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Vierundzwanzigstes Kapitel

Als Barbara so zwischen den kleinen Mahagonitischchen bei Gustard, wo der süße Duft von Kuchen und Orangenblütenwasser die Luft erfüllte, allein zurückblieb, saß sie einige Minuten mit gesenkten Augen wie ein Kind, dem man ein Spielzeug weggenommen hat und das nicht genau weiß, was es fühlt. Dann zahlte sie einer der ältlichen Frauen und ging hinaus auf den Platz. Dort spielte eine umherziehende Musikkapelle Delibes' ›Coppélia‹; und die verstümmelten Melodien, die so gar nicht zu ihrer Stimmung paßten, verfolgten sie wie Gespenster.

Sie ging direkt nach Valleys House zurück. In dem Zimmer, wo man sie vor drei Stunden mit Harbinger nach dem Lunch allein gelassen hatte, saß ihre Schwester mit ganz verstörtem Gesicht am Fenster. In der Tat hatte Agatha gerade eine Stunde großer Verlegenheit durchgemacht. Zufällig war sie mit Klein-Ann in jene Konditorei gegangen, wo sie eine besondere Art von Gummibonbons bekam, die sie für die Gesundheit ihrer Kinder für notwendig hielt. Sie kaufte gerade ein Pfund davon, als sie bemerkte, wie Klein-Ann stocksteif mit offenem Munde dastand und mit ihrer kleinen Stumpfnase den Laden hinunterzeigte. Als sie der Richtung ihrer neugierigen, großen Augen folgte, sah Agatha zu ihrer Verwunderung ihre Schwester und einen Mann, in dem sie Courtier erkannte. Mit einer Geistesgegenwart, die ihr alle Ehre machte, steckte sie Ann ein Bonbon in den Mund und sagte zu der ältlichen Frau: »Das übrige schicken Sie bitte. Komm, Ann!« Und sie gingen hinaus. Da jedoch solche Überraschungen nie allein kommen, erfuhr Agatha, kaum zu Hause angelangt, von ihrem Vater die neue Wendung in Miltouns Liebesgeschichte. Als Barbara zurückkam, saß Agatha bekümmert und fassungslos da, ohne sich zu verstellen; sie kam zu keiner Entscheidung, ob sie verraten solle, was sie gesehen, und war geladen von jener besondern Entrüstung, die hervorragend häuslich veranlagte Frauen empfinden, wenn ihre Ideale beleidigt werden.

Der Ausdruck ihres Gesichtes verriet Barbara sofort, daß sie die Neuigkeit von Miltoun schon gehört haben mußte. Sie sagte:

»Nun, du Engel, hast du mir eine Lektion zu erteilen?«

Agatha entgegnete kalt:

»Ich glaube, du mußt verrückt gewesen sein, als du Mrs. Noel zu ihm brachtest.«

»Eine Frau erfüllt nie ganz ihre Pflicht,« murmelte Barbara, »wenn sie nicht auch ein wenig verrückt ist.«

Agatha sah sie schweigend an.

»Ich kann dich eigentlich nicht begreifen,« sagte sie schließlich, »du bist doch nicht närrisch!«

»Nein, nur schlecht.«

»Du magst es für richtig halten, über Miltouns ruiniertes Leben zu scherzen,« murmelte Agatha, »ich nicht.«

Barbaras Augen wurden hell, und mit harter Stimme erwiderte sie:

»Die Welt ist nicht deine Kinderstube, du Engel!«

Agatha preßte die Lippen fest aufeinander, als hätte sie sagen wollen: ›Es sollte eigentlich so sein.‹ Doch sie entgegnete nur:

»Du scheinst nicht zu wissen, daß ich dich gerade bei Gustard gesehen habe.« Barbara sah sie einen Augenblick voller Staunen an und lachte dann auf.

»Aha!« sagte sie, »welch ungeheuerliche Verderbtheit – noch dazu bei Gustard!« Und mit demselben gefährlichen Lachen wandte sie sich um und ging hinaus.

