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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Der Westwind, dessen Wehen Courtier und Miltoun in der Nacht vorher gespürt hatten, blies an der Themse die ersten Herbstwolken am Himmel zusammen. Langsam kriechende, wollige, graue Wolken versuchten die Sonne zu verdunkeln, die so früh am Tage nur ab und zu die Kraft aufbrachte, sie zu durchbrechen. Während Audrey Noel sich ankleidete, tanzten die Sonnenstrahlen verzweifelt auf der weißen Wand wie kleine, verlorene Eintagsseelen oder wie Mücken, die in flüchtiger Freude herumwirbeln und keine Spur in der Luft hinterlassen. Durch die Spalten eines Seitenfensters, das von einer dunkeln Jalousie bedeckt war, spannten sich ein paar dunstige Lichtfasern bis in ihren Spiegel hinein. Diese zitternden grauen Spiralen, die so körperhaft schienen, daß Audrey erstaunte, als sie sie nicht mit der Hand greifen konnte, und die doch wie eifersüchtige kleine Geister ihren Platz behaupteten, brachten ihrem unglücklichen Herzen einen Augenblick Zerstreuung. Denn wie konnte sie glücklich sein, da ihr Geliebter nun schon seit dreißig Stunden von ihr fort war und seine letzten Küsse nicht vermocht hatten, die Vorahnung eines Unheils, die sie bei der Mitteilung seines Entschlusses überkommen hatte, zu übertäuben! Ihre Augen blickten tiefer als seine; ihr Instinkt war vom Schicksal gewarnt worden.

Ihn herunterzuziehen, der Zerstörer seiner Arbeit zu sein; nicht sein Helfer, sondern sein Hemmschuh; nicht das inspirierende Licht, sondern die Wolke davor! Und das nur wegen einer Gewissensfrage, die sie nicht begreifen konnte. Sie war nicht erzürnt über diese unverständlichen Skrupel, aber ihr Fatalismus und ihre Sympathie machten sich Gedanken über seine Zukunft. Wenn die Dinge so lagen, dann würde er über kurz oder lang fühlen, daß ihre Liebe ihn lähmte, und wenn er sie trotzdem weiter begehrte, so würde es nur mit den Sinnen sein. Und wenn er fähig war, wegen dieses Skrupels seine Stellung in der Öffentlichkeit aufzugeben, so würde er auch fähig sein, mit ihr weiter zu leben, wenn auch seine Liebe schon erstorben wäre. Diesen Gedanken konnte sie nicht ertragen. Er schmerzte sie bis in die tiefste Seele. Und dennoch, konnte das Schicksal so grausam sein, ihr das kaum erst geschenkte Glück wieder zu nehmen? Ihre Liebe sollte doch gewiß länger als nur einen Sommertag währen; seine Liebe – nur eine Umarmung und dann – für immer aus!

An diesem Morgen bewirkte ihre Verzweiflung, daß sie selbst zugab, schön zu sein. Es mußte ihm an ihr mehr liegen als an seiner Stellung im öffentlichen Leben, und bei dem bloßen Gedanken daran verdunkelte sich ihr Antlitz. Jenes andere Leben, das so streng war und ihr so fern lag! So ohne Liebe, so formell, und dennoch für ihn so wirklich, so verzweifelt, so grausam wirklich! Wenn er tatsächlich seine Karriere aufgab, dann müßte ihm das Leben, das sie zusammen führen würden, Ersatz bieten, ein Leben zwischen einfachen, lieben Dingen, die es überall in der Welt gab, mit Musik und Bildern, Blumen und der Natur, mit Freunden, die man um seiner selbst willen hatte; ein Leben der Güte gegen jeden Menschen, der Hilfe für Arme und Unglückliche, ein Leben der Liebe zueinander. Aber an solch einem Leben lag ihm nichts. Was hatte es für einen Sinn, sich das einzubilden? Es war recht und natürlich, daß er seine Kräfte gebrauchen wollte! Zum Führen und Dienen! Sie hätte ihn gar nicht anders gewollt. Während dieser Gedanken, die sie bedrängten und nicht mehr verließen, fuhr sie fort, ihr dunkles Haar zu drehen und aufzuwickeln und ihr Herz hinter den Spitzen ihres Kleides zu verbergen. Bei ihrer Sorgfalt bemerkte sie auch zwei welke Blüten in der Blumenvase auf ihrem Toilettetisch, entfernte sie und füllte frisches Wasser nach.

