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Erstes Kapitel


Wyoming, Geburtsort des Verfassers. – Seine frühere Beschäftigung. – Erste Veranlassung zu seinen Reisen in das Indianerland. – Gesandtschaft der Indianer in Philadelphia. – Erster Ausflug in dem fernen Westen im Jahre 1832. – Absicht eine Nationalgalerie zu gründen. – Zahl der besuchten Stämme, der Gemälde und der übrigen gesammelten Gegenstände. – Wahrscheinliche Vertilgung der Indianer. – Die richtige Art sich ihnen zu nähern und ihren Charakter zu würdigen.


Das mehrfach erwähnte Längenmaß »Fuß«, das bei der Bezeichnung von Größenverhältnissen in den nachfolgenden Kapiteln zur Anwendung kommt, entspricht etwa 30 Zentimetern der modernen Messung.

Da die folgenden Blätter auf das dringende Verlangen einiger Freunde schnell nach einer Reihe von Briefen und Bemerkungen bearbeitet wurden, die ich während eines mehrjährigen Aufenthaltes und Umherwanderns unter einigen der wildesten und entlegensten Indianerstämme schrieb, so habe ich es für das Beste gehalten, mein Buch gleich mit dieser Seite zu beginnen, ohne alle weitere Vorrede und Zueignung, als die, welche ich hiermit an alle Leser richte.

Sollte es einer Entschuldigung bedürfen, daß ich so ohne alle Umstände beginne, so mögen meine Leser wissen, daß ich bei diesem Bande weder Raum noch Zeit übrig habe, um mich und mein Buch in die Welt einzuführen.

Nachdem ich so ohne weiteres begonnen habe, will ich die Sünde auf mich nehmen, dieses Kapitel als das erste an die Spitze der oben erwähnten Reihe von Briefen zu stellen, obgleich es mehrere Jahre später geschrieben wurde; ich bin dadurch in den Stand gesetzt, mich bei meinen Lesern (die bis jetzt noch wenig oder nichts von mir wissen) mit wenigen Worten einzuführen und zugleich den in den folgenden Kapiteln beschriebenen Gebräuchen solche Erläuterungen hinzuzufügen, welche als Schlüssel oder Kommentar dienen und die Leser auf den Inhalt vorbereiten können.

Bei der großen Menge von Büchern, die in dieser aufgeklärten Zeit die Welt überschwemmen, halte ich es für meine Pflicht, sobald als möglich um Verzeihung dafür zu bitten, daß ich überhaupt ein Buch geschrieben, und sodann (falls etwa meine Leser ein solches Gefallen an meinen Erzählungen finden sollten, daß sie mir die Kürze meines Werkes zum Vorwurf machen) es mir zu nicht geringem Verdienste anrechnen, daß ich ihre Zeit und ihre Geduld nicht länger gemißbraucht habe.

Indem ich es also meinen Lesern überlasse, selbst aufzufinden, was in dem Buche enthalten ist, ohne ihnen irgend etwas zu versprechen, beginne ich von mir selbst zu berichten, daß ich vor einigen dreißig Jahren Das Werk erschien im Jahre 1851. in Wyoming in Nordamerika geboren bin und zwar von Eltern, die bald nach der Beendigung des Revolutionskrieges und nach dem unseligen Ereignisse der »Indianerermordung« in jenes schöne und berühmte Tal kamen.

Meine Jugend wurde einigermaßen unnütz vertändelt, indem ich statt der Bücher lieber die Flinte und die Angel in die Hand nahm.

Auf das dringende Verlangen meines Vaters, eines praktizierenden Advokaten, gab ich diese Lieblingsunterhaltungen, sowie die gelegentliche Beschäftigung mit dem Pinsel, die ich bereits sehr lieb gewonnen hatte, auf und begann unter der Leitung von Reeve und Gould die Rechte zu studieren. Ich besuchte die Vorlesungen dieser gelehrten Advokaten zwei Jahre, wurde zur Advokatur zugelassen und praktizierte in meiner Heimat als eine Art von Nimrods-Advokat zwei oder drei Jahre, worauf ich vorsichtig meine juristische Bibliothek und alles, bis auf meine Flinte und Angelrute, verkaufte, für den Erlös mir Pinsel und Farben anschaffte und in Philadelphia ohne Lehrer oder Ratgeber die Malerei begann.

