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Fünftes Kapitel

Barbara gegenüber enthüllte Miltoun, wenn auch nur teilweise, seine inneren Konflikte, als er am selben Nachmittag unter einer zackigen Tamariskenhecke lag, während noch Ebbe war. Das hätte er nie zuwege gebracht, wenn sie nicht zufällig in jener Nacht zu Monkland Zeuge seines Leidens gewesen wäre; aber vielleicht nicht einmal dann, hätte er nicht in dieser seiner jüngern Schwester die Lebenswärme gefunden, nach der er sich so sehnte. Wenn es sich um Liebe handelte, war Barbara die ältere der beiden. Denn neben der mütterlichen Kenntnis des Herzens, die den meisten Frauen eigen ist, besaß sie auch den angeborenen Instinkt der Weltdame, wie man es von der Tochter Lord und Lady Valleys' erwarten durfte. Wenn sie selbst im Zweifel über die Art ihrer Neigung war, so handelte es sich nicht wie bei Miltoun um Herz und Sinne, sondern um ihren Geist und ihre Neugier, die Courtier wachgerufen und belebt hatte. Sie machte sich Sorge über Miltouns verlorene Sache; auch tat es ihr weh, an Mrs. Noel zu denken, die sich in jenem einsamen Häuschen zu Tode grämte. Eine so gute und ernsthafte Schwester wie Agatha war daran schuld, daß Barbara von jeher zu einer aufrührerischen Moralanschauung neigte, und daß sie eine ausgesprochene Abneigung gegen Religion empfand. Und daher fühlte sie, daß, wenn die beiden getrennt nicht glücklich sein konnten, sie zusammen glücklich sein sollten, im Namen aller Freude in der Welt!

Und während ihr Bruder unter den Tamarisken lag, das Gesicht dem Himmel zugekehrt, versuchte sie fortwährend daran zu denken, wie sie ihn trösten könnte, wobei es ihr ganz klar war, daß sie nicht im entferntesten seine Anschauung der Dinge verstand. Über den Gefilden hinter ihnen sangen die Lerchen Hymnen der Verheißung des reifenden Korns; der Strand leuchtete in allen Farben, von lebhaftem Grün bis zu mattem Rosa; am Saume der blauen See bückten sich kleine schwarze Gestalten zu Boden, die Meerfenchel sammelten. Die Luft duftete lieblich im Schatten der Tamarisken; unaussprechlicher Frieden herrschte. Und Barbara, vom Strahlennetz dies Sonnenlichts bedeckt, wurde ungeduldig über ein Leiden, dem man, so schien es ihr, durch eine Tat so leicht hätte abhelfen können. Endlich wagte sie zu sprechen:

»Eusty, das Leben ist kurz!«

Sie erschrak über Miltouns Antwort – er sprach, ohne sich zu rühren:

»Überzeuge mich davon, Babs, und ich werde dich segnen. Wenn der Gesang dieser Lerchen nichts bedeutet, wenn das Blau dort oben nicht eine Ausgeburt unsrer Phantasie ist, wenn wir im Staube kriechen, ohne etwas zu erreichen, wenn unser Leben keinen Zweck hat – überzeuge mich davon, wenn du es kannst!«

Plötzlich ergriffen, konnte Barbara ihm nur die Hand hinstrecken und sagen:

»Ach, nimm die Dinge nicht so schwer!«

»Wenn du sagst, daß das Leben kurz ist,« murmelte Miltoun lächelnd, »solltest du es dir nicht durch mitleidige Gefühle verderben! In früheren Tagen wanderten wir für unsere Überzeugungen in den Tower. Auch heute sind wir hoffentlich noch imstande, im stillen Martern zu ertragen; oder haben wir unsere Kraft schon ganz verloren?«

Von seinem Ton verletzt, entgegnete Barbara mit etwas lauter Stimme:

»Was wir ertragen müssen, läßt sich vermutlich nicht ändern. Warum aber sollen wir uns selbst Sorgen schaffen? Das finde ich so unerträglich!«

»O tiefgründige Weisheit!«

Barbara errötete.

»Ich liebe das Leben!« sagte sie.

