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Achtes Kapitel

Barbara saß in den Kissen des Wagens zurückgelehnt neben Klein-Ann. Obgleich sie an dem Gesellschaftsleben ihres Standes bereits teilzunehmen begonnen hatte, das eine frühe Kenntnis der Welt mit sich bringt, lag in ihrem Antlitz noch immer etwas von der Erwartung, die Kinder so liebenswert macht. Dennoch betrachtete sie die Bürger von Bucklandbury ziemlich gleichgültig, da sie bereits etwas von den sonderbar gemischten Gefühlen merkte, die ihre Landsleute in ihrer Gegenwart empfanden: jenen merkwürdigen Ausdruck auf ihren Gesichtern, der von dem fortwährenden Versuch herrührte, die Augen züchtig niederzuschlagen und dabei doch nach ihr hinzuschielen. Jawohl, sie verstand bereits jenen geheimnisvollen Blick, der das nationale Gebäude errichtet und immer noch mehr befestigt hatte: den Feind des Zynismus, des Pessimismus und alles Französischen oder Russischen; den Vater aller nationalen Tugenden und aller nationalen Laster; des Idealismus und der Konfusion, der Unabhängigkeit und Kriecherei; den Förderer guten Benehmens, den Mörder alles Grübelns; der nach rechts blickt und nach links, aber niemals geradeaus; der recht hoch, recht tief, recht sonderbar ist; und der unerschöpflich aus dem innersten Born des Nachahmungstriebs hervorquillt.

Von diesen Blicken umgeben, schien selbst Barbara, die auf Courtier wartete und die nicht weniger britisch als ihre Nachbarn war, die abwesende Gestalt ihrer neuen Bekanntschaft mit heimlichen Blicken zu betrachten. Auch sie brauchte etwas, zu dem sie emporblicken und worüber sie sich gleichzeitig erhaben wähnen konnte. Und es schien ihr, als hätte sie's in diesem fahrenden Ritter gefunden.

Er war ein Wesen aus einer andern Welt. Sie hatte schon viele Männer kennen gelernt, aber bis dahin noch keinen, der genau so gewesen wäre wie dieser. Es war recht nett, sich mit einem klugen Mann zu unterhalten, der nichtsdestoweniger so viele Taten außerhalb des Salons vollbracht, so viele Lebensgefahren hinter sich hatte. Die Nur-Schriftsteller, oder selbst die ›Bohemiens‹, die sie gelegentlich traf, waren sozusagen ›geistige Schleppenträger‹, nur dazu da, die Aristokratie mit den neuesten Erscheinungen von Kunst und Literatur bekanntzumachen. Dieser Mr. Courtier aber war ein Mann der Tat; ihn konnte man nicht mit jener amüsierten, nachsichtigen Bewunderung betrachten, die bei Männern angebracht war, welche nur wegen ihrer Ideen und der Art und Weise, wie sie sie in Farbe oder Worten ausdrückten, bemerkenswert schienen. Er hatte das Schwert geschwungen und verstand es auch zu schwingen, sogar in der Sache des Friedens. Er verstand zu lieben und hatte auch geliebt, so hieß es wenigstens. Wäre Barbara ein zwanzigjähriges Mädchen eines andern Standes gewesen, so wäre ihr das wahrscheinlich nie zu Ohren gekommen, und hätte sie's gehört, so wäre sie dadurch gewiß erschreckt oder abgestoßen worden. Aber sie hatte es gehört, ohne sich abgestoßen zu fühlen, da sie bereits erfahren hatte, daß die Männer nun einmal so sind, und manchmal auch die Frauen.

Sie empfand geradezu einen leisen Schreck, wie sie ihn die Straße herunter auf sich zuhumpeln sah; und als er wieder im Wagen saß, befahl sie dem Chauffeur: »Zum Bahnhof, Frith. Bitte schnell!« und begann:

»Man kann Ihnen wirklich nicht trauen. Was haben Sie getan?«

Courtier aber schwieg und lächelte grimmig über Anns Kopf hinweg.

Bei dieser deutlichen Abweisung, fast der ersten in ihrem bisherigen Leben, fuhr Barbara zusammen, als hätte sie ein leichter Peitschenhieb getroffen, ihre Lippen schlossen sich fest, ihre Augen begannen zu funkeln. ›Na schön, mein Lieber!‹ dachte sie. Als sie aber bald darauf heimlich einen Blick nach ihm warf, gewahrte sie auf seinem Antlitz einen so sonderbaren Ausdruck, daß sie die Beleidigung vergaß.

