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Zwölftes Kapitel

Lady Casterleys etwas boshafte Diagnose Audrey Noels traf zu. Die ›normale‹ Frau war auf und in ihrem Garten, als Barbara und ihre Großmutter am Pförtchen erschienen; da sie sich jedoch am andern Ende in der Nähe der Linde befand, konnte sie nicht den raschen Wortwechsel zwischen den beiden vernehmen.

»Du wirst freundlich sein, nicht wahr, Großmütterchen?«

»Das kommt ganz darauf an.«

»Du hast es mir versprochen.«

»Hm!«

Lady Casterley hätte sich keine bessere Einführung als Barbara verschaffen können, der Mrs. Noel stets nur mit der reinen Freude begegnete, die eine mitfühlende Frau empfindet, wenn sie in jemand anderm jene ›Freude am Dasein‹ verkörpert sieht, die das Schicksal ihr selbst versagt hat.

Sie kam heran, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, was sie keineswegs aus Affektiertheit tat, und stand wartend da.

Ohne Verlegenheit fing Barbara sogleich an:

»Wir sind gerade von einem Stier verfolgt worden. Das ist meine Großmutter, Lady Casterley.«

Die Haltung der kleinen alten Dame dieser schönen Gestalt mit dem schönen Antlitz gegenüber war einen Gedanken weniger autokratisch und schroff als sonst. Ihre scharfen Augen erkannten sofort, daß sie es mit keiner gewöhnlichen Abenteurerin zu tun hatte. Auch war sie Weltdame genug, um zu wissen, daß ›Herkunft‹ nicht mehr so viel bedeutete wie in ihren Jugendtagen, daß auch Geld ziemlich aus der Mode war, und daß Schönheit, Anstand und Kenntnisse in Kunst, Literatur und Musik (und diese Person sah ganz danach aus) oft von der Gesellschaft höher bewertet werden. Deshalb war sie vorsichtig und auch leutselig.

»Guten Morgen!« sagte sie. »Ich habe von Ihnen gehört. Können wir uns einen Augenblick in Ihrem Garten ausruhen? Der Stier war ein Scheusal!«

Aber während sie noch sprach, merkte sie mit Unbehagen, daß Mrs. Noels klare Augen ganz deutlich sahen, wozu sie hergekommen war. Ihr Blick war in der Tat fast zynisch und trotz ihrer leisen, bedauernden Worte schien sie doch nicht recht an den Stier zu glauben. Das war peinlich. Warum hatte sich auch Barbara herbeigelassen, das elende Vieh zu erwähnen? Und sie beschloß, den Stier bei den Hörnern zu packen.

»Babs,« gebot sie, »geh ins Wirtshaus und bestelle mir einen Einspänner. Ich werde zurückfahren, ich fühle mich recht schwach;« und als Mrs. Noel ihr Mädchen schicken wollte, fügte sie hinzu: »Nein, nein, meine Enkelin geht schon.«

Nachdem Barbara mit spöttischem Blick gegangen war, klopfte Lady Casterley auf die Gartenbank und sagte: »Setzen Sie sich doch zu mir, ich möchte mit Ihnen reden.«

Mrs. Noel gehorchte. Und sofort ward es Lady Casterley klar, daß sie eine höchst schwierige Aufgabe vor sich hatte. Sie war nicht auf eine Frau gefaßt gewesen, mit der man sich keine Freiheiten herausnehmen durfte. Jene klaren, dunkeln Augen und jenes sanfte, überaus anmutige Benehmen – einer so ›sympathischen‹ Person sollte man alles sagen können und – man konnte es doch nicht! Es war zu dumm! Und plötzlich merkte sie, daß Mrs. Noel vollkommen gerade dasaß, so gerade – nein, noch gerader als sie selbst. Ein schlimmes Zeichen – ein sehr schlimmes Zeichen! Sie zog ihr Taschentuch hervor und führte es an die Lippen.

