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Dreiunddreissigstes Kapitel. Wieder aufgenommen

Den ganzen Morgen wimmelt es von Menschen in der Straße, wo Ludwigs Haus ist. Gegen Mittag heißt es: »Er kommt!« Freyer geht aus. Neugierig drängen sich die Leute heran, aber sie weichen scheu zurück, als Freyer heraustritt: »Jesus, wie schaut der drein!«

Freyer wankt an ihnen vorbei und zieht grüßend den Hut, aber es ist, als sei er, trotz des bescheidenen Grußes und einfachen Anzugs, ein so vornehmer Herr geworden, daß ihn niemand ansprechen dürfe. Es geht etwas Ehrfurchtgebietendes von ihm aus, wie – von einem Toten. Er ist ja auch tot – wenigstens für die Welt. Das fühlen die Leute und mit einemmal verstummen die Gerede – und die Parteien, die sich in eine neidische und eine schadenfrohe geteilt, versöhnen sich.

»Der treibt's nimmer lang!« Das ist der Zauberspruch, der sie alle beruhigt. – Hat er eine Schuld auf dem Gewissen, so wird er sie bald sühnen, hat er mehr Geld als andere, so muß er es bald »dahint' lassen«, und will er einem eine Rolle wegnehmen, so kann er sie nicht lange behalten! – Nur die Kinder, die indes halbwüchsig aufgeschossen, springen ihm zutraulich entgegen und reichen ihm mit der den Ammergauer Kindern eigenen unnachahmlichen Grazie und Anmut die Hand. Und weil's die Großen tun, trippeln ihnen die Kleinen nach und machen's auch so. Er bleibt stehen und spricht mit ihnen, jedes einzelne der älteren erkennend und bei Namen nennend. Und diese blicken mit ihren hellen Augen forschend in die seinen, wie sich Sonnenstrahlen neugierig in eine dunkle Tiefe senken: »Sind S' krank g'wesen, Herr Freyer?«

»Nein, meine lieben Kinder – oder ja, wie man's nimmt, aber bei euch werd' ich genesen!« Und er faßt ein halb Dutzend der kleinen Händchen zusammen in die seinen und geht mit ihnen weiter. Und die Kinder sind ganz still und artig und marschieren neben ihm her, als hätten sie ihn alle die Jahre gesucht und nun endlich gefunden.

»Spielen S' jetzt auch wieder amal 'n göttlichen Kinderfreund mit uns?« fragt eines der größeren Mädchen mit bittendem Blick.

»Wenn Weihnachten kommt, machen wir das alles wieder!« Ein wundervolles Lächeln verklärt Freyers Züge und in seinen Augen stehen Tränen.

»Bleiben S' jetzt bei uns?« fragen die Kinder.

»Ja –!« es ist nur ein kurzes Wort, aber die Kinder fühlen, daß es ein Schwur ist, und immer inniger und dichter drängt sich die kleine Schar an ihn: »Ja! Jetzt dürfen S' nimmer fort!«

Freyer hebt ein kleines Bübchen vom Boden auf und drückt es an sein Herz, seinen Kopf an des Knaben Brust bergend: » Nie, nie mehr! –«

Einen Augenblick lang herrscht feierliche Stille. Den Kleinen ist es auf einmal, als wär' heute Sonntag und sie hätten die Festkleidchen an, in denen man artiger sein müsse, als in den gewöhnlichen. Die Vernünftigeren aber verstehen schon, was Großes, Schmerzliches in dem Augenblick liegt. Heilig ist der Schmerz eines reinen Herzens und die Kinderseele empfindet das Heilige, wo es sich ihr offenbart. Still zieht die kleine Schar weiter durchs Dorf und die Kinder bilden eine schützende Hut um ihn, daß die Erwachsenen nicht herankönnen, ihm weh zu tun mit neugierigen Fragen. Und die Kinder zeigen es den Eltern, daß Friede mit ihm und ihnen sein muß – denn die Ammergauer wissen es recht gut, daß in ihren Kindern das richtige Gefühl noch lebt, was ihnen im Kampf mit der Not des Daseins mehr oder weniger verloren gegangen, drum glauben sie ihnen und folgen ihnen mehr, als diese den Alten. – Die Kinder haben ihn angenommen, – jetzt ist er wieder daheim in Ammergau – und es braucht keine Gemeindesitzung mehr, um ihn neu einzubürgern.