Ich übte meine Hand mehrere Jahre in dieser Kunst, und während ich beständig den Wunsch hegte, in einem Zweige dieser Kunst etwas zu leisten und dieser mit Enthusiasmus mein ganzes Leben zu widmen, erschien plötzlich in Philadelphia eine Gesandtschaft von zehn bis fünfzehn Indianern von edlem und würdevollem Äußern aus den Wildnissen des »Fernen Westen«, geschmückt und gerüstet in ihrer ganzen klassischen Schönheit – mit Schild und Helm – Tunica und Mantel – bemalt und geschmückt – kurz, wie geschaffen für die Palette eines Malers.

Schweigend und mit stoischer Würde stolzierten diese Herren der Wälder, in ihre bemalten Mäntel gehüllt, die Stirn mit den Federn des Kriegsadlers geschmückt, in der Stadt umher und erregten allgemeine Bewunderung. Als sie endlich nach Washington abgingen, hing ich lange Zeit mit tiefem Bedauern meinen Gedanken nach, bis ich endlich zu folgenden Schlüssen kam:

Schwarze und blaue Kleider und Civilisation dienen nicht nur dazu, die Grazie und Schönheit der Natur zu verhüllen, sondern auch sie zu vernichten. Der Mensch in der Einfachheit und Erhabenheit seiner Natur, unbeschränkt und ungehemmt durch die Vermummungen der Kunst, ist gewiß das schönste Modell für den Maler – und das Land, das diese Modelle gewährt, ist unstreitig das beste Studium oder die beste Schule der Künste in der Welt; ein solches ist, nach den Modellen, die ich gesehen habe, jedenfalls die Wildnis von Nordamerika. Und die Geschichte und die Gebräuche eines solchen Volkes durch malerische Darstellungen aufzubewahren, sind Aufgaben, wert, daß ein Mann seine Lebenszeit darauf verwendet, und nichts als der Verlust meines Lebens soll mich verhindern, ihr Land zu besuchen und ihr Geschichtschreiber zu werden.

Es lag etwas ungemein Angenehmes in diesem Entschlusse, der mich mitten unter solche lebenden Modelle für meinen Pinsel versehen und die oben genannten Lieblingsgegenstände, die in der Stadt solange schon dem Rost und dem Verderben preisgegeben waren, ohne die mindeste Aussicht, wieder zu meinem Vergnügen beizutragen, zu meinem Unterhalt und zu meinem Schutz wieder in meine Hände bringen sollte.

Mein Entschluß stand fest – ich teilte meine Absicht Verwandten und Freunden mit, ohne jedoch bei einem einzigen Beifall zu finden. Ich versuchte ehrlich und redlich alles Mögliche, aber es war vergeblich, diejenigen zu überzeugen, deren Ängstlichkeit alle nur denkbaren Schwierigkeiten und Gefahren aufsuchte, ohne imstande zu sein, die Größe und Wichtigkeit meiner Absichten zu begreifen oder zu würdigen; ich riß mich daher von allen los – von meiner Frau und meinen bejahrten Eltern – und war mein eigener Ratgeber und Beschützer.

Indem meine Absichten auf diese Weise feststanden, begann ich, bewaffnet und gerüstet, im Jahre 1832 meine Wanderungen, und drang in die weiten und pfadlosen Wildnisse, die gewöhnlich der große »Ferne Westen« des nordamerikanischen Continents genannt werden, mit leichtem Herzen und mit der enthusiastischen Hoffnung und dem festen Vertrauen, daß ich alle Zufälle und Entbehrungen überwinden würde, die mit einem Leben verbunden sein müssen, das der schriftlichen und geographischen Darstellung der Sitten, Gebräuche und des Charakters eines interessanten und mit schnellen Schritten von der Erde verschwindenden Menschenschlages gewidmet ist; und indem ich einer dahinsterbenden Nation, die keinen eigenen Geschichtschreiber und Biographen hat, um getreu ihre Personen und ihre Geschichte zu schildern, die Hand reiche, werde ich das, was zum Besten der Nachwelt aufbewahrt werden kann, einer schnellen Vergessenheit entreißen, und als ein treues und gerechtes Denkmal der Erinnerung an einen großen und edlen Menschenschlag verewigen.

