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Achtundvierzigstes Kapitel


Coteau des Präries. – Mackinaw und Sault de St. Marie. – Das Fangen der Weißfische. – Kanoe-Wettfahrt. – Reise in einem Rinden-Kanoe den Foxfluß hinaus und den Wisconsin hinab. – Der Steinbruch des roten Pfeifentons auf dem Coteau des Präries. – Indianische Sagen in bezug auf den roten Pfeifenton. – Der Sprungfelsen. – Catlin und sein Gefährte werden auf ihrer Reise von den Sioux angehalten. – Monsieur La Tromboise. – Lager am Pfeifenton-Steinbruch. – Baptiste's Erzählung von dem Medizinbeutel. – Einleitung zur Geschichte des Hundes. – Abreise von den Mandanern in einem Kanoe. – Catlin fährt in der Nacht bei den Rikkarriern vorüber. – Lager an einem Tonhügel während eines Gewitters.


Von St. Louis reiste ich über das Alleghanygebirge nach meinem Geburtslande, wo meine Frau bei meinen Eltern blieb; von da ging ich nach Buffalo am Eriesee, ließ dort meine Sammlung und folgte dann den Windungen der Seen von Buffalo bis Detroit, von da nach dem Maria-Wasserfalle (Sault de Ste. Marie), nach Mackinaw und der Green (Grün)-Bai und von da, den Fox- (Fuchs)- und den Wisconsinfluß entlang, nach Prärie du Chien, von wo ich zum zweiten Male den mächtigen Mississippi bis zu dem St. Anthony-Wasserfalle hinauffuhr, dann den trägen, aber mit schönen Ufern eingefaßten St. Petersfluß bis zu seiner Quelle hin verfolgte und von da zu Pferde zu den allmählich in Terrassen aufsteigenden, baumlosen, aber mit Gras bewachsenen Ebenen der Coteau des Präries (welche die Wasserscheide zwischen dem St. Petersflusse und dem Missouri bilden), wo ich bei dem Steinbruche des roten Pfeifentons mein Lager aufschlug.

Diese Reise – ein Weg von mehr als 800 Meilen – hat mir Gelegenheit verschafft, einige Punkte zu besuchen, die ich noch nicht gesehen hatte und einige berühmte Indianer der Tschippewäer, Menomonihs und Winnebagos zu malen. Ich kann die Bewohner des Ostens völlig über die Gesinnungen der Indianer in diesem Teile des Landes beruhigen, denn ich bin mitten durch alle jene Stämme hindurchgereist und kann versichern, daß sie, ebenso wie die Sioux, sehr friedlich gegen die Weißen gesinnt sind.

Es waren zwei Schwadronen Dragoner und zwei Kompagnien Infanterie von Prärie du Chien nach der Greenbai gesandt worden, weil man Feindseligkeiten befürchtete, obwohl zu einer Besorgnis dieser Art, wie es mir schien, gar keine Veranlassung vorhanden war, denn der Häuptling der Winnebagos erwiderte dem Offizier, der ihn fragte, ob sie fechten wollten, daß sie nicht könnten, wenn sie auch wollten, da sie weder Flinten noch Munition, noch auch etwas zu essen hätten, auch liege die Hälfte ihrer Krieger an den Blattern krank. »Wenn ihr uns,« fügte er hinzu, »Flinten, Schießbedarf, Schweinefleisch und Mehl geben und für unsere Frauen und Kinder sorgen wollet, so wollen wir für Euch kämpfen, bedürft Ihr aber unserer, so wollen wir es versuchen, für Euch zu fechten, wie wir sind.

Die Blattern hatten arge Verwüstungen unter den Winnebagos und Sioux angerichtet. Auch der berühmte Sioux-Häuptling Wa-be-schah und der größte Teil seiner Horde sind dieser Krankheit zum Opfer gefallen und die Überlebenden sind auf das Furchtbarste entstellt. In Prärie du Chien starben viele Halbindianer und Franzosen an dieser Krankheit und man erzählte mir dort, daß die bereits mehrere Jahre zuvor geschehene Impfung sich vollkommen als Schutzmittel bewährt habe, daß dagegen in allen Fällen, wo die Impfung erst vor kurzem stattfand, nicht nur Erkrankung, sondern auch fast immer der Tod erfolgte.

Bei dem Sault de St. Marie sah ich eine große Anzahl Tschippewäer, die, gleich den in dortiger Gegend lebenden Franzosen, Engländern und Amerikanern, fast ausschließlich von Fischen leben. Es ist dies der Weißfisch, der dem Lachse gleicht, aber kleiner ist, und von den Indianern und Franzosen in dem bewegten Gewässer der Stromschnellen mit einem Streichnetz gefangen wird und an keinem anderen Orte so groß und so wohlschmeckend wird. Diese Fischerei war lange Zeit von großer Wichtigkeit für die Indianer, die sich zu diesem Zwecke stets in großer Menge versammelten; aber vor kurzem haben einige Spekulanten gefunden, daß diese Fischerei viel zu wertvoll sei, um im ausschließlichen Besitze von Wilden zu bleiben, und sie werfen jetzt ihre Netze dort aus, während der arme Indianer, der ein Eindringling genannt wird und gezwungen ist, sich mit einem dürftigen Fange in den Buchten zu begnügen, ruhig zusehen muß, wie der unersättliche weiße Mann seine Fässer und Boote mit den schönsten Fischen füllt und sie auf die Märkte sendet, um sie zu Geld zu machen.

Ich war hier so glücklich, einer indianischen Regatta oder Kanoe-Wettfahrt beizuwohnen, die unter großem Geschrei, Abschießen von Flinten usw. stattfand und zu der sich eine bedeutende Menge Indianer eingefunden hatte. Die in dieser Gegend wohnenden Indianer sind alle Tschippewäer und ihre Kanoes sind von Birkenrinde gemacht und fast sämtlich von gleicher Form, außerordentlich leicht, und werden mit wunderbarer Schnelligkeit gerudert.

Von Sault de St. Marie machte ich mehrere Ausflüge auf dem Oberen See, sowohl auf der Seite der Vereinigten Staaten, als von Kanada, und malte mehrere Tschippewäer. Von Mackinaw ging ich nach Greenbai, einer aufblühenden Stadt, im Herzen eines fruchtbaren Landes und Hauptsitz der Landspekulanten. Dort schiffte ich mich in einem großen Rindenkanoe ein, das von fünf französischen Voyageurs Siehe Anmerkung 36. gerudert wurde. Ich hatte das Glück, vier lustige Reisegefährten zu finden, die nach dem Fort Winnebago und dem Mississippi wollten; diese waren Herr C. Jennings, früher Besitzer des City-Hotels in New-York, Herr Irving, ein Verwandter von Washington Irving, Herr Robert Serril Wood, ein Engländer, (die beiden letztem besaßen eine unerschöpfliche Unterhaltungsgabe), und der Leutnant Reed von der Armee der Vereinigten Staaten. Alle unsere Vorräte wurden Herrn Jennings übergeben, den wir zum Major der Expedition ernannten und bald sowohl wegen der philosophischen Würde und Geduld, womit er seinem schwierigen Amte vorstand, als auch wegen seiner außerordentlichen Geschicklichkeit und Erfahrung in der Kochkunst zum Obersten beförderten. Die kleinen unterhaltenden Ereignisse unserer Fahrt auf dem vielfach gewundenen Foxflusse, in den Stromschnellen, längs der von schönen Prärien, Eichenlichtungen und unabsehbaren Feldern wilden Reises begrenzten Ufer, begleitet von Herrn Wood's Guitarre oder den » chansons pour rire« unserer gebräunten Bootsleute, sind alle sorgfältig aufgezeichnet worden und sollen künftig einmal anderweitig benutzt werden; hier möge es genügen zu bemerken, daß unsere leichte Barke uns glücklich nach dem Fort Winnebago brachte, wo wir einen Tag verweilten. Herr Wood und ich kauften hier ein leichtes Rindenkanoe, da unsere Reisegefährten einen anderen Weg einschlugen, und ruderten am nächsten Tage den Wisconsin hinab nach Prärie du Chien, das wir nach einer angenehmen Fahrt von drei Tagen und zwei Nächten glücklich erreichten. Wir kamen nun in den mächtigen Mississippi und fühlten uns für unsere Anstrengungen hinreichend belohnt durch die unvergleichlichen Schönheiten, die sich unaufhörlich unserem Auge während der Fahrt dargeboten hatten.

Der Wisconsin, den die Franzosen mit Recht »den schönen Fluß« nennen, kann sich wegen seiner schönen Ufer und Präriehügel jedem anderen Flusse Nordamerikas und vielleicht der Welt an die Seite stellen. Er ist an Lieblichkeit und Schönheit, wenn auch nicht an Größe, dem Mississippi bei Prärie du Chien vollkommen gleich.

Mein trefflicher und hochgeschätzter Reisegefährte hat, gleich einem echten Engländer, alle Beschwerlichkeiten der Reise auf dem oberen Mississippi, dem St. Petersflusse, und auf dem Landwege nach dem schönen Plateau der Westwelt getreulich mit mir geteilt.