Nun ist der Zug vor dem Rathaus angelangt. – Freyer setzt das Bübchen, das er getragen, zur Erde, – es will gar nicht weg von ihm! Die großen Leute fürchten sich vor ihm, aber die Kinder betrachten ihn als ihr Eigentum und wollen ihm keinen Urlaub geben. Erst nach langem Bitten und gütlichen Unterhandlungen darf Freyer in das Haus gehen. Als er die altbekannte Treppe hinaufsteigt, schlägt ihm das Herz so, daß er sich an die Wand lehnen muß. Noch einen tiefen Atemzug, ein paar Stufen weiter – dann, ein langer Weg durch den leeren Gemeindesaal bis zur Kanzlei, ein leises Pochen, drinnen das wohlbekannte »Herein!« – er steht vor dem Bürgermeister. Es ist bei den Ammergauern untereinander nicht Sitte, sich vom Stuhl zu erheben. »Guten Tag!« sagt der Bürgermeister und bleibt sitzen, als müsse er noch etwas Dringendes erledigen – in Wahrheit aber, weil er nach Fassung ringt: »Gleich!«

Freyer bleibt an der Tür stehen.

Der Bürgermeister schreibt noch immer fort. Ein heimlicher Blick streift die Gestalt in seinem Rock und seinen Schuhen – bis zu Freyers Gesicht schaut er nicht auf, das würde dieser ja sehen. – Endlich hat er so viel Ruhe gewonnen, daß er sprechen kann. Jetzt tut er, als bemerke er erst, wer es ist. »Ah, Herr Freyer!« sagt er und nun sehen sich die beiden in die Augen. Es ist ein trauriger Anblick für jeden.

Der Bürgermeister, der einst so schöne, schneidige Mann, gealtert, welk, vor der Zeit aufgerieben. Freyer ein Bild des Leidens – fast zum Erschrecken.

»Herr Bürgermeister, ich weiß nicht – ob ich noch – darf?«

»Ich bitte, Herr Freyer, nehmen Sie sich einen Stuhl,« sagt der Bürgermeister.

Freyer tut es und setzt sich in einiger Entfernung von dem Bürgermeister.

»Es scheint Ihnen nicht ganz gut gegangen zu sein?« fragt dieser, weniger um die Wahrheit zu erfahren, als um das Gespräch in Fluß zu bringen.

»Das sehen mir Herr Bürgermeister wohl an.« –

»Ja – –! Ich hätte gewünscht, daß es anders gekommen wäre!«

Beide schweigen, die Bewegung übermannt sie. Nach einigen Minuten fährt der Bürgermeister mit leiser Stimme fort: »Ich hatte es so gut mit Ihnen vor – Schade –!«

»Ja, Sie haben mir viel zu vergeben, niemand weiß das besser als ich, – aber Sie werden den Reuigen nicht zurückstoßen, wenn er sein Unrecht sühnen will.«

Der Bürgermeister reibt sich die Stirn: »Ich stoße Sie nicht zurück, aber – ich sagte dem Zeichnungslehrer schon, ich bedaure nur, nichts für Sie tun zu können. Sie sind nicht krank – ich kann Sie nicht aus der Krankenkasse unterstützen, und mit der Gemeinde wird schwer etwas anzufangen sein.«

»O, ich bitte, Herr Bürgermeister, ich habe nie auf eine Unterstützung gerechnet. Ich kam nur gestern so müde an, daß ich Ludwig nichts erklären konnte, sonst hätte er Ihnen und mir gewiß den Schritt erspart, zu dem er sich in seiner großen Teilnahme hinreißen ließ. Die Kleidungsstücke, mit denen Sie mir für den Augenblick aus der Verlegenheit geholfen, nehme ich dankbar als geliehen an, hoffe, sie Ihnen aber auch später ersetzen zu können.«

»Bitte, bitte, sprechen wir nicht davon!« sagt der Bürgermeister mit einer ablehnenden Handbewegung.

