Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fünfundzwanzigstes Kapitel

In dieser gekränkten, aufrührerischen Stimmung schlief sie ein. Und seltsamerweise träumte sie nicht von ihm, den sie in Gedanken so heftig verteidigt hatte, sondern von Harbinger. Es kam ihr vor, als sei sie im Gefängnis in einer bequemen Zelle ähnlich dem Salon in ›Sea House‹; und in der nächsten Zelle, in die sie irgendwie hineinschauen konnte, grub Harbinger mit seinen Nägeln ein Loch in die Wand. Sie konnte deutlich die Haare auf seinem Handrücken unterscheiden und ihn atmen hören. Das Loch, das er grub, wurde größer und größer. Ihr Herz begann heftig zu klopfen; sie wachte auf.

Sie erhob sich mit einem neuen, boshaften Entschluß: kein Zeichen der Auflehnung zu zeigen, den Tag zu verbringen, als ob nichts geschehen wäre, sie alle zu täuschen, und dann – –! Was dieses ›und dann‹ eigentlich bedeuten sollte, konnte sie sich selbst nicht erklären.

In Übereinstimmung mit diesem Aktionsplan trug sie beim Frühstück eine unbekümmerte Miene zur Schau, ritt mit Klein-Ann aus und ging später mit ihrer Mutter Einkäufe machen. Wegen der Nachricht über Miltoun war die Reise nach Schottland verschoben worden. Mit überlegenem Scharfsinn parierte Barbara jeden Versuch Lady Valleys', sie in ein Gespräch über die Ursache der Zusammenkunft bei Gustard zu ziehen, auch von ihrem Bruder wollte sie nicht reden; sonst war sie ganz die alte. Am Nachmittag begleitete sie sogar freiwillig ihre Mutter zu der alten Lady Harbinger in der Nachbarschaft von Prince's Gate. Sie wußte, daß Harbinger dort sein würde und empfand ein zynisches Vergnügen daran, ihm gegenüberzutreten mit dem Gedanken an die Zusammenkunft mit jenem andern um fünf Uhr. Sie führte auf diese Weise alle hinters Licht. Und mit dem Gefühl, einen Meisterstreich zu vollführen, sagte sie ihm sogar in Gegenwart ihrer Mutter, daß sie zu Fuß nach Hause gehen wolle und daß er sie begleiten könne. Er ging sehr gerne mit.

Nun aber, da sie an diesem herbstlichen Nachmittag unter den herbstlichen Bäumen dahinschlenderte, wo die Luft vom Duft des Südwestwinds erfüllt war, schwand ihre ganze rebellische, rücksichtslose Laune; sie fühlte sich plötzlich glücklich und gut und freute sich, mit ihm zu gehen. Auch er war heute fröhlich, als ob er sich entschlossen hätte, ihre Freude nicht zu stören, und dafür war sie ihm dankbar. Ein- oder zweimal berührte sie sogar mit der Hand seinen Arm, um seine Aufmerksamkeit auf Vögel oder Bäume zu lenken, selbst glücklich und froh, Glück spenden zu können nach all jenen bittern Stunden. Als sie sich am Tor von Valleys House trennten, blickte sie mit einem sonderbaren, halbreuigen Lächeln nach ihm zurück. Denn nun war die Stunde gekommen. In einem kleinen, unbenutzten, weißgestrichenen Vorzimmer mit weißer Täfelung setzte sie sich hin, um zu warten. Die Einfahrt war von hier zu sehen, und sie wollte Courtier zufällig in der Halle treffen. Sie war aufgeregt und verachtete sich ein wenig wegen ihrer Aufregung. Sie hatte erwartet, daß er pünktlich komme, aber es war schon fünf vorbei; bald wurde sie unsicher, kam sich fast lächerlich vor, daß sie hier saß, wo nie jemand hereinkam. Sie ging zum Fenster und sah hinaus.

Unerwartet sagte eine Stimme hinter ihr:

»Tante Babs!«

Sich umwendend, erblickte sie Klein-Ann, die sie mit ihren großen, offenen, haselnußbraunen Augen betrachtete. Ein nervöses Zittern durchflog Barbara.

»Ist das dein Zimmer? Es ist ein hübsches Zimmer, nicht wahr?«

Sie erwiderte: »Ein ganz hübsches Zimmer, Ann.«

»Ja, ich war noch nie hier drin. Es ist gerade jemand gekommen, deshalb muß ich jetzt gehn.«

Barbara legte unwillkürlich die Hände an die Wangen und schritt rasch mit ihrer Nichte in die Halle. Gerade an der Tür überreichte ihr der Diener William einen Brief. Sie blickte auf die Adresse. Er war von Courtier. Sie ging in das Zimmer zurück. Durch die nur halbgeschlossene Tür konnte man Klein-Anns Gestalt sehen, die mit weit gespreizten Beinen und die Hände in dem tiefen Gürtel vor William stand und mit ihrer kleinen Stumpfnase zu ihm aufschaute. Barbara schloß heftig die Tür, erbrach das Siegel und las:

 

›Verehrte Lady Barbara!

Leider war meine Unterredung mit Ihrem Bruder ganz vergeblich.

Ich habe gerade jetzt im Hydepark gesessen, und ich wünsche Ihnen alles Glück, ehe ich fortreise. Die Bekanntschaft mit Ihnen war mir die größte Freude. Ich werde niemals an Sie denken können, ohne auf diesen Gedanken stolz zu sein; und jede Erinnerung an Sie wird meinen Glauben stärken, daß das Leben schön ist. Wenn ich in Versuchung komme, das Schicksal als Last zu empfinden, so will ich daran denken, daß Sie dieselbe irdische Luft mit mir atmen. Mit noch größerer Verehrung werde ich mich vor Schönheit und Freude neigen, nachdem mir einmal gestattet war, mit Ihnen zu gehen und zu sprechen. So leben Sie denn wohl und Gott segne Sie!