»Ist etwas nicht in Ordnung, Mr. Courtier?«

»Jawohl, Lady Barbara, etwas ist durchaus nicht in Ordnung – jenes elende, gemeine Ding: die menschliche Zunge.«

Barbara besaß eine intuitive Kenntnis in der Behandlung derartiger Sachen, etwas wie moralische Kaltblütigkeit, die sie von Jugend auf aus den Gesprächen, die sie gehört, aus den Gesichtern, die sie betrachtet, geschöpft hatte. Sie verließ sich auf diese Intuition, und indem sie über Anns braunes Haar hin verstehende Blicke mit ihm tauschte, fragte sie: »Steht es irgendwie in Zusammenhang mit Mrs. N.?« Da seine Augen zustimmten, fügte sie rasch hinzu: »Und M.?«

Courtier nickte.

»Das habe ich mir gedacht. Mögen sie klatschen! Wer kümmert sich darum?«

Sie fing einen zustimmenden Blick und das Wort »Bravo!« auf.

Der Wagen aber hielt vor dem Bahnhof an.

Lady Casterleys kleine graue Gestalt trat eben aus der Tür des Stationsgebäudes, man sah ihr die lange Reise kaum an. Sie blieb stehen, um das Auto vom Chauffeur bis zu Courtier ins Auge zu fassen.

»Na, Frith! – Mr. Courtier, nicht wahr? Ich kenne Ihr Buch, ich bin gar nicht mit Ihnen einverstanden; Sie sind ein gefährlicher Mensch – wie geht es Ihnen? Diese beiden Taschen muß ich unbedingt mitnehmen. Das Übrige kann der Gepäckwagen bringen … Randle, steigen Sie vorne auf und nehmen Sie sich vor dem Staub in acht! Ann!« Aber Ann, die schon lange eine Verbesserung ihrer Position geplant hatte, saß bereits neben dem Chauffeur. »Hm! Sie haben sich also das Bein verletzt? Stehen Sie nicht auf! Wir können zu dritt sitzen … Jetzt kann ich dir einen Kuß geben, meine Liebe! Du bist gewachsen!«

Lady Casterleys Kuß blieb jedem unvergeßlich, der ihn einmal erhalten; aber vielleicht auch der von Barbara. Dennoch waren beider Küsse verschieden. Denn bei Lady Casterley konnte man sehen, wie die alten Augen, hell und forschend, sich für die genaue Stelle entschieden, die ihre Lippen berühren sollten; dann beugte sich das Gesicht mit dem energischen Kinn plötzlich nach vorne; die Lippen hielten einen Augenblick inne, wie um sich zu vergewissern, hernach gruben sie sich auf einmal hart und trocken mitten in die Wange ein, zitterten den Bruchteil einer Sekunde wie bemüht, nicht zu vergessen, daß sie sanft sein sollten, und schnellten zurück wie das Gummiband einer Schleuder. Bei Barbara aber trat zuerst ein Licht in die Augen, ihr Kinn neigte sich, dann spitzten sich ihre Lippen ein wenig, ihr Körper bebte, als würde sie größer, ihr Haar atmete, ein leises, liebliches Geräusch ward hörbar; es war vorbei.

Nachdem Barbara ihre Großmutter so geküßt hatte, nahm sie wieder Platz und sah Courtier an. Da sie zu dreien saßen, mußte er sie berühren, und es kam ihr vor, als ob er gar nichts dagegen hätte.

Ein Wind, aus Westen kommend, hatte sich erhoben und das Sonnenlicht trieb auf ihm daher. Der Ruf des Kuckucks – lauter als sonst – folgte dem rasch dahineilenden Wagen. Und jener ganz eigene Duft des Moors, aus den Heidekrautwurzeln und dem Südwestwind geboren, strömte leise aus dem jungen Farn hervor.

Mit den schmalen, aufgeblähten Nüstern, die den Duft einsogen, sah Lady Casterley einem kleinen, schönen Jagdvogel ausgesprochen ähnlich.

