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Zweites Kapitel

Ohne sich durch die Blicke des Auditoriums außer Fassung bringen zu lassen, saß Barbara mißmutig, in Gedanken versunken, da.

In den drei Wochen seit Miltouns Wahl hatte sich eine derartige Anzahl von Funktionen zusammengedrängt, daß sie gewissermaßen keine Zeit, keine Energie fand, um sich über sich selbst klar zu werden. Seit jenem Morgen im Stall, als Harbinger sie mit dem Pferde Hal beobachtet hatte, schien er nur noch zu leben, um ihr nahe zu sein. Und das Bewußtsein seiner Leidenschaft verursachte ihr ein prickelndes Gefühl der Freude. Sie war mit ihm geritten und hatte mit ihm getanzt, und es war manchmal geradezu himmlisch gewesen. Doch es gab auch Zeiten, da sie – wenn auch stets mit einer gewissen Selbstverachtung wie damals, als sie auf dem sonnendurchwärmten Stein unter dem Felsen gesessen hatte – eine seltsame Unzufriedenheit empfand, ein Sehnen nach etwas außerhalb einer Welt, worin sie sich Hunger und Einfachheit selbst erfinden mußte, um ernstlich daran glauben zu können.

Sie hatte Courtier dreimal gesehen. Einmal war er zum Dinner gekommen infolge einer Einladung von Lady Valleys, die in jenem reizenden, fast nachdenklichen Stile abgefaßt war, den sie sich gegenüber sozial unter ihr Stehenden zurechtgelegt hatte, besonders wenn sie zur Intelligenz gehörten; dann war er beim Gartenfest in Valleys House erschienen; und am nächsten Tag, nachdem sie ihm gesagt hatte, um welche Zeit sie ausreiten würde, fand sie ihn im Hydepark. Er war nicht zu Pferde, sondern stand dort ans Geländer gelehnt, wo sie vorbeikommen mußte, und sah sie an mit jenem Blick der Ehrerbietung und spöttischen Zurückhaltung, in dem er solche Meisterschaft besaß. Er schien England verlassen zu wollen; und auf ihre Fragen, warum und wohin, hatte er nur die Achseln gezuckt. Auf dieser staubigen Tribüne in dem heißen, öden Saale, all diesen Leuten gegenüber, auf Reden horchend, deren Sinn zu begreifen sie zu müde und zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, kam ihr das ganze Durcheinander von Ideen, Gesichtern und den Stimmen der Redner um sie her wie ein böser Traum vor, während dessen sie jedoch mit peinlicher Genauigkeit die Farbe des Halses ihrer Mutter unter einem großen schwarzen Hut und den Ausdruck im Gesicht eines Komiteeherrn zur Rechten bemerkte, der unter dem Schutze eines blauen Papiers an den Fingern nagte. Sie ward sich bewußt, daß einer von den Zuhörern das Wort ergriffen hatte und seine Sätze stoßweise herausschleuderte. Es war ein kleiner Mann in einem schwarzen Rock, mit einem weißen Gesicht, das fortwährend auf- und abtanzte.

»Für mein Empfinden ist das schrecklich,« hörte sie ihn sagen, »ich empfinde das als Blasphemie. Daß wir uns unterfangen sollten, mit der gewaltigsten Kraft zu spielen, mit der gewaltigsten, der heiligsten und geheimsten Kraft, die – die Welt bewegt, ist für mein Empfinden entsetzlich. Ich kann das nicht länger anhören; es scheint alles so klein zu machen!« Sie sah, wie er sich niedersetzte, und wie ihre Mutter sich erhob, um zu antworten.

»Wir müssen alle mit der Aufrichtigkeit und bis zu einem gewissen Grade auch mit der Absicht unseres Freundes aus dem Publikum sympathisieren. Gleichzeitig aber müssen wir uns fragen: Haben wir das Recht, uns den Luxus von Privatgefühlen zu gestatten in einer Angelegenheit, die das Wachstum der Nation betrifft? Wir dürfen nicht sentimental werden. Unser Freund aus dem Publikum gebrauchte Worte – er möge mir verzeihen, daß ich es so ausdrücke – eher wie ein Poet als ein ernsthafter Reformer. Ich fürchte, sobald wir uns in Poesie versenken, wird auch die Geburtenziffer dieses Landes sehr bald in Poesie versunken sein. Und da, glaube ich, können wir unmöglich mit verschränkten Armen zusehen. Der Beschluß, den ich vorzuschlagen gedachte, als unser Freund aus dem Publikum –«

Doch Barbaras Aufmerksamkeit war neuerlich von den seltsam durcheinander wirbelnden Gedanken und Gefühlen in Anspruch genommen, aus denen sie der kleine Mann so jäh aufgescheucht hatte. Da merkte sie, daß die Versammlung sich bereits auflöste, und hörte ihre Mutter sagen:

»Nun, mein Kind, heute ist unser regelmäßiger Krankenhaustag. Wir haben gerade noch Zeit.« Als sie wieder im Auto waren, lehnte sie sich schweigend zurück und blickte auf die Straße. Lady Valleys sah sie von der Seite an.

