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Neunundzwanzigstes Kapitel

Da die alte Lady Harbinger Anfang Februar des nächsten Jahres starb, wurde Barbaras Hochzeit mit ihrem Sohn bis zum Juni verschoben.

Viel wilde Frühlingslieblichkeit umsäumte noch das hochgelegene Heidemoor von Monkland an jenem frühen Morgen des Hochzeitstages.

Barbara war schon auf und in ihrem Reitkleid, als ihre Jungfer sie wecken wollte, und da sie bemerkte, wie Stacey erstaunt auf ihre Stiefel blickte, sagte sie:

»Nun, Stacey?«

»Sie werden sich müde machen.«

»Unsinn! Ich werde doch nicht aufgehängt.«

Sie lehnte die Begleitung des Reitknechts ab und ritt auf die Höhe des Heidemoors, wo sie vor einem Jahr mit Courtier geritten war. Hier oben, in dem kurzen Heidekraut, das noch nicht blühte, konnte man etwa zwei Kilometer weit eben galoppieren. Langsam ließ sie das Pferd bergansteigen, und ihr Geist flog voraus, sehnte sich danach hinaufzukommen, wo die Lachmöven und die Brachvögel waren, die frische Torferde unter sich dahinfliegen zu sehen und unter dem tiefblauen Himmel sich den Wind ums Gesicht wehen zu lassen. Von ihrem warmblütigen Lieblingspferd getragen, das in übermütiger Freude dahinsprang, vor Lust schnaubte und schnaufte, das nach ihr zu schauen versuchte, um ihre Absicht zu erraten, mit dem Gebiß knirschte, was sie so gerne hörte, und dessen Launen sogar nur darauf berechnet schienen, sie zu einer festeren Umarmung zu zwingen – war Barbara von einer Art köstlicher Ungeduld erfüllt mit allem, was nicht auch so von Kraft und Leben strotzte.

Als sie oben war, setzte sie das Pferd in Galopp. Sie geriet in Ekstase, wie sie so dahinflog, während der Wind ihr Gesicht peitschte und ihre Kehle austrocknete, während ihr Blut prickelte und jeder Muskel voll Spannung war.

Sie lenkte das Pferd nach dem Steinhügel, von dem aus sie und Courtier auf die Ponyherde heruntergeblickt hatten. Heute war es nur mehr eine Erinnerung, unbestimmt und lieb, wie die Erinnerung an einen besondern Frühlingstag, an dem die Bäume vor unsern Augen zu blühen scheinen und aus lauter Übermut einen Limonenduft ausströmen. Die Ponys waren noch immer da und in der Ferne das leuchtende Meer. Sie dachte an gar nichts, nur daran, wie gut es sei zu leben. Welche Fülle und Schönheit in allem, welche Freiheit und Kraft! Nach Westen zu über einer einsamen Farm konnte sie zwei Habichte ihre weiten Kreise ziehen sehen. Sie beneidete sie nicht, so glücklich war sie, so glücklich wie der Morgen selbst. Und plötzlich überkam sie eine heftige, überwältigende Sehnsucht, wie man sie auf Bergen fühlt.

»Ich muß es tun,« sagte sie, »ich muß ganz einfach!«

Vom Pferde gleitend, legte sie sich auf den Rücken, und im Augenblick sah sie nichts mehr um sich her, nur noch den Himmel. Das warme, weiche Heidekraut schützte sie vor dem Boden, und der Wind strich ohne Laut oder Berührung über sie hin. Ihr Geist ward eins mit der ruhevollen, unendlichen Freiheit um sie her. Über ihre eigene Zufriedenheit emporgehoben, war sie sich ihrer Freude nicht einmal mehr bewußt.

Hal, das Pferd, kaute an ihrem Ärmel und brachte sie zur Besinnung. Sie stieg auf und ritt hinab. In der Nähe des Hauses kürzte sie den Weg ab, quer über eine Wiese, durch die zwei schmale, helle Bäche flossen, die eine Insel bildeten, voll von lieblichen Gänseblümchen, malvenfarbenem Knabenkraut und gelben Schwertlilien. Und die ganze weite, bunte Wiese, die so abwechslungsreich war mit ihren Bäumen und Steinen, Blumen und Bächen, stand im Glanz des scheidenden Frühlings.