Die Galeonen der untergehenden Sonne segelten bereits in einer breiten, goldenen Flotte gerade auf den Strand zu, wo die kleinen schwarzen Gestalten noch immer über ihre Arbeit gebückt waren, während die Lerchen noch immer über dem reifenden Korne sangen, als Harbinger, der die Düne entlang von Whitewater nach ›Sea House‹ galoppierte, dem schweigsamen Paar begegnete, das zum Dinner heimging.

Man könnte nicht mit voller Sicherheit behaupten, daß dieser junge Mann den Zustand der beiden sofort erkannt hätte, doch war dies weniger seine Schuld, da sich seit seiner Geburt alles gegen ihn verschworen hatte, die geistige Temperatur seiner Umgebung auf sechzig Grad Fahrenheit im Schatten zu halten. Und die Tatsache, daß sein eigenes geistiges Thermometer jetzt so sehr gestiegen war, daß es die Kugel zu sprengen drohte, machte es unwahrscheinlicher denn je, daß er merken würde, was mit andern Menschen vorging. Doch merkte er trotzdem, daß Barbara blaß aussah und – wie es schien – anmutiger denn je. Ihrem ältesten Bruder gegenüber fühlte er sich stets recht unbehaglich. Zwar konnte er es nicht über sich bringen, einen unerschütterlichen Geist bei einem Manne seiner eigenen Klasse zu verachten, doch konnte er ebenso wenig wie andere Miltouns spöttischer, nur leicht verschleierter Verachtung für Gemeinplätze standhalten; und da er von sich selbst ganz durchdrungen war – wie es bei Männern von schöngewachsener Gestalt häufig ist, deren Selbstvertrauen nie oder fast nie wirklich erschüttert werden kann – so war ihm die Empfindung, daß man auf ihn ein wenig herabsah, recht zuwider. Er fühlte sich außerordentlich erleichtert, als Miltoun in die Stadt abbog, um, wie er sagte, eine gewisse Zeitschrift zu kaufen.

Für Harbiniger war die vergangene Nacht nicht weniger als für Miltoun und Barbara bitter und ruhelos gewesen. Der Anblick jener blassen, schwankenden Gestalt mit den geöffneten Lippen, die in Courtiers Armen tanzte, wollte ihm seit dem Ball nicht mehr aus dem Sinn. Während seines eigenen, letzten Tanzes mit ihr war er fast unhöflich schweigsam gewesen; nur mit großer Anstrengung hatte er seine Zunge so weit im Zaum gehalten, daß er bissige Andeutungen auf jenen ›einherstolzierenden, rothaarigen Burschen‹ unterließ, wie er den Kämpen der verlorenen Sache im geheimen nannte. Seine Gefühle dabei und seither wären eine Offenbarung für ihn gewesen, wenn er sich selbst hätte beobachten können. Zwar war er am nächsten Tage in seiner gewöhnlichen, kühlen, ungezwungenen Art umhergegangen, weil man natürlich niemand etwas merken ließ, jedoch von so schmerzlichem Sehnen und so wütender Eifersucht erfüllt, daß er wirklich Mitleid verdiente. Männer von seinem körperlich kräftigen, rasch zugreifenden Typus sind die letzten, die sich in Geduld fassen können. Als er vom Ball nach Hause ging, hatte er sich entschlossen, ihr ans Meer zu folgen – sie hatte ihm so boshaft gesagt, daß sie hinfahren würde. Nach einer zweiten schlaflosen Nacht zögerte er nicht länger. Er mußte sie sehen! Schließlich konnte man doch seinen eigenen Landsitz besuchen; es lag ihm nichts daran, wenn es auffiel. Auffiel! Je mehr es auffiel, umso besser! Die häßliche Hartnäckigkeit männlicher Entschlossenheit ward zum erstenmal in ihm aufgestachelt. Sie sollte ihm nicht entschlüpfen!