So weit bin ich in wenigen Wochen hemmgezogen, um klassischen Boden zu erreichen.

Man wundere sich nicht, daß ich in diesem entlegenen Winkel die indianische »Muse« aufgesucht habe, denn hier weilt sie, hier muß sie angerufen werden – und man deute es mir nicht übel, wenn meine Erzählung jetzt einen etwas poetischen Anstrich gewinnt. Ich will es versuchen, bevor ich diese berühmte Gegend verlasse, einige ihrer charakteristischen und geheimnisvollen Legenden mitzuteilen. Dieser Ort ist berühmt – nicht in der Geschichte, denn er hat keine – sondern in den Sagen und Erzählungen, an denen diese westliche Welt so reich ist.

»Hier fand, nach den Sagen der Indianer, die geheimnisvolle Entstehung der roten Pfeife statt, die ihren Rauch des Friedens und des Krieges in die entferntesten Gegenden des Kontinents entsendet hat, und aus deren rot gefärbtem Rohr jeder Krieger raucht, wenn er den unwiderruflichen Eid des Krieges und der Zerstörung leistet. Hier entstand auch die friedliche Kalumet, deren Rauch die Wut des unbarmherzigen Wilden mildert.«

»Hierher berief vor langer Zeit der Große Geist die indianischen Nationen; er selbst stand an dem Abhange des roten Pfeifentonfelsens, brach ein Stück davon ab und machte eine große Pfeife daraus, die er über ihnen, sowie gegen Norden, Süden, Osten und Westen rauchte, und ihnen sagte, daß dieser Stein rot, daß er ihr Fleisch sei – daß sie ihn zu ihren Friedenspfeifen nehmen sollten – daß er ihnen allen gehöre und daß die Kriegskeule und das Skalpiermesser auf diesem Boden nicht erhoben werden dürfen. Bei dem letzten Zuge aus der Pfeife verwandelte sich sein Kopf in eine große Wolke und die ganze Oberfläche des Felsens war auf mehrere Meilen weit geschmolzen und verglast; unten öffneten sich zwei große Öfen und zwei Frauen (die Schutzgeister dieses Ortes, Tho-mec-cos-tih und Tho-me-coste-won-dih) gingen in die Flammen hinein und noch jetzt antworten sie auf die Anrufungen der Oberpriester oder Medizinmänner, die sie um Rat fragen, wenn sie diesen Ort besuchen.«

»In der Nähe dieses Ortes auf einem hohen Hügel befindet sich das ›Nest des Donners‹, wo ein sehr kleiner Vogel bei schönem Wetter auf den Eiern sitzt, und der Himmel wird von Blitzen zerrissen bei der Annäherung eines Sturmes, der durch das Auskriechen der Brut verursacht wird!«

»Dieser Vogel lebt ewig, ist aber unfähig, sein Geschlecht fortzupflanzen; die Medizinmänner haben ihn oft gesehen, er ist etwa so groß, wie das letzte Glied des kleinen Fingers! Sein Gefährte ist eine Schlange, deren feurige Zunge die Jungen tötet, sobald sie auskriechen und das feurige Getöse an dem Himmel dahinfährt.«

Dies sind einige Sagen dieses berühmten Landes, das schon an und für sich, wegen seiner Schönheit und Lieblichkeit, auch ohne seine berühmten Sagen, ein Paradies genannt zu werden verdient.

Auf diesem Hügel, auf dem der Große Geist stand, als er die Friedenspfeife einweihte, wo man in der Ferne nichts sieht, als die Tausende von baum- und buschlosen Grashügeln, deren lebhaftes Grün in das lebhafteste Blau übergeht – lagerten wir, mein trefflicher Reisegefährte und ich, dicht in unsere Büffelhäute gehüllt, und sprachen von den Mühseligkeiten des Lebens, von Freunden, die wir verloren, von Plänen, die uns fehlgeschlagen, von den Beschwerden, die wir zu überwinden hatten, um in unsere Heimat zurückzukehren. Wir haben hier ein Gewitter in seiner ganzen furchtbaren Schönheit gesehen, und es liegt eine erhabene Größe in dieser Naturerscheinung, die sich nur derjenige vorstellen kann, der sie hier selbst gesehen hat.

Wir befanden uns auf der Oberfläche eines dreißig Fuß hohen Absturzes, der sich zwei englische Meilen weit erstreckte und größtenteils so platt war, als ob flüssiges Glas über seine Oberfläche ausgegossen worden wäre. Nicht weit von unserem Lagerplatze sah man die tief eingedrückten »Fußstapfen des Großen Geistes, wo er stand, als das Blut der Büffel, die er verzehrte, in die Felsen eindrang und sie rot färbte.« Diese Fußstapfen haben Ähnlichkeit mit denen eines großen Vogels. Wenige Schritte weiter stürzt ein kleiner Bach über den Abhang hinab in ein kleines Becken und hier zwischen Felsen von den schönsten Farben, aber von wildester Gestalt, vollzieht der arme Indianer seine Abwaschung. Etwas weiter abwärts auf der Ebene bei fünf gewaltigen Granitblöcken, sucht er die Schutzgeister dieses Ortes durch ein Opfer von Tabak zu gewinnen und bittet sie um die Erlaubnis, ein kleines Stück des roten Tons zu einer Pfeife nehmen zu dürfen. Noch weiter hin, auf einer weiten Ebene, sieht man, gleich den Hügeln der Gaffers oder Sandratten, die älteren und neueren Ausgrabungen und auf der Oberfläche der Felsen verschiedene Zeichen und Hieroglyphen – ihre Wakons, Totems und Medizin.

Auf dem Wege dorthin wurden wir, mein englischer Reisegefährte und ich, von einem Trupp Sioux aufgehalten, weil wir es gewagt hatten, uns dem »heiligen Entstehungsorte der Pfeife« zu nähern! Als wir uns an einem »Traverse des Sioux« genannten Orte in der Handelshütte von Le Blanc am St. Petersflusse, noch etwa dreißig Meilen von dem Steinbruche befanden, sammelte sich ein Haufe Krieger um unsere Wohnung, um uns zu sagen, daß wir Gefangene seien und nicht weiter gehen dürften. Zuerst erhob sich Ti-o-kun-hko (der schnelle Mann) und sagte:

»Meine Freunde, ich bin kein Häuptling, aber der Sohn eines Häuptlings – ich bin der Sohn meines Vaters – er ist ein Häuptling – und wenn er weggegangen ist, so ist es meine Pflicht, für ihn zu sprechen – er ist nicht hier – aber was ich sage, ist die Rede seines Mundes. Man hat uns gesagt, daß Ihr nach dem Pfeifensteinbruch geht. Wir kommen nun, um zu fragen, zu welchem Zwecke Ihr dorthin gehet und welche Geschäfte ihr dort habt.« (Hier riefen alle »hau, hau!«, wodurch sie ihre Zustimmung zu dem, was gesagt worden, ausdrücken, denn »hau« bedeutet »ja.«)

»Brüder – ich bin ein Tapferer, aber kein Häuptling – mein Bogen steht auf dem Gipfel des Sprungfelsens; alle können ihn sehen und alle wissen, das Ti-o-kun-hko's Fuß dort gewesen ist.« (Hau, hau!) »Brüder – wir betrachten Euch und sehen, daß Ihr Tschi-mo-ki-mon-Kapitäne (weiße Offiziere) seid; wir wissen, daß Ihr von Eurer Regierung abgesandt worden seid, um zu sehen, was jener Ort wert ist und wir glauben, daß die weißen Männer ihn kaufen wollen.« (Hau, hau!)

»Brüder – wir haben immer gesehen, daß die weißen Männer, wenn sie in unserem Lande etwas erblicken, was sie brauchen können, Offiziere abschicken, um es zu schätzen und wenn sie es nicht kaufen können, so nehmen sie es auf andere Weise.« (Hau, hau!)

»Brüder– ich spreche stark, mein Herz ist stark und ich spreche schnell; diese rote Pfeife wurde dem Roten Manne von dem Großen Geiste gegeben – sie ist ein Teil unseres Fleisches und daher große Medizin.« (Hau, hau!)

»Brüder – wir wissen, daß die weißen Männer gleich einer großen Wolke sind, die im Osten aufsteigt und unser ganzes Land bedecken wird. Wir wissen, daß sie unser ganzes Land haben werden; aber wenn sie uns jemals unseren Pfeifenton nehmen, so werden sie schwer dafür büßen müssen.« (Hau, hau, hau!)

»Brüder – wir wissen, daß niemals ein weißer Mann in dem Steinbruche des roten Pfeifentons gewesen ist und unsere Häuptlinge haben oft im Rate beschlossen, daß nie ein weißer Mann dorthin gehen soll. (Hau, hau!)

»Brüder – Ihr habt gehört, was ich gesagt habe, und ihr könnt nicht weiter gehen, sondern Ihr müßt umkehren. (Hau, hau, hau!)

