Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Ja und Nein

Nichts Klareres, Einfacheres, Eindeutigeres, denkt man wohl, als diese kurzen Ausdrücke der Bejahung und Verneinung. In der Tat, für den Trauungsakt, für eine Abstimmung, für ein richterliches Verhör mag das gelten. Da gibt es entweder ein Ja oder ein Nein, und was darüber ist, ist vom Übel. Da empfinden wir Ja und Nein als unvereinbare Gegenpole unsres Denkens, als unveränderliche, in sich vollendete Begriffe. Aber in der leichtbeweglichen, in Tonschattierungen schillernden Sprache des Alltags gilt das nicht mehr. Da hat das Bedürfnis nach feineren Unterscheidungen, teils logischer, teils gefühlsmäßiger Art, dafür gesorgt, daß Ja und Nein sehr verschiedene Grade von Bestimmtheit und sehr verschiedene Färbungen des Inhalts annehmen können. Besonders auffallend ist das bei Ja.

Da ist vor allem der Unterschied des betonten langen Ja und des unbetonten, flüchtig gesprochenen Ja. Unsre Rechtschreibung, auch hierin eine geistlose Pedantin, befiehlt, alle Ja gleich zu schreiben. Sie hat kein Ohr für die verschiedenen Klangwerte eines feierlich bekennenden Ja! und eines leicht vorüberhüpfenden Ja wie etwa in den beiden Sätzen: «Ja, du bist unschuldig» und «Du bist 148 ja unschuldig»; das erste eine klare Versicherung, das zweite eine Bezugnahme auf bereits Gesagtes oder Bekanntes. Das betonte lange Ja, das auch im Satzinnern stehen kann, dient uns besonders zur Bekräftigung von Wünschen, Räten und Warnungen: «Komm doch jaa!» «Tu das jaa nicht!» «Er soll sich jaa nicht einbilden, wir kämen seinetwegen!» Das unbetonte, leichte Ja spielt gern auf etwas schon Gesagtes, allgemein Zugegebenes an: «Sie haben meinen Freund ja gekannt» (wie ich erfahren habe), «Du bist ja alt genug, um das zu wissen» (du wirst mir darin zustimmen), «Das sind ja Kleinigkeiten!» (darin sind wir wohl einig). Man lasse in diesen Beispielen das unscheinbare Ja weg, und sofort nimmt der Satz einen andern Sinn an: Die Bezugnahme auf die Zustimmung anderer fällt dahin und mit ihr eine Stütze der Aussage. Das eingeschobene Ja kann je nach dem Satzinhalt mildernd oder verschärfend wirken. Man vergleiche: «Das macht nichts» und «Das macht ja nichts». Ein feineres Sprachgefühl wird heraushören, daß die nackte Behauptung durch das Wörtlein «Ja» eine wohltuende Gefühlsschattierung bekommt, wogegen es z.B. in dem Ausruf «Das ist ja eine Unverschämtheit!» (durch Berufung auf ein allgemeines Urteil) den Vorwurf verschärft.

Die besonders in Deutschland weitverbreitete Gewohnheit, in jedem beliebigen Satz ein solches Ja einzuschieben («Wir haben ja alle so gelacht!» u. dgl.) verrät daher ein abgestumpftes Sprachgefühl, dem die bezugnehmende Bedeutung des Ja nicht mehr bewußt ist.

Damit ist der Bedeutungsumfang des kurzen Ja noch nicht erschöpft. Es kann z.B. einräumenden Sinn haben und einem Satz mit «aber» vorausgehn («Das ist ja richtig, aber...»), oder es kann eine veränderte Voraussetzung andeuten («Ja wenn das so ist», «Ja, das wäre etwas anderes», «Ja dann!»), es kann geradezu sinnlos statt Nein stehen («Ja warum nicht gar!» «Ja woher!») oder mit deutlicher Ironie einen ironisch gemeinten Ausspruch einleiten («Ja, du wärst mir der Rechte!» «Ja natürlich, dir werd’ ich pumpen!» «Ja wohl, das fehlte noch!»)

Damit hängt wohl auch das Ja des gelinden Erstaunens zusammen: 149 «Ja, was kommt denn da?» «Ja, was Sie nicht sagen!» oder mundartlich: «Ja wohär wüßt ihr das?» —

Oft auch wird in einer Frage das vom Gesprächspartner zu erwartende Ja in der Frage vorweggenommen: «Haben Sie das schon gehört, ja?» «Das ist wohl dein Bruder, ja?»

Oft bekommt man den Eindruck, das Ja diene in der Umgangssprache als begriffsleeres Ersatzwort, um alle möglichen Gefühlsregungen auszudrücken, z.B. Bedenken, Sorge, Verlegenheit, Trauer, Heiterkeit, Ungeduld, Zweifel, sogar Widerspruch. Es gleicht darin dem «Ach!», das auch eine ganze Stufenleiter von Affekten durchzuspielen imstande ist. Man denke nur an das gar nicht klagende, sondern freudig bewundernde Ach in Sätzen wie «Ach, das ist ja reizend!» oder «Ach, wie herrlich!» und das ärgerliche «Äch!» unsrer Mundart.

Unser mundartliches Ja ist noch wandlungsfähiger als das des Hochdeutschen. Nicht nur kann es als langgezogenes «Jaa» mit schwebender Betonung das schwankende, zum Nein geneigte Urteil einleiten («Jaa — i weiß doch nid...» «Jaa — das chunt am Änd no lätz»); es hat für diese Rolle noch eine zweite Lautform zur Verfügung, das zweifelhafte «Jää» («Jää, wie meinet-er das?»), in welchem der reine a-Laut gleichsam gequetscht erscheint, ein lautsinnbildliches Darstellungsmittel für ein vom Ja der Zustimmung abweichendes Denken. «Jää, (die Sache wäre schon recht, aber) wär zalt de d’Chöschte?» Drollig ist im Grunde dieses «Jä», wenn es einem entschiedenen Nein vorangeht: «Jä nei, da bin ig andrer Meinig!» «Jä nei, so muesch nid rede!» Auch zwei kurze «Jä» nacheinander kommen vor, besonders bei Einwänden und Warnungen: «Jä jä, passet de uf!» Den verneinenden Sinn solcher Ja wird niemand verkennen, der Schweizerdeutsch spricht.

Das hochdeutsche wie das mundartliche Nein sind viel einheitlicher in ihrer Bedeutung. Doch kann auch das Nein in fragendem Sinne die Antwort vorwegnehmen: «Es hat dir nicht gefallen, nein?» oder in steigerndem einen Begriff hervorheben: «Er versteht nicht nur zu reden, nein, auch zu handeln.» Beide, Ja und Nein, dienen auch als Ausdruck der Verwunderung: «Nein, so etwas!» 150 «Nei, was dihr nit säget!» An der Mundart fällt nur noch auf, daß sie für die Verdoppelung des Nein eine besondere Form erfunden hat: «Ne-Nei!» oder gar «Ne-ne-nei!» Von einer lebhaften Berner Dame wird erzählt, daß sie dieses dreifache Nei unverfroren in ihr Englisch herübernahm und eifrig protestierend ausrief: «No-no-no, what do you think!»


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