oder fahren, damit ein Zurückgebliebener oder Verspäteter noch Nachkommen kann. «Mir wei e chli henge; Ruedi chunt is de vilicht no nahe.» Oder so: «Du chasch mit dem Zmittag-choche sauft e chli hänge; d’ Meitschi chöme ja erscht am zwölfi us der Schuel hei.» Oder in der Gemeinderatssitzung schaut der Präsident an die Uhr und sagt: «Es ischt no nit ganz achti, u Kari fählt no; mer wei däich no chli henge mit Afah, er chunt de öppe no.» Auch wenn einer beim Arbeiten allzu eifrig ins Zeug liegt, heißt es etwa: «I hulf e chli hänge!» mit andern Worten: Übertreib es nicht, nimm’s gemütlicher!


 << zurück weiter >>