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Das Land der Widersprüche

6. August

Afrika ist das Land der Widersprüche, des Werdens, der Neugestaltung, der inneren und äußeren Gegensätze; und unsere Kolonie ist ein kleines Stück von diesem Ganzen. Es kann keine interessanteren und eigenartigeren Landschaftsbilder geben als die afrikanischen, aber auch die trostlosesten und langweiligsten Einöden sind hier zu finden. Nirgends brennt die Sonne heißer als in Afrika, und nirgends kann man erbärmlicher frieren als hier. Wir können täglich im Genusse von Ananas, Bananen, Apfelsinen und anderen tropischen Früchten schwelgen, aber die Tage, an denen es ein zähes Stück frisches Rindfleisch gibt, werden als Feste gefeiert. Die Frage nach dem besten Bier, Wein und Sekt für die Tropen ist längst mustergültig gelöst, aber ein Glas einwandfreies Trinkwasser kann die ganze Kolonie nicht bieten.

Afrika eine Welt voller Licht, Freude und Arbeit ebenso wie voller Dunkelheit, Moder, Ärger und Faulenzerei. Mir scheint es, als wenn das Widerspruchsvolle der äußeren Umgebung auch im Charakter der einzelnen Europäer zum Ausdruck käme. Freude und Leid, Übermut und Verzagtheit, große Ideen und Kleinigkeitskrämerei, gründliche Sachkenntnis und seichter Dilettantismus, ernstes Wollen und oberflächlicher Schein, alles ist nebeneinander anzutreffen. Weit mehr als daheim bewegt sich alles noch in Extremen und im Wechsel. Es wechseln die Personen – weit mehr als nötig wäre –, es wechseln die Anschauungen, es wechseln die angestrebten Ziele, und nur wenig Dauerwerte tauchen aus der Flucht der Erscheinungen empor. Nirgends gibt es größere und schönere Aufgaben zu lösen, und nirgends wird mehr im kleinen gelebt wie hier; nirgends wird solider, sparsamer, zurückgezogener und entbehrungsvoller gelebt als in Afrika, und doch wird nirgends auch toller exzediert. Es läßt sich keine größere Freiheit für den Europäer denken als die afrikanische, und nirgends achtet der eine so auf den andern wie hier. In keinem heimischen Berufe kann die Verantwortung für das Tun des einzelnen größer und weittragender sein als im kolonialen, und doch haben wir hier die schlimmste Bevormundung und Instanzenwirtschaft in den nichtigsten Dingen. Nirgends wird ängstlicher gespart, und nirgends mehr Geld unnütz vergeudet. Nirgends wird mehr über gesundheitliche Dinge gesprochen, nirgends spielen sie eine ausschlaggebendere Rolle, und doch werden nirgends die einfachsten Regeln der Hygiene so leichtfertig unbeachtet gelassen oder mit Füßen getreten wie in den Tropen.

Wie sind diese Erscheinungen zu erklären? Ich glaube, uns fehlt noch etwas, was man am treffendsten vielleicht unter dem Worte: psychische Akklimatisierung begreifen könnte. Viele erwerben sie sich nie, viele müssen, wenn sie glücklich so weit sind, aus ihren Stellungen wieder ausscheiden, und nur wenige bleiben als wertvoller Besitz längere Jahre der Kolonie erhalten. Ich glaube, daß die psychische Anpassung ans Tropenklima ebenso wichtig und unerläßlich ist wie die körperliche. Nicht nur das von außen an uns herantretende Klima ist neu für uns, wenn wir hinausgehen in die Kolonie, ebenso neu sind die Ideen, für die wir zu arbeiten haben. Ich bin deshalb auch der Überzeugung, daß es außer der körperlichen ebenso eine psychische Tropendienstuntauglichkeit gibt, die freilich schwerer ärztlich im voraus zu erkennen ist als erstere, da sie meist erst bei der wirklichen Berührung mit der ungewohnten Umgebung in die Erscheinung tritt.


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