Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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D’Line

Ich stand im Garten, als aus dem Hause gegenüber ein junger Mensch trat, der den Weg nach der Stadt einzuschlagen schien.

«Nimm doch d’Line mit!» rief ihm eine Stimme aus einem offenen Fenster nach.

Da mir unbekannt war, daß eine Lina in unserm Nachbarhaus wohnte, wollte ich ihre Erscheinung abwarten. Aber es kam keine Lina heraus. Dafür streckte ein weiblicher Arm aus dem Küchenfenster des Erdgeschosses einen braunen Lederriemen heraus, den der Jüngling in Empfang nahm und einem jungen, struppigen Airedale — ich hatte den Hund noch gar nicht bemerkt — an die Halskette band.

Ach so, die vermeintliche Lina ist die Leine! Und das heißt jetzt auf Schweizerdeutsch Line. Ich besann mich. Linig, Halblin, halblinig — alles was recht ist, aber — d’Line? Nie gehört. Dabei ist das Ding aus Leder, nicht aus Flachs wie ein vom Seiler gedrehter Strick oder ein Leitseil, ist also ein Riemen in des Wortes klassischer Bedeutung: man löst jemand die Schuhriemen auf, wenn man’s wert ist; man schnallt den Leibriemen enger, wenn der leere Magen knurrt usw. Und schweizerdeutsch ist es auch: vor bald tausend Jahren hat Notker von St. Gallen vom «seiltriemo» (dem Schildriemen) geschrieben, und zu Niklaus Manuels Zeit hat man, vielleicht er selber in seinem «Giggisgaggis Eiermues», gesungen:

Ds Chalbeli zieht am Rieme,
Im Oberland isch nieme...

Also das Wort ist von guten Eltern. Wie wär’s, wenn wir wieder «Rieme» sagten? «Line» ist sicher nicht besser. «Line» ist vielmehr ein Beispiel jener in schlechtem Schweizerdeutsch nicht seltenen Rückbildung schriftdeutscher Wörter in die Mundart. So hat man aus schriftdeutschem Brause (Ansatz an der Gießkanne oder am Duschenrohr) eine «Bruuse» gemacht, während das Ding doch berndeutsch schlecht und recht «Sprützchopf» heißt. So bildet man auch etwa ein angeblich schweizerisches «schmychle» nach hochdeutschem schmeicheln (mittelhochdeutsch smeicheln); so auch aus 43 schriftdeutschem Beute ein mundartliches «Büt», das allerdings einmal schweizerdeutsch war (bis ins 17. Jahrhundert), dann aber sich aus dem Sprachgebrauch verlor. Letzthin las ich: «Die Bättelei het afen es Usmäß agnoh, daß es nümme schön isch» — nach dem schriftdeutschen Modewort «Ausmaß» für einfaches Maß.

Aber eben, «Line» kommt von draußen, es ist weiter her als Rieme. Und das Weitherige ist für viele Leute immer das Bessere. Da hat man mir kürzlich von einer bernischen (man darf’s kaum sagen) Lehrerin erzählt, die ihren Schülerlein das «Briegge» verbot. «Me seit nid briegge, me seit — wyne.» Tatsache. Paßt zur «Line».

Im Emmental kennt man übrigens ein gut mundartliches «wyne», es bedeutet: im Welschland Wein einkaufen.


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