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Siebzehntes Kapitel

Am letzten Tage vor den Parlamentsferien bestieg Lord Valleys leichten Herzens sein Pferd, um durch die Rotten Row des Hydeparks zu galoppieren. Er ritt seine Stute, obgleich es ein Rassepferd war, mit einfachem Zaum: er war gewohnt, seit seinem siebenten Jahre Jagden zu reiten und betätigte sich schon seit zwanzig Jahren als Oberst der Yeomanry. Er grüßte jeden Bekannten leutselig und sprach ganz offen über alle Fragen, besonders über die Regierungspolitik, wobei ihn im geheimen die Vermutungen und Prophezeiungen ergötzten, die so hübsch neben das Ziel schossen, und seine Art, Fragen und Andeutungen vor seiner Offenheit, die doch nichts verriet, zunichte werden zu lassen. Auch sprach er fröhlich über Miltoun, der ›wieder auf dem Damm sei‹ und ›auf den Kampf brenne‹, der mit dem Zusammentreten des Parlaments im Herbst wieder beginnen würde. Und er hänselte Lord Malvezin wegen seiner Frau. Wenn irgend jemand Bertie dazu bewegen könne, sich für Politik zu interessieren, so wäre sie es. Zweimal durchritt er die Allee viel zu rasch, aber die Polizei, die ihn kannte, drückte ein Auge zu. Es war ein schöner Tag, und es tat ihm leid, umkehren zu müssen. Er stieß auf Harbinger und forderte ihn auf, zum Lunch mitzukommen. Der junge Harbinger schien in der letzten Zeit verändert zu sein, er blickte fast mürrisch drein, und Lord Valleys erinnerte sich mit Schrecken an die beunruhigenden Worte seiner Frau über Barbara. Er hatte letzthin das Kind nur wenig zu Gesicht bekommen und in dem allgemeinen Rummel vor den Ferien die Sache ganz vergessen.

Agatha, die mit Klein-Ann noch immer in Valleys House weilte und darauf wartete, mit ihrer Mutter nach Schottland zu reisen, war ausgegangen, und beim Lunch waren nur Lady Valleys und Barbara anwesend. Das Gespräch geriet ins Stocken, denn die jungen Leute waren äußerst schweigsam und Lady Valleys überlegte den Entwurf eines Berichtes, der noch vor ihrer Abreise erledigt werden mußte, während Lord Valleys seine Tochter vorsichtig beobachtete. Die Nachricht, daß Lord Miltoun sich im Bibliothekszimmer befinde, wirkte überraschend und einigermaßen erleichternd auf alle. Auf die Weisung, ihn zum Lunch zu holen, erwiderte der Bediente, daß Lord Miltoun bereits gespeist habe und warten wolle.

»Weiß er, daß keine Gäste da sind?«

»Jawohl, Mylady.«

Lady Valleys schob ihren Teller zurück und erhob sich.

»Gut,« sagte sie, »ich bin fertig.«

Auch Lord Valleys stand auf, und sie verließen zusammen das Zimmer; Barbara, die sich erhoben hatte und unschlüssig nach der Tür sah, ließen sie zurück.

Lord Valleys, dem die Episode mit der Pflegerin vor kurzem erzählt worden war, hatte die Nachricht mit der zweifelnden Miene eines Mannes aufgenommen, der eine einen exzentrischen Menschen betreffende Tatsache erfährt, die in Verbindung mit einem andern ganz eindeutig wäre. Wäre Eustace ein junger Mann wie andere gewesen, so hätte sein Vater die Achseln gezuckt und gedacht: ›Na ja! Da hat man's!‹ So aber hatte er wirklich nicht gewußt, was er denken sollte. Und wie er nun durch den Salon schritt, der zwischen Bibliothek und Speisezimmer lag, sagte er besorgt zu seiner Frau:

»Handelt es sich wieder um diese Frau, Gertrude? Oder um was sonst?«

Lady Valleys erwiderte achselzuckend:

»Der Himmel weiß es, Lieber.«

Miltoun stand im Erker eines Fensters, das auf die Terrasse hinausging. Er sah gut aus, und sein Gruß klang nicht anders als sonst.

»Na, mein lieber Junge,« sagte Lord Valleys, »du bist ja wieder ganz wohlauf. Was gibt es denn Neues?«

»Nichts weiter, als daß ich beschlossen habe, mein Mandat niederzulegen.«

Lord Valleys sah erstaunt drein.

»Du meine Güte! Warum denn?«

Lady Valleys aber, die bereits mit dem rascheren Verständnis der Frau etwas von dem Grund erraten hatte, war tief errötet.