Mit diesen Beschäftigungen habe ich bereits acht Jahre verbracht, meistenteils mich in dem Indianerlande unter den roten Männern aufgehalten, und mich bei ihren Spielen und Vergnügungen so viel als möglich mit ihnen identifiziert, um mit ihrem Aberglauben und ihren geheimen Gebräuchen, die den Schlüssel zu dem Leben und dem Charakter des Indianers bilden, besser bekannt zu werden.

Ich begann mein mühsames und gefahrvolles Unternehmen mit dem Vorsatze, nach und nach jeden Indianerstamm auf dem Kontinent von Nordamerika zu besuchen und von den angesehensten Personen, sowohl Männern als Frauen eines jeden Stammes, ähnliche Bildnisse, Ansichten ihrer Dörfer, Spiele usw., sowie ausführliche Nachrichten über ihren Charakter und ihre Geschichte mit nach Hause zu bringen. Ich wollte mir auch ihre Trachten und eine vollständige Sammlung der von ihnen verfertigten Kunstgegenstände und Waffen verschaffen und dies alles in einer einzigen Galerie ausstellen zum Besten und zur Belehrung künftiger Geschlechter.

Alles Verdrießliche, was eine ernste Idee dieser Art etwa haben mag, nehme ich für mich in Anspruch, da ich unstreitig der erste Künstler war, der auszog, um seine Leinwand bis zu dem Felsengebirge ( Rocky Mountains) zu tragen, und ein bedeutender Teil der folgenden Blätter wurde bereits in den Jahren 1832 und 1833 in den New-Yorker Zeitungen veröffentlicht, also lange zuvor, ehe Washington, Irving u. a., deren interessante Erzählungen der Welt vorliegen, ihre Reisen unternahmen.

Ich habe noch keineswegs alle Stämme besucht; aber ich habe einen sehr großen Weg und mit weit vollständigerem Erfolge zurückgelegt, als ich erwartete.

Ich habe 48 verschiedene Stämme besucht, die größtenteils verschiedene Sprachen redeten und zusammen 400000 Seelen zählten. Ich habe 310 Bildnisse in Öl mitgebracht, die sämtlich in ihrer Nationaltracht und in ihren eigenen Wigwams gemalt wurden; ferner 200 Ölgemälde, die Ansichten von ihren Dörfern, ihren Wigwams, ihren Spielen und religiösen Gebräuchen, ihren Tänzen, ihren Ballspielen, ihren Büffeljagden und anderen Belustigungen (die zusammen über 3000 ganze Figuren enthalten), sowie Landschaften ihres Gebiets darstellen und außerdem eine sehr große und merkwürdige Sammlung von Trachten und anderen von ihnen verfertigten Gegenständen, von der Größe eines Wigwams bis zu der einer Feder oder einer Rassel.

Einige der interessantesten dieser Gemälde habe ich, im verkleinerten Maßstabe gezeichnet, diesem Buche beigefügt. Dies ist alles, was ich für jetzt über mich und mein Werk zu sagen wünsche.

Über die Indianer habe ich weit mehr zu sagen, werde es aber weiter nicht zu entschuldigen suchen, daß ich die Aufmerksamkeit meines Lesers für die nachfolgende Schilderung ihres Charakters und ihrer Gebräuche in Anspruch nehme.

