Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechzehntes Kapitel


Ein indianischer Stutzer. – Fruchtloser Versuch, ihn zu zeichnen. – Mah-to-toh-pa (die vier Bären), der zweite Häuptling des Stammes. – Der Verfasser von ihm in seinen Wigwam bewirtet – Die Gerichte dieses Festmahls.– Pemmikan und Knochenmark. – Töpfergeschirr der Mandaner.– Geschenk einer Büffelhaut.


Außer den Häuptlingen, Kriegern und Doktoren gibt es hier noch andere Personen, über die ich noch einige Worte sagen muß, ehe ich zu anderen Gegenständen übergehe. Ich meine die im vorigen Kapitel bereits erwähnten indianischen Stutzer, die an schönen Tagen um das Dorf herumstolzieren, auf das prächtigste herausgeputzt, jedoch ohne die ehrenvollen Siegeszeichen der Skalplocken und der Klauen vom gräulichen Bären, denn sie sind nicht sehr begierig, wegen der ersteren ihr Leben in ehrenvollem Kampfe aufs Spiel zu setzen, oder dem letzteren zu begegnen. Sie bleiben vielmehr gewöhnlich bei dem Dorfe und kleiden sich in die Felle solcher Tiere, die sie leicht erlegen können, ohne die rauhen Felsen nach dem Kriegsadler zu durchstreifen, oder den gräulichen Bären in seinen Schlupfwinkeln aufzusuchen. Sie schmücken sich mit Schwandaunen und Entenfedern, mit Geflechten von wohlriechendem Grase und anderen harmlosen und unbedeutenden Dingen, die, gleich ihnen selbst, kein anderes Verdienst haben, als daß sie hübsch und zierlich aussehen.

Diese zierlichen und eleganten Herren, deren es in jedem Stamme nur wenige gibt, werden von den Häuptlingen und Kriegern verachtet, da alle sehr wohl wissen, welchen gewaltigen Abscheu sie vor Waffen haben, weshalb man sie »Feiglinge« oder »alte Weiber« nennt. Sie scheinen sich jedoch hieraus wenig zu machen und mit der Berühmtheit, die sie wegen der Schönheit und Eleganz ihrer persönlichen Erscheinung bei den Frauen und Kindern erlangt haben, zufrieden zu sein und sich des Lebens zu freuen, obgleich sie als die Müßiggänger des Stammes betrachtet werden.

An schönen Tagen sieht man sie in ihrem ganzen Staate mit einem Fächer von dem Schwanze eines Truthahns in der Rechten, einer Peitsche und einem Fliegenwedel an derselben Handwurzel auf einem kleinen scheckigen Pferde mit einem weißen, mit Büffelhaaren gepolsterten und mit Stachelschweinstacheln und Hermelin besetzten Sattel von Hirschhaut durch das Dorf und in dessen Umgebung einige Stunden herumreiten, worauf sie sich vorsichtig dem Orte nähern, wo die Krieger und jungen Leute sich mit männlichen und athletischen Spielen unterhalten. Wenn sie hier eine oder zwei Stunden zugesehen haben, begeben sie sich nach Hause, satteln ihre Pferde ab, treiben sie auf die Weide, nehmen einige Erfrischungen zu sich, rauchen eine Pfeife, fächeln sich in den Schlaf und verbringen den übrigen Teil des Tages mit Nichtstun.

Während ich malte, kamen täglich zwei oder drei dieser Gecken in ihrem Putze an meine Tür, ohne daß sie weiter etwas erfuhren, als was sie durch die Spalten meiner Hütte sehen konnten. Die Häuptlinge gingen an ihnen vorüber, ohne sie zu beachten und natürlich auch, ohne sie zum Eintreten aufzufordern, während sie selbst offenbar nur deshalb täglich vor meiner Hütte erschienen, damit ich sie malen möchte. Ich beschloß auch dies zu tun, denn ihr Anzug war schöner, als irgendein anderer im ganzen Dorfe; als ich daher die Bildnisse aller angesehenen Männer, die sich malen lassen wollten, vollendet hatte und sich nur zwei oder drei Häuptlinge in meiner Hütte befanden, ging ich an die Tür, berührte einen jener jungen Leute an der Schulter, der auch sogleich den Wink verstand und mir folgte, hocherfreut über die ehrenvolle Auszeichnung, die ich endlich ihm und seinem schönen Anzuge zuteil werden ließ. Es ist unmöglich, den Ausdruck der Dankbarkeit in dem Gesichte dieses armen Burschen zu schildern, dessen Herz vor Freude und Stolz bei dem Gedanken schlug, daß ich ihn ausgewählt habe, um ihn neben den Häuptlingen und Angesehenen, deren Bildnisse er in der Hütte sah, unsterblich zu machen, und er hielt sich durch diese Ehre gewiß hinreichend dafür belohnt, daß er drei Wochen lang täglich auf das Schönste bemalt und geputzt und bald auf dem einen, bald auf dem anderen Fuße vor meiner Hütte gestanden hatte.

