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Fünfunddreissigstes Kapitel. Das rettende Wort

Indes der verlorene Sohn Ammergaus in stiller, schmerzlicher Feier die Wunder der Heimat auf sich wirken läßt, und von einer Offenbarung zur anderen emporsteigt auf dem steilen Wege, der ihn wieder zur Kreuzeshöhe entrückt, schmachtet in drückender Atmosphäre der Weltstadt und ihrer Verhältnisse die Gräfin.

Drei Tage sind vergangen seit der Trennung von Freyer, aber sie weiß es fast nicht! Sie lebt hinter ihren verschlossenen Gardinen und abends bei ihren durch Milchglas gedämpften Lampen, wie in einer immer gleichen weißen Nacht, in der es weder dunkel noch Tag werden könne. Und so ist es in ihrer Seele: Vernunft – kalte, freudlose Vernunft mit ihrem eintönig ruhigen Sicht beherrscht sie jetzt, seit sie alle Kräfte des Schmerzes in jenen Stunden des Abschieds erschöpft! – Denn der Schmerz ist auch eine Kraft, die sich erschöpft, und dann ruht die Seele aus in Gleichgültigkeit. – Es ist ihr jetzt fast alles gleich! Das Opfer und der Preis des Opfers! Was ist überhaupt noch auf Erden all der Mühe und der Angst wert? Nichts! Nichts freut sie mehr, nichts ersehnt sie mehr. Es ist überhaupt alles falsch gewesen, was sie sich von der Erde erhofft – falsch und trügerisch. Das Leben hat ihr in nichts Wort gehalten, Glück gibt es nicht, nur der Bedürfnislose ist glücklich – ein Glück, das nicht besser ist als der Tod! – Und sie steht auch noch nicht einmal auf dieser Stufe! Noch bedarf sie so vieles: Ehre, Macht, Schönheit und Luxus, wie nur der Reichtum sie gewährt, – also auch diesen!

Nun wirft sie sich der Schönheit in die Arme – »in ihr das Göttliche suchend« und der Mann, der ihr die rettende Hand dazu geboten, wird es verstehen, ihr das Letzte, was sie sich noch vom Leben erwartet, mit Geschmack und Auswahl zu verschaffen – den Genuß! Die Kultur hat sie wieder, sie ist das Weib des Jahrhunderts, ein Kulturprodukt! Sie will nichts anderes mehr sein. Eine Konvenienzheirat mit einem geistreichen, vornehmen Mann, an dessen Seite sie die Beschützerin der Künste und Wissenschaften wird, ein Leben der Unterhaltung und anregenden Beschäftigung, das denkt sie sich nun als das Normale und noch einzig zu Wünschende.

Während Freyer unter seinesgleichen zurückkehrt zur Ursprünglichkeit und Einfalt, entfernt sie sich immer weiter davon, verscheucht, abgeschreckt durch all die furchtbaren Symptome, in denen ihr die um ihr ewiges Recht kämpfende Natur entgegengetreten. Denn die Natur ist nur dem eine gütige Mutter, der's ehrlich mit ihr meint, – weh dem, der mit ihr spielen wollte, – dem zeigt sie ihren furchtbaren Ernst.

»Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft!« – Wie oft hat es ihr der Mephisto in ihrem Innern höhnisch zugerufen! Ja, er hatte recht – sie ist jetzt gestraft, daß sie den Wert der tausendjährigen Kulturarbeit der Menschheit verachtet und verkannt. – Sie will es einbringen. Reuig, wie der Christusspieler auf das gentianenumwundene Grab des vergessenen Volksdichters flüchtete, so kehrt sie zurück zu den weltumrauschten Monumenten der Kunst und Wissenschaft. – Sie hat sich im Kreise gedreht, das Rad hat sie fast zermalmt, aber sie ist wenigstens froh, wieder an demselben Fleck angekommen zu sein, von dem sie vor zehn Jahren ausging. – So glaubt sie wenigstens! Sie weiß nur jetzt, in der ersten Betäubung, nach dem gewaltigen Ruck noch nicht, daß sie wohl an demselben Fleck – aber nicht als dieselbe wie damals steht. –

So findet sie der Herzog, als er von seiner Reise nach Prankenberg zurückkommt.