»Es riecht gut bei euch hier draußen,« sagte sie. »Mr. Courtier, ehe ich's vergesse – wer ist eigentlich diese Mrs. Lees Noel, von der ich so viel höre?«

Bei dieser Frage konnte Barbara nicht umhin, nach der Seite zu schielen. Wie würde er Großmütterchen standhalten? Jetzt würde sie sehen, aus welchem Holz er geschnitzt war. Großmütterchen war fürchterlich!

»Eine ganz reizende Dame, Lady Casterley.«

»Zweifellos; aber ich habe es satt, das immer wieder zu hören. Was für eine Vergangenheit hat sie?«

»Hat sie denn eine?«

»Ha!« rief Lady Casterley.

Ganz sachte drückte Barbara mit ihrem Arm den Courtiers. Es war so köstlich zu beobachten, wie Großmütterchen nicht weiterkam!

»Ich kann also annehmen, daß sie eine hat

»Nach meinen Worten nicht, Lady Casterley.«

Wieder fühlte er Barbaras unmerkliche, schmeichelhafte Berührung.

»Na, das ist ja alles recht mysteriös. Ich werde es schon selbst herausfinden. Du kennst sie doch, meine Liebe? Du mußt mich zu ihr führen!«

»Liebes Großmütterchen! Leute ohne Vergangenheit können auch keine Zukunft haben.«

Lady Casterley ließ ihre kleine, klauenartige Hand auf das Knie ihres Enkelkindes niederfallen.

»Rede keinen Unsinn und schieß nicht so in die Höhe!« sagte sie, »du bist sowieso schon zu groß …«

Beim Dinner an jenem Abend wußten bereits alle die Neuigkeit. Sir William war von dem Wahlagenten in Staverton informiert worden, wo man Lord Harbingers Rede mehrere Male roh unterbrochen hatte. Der Honourable Geoffrey Winlow, der seine Frau vorausgeschickt hatte, war in seinem Zweidecker von Winkleigh herübergeflogen und hatte ein Exemplar des ›Wisches‹ mitgebracht. Der einzige Teilnehmer der kleinen Gesellschaft, der vor dem Dinner noch nichts von dem Bericht gehört hatte, war Lord Dennis Fitz-Harold, Lady Casterleys Bruder.

Natürlich wurde nur wenig gesprochen. Nachdem sich jedoch die Damen zurückgezogen hatten, äußerte Harbinger mit jener freimütigen Unmittelbarkeit, die in Anbetracht seines fast klassisch geformten Gesichtes so unerwartet kam, in der aber vielleicht ein wenig Absicht lag, dahin zielende Worte, daß Miltoun gänzlich erledigt wäre, wenn sie dies Gerücht nicht im Keim erstickten. Die Sache stand wirklich ernst! Und die Halunken wußten es und würden es als Trumpf ausspielen. Und Miltoun war nach London gefahren, niemand wußte warum. Sie saßen verwünscht in der Patsche!

Die ganze Konversation des jungen Mannes war in jenem eigentümlichen Ton gehalten, die jede Beschuldigung, die Dinge ernst zu nehmen, zurückzuweisen scheint – in jenem Ton, in jener Art und Weise, die allem gewachsen ist, nur dem Spotte nicht, und die angesichts von Spott Gefahr läuft zu versagen. Die etwas höhnisch geäußerten Worte: »In welcher Patsche, mein lieber junger Mann?« ließen ihn sofort verstummen.