Die Indianer (wie ich sie nennen werde), die Wilden, oder die roten Männer der Wälder und Prärien Nordamerikas sind von besonderem Interesse durch ihre relative Stellung zu den zivilisierten Völkern und durch ihren großen Abstand von diesen. Wir sehen hier ein zahlreiches Volk, dessen Ursprung in undurchdringliches Dunkel gehüllt, dessen frühere Geschichte unbekannt ist, dessen nationale Existenz sich ihrem Ende naht, von dessen Gebieten in dem kurzen Zeitraum von 250 Jahren drei Viertel in den Besitz der weißen Männer gekommen sind, von dem zwölf Millionen dem Branntwein, den Blattern und dem Bajonett zum Opfer gefallen sind, und von dem nur noch ein kleiner Teil übrig ist, um noch eine kurze Zeit zu leben, in der gewissen Voraussicht, bald demselben Schicksal anheimzufallen.

Der Schriftsteller, der es unternehmen wollte, die Geschichte eines solchen Volkes mit allem Unglück und Mißgeschick, von dem es betroffen worden, zu schreiben, müßte notwendig mehr Raum haben, als mir in dieser kurzen Übersicht zu Gebote steht; auch er müßte, ebenso wie ich, mit den Lebenden beginnen, oder er liefe Gefahr, sich bei der Einleitung seines Werkes so lange aufzuhalten, bis die gegenwärtig noch lebenden Reste dieses Menschenschlages verschwunden sind, und ihre Existenz und ihre Gebräuche, gleich denen vergangener Zeiten, von denjenigen, für die sein Buch bestimmt wäre, in Zweifel gezogen würden. Ein solcher Schriftsteller muß auch, um gerecht zu sein, mancherlei Theorien und Meinungen berichtigen, die, sei es aus Unwissenheit oder aus bösem Willen, unvertilgbar in der Welt verbreitet worden sind; er muß ferner vieles sammeln und ordnen, was nur unvollkommen berichtet oder zu Gunsten eines Volkes geschrieben ist, das nicht die Mittel hat, dergleichen aufzuzeichnen, sondern dies der Redlichkeit und Genauigkeit seiner Feinde zu überlassen gezwungen ist.

Eine solche Geschichte müßte auch eine genaue Darstellung der den roten Männern widerfahrenen Behandlung, sowie der Ursachen enthalten, die ihren schnellen Verfall herbeigeführt haben; ferner eine klare und systematische Prophezeiung in bezug auf die Zeit und die Art ihrer endlichen Vertilgung, gegründet auf die Ursachen und das Verhältnis ihrer früheren und jetzigen Verminderung.

Mag mir nun eine so herkulische Arbeit künftig zufallen oder nicht, ich sende jetzt dieses Buch, das die Taten und Gebräuche der Lebenden enthält, in die Welt hinaus, und ich hoffe zuversichtlich, daß sowohl diejenigen Leser, die sich unterrichten und die historischen Tatsachen kennen lernen wollen, als auch diejenigen, die nur der Unterhaltung wegen lesen, befriedigt sein werden.

Jedermann weiß, daß die Indianer Nordamerikas kupferfarbig, daß ihre Augen und Haare schwarz, daß sie höchst unkultiviert und nicht getauft, daß sie aber nichtsdestoweniger doch menschliche Wesen sind, mit Gesichtszügen, Gedanken, Vernunft, Gefühlen wie wir; aber wenige wissen, wie sie leben, wie sie sich kleiden, wie sie beten, welcher Art ihre Handlungen, ihre Gebräuche, ihre Religion, ihre Vergnügungen usw. sind, die sie in den unkultivierten Gegenden ihres noch unbetretenen Landes ausüben. Dies alles klar und bestimmt zu schildern, ist der Hauptzweck dieses Werkes.

