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Vorwort

Seit Jahrhunderten hat sich die Phantasie mit den Sitten, Gebräuchen und kriegerischen Handlungen der Indianer Nordamerikas, auch wegen ihrer Hautfarbe Nothäute genannt, beschäftigt. Coopers Lederstrumps, ein sehr volkstümliches Buch, das im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts einen außerordentlichen Erfolg hatte, schilderte die Heldentaten der Trapper und streifte auch in geringem Maße die Anschauungen und die Lebensweise des Indianervolkes. Andere Bücher ähnlicher Art erschienen in großer Zahl.

Alle diese Schilderungen hatten mehr oder weniger die Angaben der Trapper zum Ursprung, die mit den Indianern aus Handelsgründen in engere Berührung gekommen waren. Daß hierbei der Phantasie des Einzelnen, der feine Erlebnisse, Beobachtungen, Kämpfe und Gefahren wiedergab, freier Spielraum eingeräumt war, ist nicht von der Hand zu weisen. In der Tat hatte die Welt seit Jahrhunderten von den Indianern Nordamerikas insofern einen falschen Eindruck bekommen, als man diesem Volke nur tierische Grausamkeit, Blutdurst und rohe Sitten zuschrieb. In zahlreichen sogenannten Indianerbüchern, durch die die männliche Jugend in nicht geringem Maße verroht wurde, kamen die falschen Anschauungen über das Volk der Nothäute in drastischster Weise zum Ausdruck. Es entstand eine besondere Literatur, die man als Schmöker bezeichnete, und in denen oft in der phantastischsten Weise die Grausamkeiten und Morde der Indianer »verherrlicht« wurden. Und doch ist diese ausschweifende Phantasie, wenn auch nach der anderen Richtung, durch die Wirklichkeit übertroffen worden.

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts unternahm es ein amerikanischer Maler G. Catlin unter außerordentlichen Schwierigkeiten und Entbehrungen, nach dem fernen Westen Nordamerikas, wo die meisten Indianerstämme zu wohnen pflegten, vorzudringen. Er lebte verschiedene Jahre unter den Rothäuten, und der Erfolg seiner Reise war nicht nur eine Fülle von Zeichnungen, Bildern und scharfen Beobachtungen, sondern auch die Liebe zu einem bisher verkannten und teilweise verachteten Volke. Catlins Beobachtungen und malerische Schilderungen nach der Natur sind die einzigen wirklich echten Dokumente über das Leben und Treiben der Rothäute Nordamerikas. Alles was vordem und nachdem hierüber veröffentlicht wurde, gehört mehr oder weniger ins Reich der Phantasie.

Das Catlin'sche Werk, das an Schärfe der Beobachtungen und künstlerischer Wiedergabe unübertrefflich ist, wurde kurz nach Erscheinen von Prof. Dr. Heinrich Berghaus in die deutsche Sprache übersetzt und in einer für die damalige Zeit nicht geringen Auslage verbreitet. Unbegreiflicherweise ist dieses Werk nicht nur in Deutschland, sondern auch in Amerika und England vollständig verschollen und vergriffen. Dem Herausgeber der vorliegenden neuen Auflage gelang es vor mehreren Jahren, sich in den Besitz dieses außergewöhnlich wertvollen Werkes zu setzen, und er hielt es für seine Pflicht, dem schon fast ausgestorbenen Volke der Indianer Nordamerikas ein bleibendes Denkmal zu setzen und die deutsche Literatur zugleich um ein einzig dastehendes Werk zu bereichern. An dem ursprünglichen Inhalt ist nichts geändert, selbst die an manchen Stellen echt englische Ausdrucksweise ist geblieben, ebenso die Anordnung der Bilder. Nur die Rechtschreibung mußte den Zeitverhältnissen angepaßt werden.

Berlin-Friedenau, im Oktober 1924.

Adolf Sommerfeld.


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