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Zehntes Kapitel

Barbara teilte die Nachricht von der Krankheit ihres Bruders keiner Seele mit, denn ihr gesunder Verstand sagte ihr, daß sie jede Einmengung verhindern müsse. Aus eigenem Antrieb brachte sie einen Arzt und kam zweimal im Tag, um nach Miltouns Befinden zu fragen.

Ihre Eltern waren zu Lord Dennis gefahren, um die Goodwood-Rennen zu besuchen, und die Hauptschwierigkeit für Barbara war nur noch, eine Entschuldigung für ihr eigenes Fernbleiben zu finden. Sie hatte zu der Halbwahrheit gegriffen, daß Eustace sie in London nötig hätte; und da weder Lord noch Lady Valleys eine gewisse Besorgnis um ihren Sohn losgeworden waren, genügte der Vorwand.

Erst am sechsten Tage, als die Krisis gut überstanden und Miltoun schon ganz fieberfrei war, fuhr sie wieder nach Nettlefold.

Nach der Ankunft suchte sie sofort ihre Mutter auf, die sie im Schlafzimmer ruhend fand. Es war in Goodwood sehr heiß gewesen.

Barbara hatte keine Angst vor ihr – sie hatte eigentlich vor niemand Angst, Miltoun ausgenommen, und auf eine merkwürdige Art auch ein wenig vor Courtier; als jedoch die Kammerzofe das Zimmer verlassen hatte, fing sie nicht sofort zu sprechen an. Lady Valleys, die in Goodwood gerade Einzelheiten eines Gesellschaftsskandals gehört hatte, begann einen sorgfältig für die Ohren ihrer Tochter zurechtgemachten Bericht, denn sie fühlte, daß sie irgend jemandem unbedingt irgend etwas davon erzählen müsse.

»Mutter,« sagte Barbara plötzlich, »Eustace ist krank gewesen. Er ist jetzt außer Gefahr und auf dem Weg der Besserung.« Dann fügte sie, ihre verwirrte Mutter fest anblickend, hinzu: »Mrs. Noel pflegt ihn.«

Wenn auch die Erwähnung der Krankheit im ersten Augenblick bei Lady Valleys keine Panik aufkommen ließ, so versetzte sie doch die Situation, die Barbaras letzte Worte vor ihr heraufbeschworen hatte, in Bestürzung. Anstatt sich über den Skandal andrer unterhalten zu können, mußte sie den Skandal aus der eigenen Familie anhören, was stets eine wenig beneidenswerte Sensation ist. Eine Frau durfte unter solchen Umständen einen Mann nicht pflegen, wenn sie nicht riskieren wollte, in den Augen der Welt als seine Geliebte zu gelten. Ihre Tochter fuhr fort:

»Ich habe sie zu ihm gebracht. Es blieb nichts andres übrig, da er doch nur ihretwegen krank geworden ist. Natürlich weiß niemand davon, nur der Arzt und – Stacey.«

»Himmel!« murmelte Lady Valleys.

»Sie hat ihn gerettet.«

Das mütterliche Gefühl in Lady Valleys ließ sie erschrecken.

»Sagst du mir die Wahrheit, Babs? Ist er wirklich außer Gefahr? Es war ein großes Unrecht von dir, mir's nicht früher zu sagen!«

Barbara aber blieb unbeweglich und ihre Mutter überließ sich wieder ihren Gedanken.

»Stacey ist eine Katze,« sagte sie plötzlich. In dem zurechtgemachten Bericht des Skandals, den sie ihrer Tochter umständlich erzählt hatte, war auch die übliche Kammerzofe erwähnt. Es war ihr unmöglich, die Ironie dieser Übereinstimmung lustig zu finden. Als sie dann Barbara lächeln sah, sagte sie streng:

»Ich kann darin nichts Belustigendes finden.«

»Ich habe nur geglaubt, liebe Mutter, es würde dich belustigen, wenn ich Stacey hineinbrächte!«

»Was? Willst du damit sagen, daß sie nichts davon weiß?«

»Nicht das geringste.«

Lady Valleys lächelte.

»Was für ein kleiner Schelm du bist, Babs!« Und boshaft fügte sie hinzu: »Claud und seine Mutter kommen mit Bertie und Lily Malvezin aus Whitewater herüber, mach also lieber Toilette,« und ihre Augen forschten so listig in denen ihrer Tochter, daß dem Mädchen das Blut in die Wangen schoß.

Nachdem sie fort war, läutete Lady Valleys wieder ihrer Zofe und verfiel neuerlich in Nachdenken. Ihr erster Gedanke war, ihren Gatten um Rat zu fragen, der zweite, daß Verschwiegenheit Stärke bedeute. Da es außer Barbara niemand wußte, brauchte auch niemand andrer etwas davon zu wissen.

Ihre Schlauheit und Erfahrung erfaßten die weitreichenden Möglichkeiten dieser Angelegenheit. Man mußte sich vor jedem unrichtigen Schritte hüten. Wenn sie nur ihre und Barbaras Handlungen zu kontrollieren hatte, ließ sich umso leichter ein Versehen vermeiden. Ihr Gemüt war ein seltsames, fast komisches, beinahe tragisches Gemisch von Gedanken und Gefühlen, von weltlicher Klugheit und mütterlichem Empfinden; von warmblütiger Sympathie für alle Liebesangelegenheiten und kaltblütiger Sorge um die Laufbahn ihres Sohnes. Vielleicht war es noch nicht zu spät, wirkliches Unheil zu verhindern, besonders, da ein jeder zugab, daß die Frau keine Abenteurerin war. Was auch geschah, man durfte nicht vergessen, daß sie ihn gepflegt, ja gerettet hatte, wie Barbara sagte. Man mußte sie mit aller möglichen Liebenswürdigkeit und Rücksicht behandeln.