»Doch! Denn es kann mich nur beschämen, wenn Sie mir großmütig eine materielle Hilfe angedeihen lassen – und mir dabei im Herzen nachtragen, was ich verbrach. Das, was mein krankes Gemüt am nötigsten braucht, ist Versöhnung mit Ihnen und der Heimat. Und um das kann ich Sie bitten!«

»Ich bin nicht unversöhnlich, Herr Freyer! Sie haben sich ja nicht gegen mich persönlich vergangen, – Sie haben mich nur in der Sache getroffen, die mir am meisten auf der Welt am Herzen liegt. Das ist ein Schmerz, der durchgekämpft sein wollte, für den ich Sie aber nicht verantwortlich machen kann, und wenn er mich auch Gesundheit und Leben kostete. Ich trage nicht persönlich nach, was nicht persönlich gemeint war. Wenn ein Mensch mit einem Stein nach einem Heiligenbild wirft und er trifft mich unabsichtlich an die Schläfe, so werde ich ihn nicht dafür zur Verantwortung ziehen, – sondern dafür, daß er nach etwas gezielt hat, was andern heilig ist. Ihn zu bestrafen aber, werde ich einem höheren Richter überlassen!«

»Gestatten Sie mir, daß ich schweige. Sie müssen die Sache von Ihrem Standpunkt aus so betrachten und ich kann Sie keines Bessern belehren. Das Recht der Verteidigung ist mir durch besondere Umstände versagt. – Nur gegen den Vorwurf, daß mir nicht heilig sei, was es andern ist – möchte ich mich verwahren. Gerade weil es mir heilig – vielleicht heiliger als anderen, habe ich dagegen gesündigt! –«

»Das ist ein Widerspruch, den ich nicht verstehe!«

»Und ich nicht erklären kann!«

»Nun, es ist nicht meine Sache, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen und mir ein Urteil über Ihre Beweggründe zu erlauben. Ich bin nicht Ihr Beichtiger. Ich sagte Ihnen ja, daß ich es Gott überlasse, in solchen Dingen zu richten. Meine Pflicht als Bürgermeister erheischt, daß ich einem Gemeindemitglied nach besten Kräften beistehe, wo es sich um Existenzfragen handelt. Wollen Sie mir darin Ihr Vertrauen schenken, so bin ich gern bereit, Ihnen mit Rat und Tat an die Hand zu gehen. Ich weiß nicht recht, was Sie anfangen wollen. Ihr kleines Anwesen haben Sie an unsere Armen verschenkt – wollen Sie das nun zurücknehmen?«

»O, nie, Herr Bürgermeister, was ich verschenke, nehme ich nicht zurück!« sagt Freyer.

»Dann haben Sie es aber schwer,« fährt der Bürgermeister fort, »schwerer als jeder andere, sich durchzubringen. Sie sind zu spät auf die Schnitzschule gekommen, um mit der Schnitzerei Ihr Brot zu verdienen. Sie treiben kein Handwerk – Sie sind auch zu gebildet, um sich in niedere Dienste, wie Taglöhnern, Straßenkehren und so weiter finden zu können, – und auf Gemeindekosten zu leben, dazu wären Sie zu stolz, wenn man auch einen Modus fände, Ihnen eine Unterstützung zuzuwenden. Es ist wirklich recht schlimm, man weiß da gar nicht, was man sagen soll. Vielleicht fände sich eine Botenstelle, – der Bote vom Linderhof ist schon länger krank.« –

»Beruhigen Sie sich darüber, Herr Bürgermeister. Ich habe, während ich fort war, meine freie Zeit hauptsächlich mit Zeichnen und Modellieren ausgefüllt, auch viel gelesen und besonders kunstwissenschaftliche Werke, so daß ich glaube, ich könnte mich schon mit Schnitzen durchbringen, wenn ich gesund bliebe. Geht es nicht, so werde ich Holzer. Im Wald, – da wird mir am wohlsten sein. Das macht mir keine Sorge.«