»Sie glauben wahrscheinlich,« sagte sie, »daß wir gar nicht von einem Stier verfolgt wurden.«

»Im Gegenteil, ich bin fest überzeugt davon.«

»Wirklich? Ah! Aber ich habe über etwas anderes mit Ihnen zu sprechen.«

Mrs. Noels Antlitz bebte zurück wie eine Blume, die man pflücken will; und wieder führte Lady Casterley ihr Taschentuch an die Lippen. Diesmal rieb sie fest darüber hin. Es war aber nichts wegzuwischen; daher gewährte ihr dies Tun Befriedigung.

»Ich bin eine alte Frau,« erklärte sie, »und deshalb dürfen Sie sich nicht zu viel aus dem machen, was ich Ihnen sage.«

Mrs. Noel gab keine Antwort, sondern sah nur ihrer Besucherin gerade ins Gesicht, der es auf einmal vorkam, als ob sie sich einem ganz andern Menschen gegenüber befände. Was sprach nur aus diesem Gesicht, das sie anstarrte? In unheimlicher Weise gemahnte es sie an ein Kind, dem man wehgetan – mit den großen Augen, dem weichen Haar und den feinen Lippen, die sich plötzlich zusammengepreßt hatten. Und mit einem Ruck sagte sie:

»Ich möchte Ihnen nicht wehtun, meine Liebe. Es ist natürlich wegen meines Enkels.«

Mrs. Noel aber rührte sich nicht; und das Gefühl der Entrüstung, wie es alte Leute so rasch erfaßt, wenn sie sich dem Unerwarteten gegenübersehen, kam Lady Casterley zu Hilfe.

»Sein Name,« sagte sie, »wird mit dem Ihren auf eine Art zusammen genannt, die ihm sehr viel schadet. Sie wollen ihm doch gewiß nicht im Wege sein.«

Mrs. Noel schüttelte den Kopf, und Lady Casterley fuhr fort:

»Weiß der liebe Himmel, was alles seit jenem Abend gesagt wird, als Ihr Freund, Mr. Courtier, sich das Knie verletzte. Miltoun hat höchst unklug gehandelt. Das haben Sie vielleicht damals nicht beachtet.«

Mrs. Noels bittere Antwort war nicht mißzuverstehen:

»Ich habe ja nicht gewußt, daß irgend jemand Interesse an meinen Handlungen nimmt.«

Lady Casterley konnte eine gereizte Bewegung nicht unterdrücken.

»Du lieber Gott!« rief sie, »es nimmt doch jeder Interesse an einer Frau, deren Stellung ungewöhnlich ist. Wenn man so allein lebt wie Sie und nicht Witwe ist, dann ist man Freiwild für jeden, besonders auf dem Lande.«

Mrs. Noels Seitenblick, so klar und zynisch, schien zu sagen: ›Sogar für dich.‹

»Ich habe kein Recht, nach Ihrer Vergangenheit zu fragen,« fuhr Lady Casterley fort, »aber wenn Sie sich in Geheimnis hüllen, müssen Sie sich damit abfinden, daß es auf die ärgste Weise ausgelegt wird. Mein Enkel ist ein Mann von vornehmster Gesinnung; er sieht die Dinge nicht mit den Augen der Welt und deshalb hätten Sie sich doppelt hüten sollen, ihn zu kompromittieren, besonders in einer solchen Zeit.«

Mrs. Noel lächelte. Dieses Lächeln erschreckte Lady Casterley; dadurch, daß es alles verschwieg, schien es Tiefen von Kraft und Scharfsinn zu enthüllen. Würde sich die Person denn nie in die Karten schauen lassen? Und sie sagte schroff:

»Etwas Ernsthaftes ist natürlich ganz ausgeschlossen.«

»Vollkommen.«

Dies Wort, das das einzig richtige zu sein schien, wurde auf eine Weise gesprochen, daß Lady Casterley keine Ahnung hatte, was es sagen wollte. Obwohl sie gelegentlich selbst zur Ironie Zuflucht nahm, verabscheute sie Ironie bei andern. Keine Frau sollte sie als Waffe gebrauchen dürfen! Aber in diesen Tagen, da die Frauen so närrisch waren, das Stimmrecht zu verlangen, wußte man nie, worauf sie ausgingen. Diese Frau da sah jedoch nicht wie eine von jener Sorte aus. Sie war weiblich – sehr weiblich – gehörte zu den Geschöpfen, welche die Männer verziehen, weil sie zu gütig mit ihnen umgehen. Und obgleich sie mit dem Entschluß zu ihr gekommen war, alles ausfindig zu machen und der Sache ein Ende zu bereiten, sah sie doch mit beträchtlicher Erleichterung Barbara wieder durch das Pförtchen treten.