Wer nach der Ergänzung und dem Widerspiel Lady Casterleys Ausschau hielt, wäre vielleicht auf ihren Bruder verfallen. All ihre brüske Entschiedenheit wurde durch seine ironische und gründliche Höflichkeit aufgehoben. Seine Stimme, sein Aussehen und Benehmen glichen seinem Samtrock, der hier und da einen weißlichen Schimmer aufwies, als hätte das Mondlicht ihn gestreift. Auch sein Haar besaß diesen Schimmer. Sein Gesicht mit den sehr feinen Zügen trug weißen Schnurr- und Backenbart nach elisabethinischer Mode. Seine haselnußfarbenen, noch immer klaren Augen hatten einen ganz offenen Blick, aus dem eine gewisse nüchterne Freundlichkeit sprach. Obwohl sein Gesicht nicht wettergebräunt war, keine Falten und eine viel zu zarte Haut hatte, sah es doch den Gesichtern alter Matrosen oder Fischer seltsam ähnlich, die ein einfaches, arbeitsreiches Leben unter dem Einfluß einer alles beherrschenden Tradition geführt haben. Es war das Antlitz eines Mannes von unwandelbarer Überzeugung, der Neuerungen, die er vor vollen fünfzig Jahren geprüft und abgelehnt hatte, noch immer spöttisch gegenüberstand. Man fühlte, wie ein Gehirn, das nicht ohne Scharfsinn und ästhetische Begriffe war, schon lange alle Versuche aufgegeben hatte, sich in das Betragen anderer einzumengen; wie alle Schärfe theoretischer Gedanken der Schärfe des praktischen, auf gründlicher Erfahrung ruhenden Urteils gewichen war. Infolge seiner Unfähigkeit, die Reklametrommel zu rühren, was ganz natürlich schien bei einem Manne, der sich seiner Würde so sehr bewußt war, daß er überhaupt nicht um sie besorgt war, und auch infolge seiner Neigung zu einer gewissen Dame, die erst mit deren Tode endete, hatte er sein Dasein sozusagen im Schatten verbracht. Dennoch besaß er in der Gesellschaft einen sonderbaren Einfluß, denn es war bekannt, daß man ihn unmöglich dahin bringen konnte, die Dinge auf eine komplizierte Art und Weise zu betrachten. Man sah in ihm gewissermaßen die letzte Zufluchtsmöglichkeit. »Steht es so schlimm? Da bleibt nur noch der alte Fitz-Harold! Versuch's mit dem! Er wird dich nicht beraten, aber er wird etwas sagen.«

Und im Herzen jenes unehrerbietigen jungen Mannes, Harbinger, regte sich etwas wie Besorgnis. Hatte er sich vielleicht zu frei ausgedrückt? Hatte er etwa zu stark aufgetragen? Er hatte den alten Burschen ganz vergessen! Indem er Bertie mit dem Fuße anstieß, murmelte er: »Habe nicht daran gedacht, daß Sie's noch nicht wissen, Sir. Bertie wird es erklären.«

Also aufgefordert, erklärte es Bertie, wobei er die Lippen nur sehr wenig auftat und die halbgeschlossenen Augen auf dem Großonkel ruhen ließ. Da wohnt eine Dame in dem Häuschen – eine nette Frau – Mr. Courtier kannte sie – Miltoun ging manchmal hin – neulich abends war es ziemlich spät geworden – diese Lumpen beuteten die Sache gehörig aus – stellten Vermutungen an – das würde ihn die Wahl kosten, wenn sie nicht auf der Hut wären. Der reinste Blödsinn natürlich!

Seiner Meinung nach war Miltoun, obwohl sonst so zuverlässig wie ein Uhrwerk, ein Narr gewesen, die Frau mit heraus auf den Anger kommen zu lassen, womit er deutlich gezeigt hatte, wo er gewesen war, als er Courtier eilends zu Hilfe kam. Man durfte nicht so mit Frauen herumspielen, von deren gesellschaftlicher Stellung niemand auch nur die geringste Ahnung hatte, so vielversprechend sie auch aussehn mochten!

Dann unterbrach Winlow das Schweigen: Was sollte man tun? Sollte man Miltoun telegraphieren? So eine Geschichte griffe wie ein Lauffeuer um sich! Sir William, ein Mann, der gewohnt war, Schwierigkeiten nicht zu unterschätzen, hielt Unannehmlichkeiten für wahrscheinlich. Harbinger sprach die Meinung aus, daß der Herausgeber einen Tritt verdiene. Wußte jemand, wie Courtier die Nachricht aufgenommen hatte? Wo war er denn – dinierte er auf seinem Zimmer? Bertie meinte, daß es noch nicht zu spät sei, Miltoun zu telegraphieren, falls er sich in Valleys House befände. Man sollte der Sache sofort Einhalt tun! Und bei all dieser Besorgnis über die Lage brach immer wieder der sonderbare, leise Wunsch hervor, die ganze Sache als unerhörte Frechheit zu ignorieren und im Geiste den Halunken eins aufs Dach zu hauen, was bei so wohlerzogenen jungen Leuten ganz natürlich war.

Da unterbrach die Stimme von Lord Dennis ein erneutes Schweigen:

»Ich denke eben an diese arme Frau.«

Harbinger, der sein Selbstbewußtsein, das ihn nur selten verließ, wieder erlangt hatte, murmelte mit einer etwas jähen Wendung nach jener trockenen, angenehmen Stimme hin:

»Ganz recht; natürlich!«


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