Beim Dinner und auch später noch war sie sehr still, und auf ihrem Gesicht lag derselbe Ausdruck, den sie beim Jagen hatte, besonders, wenn sie in Schwierigkeiten geriet und man ihr zurief, sich tüchtig zusammenzunehmen. Als sie auf ihr Zimmer kam, fühlte sie das Bedürfnis, irgend jemandem wehzutun, wenn auch nur sich selbst, um sich Erleichterung zu verschaffen. Zu Bette gehen und sich im Fieber hin- und herwerfen – denn sie wußte, daß sie in solcher Stimmung keine Ruhe finden würde – wäre sinnlos gewesen. Einen Augenblick dachte sie daran auszugehen. Das wäre unterhaltend und würde auch die andern kränken; aber es war schwierig. Sie wollte nicht gesehen werden und sich nicht der Demütigung eines offenen Skandals aussetzen. Da erinnerte sie sich des Turmdachs, wo sie einst als kleines Mädchen gewesen war. Dort würde sie in freier Luft sein, sie würde atmen können, um ihr Fieber loszuwerden. Mit der unseligen Freude eines schlimmen Kindes, das sich rächen will, ließ sie absichtlich ihre Schlafzimmertür offen, so daß ihre Jungfer sich nicht würde erklären können, wo sie wäre, und vielleicht auch die andern in Angst versetzen würde. Sie schlüpfte durch die mondbeschienene Bildergalerie auf den Gang hinaus, an ihres Vaters Allerheiligstem vorbei, und begann die steinerne Treppe, die zum Dach führte, emporzusteigen. Atemlos nach der endlosen Stiegenflucht erklomm sie schließlich das Dach am äußersten Nordende des großen Hauses, wo es hundert Fuß tief steil hinunter ging. Erst war sie ein wenig schwindlig und griff nach dem Gitter, das rund um das Bleidach lief, noch ganz verloren in ihr Brüten, in ihre rebellischen Gedanken. Allmählich aber vergaß sie alles und sah nur die Szenerie vor sich. In diesem Augenblick, da sie so hoch über allen Nachbarhäusern stand, erschrak sie fast vor der Majestät dessen, was sie erblickte. Diese nächtliche Stadt, so dunkel und fern, so weißleuchtend und lebendig, auf deren purpurnen Hügeln und in deren Tälern solche Myriaden von goldenen Lichterblüten wuchsen, aus deren Herzen das tiefe, unaufhörliche Murmeln drang – war denn das wirklich dieselbe Stadt, die sie am gleichen Tag durchwandert hatte? Der erhabene, nachdenkliche Geist dieses schlafenden Riesenleibes stieg in dunkler Herrlichkeit empor, umschwebte sie und führte sie in Versuchung. Barbara wandte sich um, um die ganze überwältigende Aussicht in sich aufzunehmen, von den dunkeln Lichtungen des Hydeparks vor ihr bis zu dem bleichen, weißen Geist eines Kirchturms fern im Osten. Wie herrlich diese Stadt bei Nacht war! Und ebenso, wie sie am weiten, dunkeln Meer vor der Dämmerung in tiefster Seele klein und zaghaft gewesen war, so fühlte sie sich auch jetzt angesichts der großen, nachdenklichen, von Menschen geschaffenen schönen Stadt. Sie konnte die Umrisse der Hotels von Piccadilly erkennen und hinter ihnen die Türme und Paläste von Westminster und Whitehall; und überall ein Wirrsal schöner Formen in verschwommener Bläue und die gewundenen, blassen Lichtstreifen unter einem indigofarbenen Himmel. Ganz in der Nähe konnte sie deutlich die noch erleuchteten Fenster sehen, die Autos, die tief unten vorbeiglitten, sogar die winzigen Gestalten Vorübergehender; und der Gedanke, daß jeder von ihnen ein Wesen wie sie selber war, schien seltsam.

Wie sie so aus diesem Wunderkelche trank, kam ein sonderbarer Rausch über sie, und sie verlor das Gefühl, klein zu sein; viel eher fühlte sie sich mächtig, wie in ihrem Traum zu Monkland. Auch sie, ebenso wie dieses große Wesen da unter ihr, schien ihren Körper verlassen, jede Grenze überschritten zu haben und leicht wie die Luft köstlich dahinzuschweben. Sie schien eins zu sein mit dem befreiten Geist der Stadt, ganz versenkt in den Anblick seiner Schönheit. Dann schwand dies Gefühl und ließ sie unwillig und frierend zurück, obgleich der Westwind warm war. Das ganze Abenteuer, hier heraufzukommen, schien ihr bizarr und lächerlich. Verstohlen schlich sie wieder hinunter und hatte gerade die Tür zur Bildergalerie wieder erreicht, als sie die Stimme ihrer Mutter in erstauntem Tone sagen hörte: »Du bist es, Babs?« und sich umwendend, die Mutter aus der Tür des Allerheiligsten kommen sah.

