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Achtzehntes Kapitel

Lord Valleys, der durch das Nachlassen der Kriegshetze von seinen dringenden Amtspflichten befreit war, kehrte gegen Ende der Woche auf mehrere Tage zurück. Die Behauptung, daß die Neuigkeit, Mrs. Noel sei nicht frei, auf ihn wie eine Erleichterung gewirkt hätte, hieße die Sache sehr gelinde ausdrücken. Obwohl er in bezug auf die Vermischung der Klassen nicht altmodisch wie seine Schwiegermutter war, sondern gerne zugab, daß Exklusivität veraltet sei, und mit einem Lachen und Achselzucken über jene zahlreichen Verbindungen hinwegging, wodurch sein Stand den Kriegsschatz erneuerte, und obwohl er in seiner Eigenschaft als Sachverständiger in der Tat oft auf die Gefahren einer zu starken Inzucht hingewiesen hatte, so hegte er doch seine besonderen, persönlichen Ansichten, wenn seine eigene Familie in Betracht kam, und war vielleicht um Agathas willen ein wenig überempfindlich; denn Shropton, obwohl ein guter Kerl und außerordentlich reich, war nur ein Baronet dritten Grades und ursprünglich aus Eisen hervorgegangen. Es war nicht ratsam, aus dem innern Kreise herauszutreten, da doch keine materielle Notwendigkeit dazu vorlag. Überdies war das eine Sache des Gefühls!

Als er am Morgen nach seiner Ankunft vor dem Frühstück die Hundeställe besuchte, sprach er mit seinem Verwalter und streichelte die feuchten Schnauzen seiner beiden Lieblingsvorstehhunde, etwa mit dem Gefühl eines Schulknaben, der Ferien hat. Diese angenehmen Geschöpfe, die sich voll Stolz an seine Beine drängten und schmiegten und mit ihren gelben, chinesischen Augen zu ihm emporsahen, verursachten ihm ein Empfinden von Wärme und Behagen, wie es Menschen bei Ausübung ihrer Liebhabereien überkommt. Bei diesem besonderen Paare, dem Produkt äußerster Inzucht, hatte er ein großes Wagnis erfolgreich überwunden. Es hing jetzt alles davon ab, ob er noch eine weitere Kreuzung mit der ursprünglichen Rasse riskieren sollte, um den letzten Überrest von bräunlicher Farbe zu beseitigen. Es war ein Spekulation – und das war es ja gerade, was die Sache so überaus interessant machte.

Eine schwache Stimme lenkte seine Aufmerksamkeit ab; er sah sich um und erblickte Klein-Ann. Sie hatte schon geschlafen, als er in der vorigen Nacht angekommen war, und daher war er jetzt das Neueste. Sie hielt ein Meerschweinchen auf den Armen und begann sofort:

»Großpapa, Großmütterchen sucht dich. Sie ist auf der Terrasse; sie spricht mit Mr. Courtier. Er gefällt mir – er ist ein lieber Mann. Wenn ich mein Meerschweinchen auf den Boden setze, werden sie es beißen? Armes Tierchen – sie dürfen's nicht! Ist es nicht herzig!«

Lord Valleys, der seinen Schnurrbart emporzwirbelte, betrachtete das Meerschweinchen kritisch; er empfand etwas wie Abneigung gegen alle vernunftlosen Tiere.

Klein-Ann, die das Meerschweinchen mit den Händen zusammendrückte, als wäre es eine Ziehharmonika, schwang es sanft über den Vorstehhunden, die mit ihren langen Nasen angsterregend schnupperten und wie gebannt emporsahen.

»Die armen Dinger, sie möchten's haben, nicht wahr? – Großpapa?«

»Ja?«

»Glaubst du, daß die nächsten Jungen ganz gefleckt sein werden?«

Lord Valleys, der noch immer seinen Schnurrbart emporzwirbelte, gab zur Antwort:

»Das ist gar nicht so unwahrscheinlich, Ann.«

»Warum hast du sie gefleckt gern? O! Sie lecken Sambo – jetzt muß ich aber gehn!«

Lord Valleys folgte ihr mit etwas emporgezogenen Augenbrauen.

Als er sich der Terrasse näherte, kam ihm seine Frau entgegen. Ihr Gesicht war tiefer gerötet als gewöhnlich, und sie hatte das erregte und entschlossene Aussehen, das ihr eigen war, wenn man ihr opponiert hatte. Und wirklich hatte sie gerade einen Waffengang mit Courtier hinter sich, der, weil er als erster Mrs. Noels Lage aufgedeckt, sich ein gewisses Anrecht auf Vertrauen über dieses Thema erworben hatte. Der Streit hatte sich aus einer nach ihrer Absicht keineswegs übertriebenen und durchaus natürlichen Bemerkung ergeben – nämlich, daß Mrs. Noel an dem ganzen Unheil schuld sei, da sie ihre Stellung Miltoun nicht von Anfang an klar gemacht hätte.

