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Drittes Kapitel

In einem Backsteinbau, dem Familiengutshaus der Fitz-Harolds, gerade außerhalb der kleinen, am Meere gelegenen Stadt Nettlefold, verbrachte Lord Dennis seine ruhigen Tage. In der Luft der Südküste, die die gesündeste und heilsamste in ganz England ist, alterte er nur allmählich, wobei er nur wenig an den Tod dachte und viel Freude an seinem ereignislosen Leben fand. Wie das große alte Haus mit seinen hohen Fenstern und breiten Schornsteinen, so lebte auch er in einer wunderbar zufriedenen Abgeschlossenheit. Seine Bücher, denn er studierte alte Kulturen mit einiger Leidenschaft und beschrieb von Zeit zu Zeit ihre Sitten mit trockener und nicht zu scharfer Feder in einer altmodischen Zeitschrift; sein Mikroskop, denn er beobachtete Infusorien; und das Fischerboot seines Freundes John Bogle, der schon lang herausgefunden hatte, daß Lord Dennis der größte Fisch war, den er je gefangen; – all das und gelegentliche Gäste, kleine Ausflüge nach London, nach Monkland und andern Herrenhäusern machte die Summe eines Lebens aus, das, wenn auch nicht außergewöhnlich fruchtbar, so doch gleichförmig gütig und harmlos war und infolge seiner berüchtigten Einfachheit einen gewissen negativen Einfluß übte nicht nur auf seine eigene Klasse, sondern auch auf die Beziehungen dieser Klasse zu dem Land im allgemeinen. In Nettlefold hieß es allgemein, daß er ein Gentleman sei; wenn die Aristokraten alle ihm glichen, so hätte das ganze Gerede gegen die Lords nicht viel Grund gehabt. Die Kaufleute und Wohnungsvermieter waren überzeugt, daß die Interessen des Landes in seinen Händen sicherer ruhten als in denen von Leuten, die sich in alles und jedes mengen mußten, zugunsten jener, die nur wünschten, in Ruhe gelassen zu werden. Ein Mann, der so gänzlich vergessen konnte, er sei der Sohn eines Herzogs, es jedoch die andern nie vergessen ließ, war der rechte Mann für sie. Zwar hatte er nie etwas in öffentlichen Angelegenheiten zu sagen gehabt; dies jedoch wurde übersehen, denn er hätte eine Rolle spielen können, wenn er nur gewollt hätte, und die Tatsache, daß er es nicht gewollt hatte, bewies nur wieder, daß er ein Gentleman war.

Ebenso wie er die einzige Persönlichkeit in der kleinen Stadt war, gegen die man so gut wie nichts einzuwenden hatte, so war auch sein Haus das einzige, das jeder Kritik standhielt. Die Zeit hatte es vollkommen seinem Temperament angepaßt. Die mit Efeu berankten Mauern und das violette, stellenweise mit gelben Flechten bewachsene Dach, die ruhigen Wiesen, auf denen Ponys und Kühe grasten und die bis an die See hinabreichten: alles atmete Ruhe. Eigentlich bekamen alle übrigen Häuser der Stadt durch dieses Haus ein schäbiges Aussehen – es stand ganz abseits, in einiger Entfernung von ihnen, so wie sein Herr in vielleicht ein wenig zu vornehmer Weise fern von den gewöhnlichen Bedürfnissen.

Von seinen Nachbarn, die fast alle sehr weit weg wohnten, sah er nur dann und wann den jungen Harbinger, dessen Besitz etwa fünf Kilometer entfernt in Whitewater gelegen war. Da er jedoch die Gabe besaß, sich in seiner eigenen Gesellschaft nicht zu langweilen, machte ihm das keinen Kummer. In seiner Mildtätigkeit, besonders gegen die Fischer der Stadt, die in den Wintermonaten so gut wie nichts verdienten, war er äußerst verschwenderisch, ohne Rücksicht auf sein Einkommen, das nicht groß war. Doch an der Politik nahm er wenig oder gar keinen Anteil, abgesehen davon, daß er mit seinem Namen an der Spitze gewisser Gemeindebestrebungen stand. Sein Konservativismus war von jener milden Art, die eine Regeneration des Landes nur dann für möglich hielt, wenn freundschaftliche Gefühle zwischen den Klassen gefördert würden. Wenn man ihn fragte, wie das zu ermöglichen sei, so erwiderte er gewöhnlich mit seiner trockenen, etwas boshaften Liebenswürdigkeit, daß, wenn man ein Nest von Hornissen mit einem Stock aufscheuchte, die Hornissen herauskommen würden. Da er keinen Grundbesitz hatte, sprach er nur ungern seine Meinung über jene verzwickte Frage aus; aber bei einem energischen Angriff äußerte er sich etwa wie folgt: »Im Grunde genommen geht es dem Land in unsern Händen am besten, aber wenn wir weniger beneidet würden, wäre es besser.«