»Brüder – Ihr seht, daß der Schweiß mir vom Gesichte herabläuft, denn ich habe mich angestrengt.«

Hierauf erwiderte ich:

»Meine Freunde, es tut mir leid, daß Ihr uns und den Zweck unseres Besuches in Eurem Lande so sehr verkannt habt. Wir sind keine Offiziere – wir sind von niemandem abgesandt worden – wir sind zwei schlichte Männer, welche reisen, um die Sioux zu sehen, ihnen die Hand zu reichen und zu erforschen, was es Merkwürdiges in ihrem Lande gibt. Dieser Mann ist mein Freund, er ist ein Sa-ga-nosch (ein Engländer).«

Alle schrieen jetzt: »Hau, hau, hau!«, sprangen auf, reichten meinem Begleiter die Hand und mehrere zeigten ihm englische Medaillen, die sie auf der Brust trugen.

»Wir haben gehört, daß der Steinbruch des roten Pfeifentons eine große Merkwürdigkeit ist; wir sind deshalb gekommen, um dorthin zu gehen und werden uns nicht aufhalten lassen.«

Hier wurde ich von einem schwarzen, grimmig aussehenden Burschen unterbrochen, welcher aufsprang, sein langes zottiges Haar schüttelte, seine Augen, in denen sich der wütendste Haß kundgab, auf mich richtete und mit der Faust wenige Zoll vor meinem Gesichte herumfuhr, während er folgende Rede hielt:

» Bleiche Gesichter! Ihr dürft nicht sprechen, bis wir alle gesprochen haben; Ihr seid unsere Gefangenen – unsere jungen Männer (Soldaten) stehen um das Haus herum und Ihr müßt anhören, was wir sagen. Was zu Euch gesprochen wurde, ist wahr, Ihr müßt umkehren. (Hau, hau!)

»Wie hörten das Wort ›Saganosch‹ und es macht unsere Herzen froh; wir reichten unserem Bruder die Hand – sein Vater ist unser Vater – er ist unser Großer Vater – er lebt jenseits des großen Sees – sein Sohn ist hier und wir freuen uns – wir tragen unseren Großen Vater, den Saganosch, auf unserer Brust und wir halten sein Gesicht glänzend – wir reichen Euch die Hand, aber kein weißer Mann war jemals bei der roten Pfeife und keiner soll jemals dorthin gehen.« (Hau!)

»Ihr seht, daß diese Pfeife (er hielt eine rote Pfeife neben seinen nackten Arm) ein Teil unseres Fleisches ist. Die roten Männer sind ein Teil des roten Steines.« (Hau, hau!)

»Wenn die weißen Männer ein Stück des roten Pfeifensteins hinwegnehmen, so machen sie dadurch ein Loch in unser Fleisch und das Blut wird immer fließen. Wie werden das Blut nicht stillen können.« (Hau, hau!)

»Der Große Geist hat uns gesagt, daß wir aus dem roten Stein nur Pfeifen machen und daraus zu ihm rauchen sollen.« (Hau!)

»Warum wollen die weißen Männer dorthin gehen? Ihr habt keine gute Absicht; wir wissen, Ihr habt keine und je eher Ihr umkehrt, um so besser.« (Hau, hau!)

Nach diesem Redner sprach Mussa (Eisen):

»Meine Freunde, wir wollen Euch kein Leid zufügen; Ihr habt die Worte unserer Häuptlinge gehört und Ihr sehet nun, daß Ihr umkehren müßt.« (Hau, hau!)

»Tschan-dih-pah-scha-kah-frih (der rote Pfeifenstein) ist uns von dem Großen Geiste gegeben worden und niemand darf nach seinem Preise fragen, denn er ist Medizin.« (Hau, hau!)

»Meine Freunde, ich glaube, was Ihr zu uns gesprochen habt; ich glaube, daß Eure Absichten gut sind; aber unsere Häuptlinge haben uns immer gesagt, daß es keinem weißen Manne erlaubt ist, dorthin zu gehen – und ihr könnt nicht dorthin gehen.« (Hau, hau!)

Ein anderer Indianer sagte: »Meine Freunde, Ihr sehet, ich bin ein junger Mann; Ihr sehet an meiner Kriegskeule zwei Skalpe von den Köpfen meiner Feinde, meine Hände sind in Blut getaucht, aber ich bin ein guter Mensch. Ich bin ein Freund der Weißen, der Pelzhändler, und sie sind unsere Freunde. Ich bringe ihnen jährlich 3000 Häute von Bisamratten, die ich in meinen eigenen Fallen fange.« (Hau, hau!)

»Wir gehen gerne nach dem Pfeifenstein und holen uns ein Stück zu unseren Pfeifen; aber wir fragen vorher den Großen Geist. Wenn die weißen Männer dorthin gehen, so werden sie etwas davon nehmen und die Öffnung nicht wieder ausfüllen und der Große Geist wird beleidigt werden.« (Hau, hau, hau!)

Der nächste Redner ließ sich in folgender Weise vernehmen:

»Meine Freunde, höret mich an! Was ich sagen werde ist die Wahrheit.« (Hau!)

»Ich brachte ein großes Stück Pfeifenstein mit und gab es einem weißen Manne, um sich eine Pfeife daraus zu machen; er war unser Pelzhändler und ich wünschte, daß er eine gute Pfeife haben möchte. Als ich das nächste Mal zu ihm kam, war ich unglücklich, denn ich sah, daß er aus dem Stein eine Schüssel gemacht hatte.« (Juch!)

»Auf diese Weise würden die weißen Männer den Pfeifenstein benutzen, wenn sie ihn erhalten könnten. Ein solches Verfahren würde den Großen Geist beleidigen und das Herz des roten Mannes krank machen.« (Hau, hau!)

»Brüder, wir wollen Euch kein Leid zufügen–wenn Ihr umkehrt, wird es gut sein für Euch und Eure Pferde – Ihr könnt nicht vorwärts gehen.« (Hau, hau!)

»Wir wissen, daß wenn Ihr nach dem Pfeifenstein geht, der Große Geist auf Euch sieht – die weißen Männer denken nicht daran.« (Hau, hau!)

»Ich habe nichts mehr zu sagen.«

Nachdem noch ein Dutzend ähnlicher Reden gehalten worden, erwiderte ich:

»Meine Freunde, Ihr habt uns völlig verkannt; wir sind keine Offiziere, wir sind von niemandem abgesandt – die weißen Männer bedürfen der roten Pfeife nicht – es ist nicht wert, sie so weit bis nach Hause mitzunehmen, wenn Ihr ihnen auch alles schenken wolltet. Sie bedienen sich nicht der Pfeifen – sie wissen nicht, wie sie daraus rauchen sollen. (Hau, hau!)

»Meine Freunde, ich glaube eben so wie Ihr, daß der Große Geist jenen Ort den roten Männern zu ihren Pfeifen gegeben hat. (Hau, hau, hau!)

»Ich billige das Verfahren, das Ihr beobachtet, um ihn zu erhalten und zu beschützen und ich werde alles tun, was ein Mann vermag, um die Weißen zu verhindern, ihn Euch zu nehmen. (Hau, hau!)

»Aber wir sind gekommen, um ihn zu sehen und wir können nicht glauben, daß man uns daran hindern wird.«

Hier sprang wieder ein Indianer auf und rief:

»Weißer Mann! Deine Worte sind sehr freundlich; Ihr habt irgendeine Absicht, sonst würdet Ihr nicht so entschlossen sein zu gehen – Ihr habt keine gute Absicht, und je schneller Ihr umkehrt, um so besser. Es ist unnütz, noch mehr hierüber zu sagen – wenn Ihr es für das Beste haltet zu gehen – versucht es. Das ist alles, was ich zu sagen habe.« (Hau, hau!)

Da dieser Indianer während seiner Rede einige Male die Faust dicht vor mein Gesicht hielt, so trat der junge Le Blanc auf ihn zu und sagte ihm, daß wenn er sich nicht in gebührender Entfernung halte, so werde er ihn sogleich zu Boden schlagen.

Als alle diese Reden gehalten waren, erklärte ich, daß wir dennoch dorthin gehen würden. Am nächsten Morgen bestiegen wir unsere Pferde und ritten, ohne im mindesten belästigt zu werden, mitten durch sie hindurch.

Wie uns Herr Le Blanc erzählte, waren dies die unruhigsten und treulosesten von allen Sioux, die ihm wiederholt mit dem Tode gedroht hatten, und er befürchtete, daß sie einst ihre Drohung ausführen würden. Er riet uns umzukehren, wie sie es verlangt hätten; wir folgten jedoch seinem Rate nicht.