Ihr treuer Diener
Charles Courtier.‹

 

Ihre Wangen brannten, rasche Seufzer entschlüpften ihren Lippen; sie las den Brief noch einmal, aber ehe sie ans Ende kam, verschwammen die Buchstaben vor ihren Blicken. Hätte doch der Brief nur ein Wort der Klage oder des Bedauerns enthalten! So konnte sie ihn nicht gehen lassen, ohne Lebewohl, ohne irgend eine Erklärung. Er sollte sie nicht für ein kaltes, herzloses Ding halten, das sich bloß ein paar Wochen Flirt und Unterhaltung mit ihm verschafft hatte. Sie mußte ihm wenigstens erklären, daß es nicht das gewesen war. Sie würde ihm zu verstehen geben, daß es nicht so war, wie er glaubte – daß etwas in ihr wollte – wollte –! Ihr Sinn war ganz verwirrt. ›Was ist es nur?‹ dachte sie, ›was habe ich getan?‹ Und in schmerzlichem Zorn über sich selbst stopfte sie den Brief in ihren Handschuh und rannte hinaus. Sie ging rasch nach Piccadilly und hinüber in den Greenpark. Dort traf sie Lord Malvezin und einen Freund, die nach Hydepark Corner schlenderten, und neigte nur ganz leicht den Kopf. Die Gemütsruhe jener beiden gut gekleideten, tadellosen Gestalten beleidigte sie geradezu. Sie wollte eilen, fliegen, um ihn zu treffen und ihm das abscheuliche Gefühl zu nehmen, das er haben mußte, daß sie, Barbara Caradoc, eine gemeine Verführerin sei, eine Treulose und Kokette! Und sein Brief – ohne eine Silbe des Vorwurfs! Ihre Wangen brannten so, daß sie es vor den Vorübergehenden zu verbergen trachtete.

Als sie in die Nähe seiner Wohnung kam, ging sie langsamer und zwang sich, darüber nachzudenken, was sie tun sollte, und was sie ihn tun lassen sollte! Aber sie ging entschlossen weiter. Jetzt würde sie nicht mehr zurückschrecken – was immer auch daraus werden würde. Ihr Herz bebte, schien stillzustehen und fing wieder an zu beben. Sie biß die Zähne aufeinander und eine verzweifelte Lustigkeit stieg in ihr auf. Es war ein Abenteuer! Dann wurde sie wieder von demselben Gefühl gepackt, wie am Abend vorher auf dem Dach. Die ganze Sache war dumm und lächerlich! Sie blieb stehen und zog den Brief aus dem Handschuh. Es mochte lächerlich sein, aber sie war es ihm schuldig, und mit fest aufeinandergepreßten Lippen ging sie weiter. In Gedanken stand sie schon dicht vor ihm, mit geschlossenen Augen, wartend, während ihr Herz zum Zerspringen klopfte, endlich zu erfahren, was sie fühlen würde, wenn seine Lippen gesprochen, vielleicht ihr Gesicht oder ihre Hand berührt hätten. Und sie hatte eine Art Vision ihrer selbst, wie sie mit gesenkten Augen dastand, die Lippen ein wenig geöffnet und die Arme hilflos an den Seiten herunterhängend. Doch unbegreiflicherweise war seine Gestalt nicht sichtbar. Da entdeckte sie, daß sie schon vor seiner Tür stand.

Sie zog ruhig die Glocke, aber anstatt ihre Hand wieder sinken zu lassen, preßte sie das kleine Stückchen Handfläche, das der Handschuh freiließ, gegen ihr Gesicht, um sich zu vergewissern, ob wirklich ihre Wange so flammend heiß war.

Die Tür hatte sich automatisch geöffnet, und man sah einen Gang und eine mit rotem Läufer bedeckte Stiege, an deren Fuß zusammengerollt ein alter, braunweiß gefleckter Hund lag, voll von Flöhen und Sorgen. Ein instinktiver Schrecken ergriff Barbara; ihr Körper blieb starr, aber im Geiste flüchtete sie quer durch den Greenpark zurück bis in die Halle von Valleys House. Dann sah sie eine junge Frau in blauer Schürze, mit gutmütigen, geröteten Augen, auf sich zukommen.

»Wohnt Mr. Courtier hier?«

»Ja, Miß.« Und bei diesen Worten wurden die wenigen, ziemlich schwarzen Zähne der jungen Frau sichtbar; Barbara konnte kein Wort hervorbringen, als ob ihr Körper ganz verlassen dastünde, zwischen dem Sonnenlicht und diesem dunkeln, roten Weg nach – ja wohin?

Die Frau sprach wieder:

»Es tut mir leid, wenn Sie zu ihm wollen, Miß, er ist grade weggefahren.«

Barbara fühlte, wie etwas in ihrem Herzen sich rührte wie das Schwirren und Zittern einer Bogensehne, die sich plötzlich lockert. Sie beugte sich nieder, um den Kopf des alten Hundes zu streicheln, der an ihren Schuhen schnupperte. Die Frau sagte:

»Und natürlich kann ich Ihnen auch seine Adresse nicht geben, weil er ins Ausland gereist ist.«

Mit einem Gemurmel, dessen Sinn sie selbst nicht verstand, eilte Barbara hinaus in die Sonne. War sie froh? War sie traurig? An der Straßenecke wandte sie sich um und sah zurück; die Köpfe der Frau und des Hundes waren noch immer dort und blickten zur Tür hinaus.

Ein entsetzliches Gefühl, lachen zu müssen, ergriff sie, und danach der heftige Wunsch zu weinen.


 << zurück weiter >>