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Zwanzigstes Kapitel

Claude Fresnay, Viscount Harbinger, war im Alter von einunddreißig vielleicht der am wenigsten von Sorgen bedrückte Pair im Vereinigten Königreich. Dank einem Vorfahren, der Land erworben hatte und hundertunddreißig Jahre vor der Errichtung der Stadt Nettlefold auf einem kleinen Stück dieses Landbesitzes aus dem Leben geschieden war, und dank einem Vater, der während der Kindheit seines Sohnes gestorben war, nachdem er klugerweise besagte Stadt verkauft hatte, besaß er, unabhängig von dem Ertrage seiner Ländereien, ein sehr beträchtliches Einkommen. Groß und schön gebaut, mit hübschen, stark ausgeprägten Zügen, hinterließ er beim ersten Anblick einen Eindruck von Stärke, der etwas nachließ, sobald er zu sprechen anfing. Das lag nicht so sehr an seiner überstürzten Redeweise in ihrer aristokratischen Art und ihrer Eigenheit, alles in Scherz zu verwandeln, sondern vielmehr daran, daß sie das Gefühl hervorrief, sein Gehirn schlüge naturgemäß den Weg des geringsten Widerstandes ein. In der Tat war er eine jener Persönlichkeiten, die oft genug im politischen und sozialen Leben hervorstechen durch ihre Erscheinung, Stellung, Sicherheit und eine gewisse Energie, die halb echt und halb wieder angeborene Vorliebe für den kürzesten Weg ist. Er war durchaus kein Müßiggänger, hatte ein Buch geschrieben, Reisen gemacht, war Hauptmann der Yoemanry, Friedensrichter, ein guter Cricketspieler und ein tüchtiger und gewandter Redner. Es wäre ungerecht gewesen, seinen Enthusiasmus für Sozialreform unecht zu heißen. In seiner Art war er durchaus aufrichtig und ein Beweis dafür, daß es ihm nicht gänzlich an Phantasie und Gutherzigkeit gebrach. Aber diese waren von der an den höheren Schulen herrschenden Gewohnheit ganz überwuchert – jener eigenartigen, spezifisch englischen Gewohnheit, die so mächtig und betrügerisch ist, daß sie zu einer zweiten Natur wird, die stärker als die erste ist – nämlich an alles Existierende mit den Gewohnheiten und Vorurteilen einer einzigen Klasse heranzutreten. Da eigentlich alle seine engeren Gefährten in dieser Gewohnheit befangen waren, war er sich ihrer natürlich nicht im entferntesten bewußt, ja, in der Politik gab es in der Tat nichts, das er mehr bedauert hätte als die engherzigen und von Vorurteilen befangenen Meinungen der Dissidenten oder der Arbeiterpartei. Keinen Augenblick hätte er zugegeben, daß gewisse Türen bei seiner Geburt zugeschlagen, in Eton verriegelt und in Cambridge verrammelt worden waren. Niemand hätte leugnen können, daß seine Gewohnheiten nicht viel Wertvolles an sich hatten – ein hohes Maß von Ehrlichkeit, Offenheit, Sportliebhaberei, persönlicher Sauberkeit und Selbstvertrauen, verbunden mit einer Antipathie gegen sozusagen offiziell anerkannte Grausamkeit und dem Bewußtsein der Verpflichtung des öffentlichen Dienstes einem Staate gegenüber, der durch die öffentlichen höheren Schulen erhalten wurde und sie seinerseits erhielt; doch hätte es einer viel größeren Originalität als der seinigen bedurft, um das Leben jemals von einem anderen Gesichtspunkt aus zu betrachten als von dem, zu welchem ihn Geburt und Erziehung bestimmt hatten. Um Harbinger vollkommen zu verstehen, mußte man – und zwar mit vorurteilslosem Aug' und Sinn – einen jener großen Cricket-Wettkämpfe mitangesehen haben, in denen er sich als Knabe so sehr ausgezeichnet hatte; mußte man von einer hohen, unparteiischen Warte den Platz zur Mittagszeit betrachtet haben, der von einem Seil zum andern und von einer Tribüne zur andern von einem wundervollen Schwarm von Menschen belebt war, die alle auf genau dieselbe Art und Weise gingen, mit genau demselben Ausdruck im Gesicht, und in genau denselben Hüten – ein Schwarm, der die allergrößte Gleichheit der Anschauungen und Sitten in sich verkörperte, die man je gekannt hat, seit die Welt besteht. Nein, seine Umgebung war der Originalität nicht förderlich gewesen. Er faßte von Natur aus rasch auf, jedoch ohne tieferes Verständnis, und das Leben fand ihn nie hilflos oder um eine Antwort verlegen. Da er immerzu mit Leuten in Berührung kam, denen die Politik mehr oder weniger ein Spiel bedeutete, da er keinerlei Disziplin unterworfen war und man ihm überall nachlief, mußte es noch Wunder nehmen, daß er überhaupt Ernst besaß. Auch war er nie verliebt gewesen, bis ihn Barbara im vergangenen Jahre während ihrer ersten ›Season‹ ›mitten ins Herz getroffen‹ hatte, wie er es bei einem andern genannt hätte. Obwohl so tief verwundet, hatte er ihr noch keinen Heiratsantrag gemacht, hatte sozusagen bisher keine Zeit dazu gefunden, vielleicht auch nicht genügend Mut und Zuversicht. Wenn er in ihrer Nähe war, schien es ihm unmöglich, daß er weiterleben sollte, ohne sein Schicksal zu kennen; sobald er fern von ihr war, empfand er es fast als Erleichterung, denn er hatte ja so viel zu tun und zu sagen und nur so wenig Zeit dazu. Aber jetzt, während dieser vierzehn Tage, die er ihretwegen der Sache Miltouns gewidmet hatte, war er in eine nichts weniger als angenehme Stimmung geraten.

