Timm Kröger
Des Lebens Wegzölle
Timm Kröger

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3

Der Junker Jäger war ursprünglich das gewesen, was man einen guten Kerl nennt – gutmütig, roh, flach, eitel. Die Wiederannäherungsversuche an seine Frau trieben durch die Verwilderung noch ab und zu eine Blüte. Aber es hatte bald ein Ende. Der chronische Größenwahn, die Entartung der Teile, worauf die seinen Reize der Milde und Gerechtigkeit nicht mehr wirkten, ließen für die Berücksichtigung anderer keinen Raum. Die Liebe zum Ich nahm einen um so breiteren Platz ein, je weniger liebenswert es war, und tötete schließlich wie Unkraut alle edleren Regungen, woran wir so gern bei dem schönen Klang des Wortes ›Gemüt‹ denken. Größenwahn und Roheit verunreinigten seine Phantasie, Wahnbilder und Sinneswahrnehmungen gestalteten sich in seiner Vorstellung ungesondert zu einer gefälschten Welt, die nirgends bestand und nichtsdestoweniger die Beweggründe seines Handelns hergab. Er verfiel mehr und mehr der Narrheit.

Wegen der Richtung, die seine Einbildung nahm, war es eine Narrheit gefährlicher Art. Er sang und sprach Unanständigkeiten und wußte ihnen Beziehung auf den Ruf seiner Frau zu geben; er gestaltete die alten, schon der Vergessenheit angehörenden Gerüchte zu wirklichen Geschichten. Dann prahlte er wieder mit dem Grafensohn in seinem Hause und wollte selbst erlauchter Abkunft sein. So schleifte er die Ehre seiner Frau wie seiner Mutter durch den Wegeschmutz von Handewitt. Niemand war für einen Klatsch, dem er sich in besserer Zeit entgegengestemmt hatte, geschäftiger als er selbst. Und daneben die immer leichter geweckte Eifersucht, die immer häufiger wiederkehrende Redensart, daß er keinen Verkehr seiner Frau mit fremden Männern dulde.

Für einen halbwegs Sachkundigen war es klar, daß er nicht mehr bei gesunden Sinnen war, daß er entmündigt und in eine Anstalt gebracht werden müßte. Rudolf dachte das in die Hand zu nehmen. Und da er dazu die Mitwirkung der Frau Sophie bedurfte, so sann er, trotz des Verbots, weiter darüber nach, wann und wo er sie wohl am besten spreche. Er verfiel auf die bevorstehende Einweihungsfeier des neuen Turms und ließ sie bitten, nach Beendigung des Gottesdienstes im Hinrichsenschen Redder in Siethfelde zu sein.

 

Der neue Turm wurde eingeweiht; selbst die bekannten ältesten Leute erinnerten sich einer Feier, wie sie jetzt begangen wurde, nicht.

Turmapfel und Wetterfahne – beide glänzend vergoldet – warteten schon lange in der Scheune des Gasthofs ›Zum weißen Roß‹ ihrer Erhebung und wurden allgemein angestaunt. Der Knopf blieb im Umfang nicht viel hinter einem Wagenrad zurück, und der Wetterhahn erinnerte in seiner Größe, in seinem Glanz eher an das Roß eines apokalyptischen Reiters als an den Hahn, der auf dem Mist kräht. Der Verwunderung darüber, daß beide auf der Wetterstange zur Größe eines gewöhnlichen Turmapfels, eines gewöhnlichen Hahnes zusammenschrumpfen, war kein Ende. Auch noch in anderer Beziehung forderte der Turmknopf die Ehrfurcht der Gemeinde heraus. In seinem runden Bäuchlein barg er die öffentlichen Geheimnisse vom Kirchspiel. Das Verzeichnis der von dem Klempner Schulz eingelöteten Schriftstücke ging von Mund zu Mund und erschien in den ›Nachrichten‹ des benachbarten Städtchens. Zeitungen, Zeitschriften, Abschriften des Kircheninventariums, statistische, von dem Ortspfarrer aufgenommene Tabellen, die Bilder des Pastors, der Kirchenjuraten, der Lehrer des Kirchspiels (Rudolf Schmidt war darunter), der Gemeindevorsteher (Peter Köllns Gedächtnis kam auf die Nachwelt), die von dem Organisten Piening verfaßte Jubelhymne des heutigen Tages (sie sollte geblasen und gesungen werden, sobald Apfel und Wetterhahn auf den Turm gebracht würden) und manches andere.