Es würde unmöglich sein, in einem Buche beschränkten Umfanges alle Sitten und Gewohnheiten dieses Volkes zu beschreiben; was indes darüber erzählt worden ist, habe ich selbst an Ort und Stelle, so wie es vor meinen Augen vorging, geschildert, und wenn einige meiner Erzählungen etwas zu stark gefärbt erscheinen sollten, so hoffe ich, man wird auch mir diejenige Nachsicht angedeihen lassen, die man herkömmlicherweise allen Künstlern gewährt, deren Hauptfehler bei ihren Gemälden mehr in der Lebhaftigkeit der Farben, als in der Zeichnung bestehen. Ich glaube jedoch, daß sich sonst nichts darin finden wird, weshalb ich um Nachsicht zu bitten hätte, selbst wenn einiges davon die Leichtgläubigkeit stutzig machen und mir den Tadel derjenigen Kritiker zuziehen sollte, die, während sie zu Hause an ihrem Pulte sitzend, sich des Weines und einer guten Zigarre erfreuen, die einfachen Erzählungen eines ehrlichen Reisenden (der sein Leben abkürzt, indem er für die Welt einsammelt) vornehmen und ihn und sein Werk der Vergessenheit, sein Weib und seine Kinder zur Armut und zum Hungertode verdammen, nur weil er Szenen beschreibt, die sie nicht gesehen haben und daher nicht glauben.

Die Indianer Nordamerikas, die bis auf weniger als zwei Millionen zusammengeschmolzen sind, waren einst die unbestrittenen Besitzer des Bodens, auf dem der Große Geist sie erschaffen, ein glückliches, blühendes Volk, das sich aller ihm bekannten Bequemlichkeiten und Genüsse des Lebens erfreute und täglich Dankgebete zu dem Großen Geiste für seine Güte und seinen Schutz emporsandte. Sie zählten damals 16 Millionen. Da kamen vor wenigen Jahrhunderten die weißen Männer in ihr Land, und 30 Millionen von ihnen mühen sich jetzt ab für die Güter und Genüsse des Lebens, über den Gebeinen und der Asche von 12 Millionen roter Männer, von denen sechs Millionen durch die Blattern, und die übrigen durch das Schwert, das Bajonett und den Branntwein dahingerafft worden sind. Alle diese Mittel des Todes und der Vernichtung wurden von den weißen Männern eingeführt, deren Vorfahren der arme Indianer freundlich aufnahm und »mit Ähren vom grünen Korn und Pemmikan« bewirtete. Von den noch vorhandenen zwei Millionen sind 1 400 000 bereits lebend der Habgier des weißen Mannes als Opfer verfallen, entartet und entmutigt durch den Genuß des Branntweins und die ihn begleitenden Laster. Die Übrigen, die die Drohungen oder die Schmeicheleien des weißen Mannes und seine Reizmittel noch nicht verführt haben, leben in ihren wilden Schlupfwinkeln noch nach ihrer alten Art.

Mit diesen habe ich größtenteils meine Zeit verlebt und ihren Gebräuchen sind die folgenden Blätter hauptsächlich gewidmet. Ihre Gewohnheiten, wie wir sie bei ihnen beobachten können, sind allein die einheimischen und diese sind es, die ich für künftige Zeiten aufzubewahren wünschte.

Von den Toten und den Sterbenden, von denen, die den Tod erlitten und von denen, die ihm entgegengehen, werde ich ausführlicher am Schlusse dieses Buches sprechen, oder später, wenn ich Muße dazu finde, und von diesen Dingen sprechen kann, ohne der Welt oder irgend jemand in ihr Anstoß zu geben.

Das auf den folgenden Blättern entworfene Bild, das ich der freien und lebendigen Wirklichkeit des Lebens und nicht der unsicheren Erinnerung oder der Häßlichkeit und Entstellung, der Krankheit und des Todes entnommen habe, übergebe ich der Welt sowohl zur Unterhaltung als zur Belehrung, und ich hoffe, sie wird es mir verzeihen, wenn sie etwa der Meinung sein sollte, daß ich den Charakter der Indianer überschätzt, oder daß ich zu sehr in das Einzelne der indianischen Mysterien und Albernheiten eingegangen sei.