Noch ehe sie ihr Schlafzimmer verließ, hatten die Sonnenstrahlen zu tanzen aufgehört, und die grauen Lichtfasern waren verschwunden. Der ganze Himmel war schon herbstlich. Als sie an dem Spiegel in der Halle vorüberging, der immer unhöflich gegen sie war, hatte sie nicht den Mut hineinzuschauen. Da kam ihr plötzlich der Glaube der Frau an die Macht ihrer Schönheit zu Hilfe; sie fühlte sich fast glücklich – sicherlich, er mußte sie mehr lieben als sein Gewissen. Doch diese Zuversicht war sehr schwankend und gab der leisesten Erschütterung nach. Sogar das freundliche, rotwangige Stubenmädchen schien sie an diesem Morgen mit Mitleid zu betrachten. Ihr angeborenes Gefühl nicht für ›guten Ton‹, aber für Harmonie, das sie vor allem zurückschrecken ließ, was einen andern stören oder kränken könnte, oder einen glauben ließe, sie verdiene Mitleid, machte sich sofort geltend; mehr denn je bemühte sie sich, nicht einmal sich selbst etwas merken zu lassen. So verbrachte sie den Morgen und erledigte mechanisch die kleinen täglichen Arbeiten. Während der ganzen Zeit war eine überwältigende Sehnsucht in ihr, mit ihm von England fortzugehen, um zu sehen, ob die tausend Schönheiten, die sie ihm zeigen konnte, nicht auch ihn mit Liebe erfüllen würden zu allem, was sie liebte. Als Mädchen hatte sie fast drei Jahre im Ausland zugebracht. Und Eustace war noch nie in Italien gewesen und auch nicht in ihren geliebten Gebirgstälern! Dann zerstörte die Erinnerung an seine Zimmer im Templegebäude diese Vision. Die satten Farben des Enzians, der braunen Felsen und der Alpenrose konnten den Liebhaber jener Bücher, jener Papiere, jener großen Landkarte nicht bezaubern. Und sie spürte wieder so deutlich den Geruch von Leder wie damals, als sie geräuschlos bei ihrer Pflegearbeit dort hin- und herging. Dann überkam sie wieder das warme, wundervolle Gefühl, das in all diesen herrlichen Tagen in ihr gewesen war, das Gefühl der Liebe, die weiß, daß ihr Triumph und ihre Erfüllung kommt; das herrliche Bewußtsein, daß sie jede Minute ihrer Zeit, jeden Gedanken, jede Bewegung ihm allein gab; und das herrliche, unbewußte Warten auf den göttlichen, unwiderruflichen Augenblick, da sie endlich ihm gehören würde und er ihr. Auch erinnerte sie sich wieder, wie müde, wie gesegnet müde sie gewesen war, und wie sie die ganze Zeit über gelächelt hatte vor innerm Glück, daß sie seinetwegen müde war.

Das Läuten der Glocke ließ sie zusammenfahren. Sein Telegramm hatte gemeldet: am Nachmittag! Sie entschloß sich, nichts von dem Kummer zu zeigen, der die ganze Welt für sie verdunkelte, und sie atmete tief in der Erwartung seines Kusses.

Es war nicht Miltoun, sondern Lady Casterley.

Der Schrecken ließ das Blut in ihren Schläfen klopfen. Doch als sie bemerkte, daß auch die kleine, vor ihr stehende Gestalt vor ihr zitterte, zog sie einen Stuhl herbei und sagte: »Bitte, wollen Sie sich nicht setzen?«

Der Ton dieser alten Stimme, die ihr dankte, erweckte plötzlich die Erinnerung an ihren Garten in Monkland, der im Glanz und Sonnenlicht des Sommers gebadet lag, sie sah an ihrer Gartentür Barbara stehen, die diese kleine Gestalt überragte, die jetzt so schweigend mit ganz weißem Gesichte vor ihr saß. Diese harten Züge, diese scharfen und doch verschleierten Augen hatten sie zu oft in Gedanken verfolgt; es war wie ein Wirklichkeit gewordener schwerer Traum.

»Mein Enkel ist nicht hier, nicht wahr?«

Audrey schüttelte den Kopf.

