Timm Kröger
Des Lebens Wegzölle
Timm Kröger

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

5

Es ist nicht nötig, alle Einzelheiten des Gutachtens zu wiederholen; Peter Holling ließ zwei Taler in der Hand des klugen Mannes zurück und fuhr stolz und gehoben nach Hause. Ungewißheit und Zweifel waren nicht mehr. Mit Georg Heinrich Joens im Bunde, da fürchtete er das ganze Amt nicht, frei und sicher und siegesgewiß fuhr er dahin.

Es konnte ja auch gar nichts anders sein. Der Mann, der fünf Berufsjuristen, der Pastoren und Schullehrer festgekriegt hatte, der hatte es gesagt: Peter Hollings Recht, hatte er ausgeführt, sei ganz unantastbar. Mit seinem Kopf stand er dafür ein. Ein Kopf! Und was für ein Kopf! Der hatte noch einen! So dachte Peter.

Aber da fiel ein verdrießlicher Schatten in seine Seele. Er hatte die Meinerskoppel ganz vergessen. Das war bös, heute hätte es sein sollen, morgen wollte sein Nachbar auf die Stoppel jagen. Er mußte morgen einen Hüter stellen und zugleich den Knick bessern, das verdroß ihn sehr.

Langsam fuhr er weiter: Aber ist es denn ausgemacht, daß ich verpflichtet bin, dicht zu machen? Ist da ein Gesetz, das es sagt? Wo steht es geschrieben? Und wenn: ist es ein echtes oder ein unechtes, ein natürliches oder ...? ›Singuläres‹ wollte Peter denken, er dachte aber das ihm geläufigere, für ihn ebenso unverständliche Wort ›schpezifischiertes‹. Rasch entschloß er sich, umzukehren und den klugen Mann zu fragen.

Peter Holling hatte Glück. Georg Heinrich Joens begegnete ihm kurz vorm Dorf. Das traf sich gut, der Volksanwalt ließ auch am Wegknüll mit sich reden. Über das Wagenschott weg beim Mergelloch, nicht weit von Krischan Lembkes Wirtshaus, wurde die Sache abgemacht.

Der Kluge schob den Hut auf den Hinterkopf und legte die Hand einen Augenblick an die Stirn. Und sprach dann einiges, was Peter Holling nicht verstand, Joens selbst auch nicht. Peter wollte aber ein Nein! er sei zum ›Dichten‹ nicht verpflichtet, und hörte auch ein Nein. Er wollte ganz sicher gehen und fragte deshalb, ob es ein Gesetz darüber gebe. Das verneinte der Mann am Wagenrad. Kein echtes, das gar keins sei? Auch kein ›schpezifischiertes?‹

»Ihr meint eine Spezialverordnung«, berichtigte Joens. »Auch das nicht.«

Nun war Peter zufrieden. Er fragte mit einer Handbewegung, der man ansah, daß sie nicht ernst gemeint sei, und mit einem Tonfall, worin der Zusatz lag: die Kleinigkeit wird mir doch nichs kosten? nach seiner Schuldigkeit.

Der wohlwollende, schwarzgekleidete Mann, die Hand an der Wagenleiter, verstand Handbewegung und Tonfall, überlegte im Fluge, was für ihn am vorteilhaftesten sei: den halben Taler zu nehmen, der ihm seines Erachtens zukam, oder sich das Ansehen eines uneigennützigen Mannes zu geben und mit dem Verzicht auf die vierundzwanzig Schillinge seinen Acker zu düngen. Ohne daß dem rechtlichen und wohlwollenden schwarzgekleideten Mann sein Gedankengang und sein Eigennutz klar wurden, ließ er seine Augen über Peters magere, streitsüchtige Figur gehen. Er kannte sich aus, das war ergiebiger Boden; der Mann, der hatte das Zeug zu einem Streithammel, der durfte nicht kopfscheu gemacht werden.

Georg Heinrich Joens verzichtete und erhielt dafür einen wirklich herzlich gemeinten Händedruck.

 

Nach diesem Händedruck fuhr der Zollwirt die Straße weiter von Schönmoor weg, an Krischan Lembkes Wirtschaft vorbei, hinunter nach dem Moor.

Der letzte Bescheid hatte ihn zufrieden gemacht. Er hatte ein entschiedenes Nein gehört, entschiedener, als es gesprochen worden war. Aber er wollte die Sache mit dem Knick nicht gleich auf die Spitze treiben. Die kleine Elsbe Thöm sollte so lange hüten, bis er mit dem Dichtmachen fertig sei. Auf der Meinerskoppel stand Sommerroggen in Halmen, und was für ein Sommerroggen! Wenn da Hans Nohwers vierzig Kühe hineinfielen – o je, o je!

Der kühle Abend kam und reinigte die Luft von dem feinen sandigen Staub der Tagesschwüle.

Bisher war Peter erst zwischen Knicken gefahren, dann ein Viertelstündchen auf freier Wiesenfläche, nun begann das Moor, die große, die schwarze, sommergedörrte, Torfgeruch atmende Ebene. Menschenleer. Am Horizont Aufleuchten eines Funkens, vielleicht das blanke, vom roten Gold der sinkenden Sonne getroffene Eisen des letzten Gräbers. Der ging, das schwankende Werkzeug auf der Schulter, nach Haus und Herd.