»Wie eine kleine Bombe wirkte der unscheinbare Kerl!« sagte sie. »Er muß irrtümlich in die Versammlung geraten sein. Wie ich höre, hat Mr. Courtier eine Karte zu Helen Gloucesters Ball heute abend, Babs.«

»Der Arme!«

»Du wirst doch dort sein,« sagte Lady Valleys trocken.

Barbara zog sich in ihre Ecke zurück.

»Ach quäl' mich nicht, Mutter!«

Ein Ausdruck von Reue huschte über Lady Valleys' Antlitz; sie versuchte, Barbaras Hand zu fassen. Aber deren müde Hand erwiderte den Druck nicht.

»Ich kenne die Stimmung auch, in der du jetzt bist, liebes Kind. Man hat seine ganze Kraft nötig, um sie abzuschütteln; laß sie nicht Herr über dich werden! Du solltest lieber morgen zu Onkel Dennis fahren. Du hast dich überanstrengt.«

Barbara seufzte.

»Ich wollte, es wäre schon morgen!«

Der Wagen hatte angehalten und Lady Valleys sagte:

»Willst du mitkommen, oder bist du zu müde? Es tut ihnen immer so wohl, dich zu sehen.«

»Du bist doppelt so müde wie ich,« erwiderte Barbara, »natürlich komme ich mit.«

Beim Eintritt der beiden Damen erhob sich sogleich ein schwaches Geflüster und Murmeln. Lady Valleys, deren den Saal erfüllende Gegenwart plötzlich eine geschäftsmäßige und heitere Zuversicht ausströmte, trat an ein Bett und setzte sich nieder. Barbara aber stand in einem schmalen Streifen Julisonnenlicht, ungewiß, bei welchem der vielen ihr zugewandten Gesichter sie beginnen sollte. Die armen Menschen sahen so demütig, so nachdenklich und so müde drein. Eine lag ausgestreckt da und hatte nicht einmal den Kopf erhoben, um nachzusehen, wer eingetreten war. Das schlummernde, bleiche Antlitz mit den hervorstehenden Backenknochen sah so gebrechlich aus, als ob eine Berührung, ein Hauch es vernichten könnte; eine Strähne schwärzesten Haares, feiner als Seide, hing ihr in die Stirn; die geschlossenen Augen waren tief eingesunken; eine Hand, die von harter Arbeit fast bis auf die Knochen abgemagert war, ruhte auf ihrer Brust. Ihr Atem ging und kam zwischen Lippen, die ganz farblos waren. In ihrem Schlaf sah sie fast schön aus. Und plötzlich wurde das Mädchen von einem Gefühlsstrom überwältigt. Die Schläferin dort schien gar nicht teilzuhaben an der steifen Förmlichkeit des Krankensaales. Ihr Anblick scheuchte das müde Gefühl der Leere fort, mit dem Barbara eingetreten war; sie mußte an die Felsen daheim denken, wenn der Wind darüber hinblies, und alles nackt, grandios und manchmal auch schrecklich war. Es lag etwas Elementares in jenem stillen Schlaf. Und die alte Frau im Bett nebenan, mit dem braunen, verrunzelten Gesicht und den klaren, schwarzen, von Leben überquellenden Augen schien fast gemein neben solch entrückter Ruhe, als sie Barbara erzählte, daß ein kleines Büschel Heidekraut in einer zerbrochenen Seifenschale auf dem Fensterbrett aus Wales käme, »denn« – erklärte sie – »meine Mutter ist aus Stirling, liebes Fräulein; deshalb hab' ich das Heidekraut so gern, wenn ich selbst auch noch nie aus Bethnal Green herausgekommen bin.«

Als Barbara jedoch wieder vorbeikam, saß die früher schlafende Frau aufrecht da und war nur ein armseliges, gewöhnliches Ding – ihre seltsame, gebrechliche Schönheit war ganz dahin.

Barbara fühlte sich erleichtert, als Lady Valleys sagte:

»Meine Liebe, mein Bazar zugunsten der Marine ist um halb sechs; während ich dort bin, mußt du nach Hause gehen und dich ausruhen, damit du am Abend wieder frisch bist. Wir dinieren in Plassey House.«

Der Ball der Herzogin von Gloucester, eine gesellschaftliche Veranstaltung, die niemand versäumen durfte, war für dieses späte Datum festgesetzt worden, weil die Herzogin den Wunsch bekanntgegeben hatte, die ›Season‹ zu verlängern, um dadurch den Droschkenkutschern zu helfen; und obgleich jeder mit ihnen sympathisierte, empfanden doch die meisten, daß es einfacher wäre, aufs Land zu gehen, am Balltag mit dem Auto in die Stadt zu kommen und am folgenden Morgen mit dem Auto wieder zurück aufs Land zu fahren. Und die ganze Woche hindurch, um welche die ›Season‹ auf diese Art verlängert wurde, warteten die Droschkenkutscher in langen Reihen vor den Bahnhöfen und auf ihren Standplätzen so geduldig wie ihre Pferde, ohne zu wissen, was man für sie tat. Da jedoch jedermann sich so ganz besonders anstrengte, fand sich eine ungewöhnlich große, vornehme und glänzende Gesellschaft in Gloucester House ein.