Um mich recht zu verstehen und aus diesen Briefen den Nutzen zu ziehen, den sie beabsichtigen, muß daher der Leser sich mit mir weit von der zivilisierten Welt entfernen; er muß die Stadt New York verlassen, das Alleghanygebirge übersteigen und mir weit jenseits des mächtigen Missouri und selbst bis an den Fuß und auf die Gipfel des Felsengebirges, eine Strecke von einigen tausend englischen Meilen, folgen; er muß alles, was er in den Büchern über indianische Grausamkeit, über mutwillige Metzeleien und Mordtaten gelesen, vergessen, und die seit der Kindheit gegen diesen unglücklichen Menschenschlag eingesogenen Vorurteile ablegen. Er muß bedenken, daß, wenn er die Wilden Nordamerikas gesehen, ohne eine solche Reise gemacht zu haben, er seine Schlüsse nur auf diejenigen gründen konnte, die an der Grenze leben, deren Gewohnheiten verändert, deren Stolz gebrochen, deren Land geplündert, deren Weiber und Kinder schändlich gemißbraucht, deren Besitztum ihnen entrissen, deren Körper durch den übermäßigen Genuß des Branntweins entnervt worden, deren Freunde und Verwandte frühzeitig ins Grab gesunken, deren angeborener Stolz endlich den durch die Zivilisation ihnen eingeimpften Lastern gewichen, und, im Stillen durch das tiefe Gefühl der Beleidigung und des Unrechts genährt, zu grausamer Rache bereit ist. – Er muß bedenken, daß, wenn er seine angebliche genaue Kenntnis dieses Volkes nur aus Büchern und Zeitungen geschöpft hat, er doch wenigstens sein Urteil über den Charakter eines Volkes zurückhalten sollte, das unter der Hand seiner Feinde stirbt, ohne die Mittel zu besitzen, seine eigene Geschichte zu schreiben – das in seiner Nacktheit mit seinen einfachen Waffen gegen Flinten und Pulver, gegen Branntwein und Stahl und Krankheit und gepanzerte Krieger kämpft, die es fortwährend mit Füßen treten und endlich auf demselben Boden, den sie dem armen Wilden entrissen, frohlockend die Geschichte seiner Grausamkeit und Barbarei verkünden, während unter den Furchen, die ihr Pflug zieht, friedlich seine Gebeine ruhen.

Die Ungleichheit zwischen dem wilden und zivilisierten Menschen ist in jeder Beziehung, sowohl hinsichtlich der Waffen und der Verteidigungsmittel, als des Unternehmungsgeistes, der Fertigkeiten und der Erziehung so groß, daß der erstere fast immer, im Kriege wie im Frieden, und selbst dann noch der Unterliegende ist, wenn seine Pfeife und sein Tomahawk ihm bereits in das Grab gefolgt sind und sein Charakter der Geschichte anheimgefallen ist und erwartet, daß seine Feinde, denen er dies hat überlassen müssen, seinem Andenken werden Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Einige Schriftsteller, ich bedauere es sagen zu müssen, haben den Charakter des nordamerikanischen Indianers als im höchsten Grade düster, halsstarrig, grausam und blutgierig geschildert, und stellen ihn kaum über das Tier, während andere, und unter diesen ich selbst, den roten Männern einen hohen Rang anweisen und sie als höchst intelligente Wesen darstellen; noch andere endlich, sowohl Freunde als Feinde der roten Männer, von ihnen als einer »Anomalie der Natur« sprechen.

Ich habe weder Zeit noch Neigung, hier einer so unverantwortlichen Behauptung zu widersprechen, und begnüge mich mit der Überzeugung, daß jener Ausdruck weit mehr auf denjenigen Teil der Menschen passen würde, der sich am weitesten von der Natur entfernt hat, als auf solche, die sich in der Sphäre, für die der Große Geist sie bestimmte, einfach bewegen und sie ausfüllen.