»Gute Nachrichten, die Gefahr ist beseitigt! Der alte Pfarrer war so diskret, mit dem Geheimnis zu sterben!« ruft er ihr strahlend vor Freude entgegen, als er bei ihr eintritt:

» Rien trouvé! Nichts im Kirchenbuch! Die Wildenaus haben keine Beweise und können gar nichts machen, wenn uns Herr Freyer mit den Trauscheinen nicht einen Streich spielt –!«

»Die Sorge ist unnötig!« sagt die Gräfin und holt aus ihrem Schreibtisch das Päckchen, mit Freyers Abschiedszeilen, den Trauscheinen und dem Sparkassenbuch. »Da, lesen Sie!«

Ein seltsamer Ausdruck liegt in ihrer Miene, da sie es ihm reicht, als klage sie ihn an, ihr zum Mord eines Unschuldigen geraten zu haben. Sie ist blaß und ihre Haltung hat etwas Feindliches, Vorwurfsvolles.

Der Herzog sieht die Papiere durch: »Das ist allerdings überraschend!« sagt er sehr ernst: »Ist denn der Mann so groß – oder so klein?«

»So groß!« haucht sie vor sich hin.

»Hm! Das hätte ich ihm nicht zugetraut. – Ist das keine Komödie? Ist er fort?«

»Ja! Und hier ist noch etwas!« – Sie reicht ihm den Brief des Bürgermeisters: »Diese Antwort bekam ich heute auf meine Anerbietung, für Freyers Zukunft zu sorgen.«

»Wenn das wirklich Größe ist – dann –« der Prinz holt tief Atem, als fände er nicht das richtige Wort: »Dann – weiß ich nicht, ob wir recht getan haben!« –

Die Gräfin ist wie vom Donner gerührt: » Sie sagen das – Sie

Der Herzog steht auf und geht im Zimmer auf und nieder: »Ich sage immer, was wahr ist. Wenn der Mann einer solchen Handlungsweise fähig war – dann – ich breche mir jetzt selbst den Stab, hätte er auch etwas Besseres verdient, als so über Bord geworfen zu werden, und wir haben eine große Verantwortung!«

»Gott im Himmel, das sagen Sie jetzt, wo es zu spät ist!« stöhnt die unglückliche Frau wie vernichtet.

»Seien Sie ruhig. Die Schuld trifft nur mich – nicht Sie! Ich nehme die ganze Verantwortung auf mich, – aber sie drückt mich um so schwerer, als sich mir, seit ich in Prankenberg war, die Frage aufdrängt, ob diese Gewalttat überhaupt notwendig war? Meine Absicht war ja vor allem, Sie zu retten. In dieser Hinsicht hätte ich mir keinen Vorwurf zu machen. Aber ich habe die Gefahr, in der Sie zu schweben meinten, überschätzt und Freyer unterschätzt. Ich kannte ihn ja nicht – nun ich ihn aber kenne – zerfallen meine Motive in nichts!«

Er wirft wieder einen Blick in Freyers Abschiedsbrief und schüttelt den Kopf: »Das gibt mir schwer zu denken! Hm! Was gehört dazu, so mit einem Schlag auf alles zu verzichten, was einem lieb war; so bedingungslos die Dokumente aus der Hand zu geben, die ihn wenigstens zum reichen Mann hätten machen können – und das alles ohne Klage, ohne Großtuerei einfach und natürlich! – Das, Madeleine, das ist überwältigend, – es ist mehr – es ist beschämend für uns!«

Die Gräfin verhüllt das Gesicht. Beide schweigen lang.

Der Herzog schaut immer wieder in den Brief. Dann setzt er sich, den Kopf auf die Hand stützend, und starrt sinnend vor sich hin. »Es liegt eine zwingende Größe in diesem Mann, die uns alle in ihren Bann mit hineinzieht und uns nötigt, an Großmut nicht hinter ihm zurückzubleiben! Aber – wie das machen? Mit gemeinen Mitteln ist dem Manne nicht beizukommen. Ich fange jetzt an, zu verstehen, was Sie an ihn gefesselt, und ich muß leider sagen, damit wächst meine Schuld. Mein Recht lag ja nur in der Verkennung dessen, was sich mir jetzt als unleugbare Tatsache aufdrängt, nämlich – daß Freyer Ihrer, Madeleine, nicht so unwert war, wie ich glaubte!« – Er liest die Aufschrift des kleinen Sparkassenbuchs: »Zur Erhaltung der Gräber meiner Lieben –« er schweigt eine Weile, als schnüre ihm etwas die Kehle zu: »Was muß der Mensch durchgemacht haben –! Wenn ich mir denke, wie ich Sie liebe, und habe Sie doch nie besessen – und der besaß Sie, – entsagt und geht, den Tod im Herzen! Ei, ei, ei, ihr Frauen, was könnt ihr doch alles! Madeleine, – wie haben Sie das übers Herz gebracht, mit kaltem Blute? Wenn Sie es noch aus Liebe zu mir getan hätten – aber, diese Illusion mache ich mir schon lange nicht mehr.«

»Gerichtet – gerichtet von Ihnen!« stöhnt die Gräfin entsetzt.