Die merkwürdigen Schilderungen, die mir die Indianer schon vor längerer Zeit von diesem Orte entworfen, hatten den lebhaftesten Wunsch in mir erregt, ihn zu besuchen Es war bereits mehrmals die Rede von den roten Pfeifen der Indianer, die sich fast bei allen Stämmen finden, und wohl sämtlich von Côteau des Präries herstammen, denn alle Stämme, die ich besucht habe, nannten immer jenen Ort als den Fundort des Steins. Auch ist das Material, aus dem sie gemacht werden, stets genau dasselbe und unterscheidet sich von jeder anderen bis jetzt in Europa oder Amerika entdeckten Mineralmasse. In meinem indianischen Museum befinden sich Exemplare von den zahlreichen Varietäten dieses Steins, die ich selbst an dem Fundorte gesammelt habe.. Aus den Sagen der Indianer ergibt sich, daß dieser Ort früher von allen Stämmen besucht und von ihnen als neutraler Boden betrachtet wurde. Seit einigen Jahren haben jedoch die Sioux ihn ausschließlich in Besitz genommen und da er in der Mitte ihres Landes liegt und sie mächtiger sind, als irgendein anderer Stamm, so ist es ihnen gelungen, alle übrigen davon entfernt zu halten. Wahrscheinlich ist dies auf Antrieb der Weißen geschehen, die ihnen vorgestellt haben, daß sie großen Einfluß und Reichtum dadurch erlangen könnten, wenn sie den übrigen Stämmen den Besuch des Steinbruchs nicht gestatteten, sondern selbst die Pfeifen anfertigten und sie dann jenen verkauften.

Daß früher und selbst noch bis vor kurzem jene berühmte Gegend von den meisten Stämmen besucht wurde, haben mir nicht nur Hunderte von Indianern versichert, die selbst dort waren, sondern es geht dies auch noch aus den in den Quarzfelsen eingegrabenen Totems und Wappen der verschiedenen Stämme hervor, die diesen Ort seit Jahrhunderten besucht haben Wenn etwa spätere Reisende an der Wahrheit des hier Gesagten zweifeln sollten, weil sie nur Sioux dort antreffen, so verweise ich sie auf den Reisebericht von Lewis und Clarke, die vor etwa vierzig Jahren jene Gegend besuchten, ehe der Einfluß der Pelzhändler den Zustand der Dinge dort verändert hatte. Der General Clarke, mit dem ich in St. Louis oft über diesen Gegenstand sprach, sagte mir, daß jeder Stamm am Missouri ihm erzählt habe, er sei dort gewesen und der Große Geist habe auf jenem Boden, wo sie mit ihren Feinden geraucht hätten, den Frieden unter ihnen erhalten.. Die unzähligen Inschriften und Zeichnungen, die sich dort auf den Felsen befinden, sowie die alten Nachgrabungen nach dem Pfeifenstein, werden indes niemals irgendeinen Aufschluß geben über die Zeit, wann diese Ausgrabungen begonnen oder wann die Sioux sich das ausschließliche Besitzrecht angemaßt haben.

Von den vielen Sagen, die ich selbst unter den verschiedenen Stämmen gesammelt habe, wurde mir die nachstehende von einem ausgezeichneten Knisteneaux am oberen Missouri mitgeteilt, als er mir eine schöne rote Pfeife schenkte. Nachdem er mir erzählt, daß er dort gewesen sei und eine genaue Schilderung der Gegend entworfen, fuhr er fort:

»Zur Zeit der großen Überschwemmung, die vor vielen Jahrhunderten stattfand und alle Völker der Erde vertilgte, versammelten sich alle Stämme der roten Männer auf dem Côteau des Präries, um sich aus dem Wasser zu retten. Nachdem sie hier von allen Seiten her zusammengekommen waren, stieg das Wasser immer mehr, bis es endlich sie alle bedeckte, woraus ihr Fleisch in den roten Pfeifenton verwandelt wurde. Daher ist jene Gegend stets als neutrales Land betrachtet worden – es gehörte allen Stämmen zugleich und es war allen erlaubt, dorthin zu gehen und zu rauchen.

»Als alle zusammen ertranken, ergriff eine junge Frau Kwaptahw (Jungfrau) den Fuß eines vorüberfliegenden sehr großen Vogels und wurde nicht weit von da auf die Spitze einer hohen Klippe geführt, die sich über dem Wasser befand. Hier gebar sie Zwillinge, deren Vater der Kriegsadler war, und ihre Kinder haben seitdem die Erde bevölkert.«

»Aus dem Pfeifenstein, der das Fleisch ihrer Vorfahren ist, rauchen sie zum Zeichen des Friedens und die Adlerfedern schmücken das Haupt der Tapferen.«

Die Sioux haben folgende Sage:

»Vor der Erschaffung des Menschen pflegte der Große Geist die von ihm getöteten Büffel an dem Rande der roten Felsen oben auf dem Côteau des Präries zu verzehren, und ihr Blut rann auf die Felsen und färbte sie rot. Eines Tages, als eine große Schlange in das Nest des Vogels gekrochen war, um die Eier zu verzehren, kroch das eine Junge mit einem Donnerschlage aus und der Große Geist, der ein Stück des Pfeifentons in der Hand hielt, um es nach der Schlange zu werfen, formte es zu einem Menschen. Die Füße dieses Menschen wuchsen in dem Boden fest und er stand hier viele Menschenalter gleich einem großen Baum und wurde daher sehr alt; er war älter als heutzutage hundert Menschen zusammengenommen. Endlich wuchs noch ein anderer Baum neben ihm hervor und es kam eine große Schlange, die beide an den Wurzeln abnagte, worauf sie zusammen weggingen; und von diesen stammen alle Menschen ab, die die Erde bewohnen.«

Diese Sage fand ich bei den Sioux am oberen Missouri, aber ein Stamm dieser Indianer am unteren Mississippi, dem ich sie erzählte, schien sie nicht zu kennen. Der Grund hierfür liegt vielleicht in dem Betruge oder der Unwissenheit des Dolmetschers, von dem man in diesem Lande häufig ganz abhängig ist, oder auch – und dies ist sogar wahrscheinlicher – in den sehr unbestimmten und zahlreichen Fabeln, die in den verschiedenen Horden oder Familien desselben Stammes von demselben Ereignisse erzählt werden.

Ich werde später noch einige sehr sonderbare und unterhaltende Sagen mitteilen, woraus hervorgeht, daß die Meinungen über ihren Ursprung, die Erschaffung der Welt usw. keineswegs bei den verschiedenen Stämmen, ja nicht einmal bei einem und demselben Stamm gleich lauten und daß sehr viele dieser Theorien von den Medizinmännern erfunden worden sind, um sich in einem Teile des Stammes, dem sie angehören, einen großen Einfluß zu verschaffen.

Unter den Sioux am Mississippi, die in der Gegend des roten Pfeifensteins leben, fand ich folgende Sage über denselben Gegenstand:

»Viele Jahre nach der Erschaffung der Roten Männer, als alle die verschiedenen Stämme im Kriege mit einander waren, sandte der Große Geist Boten zu ihnen und berief sie nach der »Roten Pfeife«. – Er stand auf dem Gipfel der Felsen und die Roten Männer waren auf der darunter liegenden Ebene versammelt. Er nahm ein Stück von dem roten Felsen und machte eine große Pfeife daraus; er rauchte über allen und sagte, daß es ein Teil ihres Fleisches sei; daß, wenn sie auch Krieg mit einander führten, sie doch an diesem Orte als Freunde zusammenkommen müßten; daß dieser Stein allen gehöre; daß sie ihre Pfeifen aus ihm machen und daraus zu ihm rauchen sollten, wenn sie ihn besänftigen oder sein Wohlwollen zu erlangen wünschten. – Der Rauch seiner großen Pfeife zog über sie alle hin und er verschwand in seinen Wolken; bei dem letzten Zuge aus seiner Pfeife fuhr eine Feuerflamme über den Felsen und schmolz ihre Oberfläche – in diesem Augenblicke gingen zwei Frauen, in Flammen gehüllt, unter die beiden Medizinfelsen hinein, wo sie noch bis auf den heutigen Tag sich aufhalten und man muß sie um Rat fragen und sie zu gewinnen suchen, wenn man sich Pfeifenstein holen will.«

Während meines Aufenthalts in dem Dorfe der Mandaner hielt einer dieser Indianer, dessen Bildnis ich gemalt hatte, folgende Rede an mich:

»Mein Bruder– Du hast mein Bild gemacht und ich liebe es sehr. Meine Freunde erzählen mir, daß sie die Augen sich bewegen sehen und es muß sehr gut sein – es muß etwas leben. Ich freue mich, daß es geschehen ist – obgleich viele von unserem Volke sich fürchten. Ich bin ein junger Mann, aber mein Herz ist stark. Ich bin auf den Medizinfelsen gesprungen – ich habe meinen Bogen dort aufgestellt und kein Mandaner kann ihn wegnehmen Der Medizin- oder Sprungfelsen steht von der Hauptmasse sieben bis acht Fuß entfernt, gleich einer Säule von 35 Fuß Höhe und etwa sieben Fuß Durchmesser; er ist oben und an den Seiten wie poliert. Es erfordert einen tüchtigen Sprung, um den Felsen zu erreichen, und es ist ungemein schwierig, auf der glatten Fläche nicht auszugleiten. Einige junge Indianer haben den Sprung mit Erfolg gewagt und ihre Bogen in die Spalten des Felsens gesteckt, wo man sie noch sieht; andere glitten aus und stürzten in die Tiefe, wo sie auf dem zackigen Felsen augenblicklich den Tod fanden. Nicht weit von dem Sprungfelsen befindet sich auf der Ebene ein zehn Fuß hoher, kegelförmiger Hügel, unter dem ein junger Sioux-Indianer begraben liegt, der bei dem Versuche, den Sprungfelsen zu erreichen, sein Leben verlor, und dessen Vater mit dreißig anderen Sioux während meiner Anwesenheit in dem Steinbruche das Grab seines Sohnes besuchte und mir sein unglückliches Ende erzählte.. Der rote Stein ist schlüpfrig, aber mein Fuß war sicher – ich glitt nicht aus. Mein Bruder, diese Pfeife, welche ich Dir gebe, habe ich von einem hohen Berge mitgebracht, der nach dem Aufgange der Sonne hin liegt – wir haben viele Pfeifen von dort mitgebracht – und wir brachten sie in Frieden mit. – Wir ließen unsere Totems (Zeichen) an den Felsen zurück – wir schnitten sie tief in die Steine ein und sie sind noch dort. Der Große Geist sagte allen Völkern, sie sollten friedlich dort zusammenkommen und alle Völker verbargen die Kriegskeule und den Tomahak. Die Dah-co-tahs, welche unsere Feinde sind, sind sehr stark – sie haben den Tomahak aufgenommen und das Blut unserer Krieger ist auf die Felsen geströmt. Mein Freund, es ist nötig, daß wir unsere Medizin besuchen – unsere Pfeifen sind alt und abgenutzt. Mein Freund, ich wünsche, daß Du mit unserem Großen Vater darüber sprichst.«

Der Häuptling der Puncahs am oberen Missouri erwähnte ebenfalls jenen Ort als er mir eine schöne Pfeife zum Geschenk überreichte; er sagte:

»Mein Freund, diese Pfeife, von der ich wünsche, daß Du sie annimmst, ist von meinen eigenen Händen aus der Erde gegraben, geschnitten und poliert worden, wie Du sie jetzt hier siehst. Ich wünsche, daß du sie annimmst und wenn du daraus rauchst, dich erinnerst, daß dieser rote Stein ein Teil unseres Fleisches ist. Dies ist eine von den letzten, die wir jemals verschenken können. Unsere Feinde, die Sioux, haben die rote Blutflagge über dem Pfeifensteinbruch aufgesteckt und unsere Medizin wird dort von ihnen mit Füßen getreten. Die Sioux sind zahlreich und wir können nicht mehr nach dem Berge der roten Pfeife gehen. Wie haben gesehen, daß alle Völker dort zusammen rauchten – aber, mein Bruder, es ist nicht mehr so.«

Dies sind einige von den Erzählungen in bezug auf jene merkwürdige Gegend; ich könnte deren noch mehrere mitteilen, allein sie laufen alle auf dasselbe hinaus.

Der Steinbruch des Pfeifentons liegt sechzig Meilen fast genau westlich von dem St. Anthony-Wasserfall, auf dem Rücken der Wasserscheide zwischen dem St. Petersflusse und dem Missouri, gleich weit von beiden entfernt. Dieser Scheiderücken wird von den Franzosen Côteau des Präries genannt, der Steinbruch liegt nahe seinem Südende und folglich nicht genau auf dem höchsten Punkte, denn er streicht im allgemeinen von Norden nach Süden und dacht sich gegen Süden allmählich ab.

Wir kamen von Osten her und stiegen unaufhörlich über eine Aufeinanderfolge von Abhängen und Terrassen, die sich unmerklich zu einer großen Höhe zu erheben schienen; die westliche Abdachung dieses majestätischen Walles, nach dem Missouri hin, hat denselben eigentümlichen Charakter. Von dem höchsten Punkte dieses Rückens sieht man keinen Baum und keinen Strauch, obgleich das Auge nach Osten und Westen in unbegrenzte Fernen schweift; die Oberfläche ist nur mit kurzem Grase bewachsen, das in der Ferne allmählich eine blaue Färbung annimmt und dadurch dem weiten Ozean gleicht.

Die ganze Oberfläche dieses unermeßlichen Landstrichs ist fest und eben, fast ohne Steine oder Kies, und mit einem Rasen von drei bis vier Zoll hohem Grase bedeckt. Ein Wagen würde hier so leicht wie auf einer makadamisierten Landstraße dahin rollen und die Abhänge sind so sanft, daß ein Reiter sie ohne Gefahr im Galopp hinauf- und hinabreiten kann.

Die Ausdehnung und der wahre Charakter dieser weiten Prärien ist der Welt nur unvollkommen bekannt. Ich kann versichern, daß man auf ihnen (natürlich mit Ausnahme der Flüsse und Schluchten, die allerdings an manchen Orten nicht zu passieren sind) mit einer Kutsche von dem St. Anthony-Wasserfalle bis zu der Ansiedlung des Lords Selkirk am nördlichen Red River (roten Fluß), von da bis an die Mündung des Yellow-Stoneflusses in den Missouri – von da zum Platte- und Arkansasflusse und dem südlichen Red River durch Texas bis zum Meerbusen von Mexiko – eine Strecke von mehr als 600 Meilen Länge – beständig über grüne Fluren fahren kann.

Nach dem oben erwähnten Zusammentreffen mit den Sioux kamen wir bei mehreren ihrer Dörfer vorüber und überall kündigte man uns an, daß wir umkehren müßten; wir setzten aber unseren Weg dennoch fort und als wir etwa zwanzig Meilen über ein schönes Prärieland zurückgelegt hatten, brachte unser indianischer Führer uns zu der Wohnung eines alten Bekannten von mir, des Herrn Fromboise, der hier am Fuße des Côteau des Präries und etwa acht bis zehn Meilen von dem Pfeifensteinbruche, im Dienste der amerikanischen Pelz- Compagnie ganz behaglich lebt.

Als wir im vollen Galopp aus sein Haus zusprengten, kam er uns an der Tür mit den Worten entgegen:

»Ah, Monsieur, wie geht es Ihnen? – Quoi! ha, est ce vous, Monsieur Cataline – est il possible? Oui, oui, vraiment le même – mon ami, Cataline – comment se va-t-il? et combien – aber verzeihen Sie, daß ich französisch spreche. – Wie ist es Ihnen ergangen, seitdem ich Sie zum letzten Male sah? Und wie, beim Himmel, sind Sie in diese wilde Gegend, so weit von der zivilisierten Welt gekommen? Steigen Sie ab, meine Herren, und seien Sie willkommen in meiner kleinen Hütte.«

»Monsieur La Fromboise, erlauben Sie mir, Ihnen meinen Freund und Reisegefährten, Herrn Wood aus England, vorzustellen.«

»Monsieur Wood, ich bin erfreut, Sie zu sehen und hoffe, Sie werden die Einfachheit meiner Hütte und meine schlechte Unterhaltung entschuldigen.«

»Ich versichere Ihnen, mein teurer Herr, daß es gar keiner Entschuldigung bedarf, denn Herrn Catlin und mir, die wir so lange unter freiem Himmel zugebracht haben, erscheint ihr Haus wie ein Palast.«

»Treten Sie ein, meine Herren; wir sind von roten Männern umgeben, die nicht wenig erstaunt sein werden, Sie zu sehen.«

»Das ist es eben, was wir wünschen. Catlin! das ist herrlich – oh wie glücklich sind wir.«

»Nun, meine Herren, gehen Sie ins Zimmer; Sie sehen, ich habe zwei Zimmer in meinem Hause, oder vielmehr in meiner Hütte, aber sie sind klein und unbequem. Was ich habe, steht Ihnen von Herzen zu Diensten, und ich versichere Ihnen, daß dies der glücklichste Augenblick meines Lebens ist. Ich kann Ihnen keine Federbetten zum schlafen geben; aber ich habe viele neue Büffelhäute und Sie, Monsieur Cataline, wissen jetzt, wie man ein Bett daraus macht. Wir haben Büffelfleisch, Büffelzungen, wilde Gänse, Enten, Präriehühner, Wildpret, Forellen, junge Schwäne, Biberschwänze, Tauben, Pflaumen, Trauben, junge Bären, etwas grünen Mais, Melonenkürbisse, Zwiebeln, Wassermelonen und Kartoffeln, etwas Kaffee und Tee.«

»Mein Freund, die Hälfte oder ein Drittel von allen diesen Dingen, die sämtlich Luxusgegenstände für uns sind, würde uns glücklich machen; geben Sie sich unseretwegen keine Mühe, wir werden ganz glücklich unter Ihrem Dache sein.«

»Ich bedauere, meine Herren, daß ich Sie nicht so empfangen kann, wie ich es gern möchte; aber wenn Sie die Jagd lieben, so kann es Ihnen als Ersatz dienen, daß es hier viele Büffel gibt; in geringer Entfernung von hier sind die Prärien ganz damit bedeckt, auch gibt es hier in den Prärien und auf den Seen unzählige Präriehühner, Enten, Gänse und Schwäne. Sie werden lange bei mir bleiben, meine Herren, und es soll uns an Unterhaltung nicht fehlen. Ich versichere Ihnen, daß ich mich glücklich schätze, Sie bei mir zu sehen. Verzeihen Sie, wenn ich mich einen Augenblick entferne, um Ihnen eine Mahlzeit zu besorgen und einige Indianer abzufertigen, die sich in meinem Warenlager befinden, um zu handeln und ihre Jahresrente in Empfang zu nehmen.«

»Das ist ein prächtiger Mensch,« sagte mein Begleiter.