Wie es einem Manne seines Standes ziemte, hatte er ein zärtliches, fürsorgliches Gefühl für das Land und konnte den Gedanken nicht ertragen, daß es durch jenen lieblosen Vater, Staat genannt, verpachtet werden solle. Die Ansichten der Radikalen oder Sozialisten stimmten ihn ironisch, doch mißfiel es ihm, wenn man diese Leute hinter ihrem Rücken persönlich beschimpfte. Es muß jedoch gesagt werden, daß seine Ironie, sobald man ihm widersprach, beträchtlich zunahm. Da er sich von jeder Möglichkeit, seine Meinung im öffentlichen Leben andern aufzuzwängen, zurückgezogen hatte, mußte der geborene Aristokrat in ihm irgendwo anders zum Ausdruck kommen.

Alljährlich, gegen Ende Juli, stellte er sein Haus Lord Valleys zur Verfügung, der darin ein bequemes Standquartier zum Besuch der Goodwood Rennen fand.

Am Morgen nach dem Ball der Herzogin von Gloucester erhielt er folgenden Brief:

 

›Valleys House.

Liebster Onkel Dennis!

Darf ich ein wenig vor der Zeit zu Dir kommen, um auszuruhen? London ist so entsetzlich heiß. Mutter muß wegen dreier Verpflichtungen noch in der Stadt bleiben, und auch ich werde wieder zu unserem letzten Abend, dem politischen, zurückkommen müssen – deshalb möchte ich nicht die weite Reise nach Monkland machen; und nirgends ist es so ruhig wie bei Dir. Eusty sieht ganz elend aus. Ich will versuchen, ihn mitzubringen, wenn es Dir recht ist. Großmütterchen geht es beinahe allzu gut.

Die herzlichsten Grüße, lieber Onkel, von
Deiner Babs.‹

 

Am selben Nachmittage kam sie an, doch ohne Miltoun, und benützte von der Station einen Einspänner. Lord Dennis ging ihr bis zum Tor entgegen; und nachdem er sie geküßt hatte, sah er sie etwas besorgt an, wobei er sich den weißen Spitzbart strich. So weit er sich erinnern konnte, hatte er Babs noch niemals krank gesehen, ausgenommen das eine Mal, als er mit ihr in John Bogles Boot segelte. Sie war entschieden blaß, und da er nicht gleich bemerkte, daß sie anders frisiert war als sonst, beunruhigte ihn ihr Aussehen. Indem er seinen Arm in den ihren legte, führte er sie auf eine Wiese hinaus, die noch immer voll von Butterblumen war, wo ein altes, weißes Pony, das sie vor zwölf Jahren im Hydepark geritten hatte, auf sie zukam und seine Schnauze an ihrer Taille rieb. Und plötzlich stieg in Lord Dennis der überaus peinliche und sonderbare Argwohn auf, daß Barbara Zeit brauche, um ihre Tränen hinunterzuschlucken, obgleich sie sicherlich nicht weinen würde. Ohne daß er sie allein zu lassen schien, schritt er einer Mauer am Ende des Feldes zu und betrachtete die See.