Nach dem, was ich von diesem Volke gesehen habe, fühle ich mich ermächtigt, zu sagen, daß ich in seinem Charakter durchaus nichts Auffallendes oder Unerklärliches gefunden habe, es ist vielmehr sehr leicht zu begreifen, wenn man nur die rechten Mittel anwendet, sich mit ihm bekannt zu machen; es hat allerdings auch seine Fehler, allein auch wiederum vieles, was den Beifall und die Bewunderung der zivilisierten Welt verdient. Und wer diese Blätter mit Aufmerksamkeit liest, wird, wie ich hoffe, mir darin beistimmen, daß der nordamerikanische Indianer in seinem Naturzustande bieder, gastfrei, redlich, unerschrocken, kriegerisch, grausam, rachsüchtig, halsstarrig – aber dennoch ein ehrenwertes, denkendes und religiöses Wesen ist.

Ist dies der Fall, so denke ich, es ist genug, um ihn der Welt zur redlichen Prüfung zu empfehlen und es wird wohl in dieser aufgeklärten Zeit in allen zivilisierten Ländern noch Mitleid genug vorhanden sein, um einem untergehenden Geschlechte die helfende Hand zu reichen, vorausgesetzt, daß Vorurteil und Furcht, was bisher den zivilisierten Menschen beständig von dem wilden entfernt gehalten, abgelegt werden können.

Ich habe durch eine lange Bekanntschaft mit diesem Volke die feste Überzeugung gewonnen, daß dieser Unwissenheit der Weißen in bezug auf den wahren Charakter und die Neigungen der Indianer hauptsächlich alles Mißgeschick, das die letzteren betroffen hat, zuzuschreiben ist; man hielt sich stets voll Mißtrauen von ihnen entfernt und betrachtete sie als Feinde, gegen die man nur ein System beständigen Krieges und Betruges in Anwendung bringen könne.

Es ist indes nicht schwierig, sich dem Indianer in seinem wilden Naturzustande zu nähern und bekannt mit ihm zu werden, wenn man nur die oben erwähnten Vorurteile und Besorgnis ablegen kann und sich die Mühe nimmt, wie ich es getan habe, ihn in seinem einfachen Naturzustande aufzusuchen, wie er unter seinem bescheidenen Dache, umgeben von Weib und Kind, seine Pfeife raucht, während seine treuen Hunde und Pferde außerhalb seines Zeltes lagern. – So kann jedermann ihn sehen und seine Freundschaftspfeife mit ihm rauchen, die unveränderlich mit einem herzlichen Willkommen dem Fremden dargereicht und ihm zugleich im nächsten Augenblicke zur Stillung des Hungers das Beste, was der Wigwam bietet, vorgesetzt wird.

Aber die meisten Menschen werden ihn höchst wahrscheinlich nicht so sehen, denn er ist zu weit entfernt, und nur denen erreichbar, welche Golddurst und Habgier in jene fernen Regionen lockt und die durch Scham abgehalten werden, der Welt die Tugenden mitzuteilen, die sie zu Boden geworfen und mit Füßen getreten haben.

Selbst den Gebrauch des Wortes »Wilder« in seinem gewöhnlichen Sinne bin ich geneigt, als einen Mißbrauch des Wortes und als eine Schmach für das Volk, auf das es angewendet wird, zu betrachten. Das Wort bedeutet doch eigentlich nichts als wild oder wilder Mensch, und ein wilder Mensch kann von seinem Schöpfer mit allen menschlichen und edlen Eigenschaften ausgerüstet sein, die in dem Herzen eines gesitteten Menschen wohnen. Unsere Furcht und Besorgnisse vor diesem Volke hat daher diesem Worte eine neue Bedeutung gegeben und fast die ganze zivilisierte Welt bezeichnet mit dem Worte Wilder den wütendsten, grausamsten und blutgierigsten Charakter, den man sich nur denken kann.

Der greuliche Bär ( Ursus ferox – Grizzly Bear) wird wild genannt, weil er blutdürstig, raubgierig und grausam ist, und ebenso der Tiger, und beide sind, gleich dem armen roten Menschen, gefürchtet worden, weil man sich teils aus Unwissenheit auf Vorurteil von ihnen fern hielt, teils, wenn man in Berührung mit ihnen kam, sie nicht zu behandeln verstand, bis van Amburgh der Welt zeigte, daß es selbst bei diesen wilden und unvernünftigen Tieren nur der Freundschaft und des engen Anschließens von seiten ihres Herrn bedarf, um Gehorsam und Liebe bei ihnen zu finden.