Der Bürgermeister reibt sich wieder die Stirn: »Vielleicht wenn sich die Wut von damals her gelegt hat, ist es auch möglich, Ihnen eine Beschäftigung beim Passionstheater zu geben als Inspizient, als Gehilfe oder bei der Garderobe.« –

Freyer steht auf, eine heiße Röte übergießt seine Stirn, der gleich darauf eine Todesblässe folgt: »Das ist nicht Ihr Ernst, Herr Bürgermeister – ich – Handlangerdienste beim Passion tun – ich?! Wollen Sie mich verhöhnen in meinem Unglück? Dann wehe der Heimat, die ihre Bürger, wenn sie mit der vollen Sehnsucht und Reue des gereiften Mannes bei ihr Trost suchen, mit Spott und Schande von der Schwelle weist!«

Freyer schlägt die Hand vors Gesicht und der Schmerz raubt ihm die Worte. –

Der Bürgermeister läßt ihm einen Moment Zeit, sich zu beruhigen: »Ja, Herr Freyer, bitte, sagen Sie mir, was verlangen Sie denn, daß man Sie machen läßt, nach allem, was vorgefallen, etwa den Christus?«

»Was denn anderes? Um was bin ich denn hierher gekommen? Um der Gemeinde aus der Not zu helfen, weil die Josepha selig von unseren Verwandten einen Brief bekam, wo es hieß, man habe keinen Christus und wisse nicht, was anfangen. Da war mir's wie ein Ruf vom Himmel, und ich wußte in dem Augenblick, wohin ich gehöre. Das Leben hatte keinen Wert mehr für mich – nur ein Gedanke hielt mich aufrecht, der Heimat noch etwas zu sein, zu ersetzen, um was ich sie geschädigt, und gut zu machen, was ich verbrach – und diesmal hätte ich es durchgeführt! – Tag und Nacht bin ich gewandert – nur den einen Wunsch im Herzen, das eine Ziel vor Augen und – jetzt, so zurückgestoßen, – o, das ist zu viel, das ist das Letzte!«

»Herr Freyer, – ich bedaure unendlich und begreife, daß es Sie kränken muß, aber Sie müssen doch selbst einsehen, daß man einem Mann, der uns freiwillig, um nicht zu sagen mutwillig verließ und so lange fort war, daß er uns ein Fremder geworden, nicht gleich die größte und wichtigste Rolle hinwirft, wenn ihn die Not einmal zwingt, in Ammergau wieder ein Unterkommen zu suchen.«

»Ein Fremder bin ich geworden, weil ich zehn Jahre fort war? Herr Bürgermeister, das Wort vergeb' Ihnen Gott! Wir werden einmal beide Rechenschaft ablegen müssen, wie wir seine heilige Mission erfüllten – und dann wird er entscheiden, wer von uns sie tiefer im Herzen getragen – Sie hier – oder ich draußen!«

»Das ist ganz schön und klingt sehr großartig, aber, Herr Freyer, damit beweisen Sie nichts, daß Sie sich auf den lieben Gott berufen, der ist geduldig und der Tag, der diese Entscheidung bringen soll, ich wünsche es Ihnen und mir, noch recht fern!«

»Mir ist er vielleicht näher, als Sie denken, Herr Bürgermeister!«

»Herr Freyer, mit solchen Redensarten rührt man Frauenzimmer, aber nicht Männer!«

