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Neunzehntes Kapitel

An jenem Nachmittage trieb der Wind, der stetig zunahm, plötzlich von Südwesten her eine Herde Wolken empor. Aus dem Herzen des atlantischen Ozeans aufgestiegen, segelten sie dahin, zuerst rasch und flockig, wie die plänkelnden, weißen Schaluppen eines großen Geschwaders; dann verdunkelten sie in geschlossenen Reihen die Sonne. Gegen vier Uhr zerflossen sie in Regen, den der Wind mit kaltem, pfeifendem Sausen horizontal vor sich hertrieb. So wie Jugend und Zauber in einem Antlitz unter dem kalten Regen des Lebens dahinsterben, so erstarb die Pracht auf dem Heidemoor. Die Felsen, die vorher aufstrebenden, zerklüfteten Burgen geglichen, wurden jetzt zu bloßen grauen Erhöhungen. Die Ferne war unsichtbar. Der Kuckuck war verstummt. Nichts von der Schönheit des Todes war zu schauen, nichts von tragischer Größe – alles war Trauer und Monotonie. Doch gegen sieben erzwang sich die Sonne wieder den Weg durch die Nebelschwaden und brach siegreich hervor. Wie ein riesiger Stern, dessen Strahlen bis zum Horizont niederreichten und ganz bis zum Gipfel des Luftberges empor, leuchtete sie in einem überwältigend trüben Glanze; die von ihren Pfeilen zerrissenen, safranfarbenen Wolken scharten sich wie vor Staunen zu Hauf. Unter der schwülen Wärme dieses neuen großen Sternes fing das Heidekraut leicht zu dampfen an, und das Glitzern seiner feuchten, geschlossenen Glöckchen glich dem Schimmer zahlloser, kleiner, rauchender Feuer. Die beiden Brüder waren durchnäßt, als sie schweigend heimwärts trabten. Obgleich seit jeher gute Freunde, hatten sie einander doch nie viel zu sagen gehabt. Denn Miltoun fühlte, daß sein Denken grundverschieden von dem Berties war; und Bertie mißgönnte selbst seinem Bruder jede Ahnung von dem, was in seinem Innern vorging, ebenso sehr, wie er keine diplomatischen Kenntnisse, Geheimnisse des Stalles oder irgend etwas preisgeben mochte, wodurch sich seine Herrschaft über das Leben hätte verringern können. Er mißgönnte es ihm, weil es auf geheime Weise die Wertschätzung seines eigenen, stoischen Selbstgefühls verringert hätte; es hätte etwas Stolzes in dem Kämmerlein seiner Seele verletzt. Doch obgleich er wenig redete, besaß er die Gabe des Meditierens, wie man ihr oft bei Menschen mit entschiedenem Charakter und mit einer Anlage zum Spleen begegnet. In Nepal, wohin er auf die Jagd gegangen war, hatte er einmal ganz zufrieden einen vollen Monat mit einem einzigen Ghurka-Bedienten verbracht, der nicht englisch sprechen konnte. Wenn man Bertie fragte, ob er sich nicht entsetzlich gelangweilt hätte, war seine Antwort regelmäßig gewesen: »Keine Spur, habe recht viel nachgedacht.«

Miltouns Unglück brachte er die einem Bruder zustehende Sympathie und die natürliche Unduldsamkeit eines überzeugten Junggesellen entgegen. Zu den Frauen gehörte nach seiner Ansicht eine feste Hand. Er mißtraute aus dem Grunde seiner Seele jenen, die solch offenbare Macht besaßen, einem Mann Geheimnisse zu entlocken. Er war einer jener Männer, in denen eines Tages eine Frau eine wahrhaft tiefe Zuneigung würde entzünden können, der jedoch bis zu jenem Zeitpunkt die vollkommen männliche Haltung dem ganzen Geschlecht gegenüber einnehmen würde, und danach dem ganzen Geschlecht gegenüber mit einer Ausnahme. Die Frauen waren Geschöpfe, die man wie das Leben selbst bewachen, vorsichtig ausnützen und gehörig untertan halten mußte. Daher war die einzige Anspielung, die er auf Miltouns Unglück machte, ganz unvermittelt:

»Lieber Junge, du wirst doch hoffentlich über die Sache hinwegkommen?«

Ein nicht mehr unterbrochenes Schweigen folgte diesen Worten. Als sie aber an Mrs. Noels Häuschen vorbeikamen, sagte Miltoun:

»Führ mein Pferd weiter! Ich will hier hineingehn …«

Sie saß am Klavier mit untätigen Händen und blickte eine Notenreihe an. So hatte sie schon viele Minuten dagesessen, ohne die Noten aufgefaßt zu haben.