Die Flut hatte fast ihren Höhepunkt erreicht; der Südwind, der darüber hinstrich, wehte ihm den Duft der Meergewächse und das frische Brausen der Wellen entgegen, die seine Füße fast berührten. Weit draußen, wo die Sonne schien, lagen die lächelnden Wasser weiß und geheimnisvoll im Julinebel da und riefen ein seltsames Gefühl in ihm wach. Lord Dennis aber, obwohl er seine poetischen Augenblicke hatte, war eigentlich sehr wohl imstande, das Meer im richtigen Lichte zu betrachten – denn schließlich war es doch der Englische Kanal; und als guter Engländer erkannte er, daß die Dinge, löste man sie einmal von ihrem Namen los, aufhörten Tatsachen zu sein, und hörten sie auf, Tatsachen zu sein, so war – der Teufel los! In Wirklichkeit dachte er nicht viel an die See, sondern an Barbara. Es war offenbar, daß sie sich in irgend einer Bedrängnis befand. Und der Gedanke, daß Barbara auf Schwierigkeiten im Leben stoßen könnte, war außerordentlich sonderbar; denn er empfand undeutlich, wie gewaltig die Unruhe sein mußte, die durch die hundert Falten des kostbaren Mantels dringen konnte, der ein so junges und glückliches Geschöpf einhüllte. Es war nicht der Tod, also mußte es die Liebe sein; und sofort dachte er an den Kerl mit dem roten Schnurrbart. Ideen waren ja recht schön – niemand konnte dagegen etwas einwenden, so lange sie am richtigen Platz auftauchten – zum Beispiel am Speisetisch. Aber sich zu verlieben, wenn es wirklich so war, in einen Menschen, der nicht nur Ideen hatte, sondern auch die Neigung, danach zu leben, und von nichts anderm zu leben als von ihnen, schien Lord Dennis ›outriert‹.

Sie war ihm bis zur Mauer gefolgt, und er sah sie zweifelnd an.

»Du bist zu den ›Wassern des Vergessens‹ gekommen, Babs? Apropos, hast du unsern Freund Mr. Courtier gesehen? Höchst imposant – diese donquichotische Auffassung des Lebens!« Und als er das sagte, klang seine Stimme wie die Stimme so vieler kultivierter Menschen, die nichts von Spekulation wissen wollen; sie machte sich über Ideen lustig und belustigte sich im Grunde wieder über sich selbst, daß sie sich über Ideen lustig gemacht hatte.

Barbara jedoch erwiderte seine Frage nicht, sondern begann von andern Dingen zu sprechen. Und den ganzen Nachmittag und Abend plauderte sie anscheinend leichten Herzens, so daß Lord Dennis sich hätte täuschen lassen, wenn ihn nicht sein Instinkt eines Besseren belehrt hätte.

Bei Nacht legte sie jene wunderbare lächelnde Maske – die Unerforschlichkeit der Jugend – ab. Sie saß am Fenster, unter dem Mond, ›ein goldner Nachtfalter, der langsam am Himmel emporsteigt‹, und starrte gierig in das Dunkel, als wäre es ein großer Gedanke, den sie zu ergründen trachtete. Hin und wieder strich sie mit der Hand über ihre eigenen Glieder und fand einen seltsamen Trost in der Wirklichkeit ihres Körpers. Sie hatte wieder jenes alte, unselige Gefühl, zwei Wesen in sich zu vereinen. Und diese weiche Nacht, die von der ruhigen Bewegung der See vibrierte und von einer dunkeln Unendlichkeit erfüllt war, rief in ihr ein grenzenloses Sehnen wach, eins zu werden mit irgend etwas, mit irgend jemandem außerhalb ihrer selbst. Gestern nachts auf dem Ball hatte sie das ›Gefühl des Fliegens‹ wieder gepackt; und es war noch immer in ihr und offenbarte die leichtsinnige Seite ihres Wesens. Und dies Ergebnis ihres Kontaktes mit Courtier und die Empfindung gestutzter Schwingen tat ihr weh, wie es einem Kinde weh tut, wenn ihm etwas verboten wird.

Sie dachte an die Elster, die im Zimmer des Pförtners zu Monkland lebte und einst in einem Gewächshaus Zuflucht vor einem Verfolger gesucht hatte. Als man die Elster für zivilisiert genug hielt, ließ man sie fliegen, um zu sehen, ob sie zurückkommen würde. Stundenlang hatte sie auf einem hohen Baum gesessen und war endlich doch in den Käfig zurückgekehrt; worauf man ihr einen Flügel stutzte, damit die Krähen sie nicht auf einem ihrer nächsten Ausflüge überfallen sollten. Danach schien der Zwielichtvogel, obgleich er ganz zufrieden lebte und in seinem Käfig und auf der Terrasse, die ihm zum Spielplatz diente, umherhüpfte, manchmal schreckhaft und widerspenstig und schlug die Flügel, als flöge er im Geiste und wäre traurig darüber, daß er auf der Erde bleiben müsse.