Ich fing nun an, ihn in ganzer Figur zu zeichnen, und er war in der Tat ein hübscher Bursche; sein Anzug war vom Kopf bis zu den Füßen aus den Fellen der Bergziege gemacht, die an Weiche und Weiße fast dem chinesischen Krep gleichkamen, und mit Hermelin und schön gefärbten Stachelschweinstacheln besetzt waren. Sein langes Haar, das über Rücken und Schultern herabhing, reichte fast bis auf die Erde und war, gleich dem der Frauen, auf der Stirn gescheitelt. Er hatte eine große und schöne Figur, und eine Anmut und Leichtigkeit in den Bewegungen, die einer besseren Kaste würdig waren. In der linken Hand hielt er eine prächtige Pfeife, in der rechten den Fächer, und an derselben Hand hingen noch die Peitsche von Elenshorn und der aus einem Büffelschwanze gemachte Fliegenwedel. Es war nichts Furchtbares an ihm und nichts, was den feinsten, keuschesten Sinn hätte beleidigen können.

Soweit war ich gekommen, als die Häuptlinge, die in meiner Hütte saßen und deren Bildnisse ich früher gemalt hatte, plötzlich aufstanden, sich dicht in ihre Büffelhäute wickelten und schnell auf ungewöhnliche Art meine Hütte verließen. Ich bemerkte wohl ihre Unzufriedenheit, fuhr jedoch fort zu malen, als einige Augenblicke später der Dolmetsch in meine Hütte stürzte und ausrief: »Mein Gott, Herr, das geht nimmer gut; Ihr habt die Häuptlinge sehr beleidigt – sie haben sich gegen mich über Euer Benehmen beklagt – sie sagen, dies sei ein unwürdiger, unbedeutender Mensch, und wenn Ihr sein Bildnis malt, so müßtet Ihr augenblicklich die ihrigen vernichten – es bleibt Euch keine Wahl, lieber Herr, und je schneller Ihr diesen Burschen aus Eurer Hütte fortschickt, um so besser.« Dasselbe wurde dem jungen Manne durch den Dolmetsch gesagt, worauf er seine Büffelhaut umhing, den Fächer dicht vors Gesicht hielt und schweigend, aber mit einem erzwungenen Lächeln meine Hütte verließ, eine kurze Zeit seine frühere Stellung an der Tür wieder einnahm und dann ruhig nach Hause ging. So hoch schätzten die Tapferen und Würdigen unter den Mandanern die Ehre gemalt zu werden und so sehr verachten sie jeden, wie reich auch die Natur ihn ausgestattet haben mag, der nicht den Stolz und das edle Wesen eines Kriegers hat.

Es ist bereits im 13. Kapitel des zweiten Häuptlings Mah-to-toh-pa (die vier Bären) mit wenigen Worten gedacht worden. Er ist der beliebteste Mann unter den Mandanern, und sowohl ein hochherziger, tapferer Krieger, als auch ein höflicher und feiner Weltmann. Seitdem ich sein Bildnis gemalt, hat er mir mancherlei Aufmerksamkeiten erwiesen, von denen ich einige hier näher beschreiben muß, da sie zur genaueren Kenntnis des Indianerlebens beitragen.

Eines Tages kam er um zwölf Uhr mittags, prächtig gekleidet, in meine Hütte, legte seinen Arm in den meinigen und führte mich auf die höflichste Art durch das Dorf in seine Hütte, wo ein sorgfältig bereitetes Mahl meiner wartete. Seine Hütte war sehr geräumig, denn sie hatte 40–50 Fuß im Durchmesser und etwa 20 Fuß Höhe. In der Mitte befand sich ein mit Steinen ausgesetztes Loch von 5–6 Fuß Durchmesser und einen Fuß tief, worin das Feuer brannte, über welchem der Kessel hing. Ich mußte mich nahe am Feuer auf eine sehr sinnreich mit Hieroglyphen bemalte Büffelhaut setzen; er selbst saß auf einer anderen in einiger Entfernung von mir und die Schüsseln standen auf einer hübschen Binsenmatte zwischen uns.

Das einfache Mahl bestand nur aus drei Schüsseln; eine davon, eine irdene, von der eigenen Fabrik der Mandaner, etwa von der Form eines Backtroges, enthielt Pem-i-can und Knochenmark; die beiden anderen waren von Holz. In der einen befanden sich köstlich geröstete Büffelrippen, in der anderen eine Art Pudding aus dem Mehl der Pomme blanche (Psoralia esculenta), einer Art Rübe der Prärie, mit Büffelbeeren gewürzt, die hier in großer Menge eingesammelt und zu verschiedenen Speisen verwendet werden.