Er wollte sich nicht eingestehen, daß die Ursache dieser Besorgnis Courtier war, denn schließlich war Courtier gewissermaßen ein Nichts und ein ›Wilder‹ obendrein, und ein Wilder ging Harbinger stets furchtbar auf die Nerven und rief bei ihm ein sonderbares Lächeln und einen seltsamen Klang der Stimme hervor. Trotzdem leuchtete aus seinen Blicken jedesmal, wenn sie auf jenes sanguinische, ruhige, ironische Antlitz fielen, eine Art kühler Neugier, ja sie waren sogar manchmal von Schatten der Angst verdunkelt. Sie trafen einander zwar nur selten, denn er verbrachte den größten Teil des Tages mit Autofahren und Redenhalten, Courtier dagegen mit Schreiben und Reiten, da sein Bein zum Gehen noch zu schwach war. Doch ein- oder zweimal spät abends im Rauchzimmer hatte er sich in eine ironische Diskussion mit dem Kämpen der verlorenen Sache eingelassen, und gar bald hatte aus seiner Stimme nur schlecht verhehlte Ungeduld geklungen. Wie ein Mensch seine Zeit damit vergeuden konnte, tote Pferde anzutreiben zu einer Reise auf den Mond, war unbegreiflich! Tatsachen blieben Tatsachen, und die menschliche Natur würde stets nur die menschliche Natur bleiben! Und besonders ärgerlich war es, in Courtiers Augen einen Schimmer zu erblicken, aus seiner Stimme einen Ton herauszuhören, als dächte dieser: ›Mein lieber junger Freund, du drischst leeres Stroh!‹

Als er eines Morgens nach einer dieser Begegnungen Barbara in Reitkleidern aus dem Hause kommen sah, fragte er, ob er mit ihr in die Stallungen gehen dürfe und schritt dann ungewöhnlich schweigsam neben ihr her, mit einem seltsamen Gefühl im Herzen und die Kehle unerklärlich trocken.

Die Stallungen in Monkland Court waren so groß wie viele Herrenhäuser zusammen genommen. Sie boten Raum für dreißig Pferde, waren jedoch im Augenblick nur von einundzwanzig besetzt, Klein-Anns Pony mit inbegriffen. In ihrer Höhe, vortrefflichen Beleuchtung, spiegelblanken Reinlichkeit und frischen Luft standen sie in der ganzen Grafschaft unerreicht da. In der Tat schien es unmöglich, daß an einem solchen Ort es einem Pferde jemals in den Sinn kommen könnte, daß es nur ein Pferd sei. Allmorgendlich wurde ein kleiner Behälter mit gelben Rüben, Äpfeln und Zucker neben dem Haupteingang für jene hingestellt, die die lieben Bewohner zu füttern wünschten.

