Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Sitze oder hocke, falle oder gheie?

Die Mundarten haben eine Vorliebe für Kraftwörter, bald mehr bald weniger. Unser Schweizerdeutsch hat sie eher mehr als weniger. Man denke nur an all die derben Nebenwörter für Körperteile! So für den Kopf, das Gesicht, den Mund, die Nase, die Hände, Beine, Füße, den Bauch. Dann für Tätigkeiten wie sitzen, gehen, schlafen, lachen, weinen, essen, trinken, fallen usw. Auch unser «laufe» für gehen, «springe» für laufen, «gumpe» für springen zeigen diese Neigung zu verstärktem Ausdruck.

Manche dieser Kraftwörter sind gemeindeutsch oder doch mundartlich verbreitet; allein die Schriftsprache, die Sprache der «guten Gesellschaft», will sie entweder nicht kennen oder verwendet sie nur in engem Bereich, z.B. auf Tiere bezogen oder um Derbes ausdrücklich derb zu bezeichnen. Nun gibt es Leute, die für sprachliche Derbheiten sehr empfindlich sind, andere, die daran wohlleben. Und es gibt Landesteile und Gesellschaftsgruppen, die solche Kraftwörter, weil sie alltäglich gebraucht werden, gar nicht als derb empfinden, wogegen andere sie als gesellschaftlich unmöglich verpönen. Daraus entstehen dann leicht Zusammenstöße und gereizte Auseinandersetzungen. Eine Lehrerin, die vom Land kommt und «hocke» und «gheie» ganz unbedenklich braucht, muß sich dann etwa von einer städtischen Mutter sagen lassen: solche abscheuliche Wörter habe sie ihren Kindern streng verboten und begehre nicht, daß sie sie in der Schule von der Lehrerin lernen.

Darum dürfte es zeitgemäß sein, diese Kraftwörter einmal näher zu beleuchten. Da sind zunächst Gegensätze zwischen Menschlichem und Tierischem, die jedermann begreift; so bei trinke und suuffe. Im Grund ist es eine Unbilligkeit, daß man das maßlose Trinken des Menschen mit dem Worte brandmarkt, das das Trinken des Tieres bezeichnet; denn der Mensch hat das «Saufen» nicht von den Tieren gelernt, und die Tiere lernen es vom Menschen nicht. Aber es ist nun einmal so. Andern Kraftwörtern haftet eigentlich nichts Anstößiges, sondern nur eine komische Bildlichkeit an: so, 127 wenn der Kopf mit einem Chabis oder Chürbs oder Poli (Kugel) verglichen wird, das Gesicht mit einem Zifferblatt, die Beine mit Storzen, der Bauch mit einem Ranzen (Sack). Wegen der Komik sind solche Wörter natürlich nur da am Platze, wo sie komisch wirken sollen und dürfen, z.B. gewiß nicht in einer Grabrede. Andere beruhen nicht auf einer komischen, sondern häßlichen Gedankenverbindung, wie Gfrääs (zu fressen, Fresse), Grind (eigentlich krustiger Ausschlag der Kopfhaut), gränne (zu Gränne = Fratze, verzerrtes Gesicht), chropfe (aus dem Kropf heraus lachen), pfuuse (geräuschvolles Blasen oder Schnarchen des Schlafenden) u.a.m.

Wie ist es mit «hocke»? Hier besonders gehen städtisches und ländliches Sprachgefühl auseinander. Aber nicht etwa so, daß man in der Stadt «sitze» und auf dem Land «hocke» sagt. Man kennt und braucht beiderseits beides, nur mit ungleicher Verteilung und Bedeutung: auf dem Land, aber nicht überall, ist das «hocke» durch häufigen Gebrauch zu einem fast neutralen Ausdruck geworden, den man auch gegenüber Respektspersonen unbedenklich anwendet. So wie jener Schiffer am Rheinfall bei Neuhausen, von dem erzählt wird, daß er seinen kaiserlichen Fahrgast, als dieser im Nachen aufrecht stehen bleiben wollte, anrief: «Hocken Sie abe, Majestät!» — Aber auch der urchigste Bauer unterscheidet noch zwischen sitze und hocke, und ein feineres Sprachgefühl empfindet deutlich, daß «hocke», verwandt mit Hoger (Hügel, Buckel) und Höcker, eine Abart des normalen, aufrechten Sitzens, nämlich ein krummes, gebücktes, zusammengekauertes Sitzen bedeutet, so z.B. in Redensarten wie: Dahocke wi-n-es Pfund Schnitz oder Er hocket uf sym Gält obe wi der Tüüfel uf eren arme Seel. «Hocken» ist eine sog. Intensivbildung zu dem spätmittelalterlich bezeugten «hûchen» (kauern), von dem auch niederdeutsches «Hucke» (Kröte) abgeleitet ist, was zu unsrer Redensart stimmt: Er hocket da wi-n-e Chrott uf em Dünkel. Kurz, unser «hocke» ist ein trefflich charakterisierendes Wort für krummes, schweres, festes Sitzen und sollte darum nur beanstandet werden, wo es unterschiedslos für jede Art des Sitzens gebraucht wird.

128 Ähnlich steht es mit «gheie», aber doch ein wenig anders. Dieses Wort ist nun nicht «von guten Eltern», sondern hat schon in älterem Sprachgebrauch (mittelhochdeutsch ge-hîwen, ge-hîjen = heiraten, sich paaren) einen unzüchtigen Nebensinn angenommen, der sich hier nur andeuten läßt, z.B. durch eine Redensart, die als eine der ärgsten Beschimpfungen galt und im 15. Jahrhundert mit Geldbuße bestraft wurde: «Gehy dyn muetter, du lügst, du hast es erhyt oder verlogen.» Von da her haftet dem Wort «gheie», wie auch dem «erheie» (Das isch erheit und erloge!) ein übler Geschmack an, der nur da nicht mehr empfunden wird, wo das Wort, ein richtiges Kraftwort, durch häufigen Gebrauch abgeschliffen und entfärbt worden ist.

Alles in allem: die Sprache hat für die unschöne Vergangenheit mancher Wörter ein merkwürdig zähes und feines Gedächtnis, das oft bis in die Wurzeln hinabreicht und schuld ist, wenn ein Wort nicht so recht zu Ehren kommen kann. Die Abneigung gegen gewisse Ausdrücke kann freilich auf rein konventionellem Vorurteil beruhen; sehr oft aber ist sie durch die Bedeutungsgeschichte wohl begründet. Die Kraftausdrücke unserer Mundarten bedeuten nur dann einen Reichtum, wenn sie als solche empfunden und gebraucht werden und die neutralen Ausdrücke nicht verdrängen.

Was «guter» Sprachgebrauch ist und was nicht, darüber entscheiden auf dem Land wie in der Stadt die tonangebenden Kreise und in ihnen vor allem die Frauen.


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