Barbara, die plötzlich wieder ganz nüchtern und vollkommen gefaßt war, blieb stehen und sah Lady Valleys an, die zögernd sagte:

»Komm einen Augenblick herein, liebes Kind, bitte!«

In dem behaglich eingerichteten Zimmer stand Lord Valleys mit dem Rücken zum Kamin, und auf seinem Gesicht wechselte der Ausdruck zwischen Ärger und Entschlossenheit. Agathas Zweifel, ob sie sprechen sollte oder nicht, war auf schreckliche Art von Klein-Ann gelöst worden, die während einer Pause in der Unterhaltung ausrief: »Wir haben Tante Babs und Mr. Courtier bei Gustard gesehn, aber wir haben nicht mit ihnen gesprochen.«

Lady Valleys, durch die Ereignisse des Nachmittags ohnehin aus dem Gleichgewicht gebracht, war diesmal nicht wie sonst der Lage gewachsen. Sie sprach mit ihrem Mann. Ein Rendezvous dieser Art in einem Laden, der fast nur wegen seiner Hochzeitskuchen bekannt war, war ja eigentlich von keiner Wichtigkeit; aber da beide schon durch die Nachricht über Miltoun unruhig waren, schien ihnen auch dies geradezu verhängnisvoll, als ob der Himmel sich verschworen hätte, ihr Haus zu ruinieren. Für Lord Valleys war es besonders niederdrückend, weil er seine Tochter so sehr bewunderte, und weil er den Warnungen seiner Frau vor einigen Wochen so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Sie waren jedoch beide nur zu dem Entschluß gekommen, daß Lady Valleys mit ihr sprechen sollte. Ohne große Seelenkenner zu sein, hatten doch beide ein gewisses nüchternes Urteilsvermögen; und sie waren sich der Gefahr bewußt, was es hieß, Barbara in die Quere zu kommen. Das hatte Lord Valleys aber nicht daran gehindert, sich in starken Ausdrücken über ›die verdammte Skrupellosigkeit dieses Menschen‹ zu ergehen und im geheimen seinen eigenen Plan zu fassen, die Angelegenheit zu erledigen. Lady Valleys, die mit der Natur ihrer Tochter tiefer vertraut war und als Frau das andere Geschlecht milder beurteilte, entschuldigte Courtier zwar nicht, aber im geheimen dachte sie: ›Babs hat ja doch eine Vorliebe für den Flirt.‹ Und sie konnte nicht umhin, sich zu erinnern, wie sie selbst in jenem Alter gewesen war.

Auf jene unerwartete Aufforderung hin trat Barbara mit fest geschlossenen Lippen und ziemlich kühl zum Schreibtisch ihres Vaters.

Lord Valleys, der sie so plötzlich hereinkommen sah, nahm unwillkürlich eine andere Miene an; seine Menschen- und Geschäftskenntnis, seine zahllosen diplomatischen Unterredungen gaben ihm das Aussehen eines Mannes, der kühl über den Dingen stand, wovon er in Wahrheit weit entfernt war. Tatsächlich wäre er lieber einem feindlich gesinnten Pöbel gegenübergetreten als seiner Lieblingstochter unter solchen Umständen. Sein gebräuntes Gesicht mit dem krausen Schnurrbart, ja sein ganzes Antlitz nahm unwillkürlich einen mehr als typisch soldatenmäßigen Ausdruck an. Seine Augenlider senkten sich ein wenig, und die Brauen schoben sich in die Höhe.

Sie trug eine blaue Umhülle über ihrem Abendkleid, und instinktiv ergriff er diesen unwichtigen Umstand, um einen Anfang zu finden.