An Messingringen zu beiden Seiten ihres Standes angebunden und die Nasen den Türen zugekehrt, waren sie stets von neun bis zehn zu sehen und standen mit ihrer glänzenden Haut, mit gebogenem Halse und gespitzten Ohren meist nachdenklich da, vom leisen Zischen der noch immer geschäftigen Knechte besänftigt und bereit, die Nasen schnuppernd emporzuheben, sobald sie jemand eintreten sahen.

In einer großen Box am Ende des nördlichen Flügels stand Barbaras kastanienbraunes Lieblingsjagdpferd, ein fast vollkommen rassereiner Hengst, mit nach ihr gewandtem Halse frei und ganz ruhig da, als er ihren Schritt vernahm. Er hatte gerade an einem Apfel in seinem Futter geknabbert und seine Sinne kämpften, ob er dem noch verweilenden Duft jener Delikatesse oder einem Geräusch, das ihm gelbe Rüben verhieß, mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Als Barbara seine Tür aufschloß und »Hal!« rief, wandte er sich sogleich seiner Krippe zu, um seine Unabhängigkeit zu zeigen, doch als sie sagte: »Na schön!«, drehte er sich um und kam auf sie zu. Seine Augen unter den dichten, kastanienbraunen Wimpern, die rund und von sanftem Glanze waren, überblickten prüfend ihre ganze Erscheinung. Als er die gelben Rüben nicht sehen konnte, streckte er den Hals aus, schnüffelte mit der Nase um ihre Taille und berührte ihre behandschuhte Hand mit den Lippen. Da er keine Rüben zu schmecken bekam, zog er die Nase zurück und schnupperte. Dann stapfte er sorgsam, um ihr nicht auf den Fuß zu treten, und stieß sie sanft mit der Schulter, bis er durch ein rasches Manöver hinter sie gelangte und lang und leise an ihrem Halse atmete. Doch sogar dieser duftete nicht nach gelben Rüben, und indem er sein Maul auf ihre Schulter gegen ihre Wange lehnte, geiferte er ein ganz klein wenig. Über ihrer Taille erschien eine gelbe Rübe, und über ihre Schulter lehnend, versuchte er, sie zu erreichen. Da es sich ganz fest und weich unter seinem Kinn anfühlte, schnupperte er wieder und gab ihr einen sanften Stoß mit dem Knie. Aber noch immer nicht imstande, die Rübe zu erreichen, warf er den Kopf empor, zog sich zurück und tat so, als ob er sie nicht sähe. Und plötzlich fühlte er zwei lange Dinger um seinen Hals gelegt und etwas Sanftes vor seiner Nase. Er ließ sich das schweigend und mit zurückgelegten Ohren gefallen. Das Weiche fing an, auf sein Maul zu pusten. Während er seine Ohren wieder spitzte, erwiderte er das Pusten etwas stärker und mit mehr Neugier, und das Weiche zog sich zurück. Auf einmal merkte er, daß er eine gelbe Rübe im Maul hatte.

Harbinger, der merkwürdig blaß gegen die Wand der Box lehnte, war Zeuge dieser Episode. Am Ende sagte er:

»Lady Babs!«

Seine Stimme mußte ihr so seltsam vorgekommen sein wie ihm selbst, denn Barbara wandte sich rasch um.

»Ja?«

»Wie lang soll es noch so weitergehn?«

Sie wechselte weder die Farbe, noch schlug sie die Augen zu Boden, sondern betrachtete ihn mit leichtem, forschendem Interesse. Es war kein grausamer Blick, es lag darin keine Spur von der Bosheit ihres Geschlechtes und erschreckte ihn dennoch durch seine ruhig-ernste Unergründlichkeit. Man konnte unmöglich sagen, was sich hinter ihm verbergen mochte.