»Unsinn, mein Lieber!« rief sie, »das wäre durchaus überflüssig, selbst wenn –«

Die Fassung wieder gewinnend, fügte sie trocken hinzu:

»Gib uns wenigstens eben Grund dafür an!«

»Der Grund ist einfach der, daß ich mein Schicksal mit dem Mrs. Noels vereinigt habe und nicht weiter ein Leben der Lüge führen kann. Wenn es bekannt würde, müßte ich zweifellos sofort zurücktreten.«

»Allmächtiger!« rief Lord Valleys.

Lady Valleys machte eine rasche Bewegung. Angesichts dieser Sache, die ihrem Gefühl nach eine wirklich ernsthafte Krise zwischen diesen beiden so verschiedenartigen Männern, dem Gatten und dem Sohn, bedeutete, hatte sie ihre Maske fallen gelassen und war nur noch ein Weib. Die beiden Männer empfanden unbewußt diesen Wechsel und wandten sich beim Sprechen an sie.

»Ich kann es nicht erörtern,« erklärte Miltoun, »meine Ehre verpflichtet mich dazu.«

»Und was soll dann geschehen?« fragte sie.

Lord Valleys unterbrach mit echtem Gefühl:

»Wahrhaftig! Ich hätte gedacht, daß dir dein Land wichtiger wäre als deine Privatangelegenheiten.«

»Geoff!« rief Lady Valleys.

Lord Valleys aber fuhr fort:

»Nein, Eustace, ich stehe außer jedem Kontakt mit deiner Auffassung der Dinge. Mir will auch kein Schimmer von Verständnis dafür aufgehn.«

»Das ist nur zu wahr,« meinte Miltoun.

»Hört mich an, alle beide!« sagte Lady Valleys. »Ihr seid grundverschieden voneinander, und ihr dürft nicht streiten. Ich werde es nicht dulden. Du bist unser Sohn, Eustace, und hast die Pflicht, freundlich und rücksichtsvoll zu sein. Nimm Platz, wir wollen darüber sprechen.«

Sie bedeutete ihrem Gatten, sich niederzusetzen, und nahm selbst im Erker eines Fensters Platz. Miltoun blieb stehen. Von plötzlicher Angst ergriffen, sagte Lady Valleys:

»Ist es – du hast doch nicht – es wird doch keinen Skandal geben?«

Miltoun lächelte grimmig.

»Ich werde es natürlich ihrem Manne mitteilen; aber ich glaube, du kannst ganz ruhig sein; wie ich höre, ist nach seiner Auffassung der Ehe auf gar keinen Fall eine Scheidung möglich.«

Lady Valleys seufzte mit offenkundiger Erleichterung auf.

»Nun denn, mein lieber Junge,« fing sie wieder an, »selbst wenn du überzeugt bist, daß du's ihm sagen mußt, liegt gewiß kein Grund vor, warum man es anderweitig nicht geheimhalten könnte.«

Lord Valleys unterbrach sie. »Es wäre mir angenehm, wenn du den Zusammenhang zwischen deiner Ehre und dem Verzicht auf das Mandat erklären würdest,« sagte er steif.

Miltoun schüttelte den Kopf.

»Wenn du ihn nicht schon selbst eingesehen hast, ist eine Erklärung nutzlos.«

»Ich kann es nicht einsehen. Die ganze Sache ist – überaus peinlich, aber daß du deine Arbeit aufgeben sollst, so lange keine unbedingte Notwendigkeit dazu vorliegt, scheint mir weit hergeholt und lächerlich. Gibt es denn irgend einen Mann, der nicht zu einer gewissen Zeit seines Lebens ein ähnliches Verhältnis durchgemacht hätte? Diese Idee würde ja die halbe Nation disqualifizieren.«

In dieser Krise schienen seine Blicke die seiner Frau zu Rate zu ziehen und doch wieder zu meiden, als verlangte er von ihr, seinen Standpunkt zu teilen und als wollte er doch gleichzeitig den Anstand wahren. Und einen Augenblick behielt in Lady Valleys trotz all ihrer Angst der Sinn für Humor die Oberhand. Es war so komisch, daß Geoff sich bloßstellen mußte! Und sie konnte sich nicht um die Welt enthalten, ihn zu fixieren.

»Mein Lieber,« murmelte sie, »deine Schätzung war noch viel zu niedrig – zumindest drei Viertel!«

Lord Valleys aber, von Gefahr bedroht, wurde hartnäckiger.

