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Lord Ronald's Kind.

Von John Wilson.

Drei Tage sind's – im Walde sprang
Lord Ronald's Kind noch frisch und frank
Durch Sonnenschein und Regen;
Dazwischen Regenbogenglanz,
Der Thau netzt' ihrer Füße Tanz
Auf blumenreichen Wegen.
Doch fröstelnd kam der Abendwind –
Der Thau ward eisig kalt geschwind –
Sie sprang nach Haus im Lauf;
Und von dem Bett, drin jetzt sie ruht,
Die Augen zu, in den Wangen kein Blut,
Steht nimmermehr sie auf.

Sie ist nur wie ein Bild von Stein –
In seiner Schöne liegt's allein;
Ein Lächeln spielt um seinen Mund –
Für immer ruht's auf heil'gem Grund –
Im Chor an einer Marmorwand –
Auf weißer Brust die weiße Hand –
Ein ärmlich Bildniß, ohne Glanz,
Von Einem, der vergessen ganz!

Siehst du die zarten Füße nicht?
Sei still! es nahet ein Gesicht.
In Weiß gekleidet – lauschend späh'! –
Von Waisenkindern kommt ein Zug
Mit Schritten leis wie fall'nder Schnee,
Zu legen in das Leichentuch
Die schöne Maid, die lächelnd sah
Zurück auf die, die sie umgeben –
Verlassen stehn die Waisen da,
Indeß um sie schon Engel schweben.

Ein Geisblatt pflücket die zum Strauß,
Die füllt mit Blumenduft das Haus,
Die schmückt das Bett – die Rose lehnt
Erglüh'nd in ihrer Schönheit Licht
Das gold'ne Köpfchen, thaubethränt,
Fest an des Todes bleich Gesicht,
Und weint wie ein verlassen Kind
Vor Augen, die geschlossen sind. –
Auf Aller Wangen Thränen glänzen:
Sie decken mit den Blumenkränzen
Den kalten, weißen Busen zu!
Da liegt sie! – Alles still und kalt –
Und welker Duft nur noch durchwallt
Den Platz der tiefsten Ruh.

Im hellen Morgenlichte trug
Den Sarg hinaus der schöne Zug,
Und bis ein leis Gebet man sprach,
Ruhn mit der Last sie aus am Hag,
Beschützt von dichtem Flieder.
Das Haupt gesenkt, den Hut herab,
Ob golden noch, ob greis das Haar,
Stehn All', dann lassen vor dem Grab
Lord Ronald und der Diener Schaar
Auf einem Knie sich nieder.
Und rings auf den Gebirgen ruht
Ein tiefes Schweigen, gleich der Schwüle
Von eines Sommertages Glut –
Nur leise tönt aus Waldeskühle
Des Bergstroms schaumbedeckte Flut, –
Sacht aus der Waisenschaar dann schleicht
Ein weinend Mädchen sich und neigt
Ihr Köpfchen auf des Sarges Rand.
Ein Trauerlied dem Mund entquoll,
Ihr Aug' ist starr und thränenvoll
Geheftet auf das Grabgewand.

O schön die Quellen, schön
In unserm Thal die Bronnen
Singen und springen sehn
Im Strahl der Sommersonnen!

Die schönste allzumal
Ging von dem grünen Rain,
Der murmelnde Wasserfall
Verließ den stummen Stein.

Da oben auf den Höhn
In weichen, moosigen Zellen!
Wo die Quellen und Bäche entstehn,
Die wilden Blumen schwellen.

Im Wald die Königin hehr,
Die Ros' hat der Sturm gebrochen.
Und nimmer hat der Schäfer mehr
Der Blumen Duft gerochen.

Die Vögel gerne ziehn
Im Hain mit prächti'gen Schwingen,
Wenn sie in Lieb' erglühn,
Wie herrlich sie da singen!

Und eine Stimm' immer sang
Die schönsten, tiefsten Lieder –
Doch verstummt ist der holde Klang,
Du hörst ihn nimmer wieder!

Hoch auf dem Eibenbaum
Da sah ich eine Taube;
Auf ihrer Federn Silberflaum
Die Sonne spielt' im Laube.

Es war, als wollt' der Hain
An die weiche Brust sich schmiegen –
Die Taub' ist fort; um's Nest allein
Nur weiße Federn fliegen.

Es lag im weiten Wald
Ein Rudel Rehe, scheue –
Wie schlank und prächtig die Gestalt,
Schalkheit im Aug' und Treue!

Der Jäger in der Nacht
Hat nachgespürt den Rehen,
Die sprangen vor der Jagd
Durch Thäler bald und Höhen.

Viel Sterne scheinen schön
Mit reinen, feuchten Strahlen,
Bis Morgenlüfte wehn
Und roth die Berge malen.

Ach! eitel ist der Himmel ganz,
Ist's dort auch noch so hell und klar –
Erloschen des Abendsternes Glanz,
Geschoren sein goldenes Haar!

 

Und leis verklingt der Trauersang –
Und plötzlich packt's die knieende Menge,
Sie klagen, weinen, schluchzen bang –
So treibt ein Wind des Gartens Gänge
Das fall'nde Laub entlang. –
Still! Still! der Sang beginnet wieder!
Und an der Todtenbahre nieder
Die jüngste Waise züchtig kniet,
Die Wang' ist roth, ihr Auge glüht
Gleich Sonnenschein an Sommertagen.
Wie Hoffnung auf des Kummers Klagen
Singt sie mit thau'ger Stimm' ihr Lied:

 

Und ob der Strom verronnen,
Ob öd' und dürr der Rain:
Es murmelt mit lieblichern Bronnen
Jetzt in des Himmels Hain.

Und ob auch in die Gruft
Die Rose sank hinab:
Mit schön'rer Blüt' und süß'rem Duft
Erstand sie aus dem Grab.

Und ob mit prächtigem Gefieder
Auch todt der Vogel liegt,
Ich hörte seine Jubellieder,
Ich sah ihn im Himmelslicht.

Ob auch des Haines Lächeln
Mit der Taube Tod verschwand:
Jetzt fliegt bei des Westes Fächeln
Sie auf sonn'gem Inselland.

Ob auch das Reh gestorben
In Waldes Einsamkeit:
Den Himmel hat's erworben
Und liegt an Jesus' Seit'.

O Stern, zu früh gesunken,
Was weinen wir um dich!
Es spiegeln deine Funken
In andern Meeren sich.

F. W. Dralle.

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