Einige Ponys kamen herbei und blickten aus sicherer Entfernung scheu und neugierig, mit unschlüssig schnuppernden Nasen und mit den langen Schwänzen schlagend, auf Barbara und ihr Pferd. Und plötzlich flog, sich gegenseitig lockend, in der Ferne ein Kuckuckspärchen auf und flatterte nach den Dornbüschen auf dem Heidemoor. Während sie die flinken Vögel beobachtete, sah sie, wie jemand hinter einer Gruppe von Buchen hervor auf sie zukam, und erkannte plötzlich Mrs. Noel!

Errötend ritt sie weiter. Was sollte sie sagen? Durfte sie von ihrer Hochzeit sprechen und Miltouns Anwesenheit verraten? Durfte sie überhaupt irgend etwas sagen, ohne in Audrey ein schmerzliches Gefühl wachzurufen? Über ihre Unentschlossenheit die Geduld verlierend, machte sie den Anfang:

»Es freut mich so, Sie wiederzusehen! Ich wußte gar nicht, daß Sie noch hier sind.«

»Ich bin gestern erst nach England zurückgekommen und lasse nur meine Sachen einpacken.«

»O!« murmelte Barbara, »Sie wissen vermutlich, was mir bevorsteht?«

Mrs. Noel lächelte, blickte auf und sagte: »Ich habe es gestern abend gehört. Ich wünsche Ihnen alles Schöne!«

Barbara fühlte etwas in ihrer Kehle aufsteigen.

»Ich habe mich so gefreut, Sie zu sehen!« murmelte sie noch einmal. »Ich glaube, ich muß fort,« und mit einem »Leben Sie wohl!«, das freundlich erwidert wurde, ritt sie davon.

Aber ihre freudige Stimmung war verflogen; sogar Hal, das Pferd, schien unsicher zu traben, trotzdem es zu seinem Stall zurückging, nach dem es sich stets schon wieder sehnte, kaum daß es ihn zehn Minuten verlassen hatte.

Mrs. Noel hatte sich nicht verändert, nur ihre Augen schienen dunkler. Wenn sie das geringste Mitleid mit sich selbst hätte merken lassen, hätte sich das Mädchen gar nicht so niedergeschlagen und unglücklich gefühlt.

Als sie die Stallungen verließ, sah sie, daß der Wind eine riesige, weiße, leuchtende Wolke aufgetrieben hatte. ›Es wird vielleicht doch nicht schön bleiben!‹ dachte sie.

Sie ging ins Haus hinauf über eine Hintertreppe, die direkt in die Bibliothek führte; dieses große, dunkle Zimmer mußte sie durchschreiten. Dort sah sie vor dem Kamin Miltoun in einen Lehnstuhl versunken mit einem Buch auf den Knien; er las nicht, sondern blickte zu dem Bild des alten Kardinals empor. Sie ging auf den Zehen rasch über den weichen Teppich mit angehaltenem Atem, aus Furcht, das sonderbare Zwiegespräch zu stören; auch fühlte sie sich schuldig, weil sie etwas wußte, das sie nicht sagen wollte. Einmal hatte sie ihre Finger an der Flamme zwischen den beiden verbrannt; ein zweites Mal würde sie es nicht tun!

Durch das jenseitige Fenster sah sie, daß die Wolke auseinandergeborsten war; es regnete heftig. Sie erreichte ungesehen wieder ihr Schlafzimmer. Trotz ihrer Freude draußen auf dem Heidemoor bedrückte sie dies letzte Abenteuer ihrer Mädchenzeit nun doch; sie empfand wieder die alten Gefühle, die alten Zweifel, die Unzufriedenheit, die sie schon tot geglaubt hatte. Jene beiden! Konnte man vor der Wirklichkeit die Augen schließen und glücklich sein – war es möglich? Ein großer Regenbogen, so nah, wie sie noch nie einen gesehen, stieg im Park empor und kam jenseits auf den Feldern wieder zur Erde. Die Sonne schien schon wieder durch den vom Wind gepeitschten, glitzernden Regen. Blaue Juwelen schimmerten zwischen den schwarz-weiß-goldenen Wolken. Ein seltsam weißes Licht, das wie der Geist des Frühlings durch diesen letzten heftigen Ausbruch geglitten war, beleuchtete die Blätter eines jeden Baumes; und hundert bunte Farben hatten sich wie ein Schwarm lichter Vögel auf Heide und Feldern niedergelassen.

