Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neuntes Kapitel

Nachdem Miltoun Nettlefold wieder verlassen hatte, war er sogleich in seine Wohnung gefahren und hatte sofort an seinem Buch über die Bodenfrage zu arbeiten begonnen. Er arbeitete die ganze Nacht durch – es war seine dritte Nacht ohne Schlaf – und den ganzen folgenden Tag. Da er am Abend Kopfweh fühlte, ging er aus und spazierte am Themseufer auf und ab. Danach fürchtete er sich, zu Bett zu gehen und schlaflos dazuliegen, und setzte sich in seinen Lehnstuhl. Er schlief ein, hatte fürchterliche Träume und erwachte unausgeruht. Nachdem er ein Bad genommen hatte, trank er Kaffee und zwang sich wieder zur Arbeit. Gegen Mittag fühlte er sich schwindelig und erschöpft und ohne allen Appetit. Er ging auf den heißen ›Strand‹ hinaus, kaufte sich ein notwendiges Buch, und nachdem er neuerlich Kaffee getrunken hatte, kam er zurück und begann wieder zu arbeiten. Um vier Uhr fand er, daß er die Worte nicht mehr recht auffassen konnte. Sein Kopf war glühendheiß, und er ging ins Schlafzimmer, um ihn ins Wasser zu tauchen. Dann war er auf- und abgegangen, mit sich selber redend, und in diesem Zustand hatte ihn Barbara gefunden.

Sie war kaum fortgegangen, als er sich am Ende seiner Kraft fühlte. Über seinem Bett hing ein kleines Kruzifix, und er warf sich davor nieder und verharrte regungslos, das Gesicht in die Bettdecke vergraben und die Arme gegen die Wand ausgebreitet. Er betete nicht, sondern wollte nur seiner Aufregung Herr werden. Durch seine Betäubung hindurch zuckten fortwährend fieberhafte Gedankenblitze. Danach fühlte er eine überwältigende körperliche Übelkeit, gegen die sein Wille revoltierte. Er beschloß, nicht krank zu werden, nicht so ein lächerlich hilfloser Klotz zu werden, der den Frauen zur Last fiele. Aber das Übelsein kehrte öfters und länger dauernd wieder, und um es zu vertreiben, erhob er sich von den Knien und ging eine Zeitlang auf und ab; dann mußte er sich, von Schwindel gepackt, aufs Bett setzen, um nicht hinzufallen. Nach der Fieberhitze überfiel ihn eisige Kälte, und er war froh, sich mit den Bettdecken zudecken zu können. Bald flammte die Hitze wieder in ihm auf; doch mit dem Instinkt eines Kranken warf er die Bettdecken nicht ab, sondern blieb ganz ruhig. Das Zimmer schien sich in eine dichte, weiße Substanz, einer Wolke gleich, verwandelt zu haben, in der er eingewickelt lag, unfähig, Hand oder Fuß zu bewegen. Sein Geruch- und Gehörsinn war unnatürlich scharf geworden; er roch die fernen Straßen, Blumen und den Staub, das Leder seiner Bücher, sogar den Duft, den Barbaras Kleider zurückgelassen hatten, und einen merkwürdigen Geruch des Themseschlamms. Eine Uhr schlug sechs, er zählte jeden Schlag; und im selben Augenblick schien die ganze Welt erfüllt von schlagenden Uhren, dem Geräusch von Pferdehufen, Fahrradglocken und den Schritten der Leute. Sein Gesichtsinn dagegen war durch das Bewußtsein jener weißen Wolkendecke in Anspruch genommen, in der er während eines dumpfen, unaufhörlichen Hämmerns über die Erde gehoben ward. Auf der Oberfläche der Wolke schien sich eine Anzahl kleiner goldener Flecken zu bilden; diese Flecken bewegten sich, und er merkte, daß es Kröten waren. Dann stieg hinter ihnen ein riesiges Antlitz auf, ganz dunkel und wie aus Bronze, dessen Augen sich ihm ins Hirn brannten. Je mehr er sich abmühte, von jenen Augen loszukommen, umso mehr bohrten und brannten sie sich in ihn hinein. Er hatte die Stimme verloren, so daß er nicht schreien konnte, und plötzlich schritt das Antlitz über ihn hinweg.

Als er wieder das Bewußtsein erlangt hatte, sickerte Feuchtigkeit von seinem Kopf herab von etwas, das durch eine sich über ihn beugende Gestalt an seine Stirn gehalten wurde. Er hob die Hand empor und berührte eine Wange; da er ein sofort wieder unterdrücktes Schluchzen vernahm, seufzte er auf. Seine Hand ward sanft ergriffen; er fühlte Küsse darauf.

So dunkel war das Zimmer, daß er kaum ihr Antlitz sehen konnte – auch war sein Blick verdunkelt; doch ihren Atem konnte er vernehmen und das leiseste Geräusch ihres Kleides und ihrer Bewegungen – auch der Duft ihrer Hände und ihres Haares schien ihn einzuhüllen, und trotz all der elenden Trostlosigkeit seines Fiebers fühlte er den Druck auf seiner Stirn weichen. Er fragte nicht, wie lang sie schon bei ihm war, sondern lag ganz ruhig da und versuchte nur, die Augen auf sie geheftet zu halten, aus Angst, daß das Antlitz, das hinter der Wolke zu lauern schien, wieder über ihn hinwegschreiten könnte. Als er dann plötzlich fühlte, daß er es nicht länger von sich abhalten könne, winkte er ihr und packte sie krampfhaft, wobei er sich an ihrer Brust verbarg. Diesmal war seine Ohnmacht nicht so tief; sie wich dem Delirium, das von Augenblicken unterbrochen wurde, in denen er sich ihrer Gegenwart bewußt war, und während welcher er sie bei dem abgeblendeten Kerzenlicht in einem weißen Kleid gewahren konnte, wie sie dicht an ihm vorbeischwebte, oder, ihre Hand auf seiner, ruhig dasaß; er fühlte sogar die wohltuende Erleichterung des Eisbeutels und den Duft des Kölnerwassers. Dann verlor er alles Bewußtsein ihrer Gegenwart und ging in die Welt der Fieberphantasien hinüber, wo das Kruzifix über seinem Bett sich aufzubäumen und auf ihn zu fallen schien. Der heftige Wunsch, es herunterzureißen, ward immer stärker, bis er sich im Bett emporgearbeitet und es von der Wand heruntergerissen hatte. Dennoch durchdrang das geheime Bewußtsein ihrer Gegenwart seine dunkelsten Reisen in das fremde Land; und einmal schien sie mit ihm in einer Gegend zu sein, wo ein seltsames Licht ihnen Wiesen und Bäume zeigte, die dunkle Linie des Heidemoors und eine weißschäumende See, die vor leidenschaftlicher Erregung bebte und blitzte.

Bald nach der Morgendämmerung war er längere Zeit bei Bewußtsein, und mit einer Art von Staunen nahm er ihre Gegenwart wahr, wie sie so in dem niedern Stuhl an seinem Bette saß. Sie sah so ruhig aus in dem weißen, losen Schlafrock, blaß vom Wachen, die Augen unbeweglich auf ihn gerichtet, die Lippen zusammengepreßt, und bei seiner leisesten Bewegung zitternd. In tiefen Zügen trank er die Anmut ihres Gesichtes, des Gesichtes eines Menschen, der sich selber ganz vergessen hatte.


 << zurück weiter >>