»Ah, Babs, bist du fort gewesen?«

Lebendig bis in die Fingerspitzen und mit vibrierenden Nerven, aber ohne sich zu verraten, entgegnete Barbara:

»Nein, auf dem Turmdach.«

Es verursachte ihr eine boshafte Freude, die tatsächliche Ratlosigkeit unter ihres Vaters würdevollem Äußern zu spüren. Lord Valleys, der den heimlichen Spott bemerkte, sagte trocken:

»Sterngucken?«

Dann fügte er mit der ihm eigentümlichen Plötzlichkeit in Entschlüssen hinzu, als würde ihm das Abwarten und Herumreden schon zu langweilig:

»Ich habe meine ernstlichen Bedenken, ob es klug ist, Zusammenkünfte in einer Konditorei zu haben, so lange Ann in London ist.«

Das gefährliche Aufblitzen in Barbaras Augen entging ihm, aber Lady Valleys hatte es bemerkt und sagte sofort:

»Zweifellos hattest du die besten Gründe, liebes Kind.«

Barbara verzog den Mund, so daß man nicht wußte, was sie dachte. Wenn die beiden nicht an diesem Tag die Geschichte mit Miltoun gehabt hätten und seinetwegen nicht so aufgeregt gewesen wären, hätten sie natürlich gesehen, daß es besser sei, so wenig Worte wie möglich darüber zu machen, so lange ihre Tochter in dieser Stimmung war. Aber sie hatten sich nicht ganz in der Gewalt; und mit kaum verhüllter Ungeduld stieß Lord Valleys hervor:

»Du scheinst es nicht für nötig zu halten, dein Benehmen zu erklären?«

Barbara erwiderte:

»Nein.«

»So!« sagte Lord Valleys, »das genügt. Zweifellos wird man eine Erklärung von dem Herrn erhalten können, dessen Gefühl für Maß und Ziel so unentwickelt ist, daß er einen solchen Vorschlag machen konnte.«

»Nicht er machte den Vorschlag. Ich tat es.«

Lord Valleys zog die Augenbrauen noch höher.

»Wahrhaftig!« rief er.

»Geoffrey!« murmelte Lady Valleys, »ich habe geglaubt, ich sollte mit Babs sprechen.«

»Das wäre gewiß klüger.«

Barbara, die zum erstenmal in ihrem Leben ernstlich getadelt wurde, hatte noch nie ein so sonderbares Gefühl gehabt: es war, als ob jemand ihr die Haut abzöge, ein elendes und zu gleicher Zeit teuflisches Gefühl. In diesem Augenblick hätte sie ihren Vater erschlagen können. Aber sie ließ sich nichts merken und hielt die Augen gesenkt.

»Sonst noch etwas?« fragte sie.

Lord Valleys' Kinn trat plötzlich schärfer hervor.

»Im Zusammenhang mit deiner Einmischung in Miltouns Angelegenheiten ist es außerordentlich interessant.«

»Mein Lieber,« unterbrach Lady Valleys ganz plötzlich, »Babs wird es mir schon erzählen. Es ist natürlich nichts von Bedeutung.«

Barbaras ruhige Stimme fragte wieder:

»Sonst noch etwas?«

Die Wiederholung dieser Worte in demselben kühlen, aufreizenden Tonfall war fast zu viel für ihres Vaters hart geprüfte Selbstbeherrschung.

»Von dir nichts,« sagte er mit eisiger Kälte. »Ich werde die Ehre haben, diesem Herrn meine Meinung zu sagen.«

Bei diesen Worten richtete Barbara sich auf und ließ ihren Blick von einem Gesicht zum andern schweifen.

Diesem Blick, der so hart und kalt war und doch so sprühend lebendig, konnten weder Lord noch Lady Valleys ruhig standhalten. Es war, als hätte sie ihnen die gesellschaftliche Maske heruntergerissen und als offenbare sich nun beider wahres Wesen, das durch lange Zeit nicht auf die Probe gestellt, nun spröde und engherzig geworden war und viel gewöhnlicher als sie wußten. Es war in der Tat ein böser Augenblick. Dann sagte Barbara:

»Wenn das alles ist, gehe ich jetzt zu Bett. Gute Nacht!«

Und so ruhig, wie sie hereingekommen war, ging sie auch hinaus.

Als sie wieder in ihrem Zimmer war, verschloß sie die Tür, warf ihren Mantel ab und sah sich im Spiegel an. Mit Freude sah sie, wie fest ihre Zähne aufeinandergepreßt waren, wie ihre Brust sich hob, wie ihre Augen sie selbst zu durchbohren schienen. Und die ganze Zeit über dachte sie:

»So ist's recht, meine Lieben! So ist's recht!«


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