Dieser Augenblick wilder Schönheit ergriff Barbara heftig. Ihr Herz erschauerte unter diesen stürmischen Vorgängen der Natur. Sie faltete die Hände über der Brust, als wollte sie versuchen, den Augenblick festzuhalten. Weit draußen rief ein Kuckuck, und der Wind trug den traulichen Ruf herzu. In jenem Ruf schien alle Schönheit und Farbe, alles Entzücken des Lebens zu verklingen. Wenn sie ihn nur festhalten und immer im Herzen bewahren könnte, so wie die Butterblumen da draußen die Sonne gefangen hielten, oder wie die Regentropfen auf den Heckenrosen rings um die Fenster das wechselnde Licht einschlossen! Wenn es nur keine Ketten, keine Mauern, keine Endgültigkeit mehr gäbe!

Ihre Uhr schlug zehn. Morgen um diese Zeit! Ihre Wangen wurden heiß; im Spiegel sah sie das brennende Rot, ihre spöttischen Lippen und die seltsamen Augen. Sie sah ihr Spiegelbild lange an, bis nach und nach aus ihrem Gesicht jede Spur der Verwirrung wich, bis es wieder ruhig und gefestigt war. Das brausende, stürmische Gefühl in ihrem Herzen machte nun der Kälte Platz. Losgelöst von sich selbst, beobachtete sie mit Genugtuung, wie ihre Schönheit wieder die ruhig leuchtende Außenseite gewann, die sie für einen Augenblick verloren hatte.

 

Als an diesem Abend nach dem Dinner die Herren den Speisesaal verließen, schlüpfte Miltoun in sein Zimmer hinauf. Von allen Anwesenden in der kleinen Kirche war er, der scheinbar Regloseste, am meisten bewegt gewesen. Obgleich die Hochzeit so ruhig und nur im engsten Familienkreis gefeiert wurde, so war ihm doch all die billige Festlichkeit, die die Abreise seiner jungen Schwester umgab, nicht recht gewesen. Er hätte es am liebsten gesehen, wenn die Zeremonie in der kleinen, unbenutzten, dunkeln Kapelle von Monkland Court vor sich gegangen wäre, in Gegenwart nur der beiden und des Priesters. Hier, in dieser halbheidnischen kleinen Dorfkirche, die man eilig mit ungeheuren Blumenmengen geschmückt hatte, mit dem ungeschulten Gesang des halbheidnischen Chors, mit der Neugier und Huldigung der Dorfbewohner, mit der langweiligen Nachfeier, war ihm alles auf die Nerven gegangen. Er wechselte seinen Frack gegen ein altes Jackett und ging hinaus auf den Rasen. Dort in der Dunkelheit konnte er seine Erbitterung loswerden.

Seit dem Tage seiner Wahl war er noch kein einziges Mal wieder in Monkland gewesen; seit Mrs. Noels Flucht hatte er London nicht mehr verlassen. In London und in der Arbeit hatte er sich begraben; London und die Arbeit hatten ihn gerettet! Er hatte den Kampf aufgenommen.

Es war noch kein Tau gefallen, und er schlug den Pfad über die Felder ein. Weder Mond noch Sterne waren zu sehen, es ging auch kein Wind; das Vieh lag regungslos unter den Bäumen; keine Eulen schrien, keine Nachtschwalben schwirrten umher, die Nachtkäfer waren noch nicht unterwegs. Der Bach war das einzig Lebendige in der Ruhe der Nacht. Und als Miltoun der Linie des grauen Weges folgte, der zwischen den mattglänzenden Gänseblümchen und Butterblumen sich hinzog, überkam ihn ein Gefühl, als wandle er nicht im Traumland, sondern im Lande des ewigen Wartens. Der Laut seiner Schritte schien Entweihung. So ehrfürchtig war die Stille, in der würziger Weihrauch von Millionen Blättern und Grashalmen brannte.

Über den letzten Zauntritt steigend, befand er sich dicht bei dem verlassenen Häuschen, unter ihrem Lindenbaum, der in der Nacht von Courtiers Abenteuer den Mond blauschwarz umrahmt hatte. Auf dieser Seite begrenzten nur ein Gitter und ein paar Büsche ihren Garten.