In dem weiten Ballsaal waren über der Menge Arm in Arm sich drehender Paare Punkahs angebracht, um die verbrauchte Luft zu reinigen und zu erneuern, und diese Riesenfächer, die sich unglaublich langsam bewegten, ließen einen leisen, erfrischenden Zug über das Meer von weißen Hemdbrüsten und entblößten Schultern streichen und wehten den Duft zahlloser Blumen herbei.

Dicht neben einer der großen Blumengruppen sprach spät am Abend eine sehr hübsche Frau mit Bertie Caradoc. Es war seine Kusine Lily Malvezin, die Schwester Geoffrey Winlows und die Gattin eines liberalen Pairs, ein entzückendes Geschöpf, dessen rosafarbene Wangen, helle Augen, flinke Lippen und rundliche Gestalt ihr das denkbar hübscheste und lebendigste Aussehen verliehen. Und während sie sprach, ließ sie in einem fort schlaue Blicke nach ihrem Partner schweifen, als versuchte sie, die Selbstsicherheit jenes jungen Mannes ein wenig zu erschüttern.

»Nein, mein Lieber,« sagte sie mit ihrer spöttischen Stimme, »du wirst mich nie überzeugen können, daß Miltoun je populär sein wird. Il est trop intransigeant. Ah, da ist Babs!«

Das Mädchen schwebte gerade im Tanz an ihnen vorüber mit leicht geöffneten Lippen, während ihre Blicke lässig umherschweiften; ihre Schultern waren so weiß wie ihr weißes Kleid; ihr blasses Antlitz unter der schweren Krone des hellbraunen Haares zeigte Spuren von Ermüdung; und ihr gleitender Körper schien bei jeder Wendung des Walzers von den Armen ihres Partners aus einer Ohnmacht aufgefangen zu werden.

Mit jener Unbeweglichkeit der Lippen, die alle im Bann gesellschaftlicher Formen Lebenden sich aneignen, murmelte Lady Malvezin:

»Mit wem tanzt sie denn da? Hat er Chancen bei ihr, Bertie?«

Mit nicht minder unbeweglichen Lippen erwiderte Bertie:

»Nicht die geringsten!«

Aber jene neugierigen, hellen Augen folgten Barbara noch immer, die im Tanz dahinschwebte wie eine große, im Wirbel eines Mühlbachs dahintreibende Wasserlilie; und der Gedanke durchzuckte ihren hübschen Kopf:

»Sie hat ihn geangelt. Babs ist wirklich schlimm!« Und dann sah sie einen andern gegen einen Pfeiler gelehnt, dessen Blicke ebenfalls jenen beiden folgten; und sie dachte:

»Hm! Der arme Claud! – kein Wunder, daß er so aussieht. O Babs!«

Neben einer der Statuen auf der Terrasse standen Barbara und ihr Partner, wo Bäume, die nicht durch Lampions entstellt waren, die Erfrischung ihrer Dunkelheit und ernsten Ruhe boten.

In ihre neue, blasse Müdigkeit eingehüllt und noch immer atemlos vom Tanzen, schien sie Courtier so ganz und gar aus Anmut und Schönheit geformt. Zu welchem Zweck sollte ein Mann Worte an eine Vision richten! Sie war ja nur die luftige Verkörperung der Schönheit, die bei einer Berührung schwinden würde – wie die plötzliche Verzückung, die einen unterm blauen Himmel überkommt, beim Anblick des sternfunkelnden Schnees einer Bergnacht, oder in einem Birkenhain voll träumenden Sonnenlichts! Worte schienen nur eine Entweihung! Übrigens, was vermochte er denn Interessantes in dieser ihrer Welt zu sagen, die so verwirrend und von so selbstverständlicher Sicherheit war – diese Welt, die einem Bau glich, dessen Fenster alle geschlossen und von einem Vorhang verhängt waren. Ein Bau, der keinen einließ, der nicht sozusagen geschworen hatte, diesen Bau, und nur ihn allein, für den Inbegriff der Welt zu halten, und alles andere außerhalb nur für die zerbröckelten Überreste des Baumaterials. Diese Welt der Gesellschaft, in der er sich einsam fühlte, wie ein Mensch, der die Wüste durchzieht, voll Sehnsucht, ein verwandtes Wesen zu treffen!

Die Stimme Harbingers hinter ihnen sagte:

»Lady Babs!«

Lange noch fächelten die Punkahs Kühlung über jenes buntgefärbte Rad des Vergnügens hin, und die Klänge der Geigen zitterten und klagten bis in den Morgen hinein. Dann schmolz alles rasch hinweg, wie der Tauflitter beim Sonnenaufgang dahinschwindet; in den großen Sälen standen nur noch Lakaien, die über den polierten Flächen präsidierten wie Flamingos an einem See in der Dämmerung.


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