»Ich richte Sie nicht, Madeleine, ich wundere mich nur, daß Sie es im stande waren, wenn Sie den Mann so kannten, wie er ist!«

»Ich kannte ihn nicht so,« sagt die Gräfin stolz: »Aber – ich will nicht minder ehrlich sein als Sie, Herzog, ich weiß allerdings nicht, ob ich es zuwege gebracht, wenn ich ihn gekannt hätte, wie jetzt

Der Herzog wischt sich mit dem Tuch über die bereits etwas kahle Stirn. »So viel ist sicher, – daß wir dem Manne eine Genugtuung schuldig sind. Da muß etwas geschehen.« –

»Was sollen wir tun? Er wird alles zurückweisen, was wir ihm bieten – und wenn ich selbst es wäre! Das sehen wir aus dem Brief des Bürgermeisters von Ammergau.« Sie schlägt die Augen nieder, um die Tränen zurückzuhalten. »Da ist alles vergebens – er kann mir nie verzeihen.«

»Nein, das kann er allerdings nicht. Aber der Mann ist's wert, daß wir ihm den einzigen Wunsch erfüllen, den er Ihnen ausgesprochen hat. –«

»Und der wäre?«

»Unsere Vermählung zu verschieben, bis der erste große Schmerz in ihm sich beruhigt hat.«

Die Gräfin atmet auf, als fiele ihr eine Last von der Seele: «Herzog, das ist groß und edel!«

»Wenn Sie wirklich verheiratet wären und müßten gerichtlich geschieden werden, so dürften und könnten wir anstandshalber unsere Verbindung auch nicht unter einem Jahr vollziehen. Erweisen wir dem armen Mann die Ehre, ihn als Ihren wirklich geschiedenen Gemahl zu betrachten und die Rücksicht auf ihn zu nehmen, die wir einem solchen schuldig wären. – Das ist das, was wir vorderhand für ihn tun können, und ich erachte es für mich als Ehrensache, durch dies Opfer die schwere Verschuldung einigermaßen zu sühnen, die mich unleugbar trifft und die ich mir als rechtlicher Mann nicht verhehlen kann, noch will!«

Er geht zu ihr hin und reicht ihr die Hand: »Gräfin, ich sehe an Ihren strahlenden Augen, daß dies Opfer Sie nicht den Kampf kostet, den es mich kostet, – ich will mich jedoch nicht uneigennütziger hinstellen, als ich bin, denn ich glaube, durch dasselbe an Ihrer Achtung zu gewinnen, was ich an Glück in dieser Zeit des Aufschubs verliere!«

Er küßt ihr mit einem trüben Blick die Hand, wie sie ihn noch nie an ihm gesehen. »Gestatten Sie mir, für heute mich zu beurlauben, ich habe eine Abmachung mit dem Fürsten Hohenheim. Morgen besprechen wir das weitere. Bon soir

Die Gräfin ist allein. Eine Abmachung mit Fürst Hohenheim! Seit wann geht eine Abmachung mit irgend wem – ihr vor? Herzog Emil gebraucht Vorwände. Sie kann sich nicht darüber täuschen, er ist, – nicht eigentlich kalt, aber »froisiert« – abgekühlt! – Welch furchtbarer Vorwurf für sie liegt darin. Was keine Zeit, keine ihrer kleinen oder großen Verirrungen vermochte, was nicht geschah, als sie den armen niedern Mann ihm, dem Reichen, Großen vorzog, – das geschieht jetzt, wo sie jenen von sich stößt, – für diesen!

Mancher Mensch weiß es selbst nicht, wie stark die sittlichen Mächte in ihm sind und wie die schlaueste Berechnung an ihnen zu Schanden wird. Jeder tragische Ausgang einer Schuld ist nichts anderes, als die Rache dieser sittlichen Mächte, welche der Frevler im eigenen Innern verkannt hatte, da er die Tat geplant. – So geht es dem Herzog. Er hat ihr zu einem Bruch mit Freyer geraten, – er tat es in uneigennütziger Absicht, um sie zu retten, als aber die Gräfin den Rat befolgt und zwar, wie er wohl fühlt, in eigennütziger Absicht, – als er aus Freyers Handlungsweise sieht, welch ein Herz da gebrochen ward, – da kann er die auf einmal nicht mehr lieben, die hart genug war, eine Tat zu tun, zu welcher geraten zu haben er sich selbst nicht verzeihen kann. –