Barbara an ihrem Fenster glich dem Vogel mit den gestutzten Schwingen. Dann ging sie zu Bett und warf sich seufzend hin und her. Eine Uhr schlug drei; und von einer unerträglichen Ungeduld über ihr Mißbehagen erfaßt, warf sie einen Automantel über ihren Schlafrock, schlüpfte in die Pantoffel und schlich auf den Gang hinaus. Im Hause rührte sich nichts. Sie schlich hinunter so leise sie konnte. Dann tappte sie sich durch die Halle, die von den Gespenstern des Dämmerlichts erfüllt war, löste die Türkette und eilte dem Meere zu. Wie sie so durch den Tau dahinlief, machte sie nicht mehr Geräusch als ein Vogel bei seinem Fluge durch die Luft; und die beiden Ponys, die ihre Gestalt im Dunkel vorbeikommen fühlten, schnüffelten und stießen leise Angstlaute aus über die schlafenden Butterblumen hin. Sie kletterte über die Mauer zum Strand hinunter. Während sie dahinrannte, hatte sie die feste Absicht, ins Wasser zu tauchen, um sich abzukühlen, es war jedoch so schwarz, abgesehen von einem schmalen weißen Saum, und der Himmel war so schwarz, ganz lichterleer, und harrte des Tags.

Sie blieb stehen und blickte sich um. Und all das Vibrieren und Pulsieren von Körper und Geist erstarb allmählich in jener weiten, dunkeln Einsamkeit, in der das einzige Geräusch vom immerwährenden Anprallen der Wogen herrührte. Sie kannte diese toten Stunden – erst vorige Nacht, gerade um diese Zeit, hatte Harbingers Arm im letzten Walzer sie umschlungen gehalten! Aber hier hatten die toten Stunden ein so ganz anderes Gesicht, ernsthaft und mit weitgeöffneten Augen; und als Barbara vor sich hinstarrte, kam es ihr vor, daß das Dunkel ihr bis auf den Grund der Seele blicke, so daß sie sich klein und ängstlich fühlte. Sie zitterte in ihrem pelzgefütterten Mantel, als wäre sie fast darüber erschrocken, sich so über alle Maßen nichtig zu finden vor diesem schwarzen Himmel und dieser dunkeln See, die in unbarmherziger Größe in eines zu verschmelzen schienen. Und sich niederkauernd, erwartete sie den Anbruch der Dämmerung.

Sie kam von den Dünen herunter, brachte einen eisigen Hauch auf ihren Schwingen mit und flog dem Meere zu. Da kehrte auch wieder Barbaras frühere Verwegenheit zurück. Sie warf die Kleider ab und lief ins dunkle Wasser hinein, das jetzt rasch heller wurde. Das Wasser überströmte sie eifersüchtig und sie fing an zu schwimmen. Das Wasser war wärmer als die Luft. Sie lag auf dem Rücken und spritzte um sich, wobei sie den Himmel erglühen sah. So im Halbdunkel zu baden, mit gelöstem Haar und ohne nasse Gewänder, die ihr an den Gliedern klebten, stimmte sie so freudig wie ein Kind, das etwas Unerlaubtes tut. Sie schwamm weit hinaus, und erst als die Sonne aufging, schwamm sie, über ihr Wagnis erschreckt, wieder zurück.

Sie warf hastig die beiden Mäntel um, überkletterte die Mauer und eilte ins Haus zurück. Ihre ganze Niedergeschlagenheit und fieberische Ungewißheit waren geschwunden; sie fühlte sich unternehmungslustig, erfrischt und entsetzlich hungrig, schlich sich in das dunkle Speisezimmer und suchte nach etwas Eßbarem. Sie fand Keks und kaute noch daran, als sie in der offenen Tür Lord Dennis erblickte, eine Pistole in der einen Hand und eine brennende Kerze in der andern. Mit seinen gemeißelten Zügen und dem weißen Bart über dem alten blauen Schlafrock sah er imposant aus, im Augenblick Lady Casterley entschieden ähnlich, als ob die Gefahr ihn in Stahl gewappnet hätte.

»Das nennst du ausruhen!« sagte er trocken; doch als er ihr nasses Haar erblickte, fügte er hinzu: »Wie ich sehe, hast du deinen Kummer bereits den Wassern anvertraut.«

Barbara aber verschwand ohne Antwort in die dämmerige Halle, die Treppe empor.


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