Neben den Schüsseln lag eine hübsche Pfeife und ein aus Otternfell gemachter Tabaksbeutel mit K'nick-k'neck oder Indianertabak (Rinde der roten Weide, Cornus sericea) gefüllt Siehe Anmerkung 6.. Als wir uns gesetzt hatten, nahm mein Wirt diese Pfeife, stopfte sie bedächtig und statt sie am Feuer anzuzünden, zog er Stahl und Stein aus der Tasche hervor, und nachdem er sie in Brand gesetzt und zwei starke Züge getan hatte, reichte er mir die Spitze hin, worauf ich ebenfalls einige Züge tat, während er das Rohr in der Hand hielt. Sodann legte er die Pfeife weg, zog sein Messer aus dem Gürtel, schnitt ein kleines Stück Fleisch ab und warf es mit den Worten: »Ho-pi-ni-schih wa-pa-schih« (d. h. Medizinopfer) ins Feuer.

 


Anmerkung 6.

Die Mandaner rauchen teils die Blätter der selbst gebauten Tabakpflanze ( Nicotiana quadrivalvis), teils die Rinde der roten Weide ( Cornus sericea) Nach Say rauchen sie, wenn ihnen die Rinde fehlt, auch die Blätter des Arrow-Wood (Viburnum). mit dem Tabak der Handelsleute gemischt, oder den letzteren mit den Blättern des Sakakomi ( Arbutus uva ursi), in ihrer Sprache Manna-Schóttä. Die Rinde der roten Weide heißt in der Mandaner-Sprache Mánna-Sáchka. Der Tabak der Weißen unvermischt ist den Indianern zu stark, weil sie den Rauch in die Lungen einziehen; daher rauchten sie auch die Zigarren nicht gern.

Der Tabak ( Mannascháe oder Manasché), den die Mandaner, Mönnitarrier und Arrikarer kultivieren, wird dort hoch und man läßt diese Pflanze ohne alle Sorgfalt aus dem Samen aufwachsen. Sie wird nicht verpflanzt. Man schneidet die Stengel ab, wenn sie reif sind, trocknet sie und pulverisiert oder schneidet die Blätter mit den kleinen Zweigen in kleine Stücke. Geruch und Geschmack sind unangenehm für den Europäer und mehr kamillen- als tabakartig. Häufig wird dieser Tabak nicht mehr kultiviert, da er durch den ihnen angenehmeren Tabak der Weißen verdrängt worden ist; doch erhält man immer die Art. Nur bei feierlichen Gelegenheiten, z.+B. Friedens-Unterhandlungen, raucht man noch diesen Tabak; der Samen wird daher in dem Medizinbeutel der Nation aufbewahrt, damit die Pflanze nie verloren geht. Wenn man diesen Tabak rauchen will, so wird er mit etwas Fett angerieben.


 

Nunmehr forderte er mich durch Zeichen auf, zu essen, und ich leistete dieser Einladung Folge, nachdem ich mein Messer hervorgezogen hatte, denn hier führt jeder sein Messer bei sich, da bei indianischen Gastmahlen niemals dem Gaste ein Messer gereicht wird. Es darf auch nicht auffallen, daß ich allein aß, denn bei allen Stämmen dieser westlichen Gegenden ist es unveränderliche Regel, daß ein Häuptling niemals mit seinen Gästen zugleich ißt; während sie es sich wohlschmecken lassen, sitzt er neben ihnen, um sie zu bedienen und stopft die Pfeife, die nach beendigter Mahlzeit die Runde machen soll. So war es auch jetzt; während ich speiste, saß Mah-to-toh-pa mit gekreuzten Beinen neben mir und reinigte die Pfeife, um sie zum Rauchen zuzubereiten, wenn ich gesättigt sein würde. Ich bemerkte, daß er ungewöhnliche Sorgfalt darauf verwendete. Nachdem er eine hinreichende Menge K'nick-k'neck aus dem Tabaksbeutel herausgenommen, langte er ein Stück Biberfett hervor, das diese Indianer stets unter dem Tabak mit sich führen, um ihm einen angenehmen Geruch zu geben, schabte etwas davon ab und mischte es unter die Rinde, womit er die Pfeife stopfte, woraus er zuletzt noch etwas getrockneten und gepulverten Büffelmist auf den Tabak streute, um die Pfeife leichter anzünden zu können. Als ich gesättigt war, stand ich auf und nachdem die Pfeife in Brand gesetzt worden, blieben wir noch eine Viertelstunde beisammen und unterhielten uns, in Rauchwolken gehüllt, durch Zeichen.

 


Anmerkung 7.

Pemmikan, dies bei den nördlichen Indianern so beliebte Gericht, wird von den Mandanern wenig bereitet.