Madeleine Wildenau ahnt das, wenn auch nicht in seinem ganzen Umfang. Denn der Herzog ist viel zu sehr Kavalier, um auch nur einen Augenblick daran zu denken, sein Wort zu brechen ober sie merken zu lassen, daß es ihn gereue. Aber der Aufschub, den er ihr, dem Beleidigten zur Sühne, freiwillig vorschlug, sagt genug! Denn daß seine letzten Worte nur ein großmütiger Versuch waren, ihr vor sich selbst eine Ehrenerklärung zu geben, fühlt sie mit weiblichem Takt heraus.

Soll denn alles sie im Stich lassen, – jede Brücke brechen, die sie betritt? Soll sie sich durch ihre Tat sogar den Mann verscherzt haben, der ihr so sicher war, – das Sicherste auf der Welt! Wie abscheulich muß dann die Tat gewesen sein? Madeleine Wildenau errötet vor sich selbst. »Das ist vernichtend!«

Aber wie es gewisse Züge in der Evasnatur gibt, von denen das Weib am schwersten läßt, so haßt sie Freyer jetzt, haßt ihn aus Widerspruchsgeist gegen den Herzog, der für ihn Partei nimmt. – Und wie die Evasnatur nach allem verlangt, was sich ihr versagt, so reizt es sie jetzt, den Herzog neu zu fesseln, weil sie die Gefahr fühlt, ihn zu verlieren. Das Entfliehende muß gehalten werden, – dieser Sport dürfte vielleicht ihrem elenden, reizlosen Leben ein gewisses Interesse verleihen. Freilich – ein unbefriedigendes, denn, wenn sie ihn wieder gewonnen, – was dann? Was hat sie an ihm? Kann er ihr je etwas anderes sein, als ein angenehmer Gesellschafter, der ihr die verlorene Macht und Stellung wiedergibt? Und wenn sie diese hat – was hat sie an dieser? Wohin sie blickt, Leere und Ueberdruß! – Sie schaut in den Spiegel – er zeigt ihr eine Frau von achtunddreißig Jahren, auf achtundzwanzig zurückgeschminkt – aber unter der Schminke verwelkte Wangen, versteckte Tränensäcke. Sie kann es sich nicht verhehlen, daß da die Kunst nicht mehr lange ausreicht, – sie ist verblüht – ihr Leben geht zur Neige, der Abend naht, er bleibt ja keinem aus! Aber sie, – wenn sie nicht mehr jung und schön ist, wenn die Zeit kommt, wo nur der sittliche Wert des Lebens gilt, was hat sie dann? Worauf kann sie zurückblicken – in was ihre Befriedigung finden, ihren Frieden? Die Gesellschaft? Sie ist immer dieselbe mit ihren guten und schlechten Eigenschaften. Für den, der in eine ethische Beziehung zu ihr tritt, birgt sie freilich neben ihrer scheinbaren Oberflächlichkeit unermeßliche Schätze und Ressourcen: »Der Schnee trägt harsch,« sagt man im Gebirg, wenn die lockere Masse im Frühjahr zu einer festen Kruste zusammengeschmolzen ist. So verschmilzt sich unter den verschiedenen Strömungen, bald kalten, bald warmen, die Oberfläche der Gesellschaft und bildet jene glatte, eisige Rinde der Form, über welche der leichte Fuß achtlos hinschreitet, ohne zu fühlen, daß unter der dünnen Decke Tiefen verborgen, in denen der Philosoph und Psycholog Gehalt genug für das Studium eines ganzen Lebens findet. Aber alles, was nur als Genußmittel betrachtet wird, erschöpft sich, also auch das Interesse der Gräfin an der Gesellschaft. Schon einmal hat ihr davor geekelt, wo sie noch jünger und naiver war als jetzt – wie wird es erst sein, wenn sie eine alte Frau ist!

Die Künste? Schon einmal war ihr Zauber gebrochen und sie flüchtete zur Natur, weil sie an die schöne Lüge jener nicht mehr zu glauben vermochte!