Das Haus war vollkommen dunkel, aber die vielen hohen weißen Blumen, die wie Dunst von der Erde aufstiegen, ließen die Luft über den Blumenbeeten hell erscheinen. An den Baum gelehnt, überließ sich Miltoun der Erinnerung.

Auf den reglosen Zweigen, die um seine dunkle Gestalt herunterhingen, stieß ein kleines, schläfriges Vögelchen ein leises Zirpen aus; ein Igel oder sonst ein kleines Nachttier raschelte im Gras dicht bei ihm; eine Motte, die ihre Kerzenflamme suchte, flog vorbei. Und irgend etwas in Miltouns Herzen schien mitzufliegen und Wärme und Helligkeit seines erloschenen Lichts der Liebe zu suchen. Dann hörte er in der Stille einen Laut, als würde ein Zweig unaufhörlich durch das Gras geschleppt, ferner und leiser, dann wieder deutlicher und wieder leiser; aber er sah nichts, von dem dieser ruhlose Laut hätte herrühren können. Und das Gefühl der Gegenwart eines unsichtbaren Menschen beschlich ihn, so daß sein Haar sich sträubte. Wenn Gott nur den Mond oder die Sterne anzünden wollte, daß er sehen könnte! Wenn Gott nur die Spannung dieser Nacht enden wollte, nur einen Lichtschimmer in ihren Garten senden, nur einen Lichtschimmer in seine Brust! Aber es blieb dunkel, und der heimatlose Laut verstummte nicht. Der unheimliche Gedanke überkam Miltoun, daß es sein eigenes Herz sei, das da draußen wandere, um seine Liebe wieder zu finden. Er schloß die Augen und wußte sofort, daß es nicht sein Herz war, sondern irgend eine trostlose Seele da draußen. Mit ausgestreckten Händen ging er vorwärts, um den Laut zum Schweigen zu bringen. Als er das Gitter erreicht hatte, war alles ruhig. Und er sah eine Flamme aufleuchten und einen blassen, breiten Lichtstreifen quer über das Gras fallen.

Plötzlich kam ihm mit einem erschreckten Aufseufzen zum Bewußtsein, daß sie dort drinnen war. Seine Fingernägel bogen sich an dem eisernen Gitter und brachen, ohne daß er es merkte. Es war nicht wie in jener Nacht, als die roten Blumen auf ihrem Fensterbrett ihren Duft ihm zugeweht hatten; es war nicht allein überwältigende Leidenschaft. Tiefer, schrecklicher war diese emporquellende Sehnsucht nach Liebe in ihm – als ob sie sich nie mehr wieder regen würde, ab ob sie tot in dem dunkeln Gras unter den dunkeln Bäumen liegen bliebe, wenn man sie jetzt nicht gewähren ließe. Wenn aber seine Sehnsucht siegte – was dann? Er stahl sich unter den Baum zurück.

Er sah kleine weiße Motten, die auf dem Streifen Lampenlicht tanzten; er konnte die weißen Blüten jetzt ganz deutlich sehen, eine blasse Blütenwache, die die dunkeln Schläfer unter den Blumen hütete; so stand er da, ohne zu denken, fast ohne zu fühlen, betäubt, vom Kampf zerschlagen. Gesicht und Hände klebten ihm vom Honigtau, der langsam und unsichtbar von der Linde herunterträufelte. Er beugte sich nieder und befühlte das Gras. Und plötzlich überkam ihn die Gewißheit ihrer Gegenwart. Ja, dort war sie – auf der Veranda! Er konnte ihre weiße Gestalt genau sehen, und ganz vergessend, daß sie ihn ja nicht sehen konnte, erwartete er einen Ausruf von ihr. Aber kein Laut kam von ihr, kein Zeichen; sie wandte sich ins Haus zurück. Miltoun rannte zum Gitter. Doch da blieb er wieder stehen, unfähig zu denken und zu fühlen, als wenn er von sich selbst verlassen wäre. Und plötzlich preßte er die Hand auf den Mund, als müßte er das Blut zurückhalten, das aus seinem Herzen strömte.

Noch immer die Hand auf den Mund pressend und bemüht, das Geräusch seiner Schritte im Gras zu dämpfen, stahl er sich davon.


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