»Es ist mir unbegreiflich,« erklärte er, »warum du überhaupt Liebe und Politik zusammenspannst.«

Miltouns Antwort kam ganz langsam, als verletzte das Bekenntnis seine Lippen:

»Man hat – verzeiht, daß ich das Wort gebrauche – so etwas wie Religion. Nach meiner Auffassung kann man das Leben unmöglich in öffentliche und private Angelegenheiten einteilen. Mein Ideal ist geschwunden – zerschmettert – ich kann im öffentlichen Leben jetzt keinen Endzweck – keine Sicherheit – kein Ziel vor mir erblicken.«

Lady Valleys ergriff seine Hand.

»Ach, mein Lieber,« rief sie, »das ist aber so schrecklich puritanisch!« Doch beim Anblick von Miltouns sonderbarem Lächeln fügte sie rasch hinzu: »Logisch, wollte ich sagen.«

»Um Himmels willen, zieh doch deinen gesunden Menschenverstand zu Rate!« fiel Lord Valleys ein. »Ist es nicht einfach deine Pflicht, deine Bedenken beiseite zu schieben und für dein Land dein Bestes zu leisten, kraft der Fähigkeiten, die dir verliehen sind?«

»Ich habe keinen gesunden Menschenverstand.«

»In diesem Falle mag es freilich das Vernünftigste sein, sich aus dem öffentlichen Leben ganz zurückzuziehen.«

Miltoun verbeugte sich.

»Unsinn!« rief Lady Valleys. »Du verstehst es nicht, Geoffrey. Ich frage dich nochmals, Eustace, was willst du hernach tun?«

»Das weiß ich nicht.«

»Du wirst dich einfach zu Tode kränken.«

»Schon möglich.«

»Wenn du mit deinem Gewissen kein vernünftiges Kompromiß schließen kannst,« fiel Lord Valleys ein, »dann sei um Himmels willen ein Mann, gib sie auf und zerhaue diesen Knoten.«

»Wie beliebt?« fragte Miltoun eisig.

Lady Valleys legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Mein Lieber, du mußt auch uns ein wenig Logik zugestehen. Du glaubst doch nicht im Ernst, es sei ihr Wunsch, daß du ihretwegen deine Karriere aufgibst? So gut verstehe ich mich schon auf Charaktere.«

Als sie den Ausdruck in Miltouns Gesicht gewahrte, hielt sie inne.

»Nicht so voreilig!« sagte er, »vielleicht werde ich doch noch ein freier Geist.«

Lady Valleys wußte nicht, was sie auf diese geheimnisvollen und unheilkündenden Worte erwidern sollte.

»Wenn du wirklich fühlst, wie du sagst,« fing Lord Valleys wieder an, »daß die Wirklichkeit für dich allen Wert verloren hat wegen dieser – dieser Geschichte, dann tu um Himmels willen nichts Überstürztes! Warte doch! Geh ins Ausland, bis du dein Gleichgewicht wieder findest. Du wirst sehen, daß die Sache in wenigen Monaten wieder in Ordnung kommen wird. Übereile die Angelegenheit nicht; du kannst deine erschütterte Gesundheit als Vorwand benützen, der Herbsttagung fernzubleiben.«

Lady Valleys stimmte ihm bereitwilligst bei:

»Du siehst die Sache in einem ganz falschen Licht. Was ist eine Liebesgeschichte? Mein lieber Junge, glaubst du wirklich einen Augenblick, daß auch nur ein Mensch von dir eine schlechte Meinung haben wird, wenn es bekannt wird? Und es braucht doch überhaupt keine Seele davon zu wissen.«

»Es ist mir nie eingefallen, darüber nachzudenken, was die Leute meinen könnten.«

»Dann ist es nichts weiter als dein eigener Stolz,« rief Lady Valleys verärgert.

»Stimmt.«

Lord Valleys, der sich abgewandt hatte, sagte mit fast tragischem Tone:

»Ich hätte nie gedacht, daß mein Sohn eine Ehrensache anders als ich selbst auffassen könnte.«

Sich an das Wort ›Ehre‹ klammernd, rief Lady Valleys plötzlich:

»Eustace, versprich mir, daß du Onkel Dennis zu Rate ziehen wirst, ehe du etwas unternimmst!«

Miltoun lächelte.

»Die Sache fängt an, komisch zu werden,« sagte er.

Bei diesem Wort, das Lord und Lady Valleys tatsächlich ganz mutwillig zu sein schien, wandten sich beide ihrem Sohne zu und alle drei blickten einander in tiefstem Schweigen an. Ein leises Geräusch von der Tür her unterbrach die Stille.


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