Er faßte ihre Hand, beugte sich darüber und sagte mit leiser Stimme:

»Sie wissen, was ich fühle; seien Sie nicht grausam!«

Sie entzog ihm ihre Hand nicht – als wäre ihr das gar nicht in den Sinn gekommen.

»Ich bin durchaus nicht grausam.«

Als er aufblickte, sah er sie lächeln.

»Nun – Babs?«

Sein Gesicht war jetzt dem ihren nahe, doch Barbara schreckte nicht zurück. Sie schüttelte nur den Kopf, und Harbinger wurde rot vor Zorn.

»Warum nicht?« fragte er; und als wäre ihm die außerordentliche Ungerechtigkeit ihrer abweisenden Geste plötzlich klar geworden, ließ er ihre Hand los.

»Warum nicht?« fragte er wieder scharf.

Das Schweigen aber ward nur durch Spatzengezwitscher draußen vor dem runden Fenster unterbrochen und durch das Geräusch des Pferdes Hal, das das letzte Stück der Rübe kaute. Harbinger fühlte in jedem Nerv den anheimelnden, etwas scharfen, warmen Geruch der Box sich mit dem Duft von Barbaras Haar und Kleidern mengen. Und niedergeschlagen fragte er zum drittenmal:

»Warum nicht?«

Aber die Hände hinterm Rücken verschränkend, erwiderte sie sanft:

»Mein Lieber, wie soll ich das wissen?«

Sie stand so ruhig vor ihm, daß er sie hätte umarmen können, wenn er es nur gewagt hätte; aber er wagte es nicht und ging zur Wand der Box zurück. Sich in den Finger beißend, starrte er sie finster an. Sie streichelte das Maul ihres Pferdes; und etwas wie stumme Wut begann in seinem Herzen zu wühlen und zu rasen. Sie hatte ihn abgewiesen – ihn, Harbinger! Er hatte nicht gewußt, hatte nicht geahnt, wie sehr er nach ihr verlangte. Wie konnte noch eine andere für ihn existieren, so lange dieses junge, ruhige, süßduftende, lächelnde Wesen atmete, das ihm den Kopf verdrehte, seine Sinne peinigte und sein Herz mit Sehnen füllte! In diesem Augenblick kam er sich als aller Männer unseligster vor.

»Ich gebe Sie doch nicht auf,« murmelte er.

Barbaras Antwort war ein etwas neugieriges, mitleidsvolles und doch fast dankbares Lächeln, als hätte sie sagen wollen:

»Danke – wer weiß?«

Und ziemlich rasch, etwa einen Schritt von einander entfernt und von Pferden sprechend, gingen sie wieder dem Hause zu.

Es war gegen Mittag, als sie von Courtier begleitet ausritt.

Der dreitägige Südweststurm war wieder strahlender Stille gewichen, und das bloße Lebendigsein war schon etwas Wunderbares. An einem kleinen Bach, der längs des Heidemoors am wilden Steinmann vorbeifloß, hielten die Reitenden ihre Pferde an, nur um zu lauschen und den Tag einzuatmen. Der ferne, liebliche Chor des Lebens sang in einem überaus zarten Rhythmus; kein einziger jener verschiedenen, leise raunenden Laute der Bäche und der lauen Luft, der Tiere, Menschen, Vögel und Bienen durchdrang aufdringlich die Hülle von Geräuschen, welche die Erde umschloß. Es war Mittag, der stille Augenblick, doch das Murmeln dieser Hymne an die Sonne nach ihrer zu langen Abwesenheit schwieg keinen einzigen Moment. Und die Erde trug ein zweites Kleid von herrlichem Duft aus dem jungen Farnsaft, aus Heidekrautknospen, wohlriechenden Lärchen, gerade sich bräunendem Ginster, hintreibendem Holzrauch und dem Atem des Hagedorns köstlich gewoben. Über die Zwillingsgewande der Erde aus Klang und Duft war die blaue Hülle der Luft gelagert, jener sinnenden, weiten, nur von den Schwingen der Freiheit überspannten Fläche.

Nach jenem langen Schlürfen des Tages ritten die Reiter fast schweigend bis zum höchsten Gipfel des Heidemoors empor. Dort saßen sie wieder ganz still auf den Pferden und genossen die Aussicht. Weit weg gen Süden und Osten lag die deutlich sichtbare See. Auf dem Bergabhang unter ihnen grasten zwei kleine Gruppen wilder Ponys langsam einander entgegen.