»Wir haben von seinem Entschluß gehört. Ich will ganz gerade heraus mit Ihnen sprechen. Es ist ein Unglück – eine Katastrophe für mich. Seit seiner Geburt kenne und liebe ich ihn, und ich bin töricht genug gewesen, Luftschlösser zu bauen. Ich habe gedacht, daß Sie vielleicht gar nicht wissen, wie sehr wir auf ihn zählten. Sie müssen einer alten Frau verzeihen, wenn sie so hierherkommt. In meinem Alter liegt einem nur noch an wenigem etwas, aber an diesem wenigen liegt mir sehr viel.«

Und Audrey dachte: ›In meinem Alter liegt einem nur an einer Sache etwas, aber dies eine gilt mehr als der Tod.‹ Doch sie sagte nichts. Zu wem, wozu sollte sie sprechen? Zu dieser harten alten Frau, die die Welt personifizierte? Welchen Sinn hatten Worte?

»Ihnen kann ich sagen,« fuhr die Stimme dieser kleinen Gestalt fort, die mit ihrer grauen Gegenwart das ganze Zimmer zu erfüllen schien, »was ich keinem andern sagen könnte; denn Sie sind nicht hartherzig.«

Aus dem Herzen, dem solches Lob zuteil ward, stieg ein Zittern auf bis in die unbeweglichen Lippen. Nein, sie war nicht hartherzig! Sie konnte sogar mit dieser alten Frau fühlen, aus deren Stimme die Angst den Despotismus verdrängt hatte.

»Eustace kann nicht ohne seine Karriere existieren. Seine Karriere ist sein Leben. Er muß handeln und Führer sein und seine Kräfte gebrauchen. Was er Ihnen gegeben hat, ist nicht sein wahres Selbst. Ich will Sie nicht kränken, aber Wahrheit bleibt Wahrheit, und davor müssen wir uns alle beugen. Ich mag hart sein, aber ich kann das Leid respektieren.«

Das Leid respektieren! Ja, das konnte dieser graue Gast, so wie der Wind die Oberfläche des Meeres respektiert, über die er hinweht, wie die Luft die Außenseite einer Rose; aber ins Herz eindringen, ihr Leid verstehen, das konnte das Alter niemals für die Jugend tun. Ebenso gut könnte man versuchen, das Geheimnis des Zickzack-Schwalbenflugs da draußen über dem Strom zu ergründen, oder dem Ursprung des leisen Duftes der Lilien in jener Schale nachzugehen. Wie konnte sie denn wissen, was in ihr vorging, diese kleine alte Frau, deren Blut so kalt war? Und Audrey fühlte, daß diese Frau nur die äußere Seite der Sache sah, deren innere Bitternis Audrey längst ausgekostet hatte. Sie sehnte sich danach aufzustehen, diese Hand zu ergreifen, die kühle, dürre Hand des Alters, sie an ihre Brust zu pressen und zu sagen: ›Fühle und schweige!‹

Aber trotz alledem verlor sie keinen Augenblick jenes sonderbare, dumpfe Mitleid mit der Frau, die dieses weiße, kantige Gesicht hatte. Es war nicht ihre Schuld, daß sie gekommen war. Wieder sprach Lady Casterley.

»Jetzt ist es noch Zeit. Wenn Sie nicht jetzt sofort ein Ende machen, wird es Ihnen bald noch schwerer werden. Sie wissen, wie fest er in seinen Entschlüssen ist. Er wird seinen Sinn nicht ändern. Wenn Sie ihn von seinem Lebenswerk abschneiden, so wird das auf Sie zurückfallen. Sie müssen mich hassen, weil ich so zu Ihnen spreche, aber glauben Sie mir, es ist zu guter Letzt zu Ihrem nicht minder als zu seinem Wohl.«

Ein aufrührerisches Gefühl von Zorn und Ironie ergriff die Zuhörerin bei diesen Worten. Ihr Wohl! Das Wohl einer Toten, die ihren letzten Atemzug getan; das Wohl einer Blume unter dem Stiefelabsatz; das Wohl eines treuen Hundes, dessen Herr ihn für immer verläßt! Langsam wurde ihr bebendes Herz durch ein Gewicht wie Blei gelähmt. Wenn sie nicht sofort ein Ende machte! Nun waren die Worte gefallen, die schon seit vielen Stunden unausgesprochen in ihrer eignen Brust verschlossen waren. Ja, wenn sie nicht ein Ende machte, würde sie in dem Bewußtsein, ihn für sein ganzes Leben zum Tode zu verurteilen und ihre Liebe und ihren Stolz zu entweihen, niemals wieder einen Augenblick Frieden finden. Und der Anstoß war von einem andern ausgegangen! Der Gedanke, daß ein andrer, diese harte, alte Frau, eine Vertreterin der mitleidslosen Welt, das in Worte gefaßt, was ihre Liebe und ihren Stolz in der ganzen endlosen Zeitspanne, seit Miltoun ihr seinen Entschluß kundgetan, bedroht hatte; daß eine andere ihr hatte sagen müssen, was ihr Herz schon so lange als seine Pflicht erkannt, das verletzte sie zutiefst! Das konnte sie auf keinen Fall ertragen!