Mit dem zuletzt genannten Teil begann die Feier. Auf dem Turmdach, unmittelbar unter der Wetterstange, befand sich der Bau eines in kühnen Linien emporstrebenden Gerüstes, das in dem oben zusammenlaufenden Sprossendreieck die Turmstange überragte. In schwindelnder Höhe erwartete dort der kühne Meister den blinkenden Apfel, der am Flaschenzug sich langsam erhob. Sobald er über dem Kirchendach in blauer luftiger Höhe schwebte und schwebend stieg, brach die Jubelhymne oder vielmehr die allen Gesang überschmetternde Tubamusik los. Jetzt hing der Apfel über der Turmstange; sicher und furchtlos, unbekümmert um die haarsträubende Höhe, hinübergebeugt, leitete der Meister das Ungetüm den ihm bestimmten Weg, mit dumpfem Rasseln schurrte der klein gewordene Koloß bis zu dem für ihn bestimmten Sitz hinab.

Der Wetterhahn flog denselben Flug, ebenfalls begleitet von dem Gesang der Gemeinde, und bald saß er herausfordernd auf der Stange. – Seht, o, seht! – was tut er? Der Kühne sitzt auf dem Rücken des Flügelpferdes, ruft Hurra! und schwenkt den Hut.

Nur schwindelfreie Männer vermochten den Anblick zu ertragen, die meisten senkten den Blick, es zog ihnen durch Nacken und Rückgrat. Unter den Frauen hörte man viel Gekreisch, ein Ohnmachtsanfall kam auch vor, und alle waren froh, als der Wagehals unter Beifallsgeschrei auf einem balkonartigen Vorsprung in der Turmluke unterhalb der neuen Uhr erschien, um die übliche gereimte Rede zu halten. Neben ihm stand sein Gehilfe mit Flaschen und Gläsern. Das war der Mundschenk, der die Glaser zu füllen hatte. Eine gereimte Rede stieg, es lebte, was nur irgendwie mit dem Bau und der Kirche in eine Beziehung gebracht werden konnte. Nach jedem Hoch flog das geleerte Glas an die Wand, und schließlich auch die Flasche. – Gewissenhafte Leute und Zähler haben unglaubliche Behauptungen aufgestellt. Wir lassen die Zahl dahingestellt, aber es war mehr, als ein Mann trinken sollte.

Da lief das Gerede durch die Gemeinde, es sei gar kein Wein, was der Mann da trinke, das sei Selterwasser mit Himbeer. Es kam vom Wirt im ›Weißen Roß‹. Er hatte hinzugefügt, daß er die Getränke zum Selbstkostenpreis berechne, auch die entzwei geworfenen Gläser und Flaschen. Die Kostennotiz fanden seine Freunde nicht wichtig; sie fiel wie eine Quecksilberkugel unmittelbar vor dem Munde des Sprechers zu Boden, während die andere Neuigkeit, wie aus einem Drehturme geschossen, eine hundertköpfige Menge sättigte, als ob sich das Speisungswunder wiederholte.

Ja, all die Gläser und Flaschen, die am Turm von Siethfelde zerschellten! Den Sinn dieses Symbols hat das Kirchspiel noch heutzutage nicht erfaßt, und die Hoffnung, daß man die zarte Andeutung der Feierlichkeit des Augenblicks jemals verstehen werde, ist durchaus eitel, da der verletzte Sparsamkeitsinstinkt einfach nicht wissen will, daß die zwecklose Vernichtung von Vermögensgegenständen doch einen Zweck haben könne.

Die Rede war kaum überstanden, da läuteten schon die neuen Glocken zum Gottesdienste. Die gläubige Menge lechzte nach etwas religiöser Erbauung, nach etwas Gemütszerknirschung, denn sie war entschlossen, nach dem Gottesdienst den Freuden dieser Welt im Tanz nachzugehen, vielleicht auch in aller Unschuld ein wenig zu sündigen.