Doch nun, da er an ihrer Seite schritt, schmolz alle Entschlossenheit und Sicherheit in verwirrte Demut hin. Er ging neben seinem Pferde, mit gesenktem Kopf, und fühlte den Schmerz, ihr so nahe und doch so fern zu sein; er war erbittert über sein eigenes Schweigen und seine Schüchternheit, fast böse war er ihr wegen ihrer Anmut und des Schmerzes, den sie ihm bereitete. Als sie das Haus erreicht hatten und sie ihn im Stallhof verließ, weil sie ein paar Blumen pflücken wollte, riß er das Pferd am Zügel herum und fluchte heftig, weil es so langsam in den Stall ging. Er hatte Angst, sie könnte schon fort sein, ehe er in den Garten käme, und fürchtete dennoch, sie dort zu finden. Sie aber pflückte noch immer Nelken an der Hecke der Box, die zu den Gewächshäusern führte. Und als sie sich vom Blumensammeln aufrichtete, schlang Harbinger, ehe er recht wußte, was er tat, seinen Arm um sie, hielt sie fest an sich gepreßt und küßte sie unbarmherzig.

Sie schien ihm keinen Widerstand zu leisten, und ihre glatten Wangen wurden immer wärmer, während ihre Lippen unbeweglich blieben; doch plötzlich schrak er zurück, und das Herz stand ihm fast still über seine Verwegenheit. Was hatte er getan? Er sah, wie sie sich in die gestutzte Hecke weit zurücklehnte und hörte sie mit einer Spur von leiser Ironie sagen: »Nun?«

Er hätte sich auf die Knie hingeworfen, um sie um Verzeihung zu bitten, hätte ihn nicht der Gedanke, daß jemand kommen könnte, davon abgehalten. Er murmelte heiser: »Herrgott, ich war verrückt!« und stand finster blickend da, zwischen Angst und Kühnheit schwankend. Er hörte sie ruhig sagen:

»Jawohl – das will ich meinen.«

Als er dann sah, daß sie die Hand an die Lippen führte, als hätte er sie verletzt, stammelte er entmutigt:

»Verzeih mir, Babs!«

Eine volle Minute verstrich, während er so schweigend dastand und, am ganzen Körper vor Erregung zitternd, nicht mehr wagte, sie anzusehen. Dann hörte er sie zu seiner Bestürzung sagen:

»Es hat mich nicht berührt – dieses eine Mal!«

Bei diesen Worten sah er auf. Wie konnte sie ihn lieben und so kühl reden! Wie konnte sie nichts dagegen haben, wenn sie ihn nicht liebte! Sie fuhr sich mit den Händen über Antlitz, Hals und Haar, um die Spur seiner Küsse wegzuwischen.

»Sollen wir jetzt hineingehn?« fragte sie.

Harbinger trat ihr einen Schritt entgegen.

»Ich habe Sie so lieb!« sagte er, »ich will mein Leben in Ihre Hände legen und Sie sollen es fortwerfen.«

Bei diesen Worten, deren genaue Bedeutung er sich kaum klar machte, sah er sie lächeln.

»Wenn ich Sie bis auf drei Schritte herankommen lasse, werden Sie brav sein?«

Er verbeugte sich, und schweigend gingen sie auf das Haus zu.

Das Dinner an jenem Abend war eine merkwürdige, unerquickliche Mahlzeit. Doch die Komödie, die zu fein für Miltouns und Lord Dennis' Augen gespielt wurde, schien Lady Casterley durchsichtig; denn als Harbinger fortgegangen war, um längs der Düne zurückzureiten, nahm sie ihre Kerze und lud Barbara ein, ebenfalls hinaufzukommen. Als sie dann ihre Enkelin in ihr Zimmer gebeten hatte, das stets für sie reserviert war und ihretwegen fast gar keine Möbel enthielt, setzte sie sich jenem großen, jungen, gesunden Geschöpf gegenüber, als wollte sie Barbara auf den Grund der Seele blicken, und sagte:

»Du also wenigstens bist wieder bei Sinnen. Gib mir einen Kuß!«

Barbara, die sich niederbeugte, um diesen Ritus zu vollziehen, sah, wie eine Träne ihr die schöngemeißelte Nase entlang rollte. Da sie wußte, daß es zu beschämend wäre, sie zu beachten, erhob sie sich und trat ans Fenster. Wie sie dort über die dunkeln Gefilde und die dunkle See hinstarrte, an deren Saum Harbinger nach Hause ritt, führte sie die Hand an die Lippen, und zum hundertsten Mal ging ihr der Gedanke durch den Sinn: ›Das also ist es!‹


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