»Ja, das ist er. Ich kenne ihn schon länger, er ist ein echter Gentleman. Sie sehen hier ein Beispiel, wie bleibend die Manieren eines wahren Gentleman sind und wie wenig ein in der Wildnis und unter den Wilden zugebrachtes Leben diese vernichten kann. Ich könnte Ihnen noch mehrere Personen dieser Art nennen, deren Antlitz mit Schmutz überzogen zu sein scheint, das aber, wenn dieser einmal entfernt ist, sich nur um so glänzender zeigt.«

Wir blieben einige Tage bei diesem höflichen und gastlichen Mann, bis wir uns von den Beschwerden der Reise erholt hatten. Er versah uns dann mit frischen Pferden und begleitete uns nach dem Steinbruch, den er früher besucht hatte, und dessen Sagen ihm größtenteils bekannt waren. Als ich ein Jahr zuvor mit ihm in Prärie du Chien zusammentraf, gab er mir eine sehr ausführliche Beschreibung des Steinbruchs und entwarf aus der Erinnerung eine Karte davon, die sehr genau ist, und die ich noch besitze. In seinen Adern rollte indianisches Blut und wie alle Franzosen in diesen wilden Gegenden, war er ein leidenschaftlicher Sänger und Geschichtenerzähler; auch Herr Wood sang sehr gut, da ich aber nicht zu singen vermag, so blieb mir, um auch meinerseits etwas zur Unterhaltung beizutragen, nichts anderes übrig, als einige Erlebnisse meiner früheren Reisen zu erzählen. Eines Abends trug ich daher nach meinem Notizbuche die Schilderung der Abenteuer einer Nacht vor, wie mein früherer Reisegefährte Baptiste dies zu erzählen pflegte, als ich ihn am oberen Missouri beauftragt hatte mir einen Medizinbeutel zu verschaffen. Er begann in folgender Weise:

» Je commence...«

»Hole der Teufel Euer commence,« sagte Bogard, »sprecht doch englisch.«

» Pardon, Monsieur, en Americaine –«

»Nun ja, meinetwegen amerikanisch, nur nicht das verdammte Parlez vous

» Bien, excusez – nun, Monsieur Bogard, zuerst müssen Sie wissen, der »Medizinbeutel« ist nichts als Betrug, es ist keine »Medizin« darin – keine Pillen; er ist etwas mysteriös; etwas Hexerei, wie ich glaube. Sie müssen wissen, que tous les sauvages dergleichen bei sich tragen, um Glück zu haben. Ce n'est que – pardon – es ist nichts als Hokuspokus, um die Zauberer abzuhalten. Sie müssen wissen, que ces articles niemals können verkauft werden, sie sehen daher, daß man sie nicht kaufen kann. So mein Freund hier, Monsieur Cataline, der alle curiosités des pays sauvages sammelt, hatte große applique zu mir gemacht, pour um zu erhalten einen dieser Medizinbeutel für seine collection curieuse und ich hatte pour moi même la curiosité extrème pour für zu sehen, wie ces étranges aussehenden Dinge seien composés.

»Gut. Eines Tages, als wir an der Mündung des Yellow-Stone waren, dachte ich, nun ist es Zeit und sagte zu Monsieur Cataline: que pensez vous? Kon-te-wonda, un des chefs – pardon, einer der Häuptlinge der Knisteneaux, ist heute gestorben. Er hatte einen magnifique et extremement curieux Medizinbeutel; er seien gemacht aus der Haut von die weiße Wolf und gefüllt mit tausend Dingen, die wir sehen werden. Wie? Ich habe gesehen, Monsieur Cataline, den Beutel legen auf seine Brust und die Hände im Kreuz darüber. Que pensez vous? Ich kann ihn holen diese Nacht, wie? Wenn Sie wollen ihn holen und nicht erzählen, wie? Es ist kein Unrecht, es ist kein Diebstahl – er ist tot, wie? Aber werdet Ihr Euch nicht fürchten, Baptiste, sagte Monsieur Cataline, diesem armen Burschen den Medizinbeutel zu nehmen, worauf er alle seine Hoffnungen in dieser und jener Welt gesetzt hat? – Pardon, je n'ai pas peur; non, Monsieur, rien de peur. Ich haben nie einen Geist gesehen – ich haben keine Furcht, mais, ich vermuten, es ist doch nicht ganz recht; aber ich haben große disposition pour für zu obliger meinen Freund et la curiosité moi même, pour um zu sehen, woraus er sein gemacht; ich werde gehen in der Nacht, wie?

»Gut, Baptiste, ich habe nichts dagegen, sagte Monsieur Cataline, wenn Ihr den Mut nicht verliert; ich werde mich sehr freuen, wenn ich ihn habe und Euch ein gutes Geschenk dafür geben; aber ich glaube, es wird ein unangenehmes Geschäft sein.« – Tut nichts, Monsieur Cataline, sagte ich, vorausgesetzt, daß er tot sein, vollkommen tot! Gut, ich hatten gesehen, wie sie den Knisteneaux begraben – ich gaben genau Acht und ich sah, wo sie den Medizinbeutel hingelegt. Er wurden mit einem Strick fest an den Leib gebunden und dann einige Felle umgewickelt – dann sie haben den Mann in die Grube gelegt und flache Steine darauf und etwas Erde, aber nur für den nächsten Tag, dann eine große Zeremonie sollte sein über ihm und dann wollten sie die Grube ausfüllen. Nun war die einzige mögliche Zeit für zu holen den Medizinbeutel, wie? Ich hatte damals eine hübsche kleine Frau, eine Ashiniboin-Squah, und wir schliefen in einem der Magazine im Fort, Sie wissen – wie?

»So ich war den ganzen Tag perplex zu wissen, wie ich sollte gehen; es konnte jemand da wachen – oder er sein nicht tot, nicht ganz tot! Wie? Aber das tut nichts – le jour war bien long et la nuit schauerlich, oh, wahrlich schauerlich! voll Besorgnis, mais sans peur, je n'avais pas peur! Sobald nach Mitternacht, als es war Zeit pour gehen, ich gehen ganz leise, daß meine Frau nicht aufwachen. Oh, diable, l'imagination! quelle solitude! Ich passieren die Tür, ich passieren das Tor, ich endlich ankommen bei die Grab! Nun Baptiste, courage, courage! nun sein der Zeit gekommen. Gut, ich mich nicht fürchten vor toter Mann, mais, vielleicht dieser Medizinbeutel sein gegeben von dem grand Esprit dem Indianer für etwas? Möglich; ich will ihn lassen behalten. Ich will umkehren! Nein, Monsieur Cataline wird mich auslachen. Ich muß ihn haben, ma foi, mon courage! So ich steige vorsichtig nieder in das Grab; aber mein Herz stieg herauf in meinen Mund. Oh, mon Dieu! courage, Baptiste, courage! ce n'est pas l'homme, den ich fürchten, la médecine, la médecine. Als ich haben aufgehoben die großen Steine, ich haben gestreckt meinen Kopf hinaus in die Dunkelheit und haben mich umgesehen über die ganze contrée; personne, personne. – Niemand zu sehen! Gut, ich haben sacht niederknieen über ihm ( oh, courage, courage oui) und wenn ich haben weggenommen die Robe, ich habe immer gesagt » pardon, courage! pardon, courage!« bis ich haben entfernt alle die Felle von dem Körper; dann ich haben wollen den Strick aufbinden, mais! dans l'instant, zwei kalte Hände fassen mich an die Arme! und ich waren ganz tot, ganz zu Stein. Oh, St. Esprit! ich konnten genau sehen in der Dunkelheit zwei Augen starren wie Feuer sur auf mich! und dann, oh! er sprechen zu mir: »Wer bist Du?« ( Sacré, vengeance! es will nicht gehen, ihn zu täuschen, nein). »Ich bin Baptiste, der arme Baptiste!« – »Dann bist Du mein« (und er schlingen beide Arme meinen Körper) »lieg still, Baptiste.« – Oh, heilige Jungfrau, oh, mon Dieu! ich konnten nicht atmen! Miserable! je sui perdu! oh pourquoi ich bin gewesen ein solcher Narr, in diese kalten Arme zu gehen! – »Baptiste? (er ziehen die Arme immer enger um mich!) gehörst Du mir nicht, Baptiste?«– »Ja, oh diable! gehören? Oui, oui, je suis certainement perdu, verloren, verloren für immer! O! könnt Ihr mich nicht lassen gehen?« – »Nein Baptiste, wir müssen uns niemals trennen.« – » Grand Dieu! c'est fini, fini, fini avec moi!« – »Liebst Du mich denn nicht mehr, Baptiste?« – » Quoi, nein! est ce vous, Wih-né-on-ka?« – »Ja, Baptiste, es ist ›die sich beugende Weide‹, die dich umfaßt hält; sie liebt Dich und will Dich nicht gehen lassen. Träumst Du, Baptiste?« – » Oui, diable!« –