Vor sich unterschied Peter die feinen, blauen Linien der ansteigenden Felder seines Dorfs. Hier ein Punkt: das Zollhaus, dort ein Punkt: der Steinhof, im Hintergrund die Mühle. Aber rechts, da verlief das Moor bis zur Krümmung der Erde. Noch war die Sonne nicht untergegangen. Peter sah fragend nach der Wetterecke. Es sammelten sich Wolken, die Sonne versteckte sich, sie sprengte aber, just wie gestern, vor Untergang die Wand und ging rein und voll hinab.

Und als die Sonne hinabgegangen war, stiegen rasche Abendnebel. Die den Damm einrahmenden Weiden standen schon auf fünfzig Schritt in einem See. Der Weg ist gar nicht so ungefährlich, die Gräben tief und grundlos, wer da hineinfällt, ist geliefert, ohne fremde Hilfe kommt da keiner wieder heraus. Er sinkt in den Morast, selbst Schwimmer haben ihre Not. Die Unterirdischen lassen ihn nicht, sie ziehen ihn wie Blei hinab.

Ist nicht noch voriges Jahr Fritz Bock, der das Moor kannte wie einer, elendiglich umgekommen? Und wie viele Jahre sinds denn, als man die Leiche des Landstreichers barg? Er ist auf Gemeindeunkosten beerdigt worden, es ist niemals kund geworden, wer er gewesen. Und dann Dierk Trede. Peter war damals ein Halberwachsener, er hat mit angesehen, wie man ihn herausfischte. Alle waren mit Haken und Stangen ausgezogen, den alten Mann zu suchen. Sechs Stunden waren sie dabei und hatten nichts gefunden. Da sagte Krischan Göttsche, er diente als Knecht auf dem Steinhof, der sagte zu Mars Stamerjohann, der die Schusterei im Dorf betrieb, zu dem sagte Krischan: »Ich glaub, hier ist was, faß mal ein bißchen mit an!« Und Krischan und Mars zogen beide und zogen und – zogen. Peter sieht es noch. Es standen ein Dutzend Menschen umher, keiner sprach ein Wort. Das Wasser warf Blasen. Wie sie rieselten, kochend aufstiegen, knatterten, platzten! Da kam was Dickes. Was ist das? Wenn Peter jetzt daran denkt, graust ihm mehr als in dem Augenblick. Erst kam ein Bein mit schönen Schäftestiefeln und dann der ganze Dierk. Krischans Haken war in dem dicken Manchesterstoff fest geworden.

In dunkler Nacht über das Moor, ist eine eigene Sache. Alle Dämme sind bepflanzt, die Wege gehen bunt durcheinander. Die zur Torfabfuhr haben plötzlich ein Ende, ein Heck, ein tiefer Quergraben davor. Wenn man fährt, läßt man den Pferden die Zügel, die Pferde finden sich zurecht. Ob ihr Gedächtnis besser ist, ob ihr Geruchssinn mitspielt, ob sie einen sechsten Sinn haben – kein Bauer und kein Fuhrmann weiß das. Aber Bauern und Fuhrleute trauen ihren Gäulen zu, daß sie nach den heimischen Ställen oder dahin gehen, wohin nach ihrem Pferdeverstand ihr Herr will.

Peter überließ es seinem Fuchs, den Weg zu suchen. Und der Fuchs bog bald rechts, bald links ein, ging vorsichtig, wo der Weg schlecht war, und trabte, wo er fest schien. Einmal machte er aber auf gutem Wege langsamen Schritt und stand dann plötzlich still.

»Nanu?« Peter stieg ab. Es war ziemlich dunkel, es standen wenige Sterne am Himmel. Peter tastete um den Wagen herum. Der Gaul stand vor Heck und Graben.

»Hat sich der Fuchs verbiestert – wo bin ich?« fragte Peter, kannte sich aber bald aus. Er hielt vor seinem eigenen Moorteil, da hatte er vor einigen Wochen, als er aus der Stadt gekommen war, Torf geladen.

»Du bist ein dummer Kerl!« sagte er zu dem Fuchs. »Siehst du, damals, das war eine andere Sache. Ich hatte einen Bauwagen, und zwei Pferde hatte ich vorgespannt, und dann war es heller Tag. Nein, mein Junge, nun wollen wir gleich nach Haus und nicht erst Torf laden.«

Auf dem Damm konnte er nicht wenden, er mußte auf sein Moorteil fahren und die Sperrstangen des Hecks wegnehmen. Es war eine alte Sodstange darunter, die eiserne Eimerklinke klirrte, als er das Holz ungeduldig von sich warf. Es kam quer über den Graben zu liegen. Da ließ er es.

Peter Holling kam spät nach Haus, aber Franz, der Knecht, saß noch im Nebel unter den Pappeln und rauchte.

Bauer und Knecht spannten aus.

»Ist der Hafer ab?« fragte Peter.

»Der Hafer ist ab, es sind aber viel Disteln drin«, entgegnete Franz.

»Sonst was passiert?« »Nein!«

Franz hing das dem Fuchs abgenommene Buggeschirr an die Wand.

»Ja doch, die alte Trien Rohwer vom Steinhof ist hier gewesen.«

»Was wollte die denn?«

»Das weiß ich nicht. Sie hat mit Anna gesprochen. Schlimmes ists wohl nicht gewesen, sie lachten viel und Anna ist, als die Alte wegging, mit ihr längs gegangen.«

»So!«

Nach fünf Minuten war alles besorgt, der Fuchs graste im Wischhof, die Eulen, alteingesessene Eulen des Zollhauses, fingen an, in den Bäumen zu klagen, und Peter und Franz gingen zu Bett.


 << zurück weiter >>