Er war sofort ganz rot geworden.

»Lady Valleys, sie zu tadeln, ist eine leichte Sache für jene, die sich selbst nie in der Lage einer einsamen Frau befunden haben.«

An keinen Widerspruch gewöhnt, hatte sie ihn fest angesehen.

»Ich bin die letzte, eine Frau aus rein konventionellen Gründen abzuurteilen. Aber meiner Ansicht nach hat es Mangel an Charakter gezeigt.«

Courtiers Erwiderung war fast unhöflich gewesen:

»Nicht alle Pflanzen sind gleich widerstandsfähig, Lady Valleys. Manche sind, wie wir wissen, recht empfindlich.«

Sie hatte mit Entschiedenheit zurückgegeben:

»Wenn Sie den einfachen Begriff ›schwach‹ unbedingt glorifizieren wollen!«

Nach dieser Erwiderung wurde er ganz kühl und biß auf seinen Schnurrbart.

»Was für Verbrechen werden nicht begangen unter dem Deckmantel des Glaubenssatzes: ›Das Überleben der Tüchtigsten‹, der in den Katechismus all der glücklichen Menschen wie Sie so vortrefflich paßt!«

Stolz auf ihre Selbstbeherrschung entgegnete Lady Valleys:

»Ah, das müssen wir zu Ende diskutieren. Wenn man Sie so reden hört, scheinen Sie kein Philosoph zu sein.«

Er hatte ihr mit einem sonderbaren, unangenehmen Lächeln gerade ins Gesicht gesehen, und sogleich hatten sich Zorn und Verwirrung ihrer bemächtigt. Es war ja recht schön, diese originellen Menschen zu hätscheln, ja sogar zu bewundern, aber es hatte seine Grenzen. Sie hatte sich jedoch erinnert, daß er ihr Gast sei, und sagte nur: »Vielleicht diskutieren wir es lieber doch nicht zu Ende;« und als sie fortging, hörte sie seine Antwort: »Jedenfalls bin ich überzeugt, daß Audrey Noel Ihren Sohn niemals mit Absicht im Dunkeln gehalten hat; dazu ist sie viel zu stolz.«

Obgleich er sie verletzt hatte, gefiel ihr doch wider Willen die Art und Weise, wie er sich für diese Frau einsetzte, und statt einer Entgegnung schleuderte sie ihm die Worte zu:

»Sie und ich, Mr. Courtier, müssen eines Tages einen tüchtigen Strauß miteinander ausfechten!«

Sie ging auf ihren Gatten zu, erfüllt von dem angenehmen Empfinden, das ein Streit stets in ihr auslöste.

Diese beiden waren recht gute Kameraden. Es war eine Liebesheirat gewesen, und wenn man die durch die Gelegenheit versuchte menschliche Natur mit gebührender Milde beurteilt, so war ihre Ehe durchwegs eine solide und tüchtige Verbindung geblieben. In Anbetracht der hervorragenden Rolle, die sie in öffentlichen und sozialen Angelegenheiten spielten, verbrachten sie nur eine begrenzte Zeit miteinander, die jedoch zu gegenseitigem Nutz und Frommen beitrug. Sie hatte noch keine Gelegenheit gefunden, die Affäre ihres Sohnes zu besprechen; Lady Valleys ließ ihre Hand durch seinen Arm gleiten und zog ihn vom Hause fort.

»Ich möchte mit dir über Miltoun sprechen, Geoff.«

»Hm,« sagte Lord Valleys, »aha! Der Junge sieht abgehetzt aus. Wenn diese Wahl nur schon vorbei wäre!«

»Wenn er durchfällt und sich nicht auf etwas Neues und Ernsthaftes konzentrieren kann, wird er sich wegen dieser Frau noch zu Tode kränken.«

Lord Valleys dachte ein wenig nach, ehe er erwiderte:

»Das glaube ich nicht, Gertrude. Er hat viel Energie.«

»Natürlich! Aber es ist eine wahre Leidenschaft. Und er ist nicht wie die meisten jungen Leute, die alles nehmen, was ihnen in den Weg kommt.«

Sie sagte das etwas nachdenklich.

