Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Die Scheste

Oder soll man schreiben: die Geste? Aber es kommt auf eins hinaus, französisch oder lateinisch, es ist eins so Fremdwort wie das andere und eins so unnötig wie das andere. Aber in der Mode sind sie beide. Eine schöne Scheste, un beau geste, das haben wir jetzt (Deutsche und Deutschschweizer) von den Romanen gelernt. Nicht nur das Wort, auch die Sache ist uns fremd gewesen. Gewiß, wir haben auch Gebärden, etwas ungeschickte meinetwegen, linkische, ohne rechte Ausdruckskraft. Aber die bloße Theatergeste, die nur so tut als ob; die bloß schöne Geste, die nicht ernst genommen sein will; die bloß scheinende Form, die einem das ehrliche Tun und Handeln erspart, das leere Wesen glänzend umhüllt — die kennen wir Alemannen nicht aus uns selbst; die können wir nur nachäffen. Die überlassen wir dem bronzenen Adrian am Hirschengraben. Was war das für ein Mann! Und wie theatert er jetzt auf seinem Sockel! Nein, solang eine Ader in ihm lebte, war er zu einem leeren Booschest unfähig.

Ach, lassen wir doch das Wort denen, die sich drauf verstehen!

Lassen wir ihnen auch andre gleißnerische Wörter der Diplomatensprache: das dumme Prestige — man weiß nie, ist es Ansehen oder bloß Eitelkeit — das so viel Unglück in den Welthändeln 143 anrichtet, und das zimpferliche ressentiment, das der kleinlichen Empfindlichkeit, dem muffigen Groll, der kindischen Sucht des Nachtragens, kurz, der beleidigten Leberwurst, ein ganz unpassendes Mäntelchen umhängt.


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