Freyer richtet sich auf wie eine gebogene Staude, die plötzlich den Schnee abschüttelt, der sie belastete. »Ich habe niemand rühren wollen, denn mein Bewußtsein ist rein, ich brauche nicht an Ihr Mitleid zu appellieren. Man kann so krank und matt sein, daß man sich nach Teilnahme sehnt, ohne deshalb aus dieser Teilnahme einen Nutzen ziehen zu wollen. Ich glaubte, daß ich mein Herz noch sprechen lassen dürfe, daß ich hier noch verstanden würde. Ich habe mich getäuscht! Nicht ich bin der Heimat – die Heimat ist mir entfremdet, und Sie als das herrschende Organ der Gemeinde, das zwischen ihr und mir vermitteln könnte, Sie zerreißen das letzte Band, das mich mit ihr verknüpft. Verantworten Sie es dereinst an Ammergau, wenn Sie die hinaustreiben, die ihr Herzblut für euch hergeben würden und denen es noch ernst mit der Sache des Passionsspiels ist!«

»O, Herr Freyer, es wäre sehr traurig, wenn wir den Ernst für unsere Aufgabe in der Reihe der Fahnenflüchtigen suchen müßten – die aus egoistischen Motiven vom Schauplatz desertierten.«

»Herr Bürgermeister –!« Freyer besinnt sich einen Augenblick, es ist schwer zu erkennen, was in ihm vorgeht, – es ist, als sammle er die Kraft zur Erwiderung auf diese Anklage im tiefsten Grund des Herzens: »Es ist ein mißlich Ding, wo es sich um Tatsachen handelt, in Gleichnissen zu reden – Sie fingen es aus Höflichkeit für mich an – ich setze es aus derselben Rücksicht fort, obgleich das ›Verblümeln‹ nicht nach meinem Geschmack ist – man trifft ins Leben und will doch nicht gezielt haben! Aber gut, um bei Ihrem Gleichnis zu bleiben: Ich habe nur für meine Person desertiert, wenn Sie es so nennen wollen, und habe mich jetzt freiwillig gestellt. – Sie aber, Herr Bürgermeister, wie haben Sie in der Zeit meiner Abwesenheit die Festung bewacht, die Ihrer Hut anvertraut war?«

Der Bürgermeister wird blutrot, aber seine Ruhe bleibt unerschütterlich: »Nun?« –

»Sie haben ihre Tore den gefährlichsten Feinden geöffnet, all dem, was die gute, alte Ammergauer Art zerstören muß: Sie haben alles getan, um Fremde herzuziehen und Ammergau auf industriellem Wege zu helfen – es war gut gemeint im materiellen Sinn – aber nicht in dem idealen Sinn, den Sie bei mir mit solcher Strenge betonen! Je mehr Sie Ammergau dem Einfluß der Außenwelt erschließen, desto mehr wird die Einfalt, die Frömmigkeit, die Enthaltsamkeit verschwinden, ohne die kein großes Werk des Glaubens wie das Passionsspiel möglich ist. Die Welt hat ein feines Gefühl für das Wahre – darum, weil wir selbst es glauben, glaubt es uns die Welt, sowie wir in der Zivilisation so weit fortschreiten, daß es uns zur Komödie wird, sind wir verloren, denn dann wird es auch der Welt Komödie sein. Sie beabsichtigen im Landrat die Rektifikation des Ettaler Bergs durchzusetzen. Das wäre eine große Tat, – man könnte sagen: ›Es ist der Glaube, der Berge versetzt,‹ denn um des Passionsspiels willen würde man es vielleicht bewilligen, die spätesten Zeiten werden dann Ihren Namen in der Geschichte Ammergaus mit Dank und Ruhm nennen. Aber wissen Sie, was Sie dann getan haben? Sie haben dem Erzfeind alles dessen, wofür Sie kämpfen, die Zugbrücke niedergelassen, den Wall abgetragen, der die Eigenart Ammergaus schützte und es mitten im Wechsel der Zeiten, mitten in dem alles abschleifenden Fortschritt zu jenem Glaubenswunder machte, zu dem die Welt pilgert. Die Welt wird auch noch eine Weile kommen in immer größeren Scharen auf dem geebneten Weg, – aber sie wird in wenig Jahrzehnten das Ammergau, das sie sucht, nicht mehr finden, – ihr Strom hat es ausgewaschen, es hinweggespült, und eine neue wohlhabende, weltkluge Bevölkerung wandelt auf dem Schutt einer versunkenen Zeit und einer begrabenen Tradition!«