Als Miltouns Schatten sich vor das Licht schob, bei dem sie so wenig sah, fuhr sie leicht zusammen und erhob sich. Doch ging sie weder auf ihn zu, noch sprach sie. Und er trat ein, ohne ein Wort zu sagen, ging zum Kamin und starrte in den leeren Feuerplatz. Eine schildkrötenfarbene Katze, die auf Schwalben gelauert hatte, zog sich, durch seinen Eintritt aufgescheucht, vom Fenster unter einen Stuhl zurück.

Dies Schweigen, in dem das zukünftige Schicksal beider entschieden werden sollte, kam ihnen endlos vor, und dennoch vermochten sie es nicht zu brechen.

Endlich sagte sie, seinen Ärmel berührend: »Du bist durchnäßt!«

Bei diesem schüchternen Zeichen des Besitzes erbebte Miltoun. Und wieder standen sie schweigend da und nur die Katze, die sich die Pfoten leckte, unterbrach die Stille.

Audrey aber konnte das Schweigen länger ertragen als er, und er mußte zuerst sprechen.

»Verzeih, daß ich gekommen bin; es muß ein Ausweg gefunden werden. Dieses Gerücht – –«

»Ach das!« sagte sie. »Kann ich etwas tun, daß dir kein Schaden draus erwächst?«

Es war nun an Miltoun, die Lippen zu kräuseln. »Ach Gott, nein! Laß sie reden!«

Ihre Blicke hatten einander jetzt gefunden und einmal vereinigt, schienen sie sich unmöglich wieder trennen zu können.

Endlich fragte Mrs. Noel:

»Kannst du mir je verzeihen?«

»Was denn? – Es war ja meine Schuld.«

»Nein, ich hätte dich besser kennen sollen.«

Die Tiefe der Bedeutung dieser Worte, das ungeheuerliche, versteckte Eingeständnis alles dessen, was sie zu tun bereit gewesen, die verzweifelte Erkenntnis darin, daß er nicht bereit war und nie bereit gewesen wäre, es bis zum Letzten auszuhalten, ließ Miltoun zusammenschauern.

»Es geschieht nicht aus Furcht – bitte, glaub mir das!«

»Ja.«

Wieder folgte ein langes, langes Schweigen. Doch obwohl sie einander so nahe waren, daß sie sich fast berührten, sahen sie einander nicht mehr an. Da sagte Miltoun:

»Dann bleibt uns nur noch übrig, lebewohl zu sagen.«

Als diese unzweideutigen Worte von seinen Lippen fielen, die trotz ihres leisen Lächelns doch ganz unmöglich sein Elend verbergen konnten, ward Mrs. Noels Antlitz so farblos wie ihr weißes Kleid. Aber ihre Augen, die ungeheuerlich groß geworden waren, schienen aus bloßem Mangel jeder andern Farbe alles Leben in sich konzentriert zu haben und ihn mit stolzem, schmerzlichem Vorwurf fortwährend anzublicken.

Bebend und mit verschränkten Armen ging Miltoun auf die Glastür zu. Audrey gab nicht den leisesten Laut von sich, und er sah zurück. Sie folgte ihm mit dem Blick. Er bedeckte sein Gesicht mit der Hand und ging rasch hinaus. Mrs. Noel blieb eine Zeitlang dort stehen, wo er sie verlassen hatte; dann setzte sie sich wieder ans Klavier und fing von neuem an, die Notenreihe durchzulesen. Und die Katze stahl sich wieder ans Fenster zurück, um auf die Schwalben zu lauern. Allmählich erstarb das Sonnenlicht auf den höchsten Zweigen der Linde; ein feiner Regen rieselte nieder.


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