Pastor Normann entledigte sich seiner Aufgabe mit Geschmack. Er fuhr als sanfter Melanchthon fein säuberlich daher, wie es seinem Wesen entsprach. Heute konnte er durchaus seiner Denkart folgen, da er wußte, daß seiner Gemeinde der grobkörnige Luther nicht erspart bleibe, der denn auch gleich nach Normanns Predigt in der Person des hohen Würdenträgers eines Bischofs der evangelischen Landeskirche die Kanzel ausfüllte. Da donnerte es denn Wehe und Höllenglut, als schlüge aufs neue der Blitz in den Turm. Die Gemeinde ließ es ergeben geschehen; sie wußte, daß der Herr Bischof es nicht so böse meine, daß er die Friedenssonne wieder scheinen lassen werde. Zum Schluß säuselten denn auch mildere Lüfte, und eine ganze Menge Tauben kehrten mit einem richtigen Olivenhain zurück.

Bei dem Verlassen des Gotteshauses teilte sich der Strom in drei Flüsse, die im wesentlichen den drei Dörfergruppen: Wester-, Oster- und Süderkog des Kirchspiels entsprachen. Jede Gruppe hielt sich bei Jahrmärkten und anderen mit Tanz verbundenen Festlichkeiten an ein bestimmtes Lokal. Die Kirchgänger beschleunigten ihre Schritte, es galt zunächst, dem Magen sein Recht zuteil werden zu lassen. Lange wird es nicht dauern, dann locken rechts und links schmetternde Hörner, locken sanfte Geigen und fröhliche Klarinetten zum lustigen, frommen Walzer.

Rudolf war der Feier und Predigt nur mit einem Bruchteil seiner Gedanken gefolgt. Sein Herz war anderswo. Nachdem er Sophiens Kleid in der Menge gesehen hatte, machten Freude und Erwartung ihn mehr erzittern als das Grausen bei den halsbrecherischen Künsten des Meisters vom Turm. In der Kirche war, als seine Freundin sich im Frauenstand niederließ, für Andacht wenig Raum. Jetzt wußte er, daß sie seiner Einladung zu folgen im Begriff sei.

»Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib! Wer ein Weib anstehet, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen!«

Der Redner im Priesterrock berücksichtigte alle Sünden und böse Lüste, hatte aber die schärfste Geißel für die Geschlechtsliebe und wollte sie, wenn man ihn beim Wort nahm, ganz ertöten. Aber Rudolf dachte daran, daß der geistliche Würdenträger glücklicher Gatte sei; da sah er Öl in die empörten Wogen fließen.

Von der Kanzel aber brauste es weiter, und unter ihr sündigte Rudolf eine liebe, süße Sünde.

Sie war ihm nahe – nicht lange, und er wird ihre Hände küssen. Er wollte sie wieder lächeln machen – es tat not, sie hatte so bleich gesehen und so verhärmt.

Für Rudolf gab es eine eigentliche Schuld nicht, er hielt die Meinung der Menschen, daß sie frei handelten, für eine irrige – er konnte das, was wir Gewissensbisse nennen, abstoßen.

Die dunkle, blasse Frau dagegen, die scheinbar so ruhig im Weiberstand saß, innerlich aber so schweren Kampf bestand, war im Grunde ihres Herzens eine kleine Egoistin, in dem Sinne, wie es auch der Beste ist. Sie war im frommen, orthodoxen Glauben der Kirche erzogen, und wenn auch hier und da Zweifel an ihre Seele gepocht hatten: an dem großen Weltgericht, dem Lohn der Gerechten, der Bestrafung der Ungerechten, hielt sie fest. Und die Sehnsucht, dereinst den Kindern Gottes zugezählt zu werden, verließ sie keinen Augenblick. Hierfür war sie bereit, zu dulden. Der Tod hatte nichts Schreckliches für sie, er zeigte vielmehr die milden Züge eines Erlösers, jenseits des schwarzen Tors bliesen Posaunenengel die Freude Gottes ein.

So dachte sie. Sie wollte keine neue Schuld auf sich laden und wollte doch gern dem nahe sein, dem ihr Herz gehörte. Den auf sie einstürmenden Beweggründen stand sie tapfer auf der Bresche. Eigentlich wollte sie nicht hin. Eigentlich!

Sie fand sich aber im Hinrichsenschen Redder ein.


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