»Freyer!« Der Bürgermeister ist unverkennbar ergriffen: »Sie sehen zu schwarz – noch sind wir die alten Ammergauer und Gott wird ja helfen, daß wir es bleiben!«

»Nein, ihr seid's nicht mehr. Schon jetzt zeigen sich die Spuren einer anderen praktischeren Lebensanschauung – eines sogenannten Fortschritts. Ich habe heute bei Ludwig die Zettel der Uebungstheater gelesen, die Sie während des letzten Jahrzehntes seit dem Passionsspiel aufgeführt! Herr Bürgermeister, haben Sie da den Ernst der Aufgabe Ammergaus im Auge gehabt, als Sie die Passionsdarsteller zu Possenreißern machten?«

»Freyer!« Der Bürgermeister richtet sich hoch auf.

»Nun, Herr Bürgermeister, haben Sie etwa keine Possen gegeben, oder wenigstens komische Volksstücke? War der Herrgottsschnitzer von Oberammergau, – den Sie zwei Jahre lang öffentlich auf dem geweihten Boden des Passionstheaters spielen ließen, war er geeignet, den Nachklang des Passionsspiels in den Seelen der Ammergauer zu erhalten? Nein – die letzte Träne der Erinnerung, die noch zurückgeblieben sein mochte, – sie mußte vertrocknen in der ausgelassenen Lustigkeit, die, einmal geweckt, nur zu gern die unbequeme Tiara mit der leichteren Narrenkappe vertauscht! Und dieses Schauspiel gaben Sie der Welt, Herr Bürgermeister, so zeigten Sie die Darsteller der Leidensgeschichte unseres Herrn und Heilandes den Fremden, die noch voll Ehrfurcht kamen, den Altar zu sehen, – auf dem das heilige Feuer verraucht war! Ich weiß wohl, Sie werden auch dafür eine Erklärung haben: Sie wollten den Leuten nach dem furchtbaren Ernst der Passionsspiele ein Aufatmen in etwas Heiterem gönnen, und das war sehr klug von Ihrem Standpunkt aus, denn Sie gewinnen ja dabei, wenn Ihre Gemeinde unter Ihrer Führung lustig ist. Vergnügte, zerstreute Menschen lassen sich leichter regieren als ernste, nachdenkliche! – Ich gebe Ihnen zu, daß Sie nichts wollen, als die Leute nach Ihrem Kopf glücklich zu machen, und daß Ihr ganzer Ehrgeiz ist, Ammergau groß und reich werden zu lassen. – Aber, Herr Bürgermeister, es verträgt sich nicht miteinander, der Welt die erhabene Religion des Schmerzes und der Entsagung mit überzeugender Wahrheit vor Augen zu führen – und in Wohlhäbigkeit und sorgloser Oberflächlichkeit dahinleben zu wollen. Ohne Opfer an Lebensfreude und persönlichem Behagen erkauft sich die göttliche Gnade nicht, sonst ist es ein Puppenspiel, das wir mit der Gottheit treiben, und der Segen ist hin!« –

Freyer schweigt und blickt mit gekreuzten Armen vor sich nieder.