»Ich bin jetzt bereit, nach Hause zu gehen,« sagte sie. Und von der Gartenbank sich erhebend, machte sie Mrs. Noel eine spöttische kleine Verbeugung.

»Vielen Dank, daß Sie mich ausruhn ließen! Reich mir den Arm, mein Kind!«

Barbara reichte ihr den Arm, und ihr rasches Lächeln flog über die Schulter zurück zu Mrs. Noel, die es nicht erwiderte, sondern den beiden mit ganz dunkeln und großen Augen nachsah.

Auf dem Heckenweg draußen ging Lady Casterley schweigend dahin und versuchte, ihre Aufregung hinunterzuwürgen.

»Was ist denn mit dem Einspänner, Großmütterchen?«

»Was für ein Einspänner?«

»Der, den ich bestellen sollte?«

»Du willst doch nicht sagen, daß du das ernst genommen hast?«

»Nein,« entgegnete Barbara.

»Ha!«

Sie gingen ein kleines Stück weiter, als Lady Casterley plötzlich sagte:

»Sie ist unergründlich.«

»Und dunkel,« meinte Barbara. »Ich fürchte, du bist nicht nett zu ihr gewesen.«

Lady Casterley sah auf.

»Ich verabscheue diese Gewohnheit unter euch jungen Leuten,« sagte sie, »keine Sache ernst zu nehmen. Nicht einmal Stiere,« fügte sie mit grimmigem Lächeln hinzu.

Barbara warf den Kopf zurück und seufzte.

»Ebenso wenig wie Einspänner,« sagte sie.

Lady Casterley sah, daß sie die Augen geschlossen und die Lippen geöffnet hatte. Und sie dachte: ›Sie ist ein sehr schönes Mädchen. Ich hatte keine Ahnung, wie schön sie ist – aber zu groß.‹ Und laut setzte sie hinzu: »Schweig!«

Sie sprachen nichts mehr, bis sie in die Allee kamen; dann sagte Lady Casterley scharf:

»Wer kommt da den Fahrweg herunter?«

»Mr. Courtier, glaube ich.«

»Was soll das heißen, mit seinem verletzten Bein?«

»Er will gewiß mit dir reden, Großmütterchen.«

Lady Casterley blieb stehen.

»Du bist eine Katze,« erklärte sie, »eine schlaue Katze. Laß dir's gesagt sein, Babs, ich will es nicht haben!«

»Nein, Liebste,« murmelte Barbara, »du sollst es auch nicht haben – ich werde dich von ihm befreien.«

»Was denkt sich deine Mutter eigentlich,« stammelte Lady Casterley, »daß sie dich so aufwachsen läßt! Du bist genau so schlimm, wie sie in deinem Alter war!«

»Schlimmer!« sagte Barbara. »Mir träumte diese Nacht, daß ich fliegen könnte.«

»Wenn du das versuchst,« sagte Lady Casterley grimmig, »wirst du bald Schaden nehmen. Guten Morgen, Mr. Courtier! Sie sollten im Bett sein!«

Courtier lüftete den Hut.

»Dort zu weilen, wo Sie nicht sind, kommt mir gewiß nicht zu!« Und düster fügte er hinzu: »Mit der Kriegspanik ist es aus!«

»Ah!« sagte Lady Casterley, »Sie haben also keine Beschäftigung mehr! Sie werden jetzt wohl nach London zurückgehn?«

Als sie plötzlich nach Barbara hinsah, merkte sie, daß das Mädchen mit halbgeschlossenen Augen lächelte; auch schien es Lady Casterley – oder war's nur Einbildung? – daß Barbara den Kopf schüttelte.


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