Sie stand auf und sagte:

»Bitte, lassen Sie mich jetzt allein! Ich habe noch viel zu erledigen, ehe ich abreise.«

Mit einer Art Freude bemerkte Audrey die Verwirrung in dem alten Gesicht; mit einer Art Freude bemerkte sie, wie die beiden Hände zitterten, als die Gestalt sich darauf stützend vom Stuhle aufstand; und mit einer Art Freude vernahm sie die stammelnde Stimme:

»Sie reisen ab? Ehe – ehe er wieder herkommt? Sie – Sie werden ihn nicht wiedersehen?« Mit einer Art Freude spürte Audrey das Zögern Lady Casterleys, die nicht wußte, ob sie danken oder segnen sollte oder lieber sich ganz still davonschleichen. Mit einer Art Freude beobachtete sie die Röte in den fahlen Wangen, die fahlen, zusammengepreßten Lippen. Dann, nach den kaum gehauchten Worten: »Ich danke Ihnen, meine Liebe!« wandte sie sich ab, unfähig, noch einen Laut oder ihren Anblick zu ertragen. Sie trat ans Fenster, preßte die Stirn an die Scheibe und versuchte, an gar nichts zu denken. Sie hörte das Knirschen von Rädern – Lady Casterley war fortgefahren. Und da widerfuhr ihr das Schrecklichste, was einem Menschen geschehen kann: sie konnte nicht weinen!

In diesem bittersten und einsamsten Augenblick ihres Lebens blieb sie doch merkwürdig gefaßt und sah klar und deutlich vor sich, was sie tun und wohin sie gehen mußte. Schnell mußte sie handeln, sonst würde sie niemals handeln! Schnell! Und ohne Umstände! Sie packte ein paar Sachen zusammen, schickte das Mädchen nach einem Wagen und setzte sich zum Schreiben nieder.

Sie durfte nichts tun oder sagen, das ihn aufregen und ihn wieder krank machen könnte. Alles mußte nüchtern und vernünftig klingen. Es wäre ja leicht, ihm mitzuteilen, wohin sie ging, den Brief auf eine Weise abzufassen, daß er ihr sofort nacheilte. Aber die ruhigen, kaltblütigen Worte zu schreiben, die ihn aufhalten und zum Nachdenken bringen würden, bis er überhaupt nicht wiederkäme, das brach ihr das Herz.

 

Als sie fertig war und den Brief gesiegelt hatte, saß sie regungslos mit einem dumpfen Gefühl in Kopf und Händen da und versuchte sich klarzumachen, was nun geschehen müßte. Abreisen, das war alles!

Ihre Koffer waren schon heruntergeschafft worden. Sie wählte den kleinen Hut, in dem er sie am liebsten sah, und band ihren dichtesten Schleier darüber. Nachdem sie ihren Reisemantel und die Handschuhe angezogen hatte, blickte sie in den hohen Spiegel, und als sie sah, daß nichts mehr zu tun war, ergriff sie ihre Reisetasche und ging hinunter.

Drüben am Themseufer weinte ein Kind, und das heftige Schreien, unterbrochen durch Schluchzen und Tränen, ließ sie mit der Hand ihre Lippen bedecken, als hörte sie ihre eigene entflohene Seele dort draußen klagen.

Sie lehnte aus dem Wagen hinaus, um zu dem Mädchen zu sagen:

»Geh und beruhige das Kind, Ella.«

Erst als sie allein im Zuge saß und vor allen fremden Augen sicher war, ließ sie ihrer Verzweiflung freien Lauf und brach in Weinen aus. Der weiße Rauch vor den Wagenfenstern konnte nicht flüchtiger sein, als ihr Glück gewesen war. Denn sie machte sich keine Illusionen – es war vorbei! Von Anfang bis zu Ende – kaum ein Jahr! Aber selbst in diesem Augenblick hätte sie um nichts in der Welt auf diese Liebe verzichtet, die man ins Grab gelegt hatte wie ein totes Kind, das nun immer mit sehnsüchtigen Händen nach ihr greifen würde.


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