Sie beendete rasch ihre Toilette und ging nun ihrerseits in das Zimmer ihrer Tochter.

Barbara war bereits im Gesellschaftskleid und lehnte aus dem Fenster, das auf die See hinausging.

Lady Valleys begann fast schüchtern:

»Meine Liebe, ist Eustace schon außer Bett?«

»Er sollte heute auf eine oder zwei Stunden aufstehn.«

»Aha! Wäre es noch irgendwie gefährlich, wenn du und ich Mrs. Noel in der Pflege ablösten?«

»Der arme Eusty!«

»Gewiß, gewiß! Aber bedenk es doch genau! Würde es ihm schaden?«

Barbara schwieg. »Nein,« sagte sie endlich, »ich glaube, jetzt nicht mehr; aber der Arzt soll entscheiden.«

Lady Valleys zeigte augenscheinliche Erleichterung.

»Wir wollen ihn natürlich erst befragen. Eustace wird wahrscheinlich eine Zeitlang eine geprüfte Pflegerin nötig haben.«

Und mit einem heimlichen Blick auf Barbara fügte sie hinzu:

»Ich will besonders nett zu ihr sein; aber, Babs, man darf nicht romantisch sein.«

Aus dem leisen Lächeln auf Barbaras Lippen konnte sie nichts Gewisses schließen; in der Tat wurde sie wieder von all der Unruhe der letzten Zeit wegen ihrer jungen Tochter heimgesucht, von all den Befürchtungen, daß diese ebenso wie Miltoun knapp davorstehe, eine Torheit zu begehen.

»Also Babs,« sagte sie, »ich gehe inzwischen hinunter.«

Doch Barbara blieb ein wenig länger in dem Zimmer, in dem sie vor zehn Tagen keinen Schlaf hatte finden können, bis sie aus Verzweiflung das Haus verlassen und sich in der dunkeln See abgekühlt hatte. Ihre letzte kurze Unterredung mit Courtier stand zwischen ihr und einer neuerlichen Begegnung mit Harbinger, mit dem sie an dem Gesellschaftsabend in Valleys House nicht hatte allein bleiben wollen. Sie kam erst spät hinunter.

Am selben Abend schlenderten am Strandweg draußen die Leute unter einem von Sternen prangenden Himmel umher: Städter, die hier ihre kurzen Ferien verbrachten. Zu zweit und dritt, in Gruppen von sechs oder acht gingen sie an der Mauer von Lord Dennis' kleinem Reich vorbei; und das Geräusch ihrer herüberklingenden Reden und ihr Lachen, vermischt mit den Seufzern der Wogen, drang über die Mauer an die Ohren Harbingers, Berties, Barbaras und Lily Malvezins, als sie nach dem Dinner hinausschlenderten, um die Seeluft einzuatmen. Die Ausflügler starrten gleichgültig die vier Gestalten in Gesellschaftstoilette an, die über ihnen auftauchten; sie hatten an ganz andere Dinge zu denken und wurden immer schweigsamer, je dunkler die Nacht ward. Auch die vier jungen Leute waren ziemlich schweigsam. Es lag etwas in dieser warmen Nacht mit ihrem Seufzen, ihrem Dunkel und ihren Sternen, das einem Gespräch nicht förderlich war, so daß sie sich bald in Paare teilten, die in kleinem Abstand voneinander gingen.

Wie Harbinger so dastand und die Mauer faßte, schien es ihm, als ob er keiner Worte mehr fähig wäre. Diesen jungen Mann hätte nicht einmal sein ärgster Feind romantisch heißen können; und dennoch gewährte ihm die Gestalt an seiner Seite, das Schimmern ihres Nackens und ihrer blassen Wangen im Dunkel vielleicht den tiefsten Einblick in das Geheimnis, den er je getan hatte. Sein Geist, im wesentlichen der eines Mannes der Tat, der von Natur und aus Gewohnheit die Dinge von ihrer materiellen Seite betrachtete, empfand nur ungewiß, daß es hier in dieser dunkeln Nacht, an dieser dunkeln See und neben sich die blasse Gestalt dieses Mädchens, dessen Herz ihm dunkel und verschlossen blieb, vielleicht doch etwas gab, das die Grenzen seiner Philosophie überschritt, etwas, das ihn herauslocken wollte aus seiner bequemen Sicherheit in das grenzenlose Gebiet des Geistes. Doch wich dies Gefühl gar bald dem Verlangen seiner Sinne, als ihm der Duft ihres Haares entgegenschlug, und der Sehnsucht, diesem unheimlichen Schweigen zu entrinnen.

»Babs,« sagte er, »haben Sie mir verziehn?«

Sie erwiderte, ohne den Kopf zu wenden, unbefangen, aber gleichgültig:

»Ja – ich habe es Ihnen ja gesagt.«

»Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?«

»Worüber sollen wir sonst sprechen? Über das Rennen Casettas?«

In tiefster Seele stieß Harbinger einen stummen Fluch aus. Irgend ein unheilvoller Einfluß war schuld, daß sie sich ihm gegenüber so benahm! Dieser Kerl war's, dieser Kerl! Und plötzlich sagte er:

»Sagen Sie mir das eine –« Dann schienen ihm die Worte in der Kehle stecken zu bleiben. Nein! Wenn es sich wirklich so verhielt, mochte er es lieber nicht hören. Alles hatte seine Grenzen!

Unten am Strand ging ein Liebespaar ganz schweigsam, einander umschlungen haltend, vorüber.

Barbara machte kehrt und schritt dem Hause zu.


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