Die Wissenschaften? Sie sind das, was sich zum Genußmittel am wenigsten eignet! Die dilettantische Beschäftigung mit ihren nüchternen Untersuchungen, ist sie ihr nicht so trocken und unbefriedigend erschienen, daß sie verschmachtend nach Offenbarung zu den kindlichen Glaubenswundern Oberammergaus pilgerte? – Ja, da steht sie wieder auf dem alten Fleck, – nach bald zehn Jahren, ihren Gott suchend wie damals, wo sie seine Spur gefunden zu haben meinte. Die Spur hat sich als falsch erwiesen, und jetzt soll sie wieder da anfangen, wo sie vor zehn Jahren mit Ueberdruß und Unbefriedigung aufgehört? Soll sie, die das Wesen schon umfangen zu haben meinte, wieder zurückkehren zu den Suchenden, den Zweifelnden? Nein! Es kann die erschlossene Blume nicht in die Knospenhülle zurückgezwängt werden; das Gefühl, das die Täuschung erzeugte, treibt weiter zur Wahrheit! Die Liebe für einen Gott ist einmal erschlossen, und wenn sich auch der, dem sie sich entfaltete, als der falsche erwies, – das Gefühl ist wahr, das bleibt und strebt dem Rechten zu, so unaufhaltsam wie die Blume der Sonne, wenn sie ihr auch eine Zeitlang hinter Wolken verschwunden! Aber nicht mehr von der Schülerbank ihres einstigen wissenschaftlichen Dilettantismus, ober ihres lauen, theologischen Laientums aus kann sie ihn suchen. Nein, wer einmal den Weg der Offenbarung durch den Glauben betreten, und habe dieser ihn auch irre geleitet, der kann sich nicht mehr in das enge Geleise systematischer Doktrin zurückzwängen! – Aber, hat sie denn den Weg verfehlt, weil sie zu früh gemeint, am Ziele zu sein? Sie hat ja die Spur nicht weiter verfolgt! Sie hat sie vielmehr verlassen, im Unmut – im Kleinmut über die erste Enttäuschung! Wie, wenn der Weg, der sie nach Ammergau lenkte, doch der richtige gewesen wäre, – und der Führer auf demselben, ihr doch von Gott geschickt? Und sie wäre vom Wege gewichen, weil er zu weit und beschwerlich, und hätte den Führer verstoßen, weil er dem ungeduldigen Herzen nicht gleich Gott selbst nahe brachte, und sie irrte von nun an im Leeren, ohne Trost und Hoffnung? Und wenn der Tag kommt, wo der Mensch die letzte Rechnung vor sich selbst ablegt – was hat sie dann erübrigt an Unvergänglichem? Und wenn die Stunde kommt, die keinem ausbleibt, wer steht ihr bei in der letzten Angst, wenn es das Gefühl nicht ist, in der Liebe Gottes zu sein, dahin zu gehen aus der Liebe zur Liebe – aus der Sehnsucht – zu Erfüllung? – Sie hat die Liebe von sich gestoßen, sie ist umgekehrt auf dem Pfade der Sehnsucht und genügt sich am Irdischen – und wenn sie es einst lassen muß, dann wird sie nichts haben, denn die Seele, die nicht sucht, findet auch nicht! Ein Leben, das seine sittliche Aufgabe nicht erfüllt hat, ist nicht abgeschlossen – nur abgebrochen, der Tod ist ihm nur Zerstörung, nicht Vollendung, eine Brutalität der willkürlich zermalmenden Natur! –

Und nieder sinkt das unselige Weib vor dem Spiegel, der ihr die Vergänglichkeit alles Irdischen gezeigt, und zum erstenmal in ihrem Leben blickt sie den letzten Fragen ins Auge und liest keine Antwort heraus als – Verzweiflung!

»Hilf meiner Schwachheit, o Gott!« fleht sie: »Hilf mir herauf zu dir! Zeige mir den Weg – schicke mir einen Engel, oder schreibe mir deinen Willen an den Saum der Wolken – tu ein Wunder, Gott, für eine verzagende Seele!« So erwartet sie die Verkündigung des göttlichen Willens in Flammenschrift und Engelszungen – und merkt es nicht, daß ein armes, kleines, vertriebenes Hausgeistchen neben ihr steht, das sich hereingeschlichen und sie weinend und bittend anschaut, weil es das Wort hat – das ihr hilft, das rettende Wort, das sie nirgends finden kann, – gar ein einfaches Wort, es heißt: » Pflichterfüllung«! Aber, weil es eben so einfach und unscheinbar ist wie das Geistchen selbst, das es bringt, deshalb beachtet es die stolze, eitle Frau nicht, die in ihrer Selbstüberhebung, trotz aller Demütigung meint, es bedürfe eines Götterboten von apokalyptischer Gestalt und Macht zu ihrem Heil!


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