Der Bürgermeister betrachtet ihn lange sinnend: »Ich habe Sie ruhig ausreden lassen, weil mich Ihre Auffassung der Dinge interessierte. Es ist die Auffassung eines Schwärmers, die in unserer materialistischen Zeit immer seltener wird. Aber verzeihen Sie mir – einen anderen als einen subjektiven Wert kann ich ihr nicht beilegen. Nach Ihrer Theorie müßte ich Ammergau wie ein Stück konservierten Mittelalters vor jeder Berührung mit der Außenwelt abschließen, müßte es jedes Hilfsmittels zur Förderung seiner industriellen und materiellen Interessen berauben, um die unglücklichen Leute durch Not und Sorge zu richtigen Passionsdarstellern gleichsam zu präparieren. Das würde sich ganz gut schicken, wenn ich statt Bürgermeister von Ammergau Großmeister eines Ordens zur Uebung geistlicher Askese – und Ammergau etwa ein Trappistenkloster wäre. – Aber als Bürgermeister einer weltlichen Gemeinde muß ich vor allem für deren zeitliche Wohlfahrt sorgen, und daß dies zu allzu großer Ueppigkeit führen sollte, dazu ist leider noch nicht die geringste Aussicht! Meine Aufgabe als Amtsvorstand eines Orts ist, daß ich diesen so groß, so reich, so glücklich mache, als ich nur irgend kann, das ist eine direkt gegen diesen und indirekt gegen den Staat übernommene Verpflichtung. Erst nachdem ich dieser genügt habe, kann ich der ideelleren Seite meines Amtes – in meiner Eigenschaft als Leiter des Passionsspiels gerecht werden. Aber auch als solcher habe ich keine Befugnis, irgend welchen Gewissenszwang auszuüben in dem Sinn Ihrer zwar edeln – aber fanatischen und unpraktischen Denkweise. Sie müssen sehr bittere Erfahrungen gemacht haben, Herr Freyer, daß Sie die irdischen Güter so gering schätzen, und Sie dürfen nicht verlangen, daß einfache Leute, die sich ihres Lebens und ihrer Arbeit freuen, sich zu dieser pessimistischen Anschauung bekehren, als ob wir unserem Gott nur mit zerschlagenem Gemüte dienen könnten. – Man muß einem Volk wie einem Menschen seine Individualitat lassen. Ich will keine Scheinheiligen erziehen und ich kann niemand mit Gewalt zum Märtyrer machen, um dafür das Passionsspiel desto natürlicher darstellen zu können! So etwas läßt sich nicht erzwingen.«

»Gerade deshalb – weil Sie es nicht erzwingen können, brauchen Sie Menschen, die es freiwillig tun! – Und wenn diese auch gottlob noch nicht ausgestorben sind in Ammergau, so haben Sie doch deren nicht so im Ueberfluß, daß Sie diejenigen, welche das kleine Häuflein verstärken wollen, zurückzustoßen brauchen. Glauben Sie mir, ich habe da draußen mit der Heimat inniger fortgelebt, als wenn ich hier geblieben und von den verschieden widersprechenden Strömungen in dem bewegten Treiben unserer Brüder fortgerissen wäre! – Denn wissen Sie, Herr Bürgermeister, wo der Gedanke des Passionsspiels in seiner ganzen Schönheit zur Geltung kommt? Nicht hier in Ammergau – sondern in der Welt draußen, – wie das Leuchtgas nicht da, wo es aus Kohle und Schlacke bereitet wird, sondern in der Ferne erst sein Licht verbreitet. Deshalb meine ich, Herr Bürgermeister, Sie sollten die Rechte eines Ammergauers nicht nach der Zeit bemessen, die er hier zubrachte, sondern nach der Gesinnung, mit der er Ammergau zugetan ist, darauf kommt es an und in diesem Sinne kann auch der Fremde ein besserer Ammergauer sein als jene selbst!«

»Ja, Freyer, Sie haben recht – aber – ein offenes Wort ist das andere wert. Sie haben mich überrascht und ergriffen mit dem, was Sie sagten – aber, wenn ich auch den Verhältnissen und dem Geist der Zeit manche Konzession machen muß, die im Widerspruch zu meinen Ansichten steht und mich in Kämpfe mit mir selbst verwickelt, von denen wohl keiner von euch, ihr alles besserwissenden jüngeren Herren, etwas ahnt, – so weit wird mich nichts in der Welt bringen, daß ich in Passionsangelegenheiten meinen Grundsätzen untreu werde. Freyer, vergeben Sie mir das harte Wort, aber es muß gesagt sein: Ihre Handlungsweise stimmt mit Ihren eben ausgesprochenen Grundsätzen nicht überein und diesen Widerspruch werden Sie niemand plausibel machen können. Wer wird an die Aufrichtigkeit Ihrer moralischen Strenge glauben, nachdem Sie neun Jahre in einem zweideutigen Verhältnis mit der Dame gelebt, mit der Sie uns verließen? Freyer, ein Mann, der das getan – kann den Christus nicht mehr spielen!«

Freyer steht stumm wie eine Bildsäule.