 

Über das erwähnte, aus Pemmikan und Knochenmark bestehende Gericht will ich noch einige Worte sagen. Der Pemmikan ist ein Nahrungsmittel, das in diesem Lande ebenso allgemein genossen wird, wie in der zivilisierten Welt das Brot Siehe Anmerkung 7.. Es wird aus hart getrocknetem Büffelfleisch gemacht, das man in hölzernen Mörsern so lange stößt, bis es so fein wie Sägespäne geworden ist, worauf man es in Blasen oder Säcke von Leder packt und in diesem Zustande durch die ganze Welt versenden kann. Das Knochenmark sammeln die Indianer aus den Büffelknochen, die sie zerschlagen und auskochen; diese Knochen geben eine ungeheure Menge Mark, das in Büffelblasen gegossen wird und, nachdem es abgekühlt ist, so fest wie Talg ist und das Aussehen und auch ungefähr den Geschmack wie die beste gelbe Butter hat. Bei der Mahlzeit werden Stücke dieses Markes in dieselbe Schüssel mit dem Pemmikan gelegt und zusammen gegessen; für uns Weiße ist dies ein sehr gutes Ersatzmittel für Brot und Butter und wir nennen es auch gewöhnlich so. In dieser Schüssel lag ein Löffel aus Büffelhorn, der schwarz wie Ebenholz und sehr schön poliert war. In einer der anderen Schüsseln befand sich ein noch kunstvoller gearbeiteter Löffel von dem Horn des Bergschafes (Ovis montana Desmarest.), der fast ganz durchsichtig und so groß war, daß er gewiß ein bis anderthalb Quart hielt.

siehe Bildunterschrift

Tafel VI. Georg Catlin von einem Indianerhäuptling bewirtet.

Die oben erwähnten Schüsseln oder Schalen, worin sich die Speisen befanden, sind ein gewöhnliches Küchengerät in jeder mandanischen Hütte; sie werden von den Frauen in großer Menge und in den verschiedensten Formen aus einem zähen, schwarzen Ton mit der Hand verfertigt, in eigens dazu erbauten Öfen gebrannt und sind, obgleich nicht glasiert, fast ebenso hart, wie unser Töpfergeschirr und so stark, daß man sie über das Feuer hängt und Fleisch darin kocht. Ich sah früher mehrere Stücke dieser Art, die man in den südlichen und mittleren Staaten in der Dammerde und in Gräben gefunden und in den östlichen Museen aufgestellt hat; diese Gegenstände wurden als etwas sehr wunderbares angestaunt, allein hier, wo man sie zu hunderten im Gebrauch und im Sommer täglich anfertigen sieht, ist das Rätsel gelöst Siehe Anmerkung 8..

 


Anmerkung 8.

Irdene Töpfe und Gefäße verstehen die drei Nationen (Mandaner, Mönnitarrier und Arrikarer) von verschiedener Gestalt und Größe zu verfertigen. Der Ton ist dunkel schieferfarbig und brennt sich gelbrot. Man mischt diesen Ton mit im Feuer zu Staub gebrannten Kieseln oder Granit. Mit einem runden dicken Steine in der Hand bildet die Arbeiterin die innere Höhlung des Gefäßes und treibt dasselbe auf diese Art von innen auseinander, indem sie es von außen mit einem Stück Pappelrinde zusammenhält und glättet. Ist der Topf fertig, so wird er inwendig mit trocknen Spänen angefüllt, von außen mit ähnlichen umgeben, alsdann gebrannt, worauf man in ihm kochen kann. Bon einer Glasur wissen sie nichts.


 

Während ich in dem Wigwam speiste, herrschte daselbst eine Totenstille, obgleich wir nicht allein waren, denn dieser Häuptling hat, gleich den meisten anderen, mehrere Frauen, und alle (sechs oder sieben) saßen an den Wänden der Hütte auf Büffelhäuten oder Matten, durften aber nicht sprechen; dagegen waren sie stets aufmerksam auf die Befehle ihres Gebieters, die durch Zeichen mit der Hand gegeben und von ihnen sehr gewandt und schweigend vollzogen wurden.

Als ich weggehen wollte, schenkte mir der Häuptling die Pfeife, aus der wir geraucht und die Büffelhaut, auf der ich gesessen hatte; letztere nahm er von der Erde auf und erklärte mir durch Zeichen, daß die Malerei die Gefechte darstelle, in denen er gekämpft und vierzehn Feinde mit eigener Hand getötet habe; zwei Wochen habe er dazu gebraucht, dies für mich zu zeichnen und mich nun eingeladen, um mir diese Büffelhaut zu schenken. Ich hing diese über die Schultern, und er führte mich am Arm zurück in meine Hütte.


 << zurück weiter >>