»Die Frau tut mir leid,« überlegte Lord Valleys, »wahrhaftig!«

»Dieses Gerücht soll enorm viel geschadet haben.«

»Unser Einfluß ist stark genug, das zu überleben.«

»Er wird mit knapper Not durchdringen; ich möchte nur wissen, was für Pläne er hat. Willst du ihn fragen?«

»Du bist zweifellos eher dazu geeignet, mit ihm zu reden,« erwiderte Lord Valleys. »Ich bin zu ungeschickt in solchen Sachen.«

Doch Lady Valleys murmelte mit wahrem Mißbehagen:

»Ach Lieber, Eustace macht mich immer so nervös. Sobald er auf seine Weise lächelt, bin ich sofort erledigt.«

»Aber das ist offenbar eine Sache für eine Frau; das trifft eine Mutter am besten.«

»Wenn es nur eins von den andern wäre!« murmelte Lady Valleys. »Wenn Eustace einen anschaut, fühlt man sich plump und unbeholfen.«

Lord Valleys sah sie von der Seite an. Sein verwöhnter Geschmack konnte oft durch ein Wort zur Kritik herausgefordert werden. War sie plump und unbeholfen? Der Gedanke war ihm noch nie eingefallen.

»Na, ich tu's, wenn es sein muß,« seufzte Lady Valleys.

Als sie nach dem Frühstück in Miltouns ›Bude‹ trat, schnallte er sich gerade die Sporen an, um in ein paar entlegenere Dörfer zu reiten. Unter der Maske des Apachenhäuptlings stand Bertie, zugeknöpfter und sauberer denn je, mit einer vollendet geknüpften Krawatte, in Reithosen von vollendetem Schnitt und Schuhen, die schon so lange getragen und poliert worden waren, daß ein rußiger Glanz durch ihr natürliches Rotbraun hindurchschien. Obwohl Bertie Caradoc gewöhnlich kein Geck in seiner Kleidung war, wäre er fast lieber gestorben, als einem Pferde Schande zu machen. Seine Augen, die umso schärfer sahen, weil sie immer halb zugekniffen waren, erkannten sofort die Tatsache, daß seine Mutter mit dem ›lieben Miltoun‹ allein zu sein wünschte, und er verließ diskret das Zimmer.

Was alle, die mit Miltoun zu tun hatten, aus der Fassung brachte, war die Entdeckung, die sie früher oder später machten, daß man nie recht wissen konnte, wie er etwas aufnehmen würde. Sein Charakter war wie sein Antlitz von einer gewissen Regelmäßigkeit und auf einmal – ohne daß man recht hätte sagen können wie – schien er durchzugehen und um eine Ecke zu entwischen. Zweifellos war dies das Erbstück der schwererprobten Individualität, die viele seiner Vorfahren in die Höhe gebracht hatte; denn in Miltouns Adern floß nicht nur das Blut der Caradocs und Fitz Harolds, sondern auch das der meisten andern hervorragenden Familien des Königreichs, die alle in jenem Zeitalter, als noch nicht Geld den Mann machte, einen Vorfahr gehabt haben müssen, der durch seine vielleicht nicht immer vornehmen aber tüchtigen Eigenschaften hervorstach.

Und obwohl Lady Valleys, die eine große, aus ihrer robusten Natur entspringende Kühnheit besaß, sich gewöhnlich nicht einschüchtern ließ, fing sie jetzt an, von Politik zu sprechen, in der Hoffnung, daß ihr Sohn ihr entgegenkommen würde. Er aber tat nichts dergleichen, und sie wurde nervös. Indem sie ihre ganze Fassung aufbot, sagte sie schließlich: »Lieber Junge, ich bedauere diese Geschichte unendlich. Vater hat mir euer Gespräch mitgeteilt. Versuche doch, es nicht zu schwer zu nehmen.«

Miltoun gab keine Antwort, und da Lady Valleys von allen Dingen Schweigen stets am ärgsten fürchtete, nahm sie zu weitern Worten Zuflucht, wobei sie die ganze Episode von ihrem Standpunkt aus entwickelte und mit den Worten schloß: »Die Sache ist es wahrhaftig nicht wert.«

Miltoun hörte sie mit seinem sonderbaren Blicke an, der gleichsam durch ein Visier zu dringen schien. Dann sagte er lächelnd: »Danke!« und öffnete die Tür.

Lady Valleys ging hinaus, ohne recht zu wissen, ob er das gewünscht hatte, ja ohne im Augenblick irgend etwas zu wissen, und Miltoun schloß die Tür hinter ihr.

Zehn Minuten später konnte man ihn und Bertie den Fahrweg hinabreiten sehen.


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