Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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nüüschti notti

Noch sicherer als an seinem «gäng» erkennt man den echten, zumal den ländlichen Berner an seinem «nüüschti» und «notti» — wobei immerhin zu bemerken ist, daß diese beiden Wörter sich auch im Freiburgischen finden, wie «gäng» im Solothurnischen.

Mit «notti» verknüpft sich für den Schreiber dieser Zeilen eine heitere Erinnerung an Albert Bachmann, den verstorbenen Redakteur des Schweizerischen Idiotikons. Als ich ihn das letztemal in Zürich besuchte, kamen wir auf die bekannte Tatsache zu sprechen, daß das Aufsuchen eines Wortes im «Idiotikon» oft eine zeitraubende Sache sei. — Wenn man das Aufsuchen eben nicht versteht!, meinte Bachmann. Nein, sagte ich, auch wenn man’s versteht. Weißt du zum Beispiel, wo man «notti» findet in deinem Idiotikon? — «Notti?», sagte er und besann sich ein Weilchen. «Das 28 muß entweder...» und eifrig begann er im vierten Band zu wühlen; allein ohne Erfolg. «Ja, dann muß es»... und abermals schlug er auf... und blätterte lang und blätterte tief... aber es war wieder nichts. Nachdem ich mich an seiner Ratlosigkeit geweidet — als alter Studienkamerad war mir das erlaubt — half ich ihm nach und wies ihm die Stelle. «Natürlich», meinte er jetzt, «da gehört es auch hin; da ist es am richtigen Platz.»

Es war am richtigen Platz. Es stand unter dem Stichwort «noch», und zwar in der vollständigen Form: «noch denn — noch». So findet man es in dem ältesten Beleg, dem Volkslied auf die Schlacht bei Nancy (1477), wo es vom Burgunder heißt:

Er lag in einem tiefen hol,
man zog im zuo, das wust er wol,
noch dennocht wolt er nit fliehen.

Also: auch dann noch, und dennoch wollt’ er nicht fliehen. Die Volkssprache hat den dreiteiligen Ausdruck zu «notteno», «nochti» und «notten» gekürzt. So liest man z.B. in Spychtigs Dreikönigsspiel von 1658: «Ich hulfi notten luegen zuo» — Ich hülfe dennoch zuschauen. Wie ist aber aus dem «notten» (das wohl als Nebenform heute noch vorkommt) ein «notti» geworden? Man könnte darauf hinweisen, daß auch ein anderes Adverb beide Formen aufweist, ich denke an «zwuri» und «zwuren» (zweimal), wie es schon im Mittelhochdeutschen ein «zwire» (älter zwiro) und «zwiren» gibt. Aber näher liegt, schon der Bedeutung nach, unser «nüüschti — nüüschten», nach besten Muster «notti» offenbar sein Endungs-i angenommen hat.

«Nüüschti» aber entspricht in seiner Bedeutung und Zusammensetzung dem dreiteiligen «nichtsdestoweniger» (englisch never-the-less, italienisch non-di-meno). Es ist in seiner ursprünglichen Form ebenfalls dreiteilig, genau genommen sogar vierteilig: niut des diu minner (nichts desto minder), wobei, wie Weigand in seinem Wörterbuch meint, «des» den Grund, «diu» (ein alter Instrumentalfall) das Maß bezeichnet; begrifflich zerlegt wäre es also: deswegen um das nichts weniger. Aus «niut des diu minner» wurde in schweizerischer 29 Aussprache (da das lange iu als ü, das unbetonte kurze iu in «diu» als i gesprochen wurde) ein nüüt-s-ti, nüüt-sti und schließlich ein nüüschti.

Daß das «minner», obgleich von wesentlicher Bedeutung, wegfallen konnte, ist nichts Unerhörtes, da der Nachdruck auf «nüüschti» lag. In solchen Zusammensetzungen anschauungsloser Formwörter ist der Sinn der einzelnen Teile dem Sprechenden nicht mehr bewußt; so kann es vorkommen, daß selbst ein wesentlicher Bestandteil fallen gelassen wird. Wenn wir heute allgemein «Grüeß di» sagen, denken wir auch nicht daran, daß wir den Satz «Gott grüeß di!» um sein Subjekt gekürzt haben, so wenig wie bei «Bhüet-is!» (Gott behüte uns) und bei «Bewahr!» (Gott bewahre uns!). Noch weniger ist uns bewußt, daß in der Konjunktion «gäb» (z.B. gäb wie lang = wie lang auch) ein Satz verkümmert ist, nämlich: Gott gäb... Auch das schriftsprachliche «Wenn schon!» (als ganze Aussage = Auch dann!) ist nur ein Satzanfang, wie französisch quand même! und englisch however (gleichwohl). In der französischen Umgangssprache sagt man unbedenklich «du tout» und läßt das Wichtigste (das «pas») weg, wie man auch eine Entschuldigung mit «pas de quoi!» zurückweist, statt umständlich zu sagen: Il n’y a pas de quoi s’excuser. Und wie häufig unterdrücken wir erst in unserer Mundart das wichtigste Wort des Satzes, wenn wir den vom Hilfszeitwort abhängigen Infinitiv weglassen! Da heißt es z.B. I wett der! Dä wurd der! (nämlich den Meister zeigen, den Lex lesen, oder dgl.). So auch: Wär wett o? Da cha me lang! (z.B. reden, raten, sich anstrengen usw.). Das chan ihm’s (nämlich gefallen) oder Dä ma ne! (nämlich zu Boden werfen, ausstechen u.dgl.).

Nüüschti und notti sind von Haus aus selbständige Wörter von der gleichen Bedeutung. Aber der Berner mit seinem harten Schädel braucht sie gerne miteinander, um seinem Willen, seinem «Dennoch» kräftigen Ausdruck zu geben. So ist das Nüüschti — notti ein rechtes Berner Lieblingswort, dem man noch ein langes Leben wünschen möchte. Und wenn je einer auf den Gedanken käme, Spittelers «Prometheus» ins Berndeutsche zu übersetzen, so müßte sein Wahlspruch «Nüüschti — notti» lauten.


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