»Das war eine sehr hübsche Geschichte, Baptiste, und sehr gut erzählt; Ihr habt es aber wohl niemals wieder versucht, einen Medizinbeutel zu holen?«

» Non, Monsieur Bogard, je vous assure, ich hatten genug an der Irrtum von die Nacht, pour denn je crois qu'il fut l'esprit, le Grand Esprit.«

Als ich diese Erzählung beendigt hatte, sangen meine Gefährten einige hübsche Lieder und forderten mich dann auf, wieder etwas zu erzählen und zwar »Die Geschichte von dem Hunde.«

»Vor einiger Zeit fuhr ich mit Bogard und Baptiste in einem kleinen Kanoe den mächtigen Missouri hinab von der Mündung des Yellow-Stoneflusses bis St. Louis, eine Strecke von nur etwas mehr als 200 Meilen. Bogard und Baptiste ruderten und ich saß am Steuer; so fuhren wir zwischen versunkenen Baumstämmen und Sandbänken, zwischen Treibholz und schwimmenden Büffelherden hindurch – wir lagerten uns im Grase, oder, um die Moskitos zu vermeiden, auf einem kahlen Strande; gegen Sonnenuntergang zündeten wir unser Feuer am Fuße eines Hügels an, kochten und verzehrten unser Mahl und ruderten dann noch etwa eine Meile, worauf wir ans Land gingen, unsere Büffelhäute auf dem Boden ausbreiteten, die Pistolen neben uns legten, die Flinte in den Arm nahmen, eine andere Büffelhaut über uns deckten und nun getrost einschliefen. So lagerten wir vor allen Feinden gesichert und nur der schleichende Wolf brachte uns allnächtlich eine übelklingende Serenade und versuchte oft, die Enden der Büffelhaut, die uns als Decke diente, abzunagen; auch »Kaleb« (der gräuliche Bär) stattete uns öfters einen Besuch ab, und ging, wie wir aus seiner tief eingedrückten Fußfigur erkannten, rund um unser Lager herum, ohne uns weiter zu belästigen. Unsere Nahrung bestand täglich von früh bis spät aus Büffelfleisch, denn Kaffee und Brot hatten wir nicht. Der höchste Luxus war der Höcker einer fetten Büffelkuh, und um uns diesen Leckerbissen zu verschaffen, gingen wir oft ans Land, oder schossen von unserem Kanoe aus das schönste Exemplar der am Ufer grasenden Herde. Zuweilen lieferten die Antilope, das Bergschaf und der stattliche Hirsch einen köstlichen Vorrat für unsere Speisekammer; während wir ein anderes Mal, wenn wir in der Nähe von Streifparteien waren und unsere Flinten nicht abzuschießen wagten, schweigend in eine kleine Bucht ruderten und die Angelschnur auswarfen, um einen Katzenfisch zu fangen, der, wenn wir ihn hatten, zuweilen zu groß und zu zähe war; fingen wir nichts, so gingen wir zu Bett. Unsere Mahlzeiten hielten wir gewöhnlich auf einem Haufen Treibholz, wo unser Feuer leicht zu unterhalten war, während wir rittlings auf den Stämmen saßen, die uns zugleich als Sessel und als Tisch dienten.

siehe Bildunterschrift

Tafel XIX. Ein Ballspieler.

»Auf diese Weise fuhren wir den Strom hinab und suchten uns die Zeit mit Anekdoten und Scherzen zu verkürzen, bis wir endlich, vierzig Meilen von der Mündung des Yellow-Stoneflusses, das Dorf der freundlichen und gastlichen Mandaner erreichten, von denen ich bereits ausführlich gesprochen habe, über die ich aber später einmal noch mehr zu sagen hoffe. Nachdem ich dort einige Zeit verweilt, brachte ich mein kleines Kanoe wieder ins Wasser und setzte die Reise nach St. Louis fort. Als wir bereits das Dorf und den kühnen Vorsprung, auf dem es steht, aus dem Gesichte verloren hatten, hörten wir auf einmal den gellenden Ruf der Indianer und sahen einen Trupp von ihnen, der uns mit den Händen und den Büffelhäuten winkte, ans Land zu kommen. Ich ruderte ans Ufer und als sie uns erreichten, riefen sie: »Mei-nihk-i-sunkti-ka (Wiesel) stirbt! das Bild, das Du von ihr gemacht hast, ist ihr zu ähnlich – Du hast so viel von ihr in das Bild hineingebracht, daß das Boot mit dem Bilde zugleich einen Teil ihres Lebens hinwegführte – sie blutet aus dem Munde – sie verliert all ihr Blut; Du hast die Bande ihres Herzens zerrissen und es wird bald brechen; wir müssen ihr Bild zurück haben, dann wird sie wieder gesund werden – Deine Medizin ist groß, zu groß; aber wir wünschen Dir Gutes.« Als Herr Kipp, der die Indianer begleitete, mir diese Anrede übersetzt hatte, suchte ich das Bild hervor, und obgleich ich mich ungern davon trennte, so gab ich es ihnen doch und wünschte ihnen eine glückliche Reise. Sie ritten in vollem Jagen mit dem Bilde nach dem Dorfe zurück; allein das Mädchen ist, wie ich später erfuhr, dennoch gestorben und man wird mich nun für immer als die Ursache ihres Todes betrachten.

»Wir fuhren nun weiter ruhig den Strom hinab, bis der aufsteigende Rauch uns die Nähe des Dorfes der Rikkarier verkündete! Wir erschraken nicht wenig, denn alle Boote, die nicht stark bewaffnet sind, suchen sich in der Nacht bei dem Dorfe vorüber zu schleichen. Wir ruderten daher vorsichtig unter ein Weidengebüsch, wo wir bis zum Einbruch der Nacht blieben, die aber zu unserem Mißvergnügen nicht finster wurde, indem der Mond in vollem Glanze am Himmel aufstieg. Um elf Uhr abends ruderten wir leise bis in die Mitte des Flusses und überließen uns dann der Strömung. Wir hatten uns im Boote niedergelegt und mit einem Haufen grüner Zweige bedeckt, damit man uns für die Krone eines schwimmenden Baumstammes halten sollte. An dem Ufer vor dem Dorfe fand in diesem Augenblick ein ergreifendes Schauspiel statt. Hunderte von Fackeln wurden in allen Richtungen geschwenkt und ließen uns die Gruppen sowie einige an Stangen hängende frische Skalpe deutlich erkennen; es wurde der Skalptanz gefeiert. Einige Wochen vor meiner Abreise von der Mündung des Yellow-Stoneflusses traf dort die Nachricht ein, daß eine Partei Träpper und Pelzhändler in der Prärie zwei Rikkarier verbrannt hätten. Herr M'Kenzie gab mir daher den Rat, das Dorf der Rikkarier nicht zu besuchen, sondern in der Nacht vorüberzufahren. Später erfuhr ich, daß die Rikkarier aus Rache für jene unmenschliche Tat der Träpper zwei Weiße erschlagen und skalpiert hatten und daß sie in der oben erwähnten Nacht um deren Skalpe tanzten.

»An der Spitze einer Sandbank am unteren Ende des Dorfes badeten sich einige hundert Frauen und Mädchen, und dorthin trieb die Strömung unser kleines Fahrzeug, so daß wir die gleich Wassernixen halb aus dem Wasser hervorragenden Gestalten deutlich im Mondlichte erkennen konnten. Sie starrten uns an und sangen dann: »Tschih-na-sih-nun, Tschih-na-sih-nun ke mon-schuh, kih-ne-he-na, ha-way-tah? schih-scha, schih-scha!« (»Wie geht es Dir, wie geht es Dir? Wohin gehst Du, alter Baum? Komm her, komm Herl«) – »Lah-kih-huhn! Lah-kih-huhn! notoh, catogh!« (Ein Kanoe, ein Kanoe! sehet das Ruder!) – Augenblicklich verstummte der Gesang, die Fackeln wurden ausgelöscht und das ganze Dorf war plötzlich finster! Wir ruderten schnell vorwärts, bis beim Anbruch des Tages das Fernrohr uns die Gewißheit gab, daß auf den grünen Prärien zu beiden Seiten des Flusses weder Freund noch Feind zu sehen war, und obgleich wir in der Nacht nicht geschlafen hatten, so ruderten wir dennoch den ganzen Tag unausgesetzt fort.

»Die Nacht brach an, als wir am Fuße eines steilen Hügels landeten, wo uns die Stiche der Moskitos fast zur Verzweiflung brachten. Wer nicht Gelegenheit hatte, an den Ufern des Missouri oder Mississippi unter einen Schwarm dieser Plagegeister zu geraten, der hat keine Vorstellung von der fürchterlichen Qual, die diese kleinen Insekten verursachen Siehe Anmerkung 37.

 


Anmerkung 37.