Der Bürgermeister reicht ihm die Hand – »nicht wahr – Sie sehen selbst ein, daß ich nicht anders handeln kann? Lieber die Spiele ganz ausfallen lassen als einen Christus, auf dem ein Makel ruht. Solange Sie sich also davon nicht rechtfertigen können –«

Freyer richtet sich stolz auf: »Und das werd' ich nie!«

»Dann müssen Sie verzichten!«

»Ja, dann muß ich verzichten. Adieu, Herr Bürgermeister!«

Freyer verbeugt sich und geht – er ist noch blasser, als wie er kam, aber kein Laut verrät die Todesqual, die an seinem Herzen nagt. Auch der Bürgermeister ist schmerzlich bewegt. Sein armer Kopf glüht – es tut ihm leid um Freyer – aber er kann nicht anders.

Als Freyer soeben die Tür erreicht, eilt der Gemeindediener mit einem Expreßbrief herein. Freyer erkennt im Vorbeigehen auf dem Couvert die großen wohlbekannten Schriftzüge – der Gräfin. Ihm schwindelt, er muß sich am Türpfosten halten. Der Bürgermeister sieht es – »bitte, Herr Freyer, setzen Sie sich noch einen Augenblick – der Brief ist zwar an mich, wird aber wohl Sie angehen?«

Der Gemeindediener zieht sich zurück. Freyer steht unschlüssig, was er tun soll.

Mit einem Blick hat der Bürgermeister den Brief überflogen, dann reicht er ihn Freyer: »Lesen Sie!«

»Ich danke – ich lese keinen Brief, der nicht an mich gerichtet ist!«

»Nun, dann muß ich es Ihnen sagen: Frau Gräfin Wildenau bittet mich in Ermangelung Ihrer Adresse, ein Kapital bei mir deponieren zu dürfen, welches ich in einem größeren Grundbesitz oder in Papieren nach eigenem Ermessen für Sie anlegen soll. Sie dürften es erst erfahren, wenn die Schenkung notariell beglaubigt wäre. Ich halte es jedoch für Pflicht, Ihnen dies mitzuteilen.« –

Freyer steht ruhig und klaren Blickes vor ihm. »Nicht wahr, man kann nicht gezwungen werden, eine Schenkung anzunehmen, wenn man nicht will?«

»Gewiß nicht!«

»Nun, dann schreiben Sie, bitte, umgehend der Frau Gräfin, daß ich weder Schenkungen noch irgend welche Unterstützungen von – Fremden annehme und daß Sie sowohl wie ich jeden Versuch, ihre Großmut in dieser Weise zu betätigen, von vornherein ablehnen!« –

»Freyer!« ruft der Bürgermeister, »ein Vermögen, das Ihnen in den Schoß geworfen wird, ist das nicht ein Stolz, der Sie einmal reuen könnte?«

»Ich bin nicht stolz, – ich habe auf dem Herweg von Almosen gezehrt, Herr Bürgermeister, – und wenn es nicht anders ginge, so würde ich mich nicht schämen, das Stück Brot anzunehmen, was der ärmste Mann mit mir teilte, – aber von der Gräfin Wildenau nehm' ich nichts – eher sterb' ich Hungers!«

Da springt der Bürgermeister vom Stuhl auf und tritt vor Freyer hin. Seine hagere Gestalt bebt vor einer großen Bewegung, seine müden Augen glänzen in Begeisterung, er breitet die Arme aus: »Freyer – jetzt gehören Sie wieder zu uns – und jetzt sollen Sie auch den Christus wieder spielen!«

Still, in unnennbar wehmütigem Glück sinkt Freyer an die Brust des Bürgermeisters.

Die Heimat ist versöhnt!


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