Courtier sagte mit leiser Stimme:

»So will ich sitzen und singen, die Liebste im Arm, und zusehen, wie unsere beiden Herden sich mischen, und unter uns das weite, himmelblaue, göttliche Meer.«

Und nach einem weiteren Schweigen sah er Barbara fest ins Gesicht und fuhr fort:

»Lady Barbara, ich fürchte, das ist das letztemal, daß wir beide allein sind. Daher muß ich Ihnen huldigen, so lang es noch Zeit ist. Sie werden stets der unwandelbare Stern meiner Anbetung bleiben. Doch Ihre Strahlen sind zu hell; ich werde aus der Ferne anbeten. Blicken Sie daher mit gütigen Augen aus Ihrem siebenten Himmel auf mich herab und vergessen Sie meiner nicht ganz.«

Bei diesen Worten, die so seltsam aus Ironie und Leidenschaft zusammengebraut waren, hielt Barbara vollkommen still, doch ihre Wangen glühten.

»Jawohl,« sagte Courtier, »nur ein Unsterblicher darf eine Göttin umarmen. Zu Füßen der Herrscherin ›Autorität‹ werde ich mit gekreuzten Beinen sitzen und mich dreimal des Tags vor ihr zu Boden werfen.«

Barbara jedoch erwiderte nichts.

»Am frühen Morgen,« fuhr Courtier fort, »wenn ich die dunkle, traurige Wohnstatt der Freiheit verlasse, werde ich nach den Tempeln der Großen blicken; dort werde ich mit den Augen des Glaubens Sie erschauen.«

Er hielt inne, denn Barbaras Lippen bebten.

»Ach bitte, kränken Sie mich nicht!«

Courtier beugte sich zu ihr hinüber, ergriff ihre Hand und führte sie an die Lippen. »Wir wollen jetzt weiterreiten …«

 

An diesem Abend fiel Lord Dennis, der beim Dinner seiner Großnichte gegenüber saß, ihre Erscheinung auf.