Der Prinz Max von Neuwied, welcher bekanntlich Brasilien und Nordamerika bereiste, sagt, daß die Plage der Moskitos ( Tipula) in manchen Jahren am Missouri größer sei, als in Brasilien. In dem Tagebuch, das zu Fort Union geführt wurde, fand er folgende Bemerkungen: »28. Juni. Myriaden von Moskitos haben das Fort angegriffen; es ist unmöglich, ihren Stichen auszuweichen; sie drängen sich durch jede Spalte ein und gebrauchen ihre Waffe mit ihrer gewöhnlichen Gewandtheit.« – »29. Juni. Die Moskitos sind zahlreicher, als sie jemals gewesen.« – Sie dauern im Juli fort, aber im August nehmen sie ab. Ohne Moskitennetz kann man in jener Zeit nicht schlafen. Am 8. August hatte man im Fort Union Nachtfrost, der die Insekten größtenteils tötete.


 

»Da nicht weit von unserem Landungsplatze stromabwärts eine mit Baumstämmen angefüllte Krümmung des Flusses sich befand, wie wir an dem Geräusch des Wassers erkannten, so blieb uns, da wir nicht wagen durften, sie in der Nacht zu passieren, nichts anderes übrig, als zu einem Hügel unsere Zuflucht zu nehmen, der sich, unter einem Winkel von 45 Grad, etwa 200 Fuß aus dem Wasser erhob, ganz kahl war und aus Ton bestand. Baptiste, der zuerst die steile, von der Sonne getrocknete Wand auf Händen und Füßen hinaufkletterte, rief uns zu: »Montons, montons! essayez-vous, essayez! ce n'est pas difficile Monsieur Cataline! Nous avons ici une belle place pour für zu machen eine Schlaf, eine gute Schlaf, denn die verdammte Rikkarih und die verdammte Muskit kommen niemals si haut, montez, montez en haut!«

Bogard und ich nahmen unsere Büffelhäute und unsere Flinten und stiegen mit Mühe, auf Händen und Füßen kriechend, zu Baptiste hinauf. Wir fanden dort, in der Höhe von etwa 100 Fuß über dem Flusse, einen ebenen Raum von zehn bis fünfzehn Fuß im Durchmesser, während über uns der steile Abhang sich auch noch ungefähr 100 Fuß erhob. Hier, außer dem Bereiche der Moskitos und aller anderen irdischen Hindernisse, hofften wir nun, uns von den Gefahren und Mühen der vergangenen Nacht erholen zu können. Wir waren indes kaum eingeschlafen, als das Geräusch von fallenden Regentropfen auf unsere Büffelhäute uns sehr unangenehm weckte und zugleich aus der schwärzesten Wolke, die jemals über die Berge gezogen, ein furchtbares Gewitter mit unaufhörlichen Blitzen und Donnern losbrach. Der Regen goß in Strömen herab und von dem steilen Abhange über uns stürzte eine Flut von Wasser und aufgeweichtem Ton auf uns hernieder. Der arme Baptiste, der im Schlafe von der Büffelhaut heruntergerutscht war, wollte sich aufrichten, sank aber tief in den ausgeweichten Schlamm.

»Unsere Lage wurde mit jedem Augenblicke unerträglicher; wir wickelten die Büffelhaut, aus der wir gelegen, zusammen, setzten uns darauf, mit dem Rücken gegeneinander gelehnt, und breiteten die andere Büffelhaut über unsere Köpfe aus, um so doch wenigstens den Oberkörper gegen den Regen zu schützen, während unsere Füße und Beine dem Regen und Schlamm preisgegeben waren.

»Wir bilden hier eine hübsche Gesellschaft,« sagte ich, »wir sitzen hier wie die drei Grazien!« – »Die drei Grazien!« rief Baptiste, und Bogard fügte hinzu: »Grazien! ja, wahrhaftig, es ist alles hier sehr graziös und ich glaube, wir werden in weniger als einer Stunde mit aller Grazie begraben sein!«

»Monsieur Cataline! excusez meinem Rücken, s'il vous plait. Bogard! comment, comment? – Bonne nuit, Messieurs. Oh, mon Dieu, mon Dieu! Je vous rends grace – je vous prie pour für mich zu retten cette nuit – dilivrez nous! delivrez nous! Je vous adore, Saint Esprit – la Vierge Marie – oh, je vous rends grace! pour für de m'avoir conservé von die verdammte Rikkarih und die verteufelte Moskit. Eh bien, eh bien!«

»Trotz aller seiner Mutlosigkeit fiel der arme Baptist dennoch sehr bald in einen tiefen Schlaf, während Bogard und ich die Enden der Büffelhaut festhielten und die Erlebnisse der letzten Tage und früherer Zeit besprachen. Baptiste, der jetzt laut schnarchte, fiel im Schlafe vorn über und zog dadurch die Büffelhaut über uns weg; indem wir nun die Haut wieder an uns zogen, erwachte er.

»Bon jour, Monsieur Bogard, bon jour Monsieur Cataline; n'est ce-pas, Morgen bald?«

»Nein, es ist etwa Mitternacht.«

»Quel temps?«

»Nun, es regnet noch immer sehr stark.«

»Oh, Diable, ich wünschen, ich sein in der Hölle!«

»Da könnt Ihr noch vor Tagesanbruch sein.«

»Pardon! pardon, Monsieur Bogard; das sein hier schlechter Spaß – oh, vengeance! Ich sein bedeutend herabgerutscht von die Sitz!«

»Wie, Ihr sitzt im Schlamme?«

»Oui, Bogard, in der Schlamm! mais, ich sein froh, mein Kopf ist nicht in der Schlamm. Seht, Bogard, ich war eingeschlafen und heben meinen Kopf sehr plötzlich und halten mich gerade und bin heruntergerutscht von der Sitz. Nun, – remercie, Bogard, remercie, – eh bien, – ah, sehr gut – ha, ha, ha! wahrhaftig, Bogard, das sein ein guter Witz. Monsieur Cataline wird zeichnen mein Bild, wie ich aussehen jetzt – er wird zeichnen uns alle – das wird sehr schön sein, nicht? Ha, ha, ha! – wir müssen abgeben eine sehr schöne Landschaft, wie? Ha, ha, ha, ha, ha!

»Aber, Baptiste, um des Himmels willen, höret auf zu lachen und schlaft, wir wollen morgen so viel lachen und sprechen, als es Euch beliebt.«

»Pardon, Monsieur Cataline, haben Sie geschlafen?«

»Nein, Baptiste, ich habe nicht geschlafen; Bogard hat mich, während Ihr schlieft, mit der Schilderung einer Büffeljagd unterhalten, die vor etwa einem Jahre an der Mündung des Yellow Stoneflusses stattfand. Ich werde sie aufschreiben und nach New-York senden.«

»Das gefallen mir sehr und ich werde sehr gern vous donner eine Beschreibung von etwas, wenn Ihr ihn wollt aufschreiben, wie?«

»Gut, ich höre gern alles, was es in diesem Lande merkwürdiges und unterhaltendes gibt.«

»Sehr gut, Monsieur Cataline, ich werden Euch erzählen sehr viel Interessantes; mais, aber, Ihr werden niemals erzählen, wie wir sein gewesen fest, diese Nacht, wie?«

»Nein Baptiste, ich werde es weder erzählen, noch malen.«

»Gut, je commence, – diable, Bogard! Ihr müssen sitzen grad, ou il n'est pas possible für zu halten die Haut über alle. Je commence, Monsieur Cataline, zu beschreiben ein Hundefest, wobei ich war zugegen bei die verdammten Pieds noirs; ich werde beschreiben eine grande, magnifique Cérémonie und Ihr werden sie aufschreiben?«

»Ja, ich werde sie zu Papier bringen.«

»Pardon, pardon, ich sein sehr müde, ich werden erzählen morgen, vielleicht ich werden – eh bien, – aber Ihr werden niemand sagen, wie wir aussehen, Monsieur Cataline?«

»Nein, Baptiste, niemals.«

»Eh bien – bonne nuit.«

So verbrachten wir die Nacht, bis endlich die Sonne aufging und uns gestattete, einen Blick auf unsere Umgebung zu werfen. Unsere Lage war keineswegs erfreulich. Der ganze Hügel war eine zähe Tonmasse und ein Schritt über den Rand unseres Lagerplatzes hätte uns unvermeidlich hundert Fuß tief in den Fluß hinabbefördert. Wir selbst sahen aus wie Büffel, die sich im Schlamme gewälzt haben, und es blieb uns nichts übrig, als still zu sitzen, bis die Sonne die Oberfläche des Tons so weit getrocknet hatte, daß wir es wagen konnten, vorsichtig hinabzusteigen. Dies geschah um elf Uhr morgens, und als wir glücklich unten angekommen waren, rief Baptiste aus: »Nun haben wir doch die verdammten Muskit betrogen, wie?«

Dies ist nun freilich noch immer nicht die versprochene »Geschichte«, aber einer von den kleinen Vorfällen, der nicht gut übergangen werden konnte, da er zum besseren Verständnis der Erzählung dient. Die Geschichte selbst ist blutig und gibt einen Begriff von der Macht des Aberglaubens bei den Indianern. Drei mächtige, stolze und tapfere Krieger sanken ins Grab und mein Leben wurde als Sühnopfer gefordert, und das alles infolge eines Bildnisses, das ich gemalt hatte.


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