»Ein wunderschönes Kind,« dachte er, »ein ganz entzückendes, junges Geschöpf!«

Sie saß zwischen Courtier und Harbinger. Und des Greises noch immer scharfe Augen beobachteten diese beiden. Obgleich aufmerksam gegen ihre Nachbarinnen auf der andern Seite, ließen sie dennoch jeder heimliche Blicke nach Barbara und nach dem andern schweifen. Für Lord Dennis war die Sache durchsichtig, und ein Lächeln spielte um seinen sonst ernsten Mund zwischen dem weißen Schnurr- und Spitzbart. Doch er wartete, da ihn sein Fischerinstinkt keine einzige Stelle des Wassers vernachlässigen ließ, bis er das Kind ruhig zurückgelehnt sitzen sah, und beobachtete sorgsam, was nun geschehen würde. Trotzdem sie so unbekümmert und so tüchtig aß, stahlen sich ihre Blicke zu Courtier hin. In ihrem raschen Blick schien Beunruhigung zu liegen, als regte sie etwas auf. Dann redete Harbinger, und sie wandte sich ihm zu, um etwas zu erwidern. Ihr Antlitz war jetzt wieder ruhig, ein wenig erwartungsvoll, lächelte leise und war in seiner Lebensfreude geradezu herausfordernd. Lord Dennis mußte an seine eigene Jugend denken. Welch ein prächtiges Paar! Wenn Babs den jungen Harbinger zum Gatten nahm, so gäbe es kein schöneres Paar in ganz England! Seine Augen wanderten zu Courtier zurück. Recht männlich! Man hielt ihn für gefährlich! Er hatte tatsächlich den Blick eines Brausekopfes, der sich gehörig im Zaum hielt – mochte vielleicht für ein Mädchen anziehend sein! Seinem außerordentlich praktischen und nüchternen Verstand war ein Typus wie Courtier rätselhaft. Sein Aussehen gefiel ihm, doch seine spöttische Miene und das plötzliche Emporschießen des Blutes in die Stirn machten ihn mißtrauisch. Zweifellos ein Kerl, der seine Ideen zum Steckenpferd machte, ein Menschenfreund! Ein Menschenfreund hatte etwas Sonderbares für Lord Dennis. Vielleicht beleidigte er sein trockenes, nüchternes Gefühl für gutes Benehmen. Ein Menschenfreund war stets auf der Suche nach Grausamkeit und Ungerechtigkeit, schien entzückt, wenn er darauf stieß, schien gewissermaßen aufgeblasen, wenn er sie witterte, und da ein gut Teil davon auch vorhanden war, hatten diese Leute niemals normale Größe. Menschen, die für Ideen lebten, waren eigentlich für einen, dem Tatsachen genügten, stets ein wenig peinlich! Eine Bewegung Barbaras brachte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. War die Besitzerin jener Haarkrone und jener göttlichen jungen Schultern wirklich die kleine Babs, die mit ihm in der Rotten Row des Hydeparks geritten war? Die Zeit flog tatsächlich wie der Teufel dahin! Ihre Augen suchten etwas und Lord Dennis, der Richtung ihres Blickes folgend, merkte, daß sie Miltoun beobachtete. Welch ein Unterschied zwischen diesen beiden! Beide zweifellos von dem großen Leid der Jugend erfüllt, das manchmal, das wußte er nur zu gut, fast bis ins Greisenalter währte. Das Kind blickte seinen Bruder so seltsam an, als ob es ihn um Hilfe bäte. Lord Dennis hatte seinerzeit viele junge Geschöpfe gesehen, die das Obdach ihrer Freiheit verlassen und das Haus der großen Lotterie betreten hatten; viele von ihnen hatten einen Treffer gemacht und dadurch ein liebeleeres Dasein auf immer vermieden; aber die Augen vieler anderer waren hinter den Fensterläden jenes Hauses trübe geworden, denn sie hatten eine Niete gezogen. Der Gedanke an die ›kleine‹ Barbara, die auf der Schwelle jenes unerbittlich ernsten Raumes stand, erfüllte ihn mit trauriger Erwartung; und der Anblick der beiden Männer, die sie gleich Jägern belauerten, auf sie warteten, war ihm widerwärtig. Nur sollte sie sich um Himmels willen nicht zu diesem roten Kerl mittleren Alters verirren, der zwar Ideen haben mochte, doch keinen Stammbaum hatte; sie sollte sich an die Jugend halten und an ihren Stand und – zum Teufel! – den jungen Mann heiraten, der aussah wie ein Griechengott aus einer spätern Zeit, der sich einen Schnurrbart hatte wachsen lassen. Er gedachte ihrer Worte über die beiden an jenem Abend und über das verschiedene Leben, das sie führten. Irgend so eine romantische Idee arbeitete in ihr! Und wieder sah er Courtier an. Ein donquichotischer Typus – die Art, die gegen alles Sturm lief! Alles recht schön – aber nicht für Babs! Sie war nicht wie des berühmten Garibaldi berühmte Anita! Es war wirklich charakteristisch für Lord Dennis wie auch für andere, daß er tote Kämpen der Freiheit viel mehr verehrte als lebendige. Jawohl, Babs würde mehr verlangen oder eigentlich weniger, als nur unter den Sternen zu ruhen für den Mann, den sie liebte, und die Sache, für die er stritt. Sie würde Vergnügen fordern und sich nicht zu sehr anstrengen wollen und bald auch ein wenig Macht begehren; nicht den unbequemen Nachweltsruhm einer Frau, die durch Feuer geschritten ist, würde sie verlangen, sondern den Ruhm und die Macht der Schönheit und das Prestige der Gesellschaft. Dieser ihr Traum, wenn es ein Traum war, konnte nichts weiter als die romantische Idee eines jungen Mädchens sein. Um eines vorüberhuschenden Phantomes willen den festen Grund verlassen? Das taugte nicht! Und wieder heftete Lord Dennis einen klugen Blick auf seine Großnichte. Diese Augen, dieses Lächeln! Jawohl, sie würde es überwinden. Und ihn nehmen, den Griechengott, oder den ›Sterbenden Gallier‹, wie man eben den jungen Mann heißen mochte.


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