Auf den folgenden Blättern wird man viele auffallende Beispiele von der Gastfreundschaft, Rechtlichkeit und dem Ehrgefühl dieses unwissenden und unaufgeklärten Volkes, und als Gegenstück dazu viele Beweise von den finsteren, grausamen und widrigen, durch den heilsamen Einfluß der Gesetze und des Christentums nicht gezügelten Leidenschaften finden.

Ich habe während sieben oder acht Jahren nach und nach an 3–400&#8239;000 dieses Volkes unter den allerverschiedensten Umständen besucht, und nach den vielfachsten und durchaus freiwilligen Handlungen ihrer Gastlichkeit und Freundlichkeit fühle ich mich verpflichtet zu sagen, daß sie von Natur ein friedsames und gastliches Volk sind. Ich war stets in ihrem Lande willkommen und wurde mit dem Besten bewirtet, was sie hatten, ohne jemals etwas dafür zu entrichten; sie haben mich oft mit Gefahr ihres Lebens durch das Land ihrer Feinde geleitet und mich bei dem Transport meines schweren Gepäcks über Gebirge und Flüsse unterstützt, und unter allen diesen Umständen, während ich ihnen doch gänzlich preisgegeben war, hat niemals ein Indianer mich verraten, mich mißhandelt oder mir nur das Geringste von meinem Eigentum entwendet.

Dies spricht sehr (und ist, wenn der Leser mir glauben will, auch ein Beweis) für die Tugenden dieses Volkes, wenn man sich erinnert (und dies sollte man tun), daß es in ihrem Lande keine Gesetze gegen den Diebstahl gibt, daß Schlösser und Riegel ihnen unbekannt sind und daß den Dieb keine andere menschliche Strafe treffen kann, als die Verachtung, die in den Augen seines Volkes seinem Charakter als Schandmal anhaftet.

Und so sonderbar es auch klingen mag, ich habe oft in diesen kleinen Gemeinden, trotz des Mangels aller Rechtssysteme, dennoch Ruhe und Frieden und eine Glückseligkeit in einem Grade herrschen sehen, daß Könige und Kaiser sie darum beneiden könnten. Ich habe gesehen, daß Recht und Tugend beschützt, Unrecht bestraft wurde; ich habe eheliche, kindliche und elterliche Zärtlichkeit in der natürlichen Einfachheit und Genügsamkeit gesehen. Ich habe eine innige und dauernde Zuneigung zu einigen dieser Männer gefaßt, die ich nicht zu vergessen wünsche – deren Herzen ich nahe stand, und die bei unserer endlichen Trennung mich in ihre Arme schlossen und mich und meine Angelegenheiten dem Großen Geiste empfahlen.

Aus den obigen Gründen wird der Leser es mir verzeihen, wenn ich so lange und so nachdrücklich bei der Gerechtigkeit der Ansprüche dieses Volkes verweilte und mit blutendem Herzen gelegentlich mein Bedauern aussprach über das Schicksal, das die Überreste dieses unglücklichen Geschlechts erwartet und das von den Felsen und Tieren seines Heimatlandes lange überlebt werden wird; – angegriffen von seinen Mitmenschen, deren Habgier, wie zu befürchten steht, dem irdischen Elende des Indianers erst dann ein Ziel setzen wird, wenn dieser im Grabe liegt.

Ich kann nicht umhin hier noch einmal zu wiederholen, daß die Stämme der roten Männer Nordamerikas, als eine Nation menschlicher Wesen, ihrem Untergange nahe sind; daß, um ihr eigenes, sehr schönes Bild zu gebrauchen, »sie schnell gegen Sonnenuntergang hin zu den Schatten ihrer Väter eilen«; und daß der Reisende, der dies Volk in seiner ursprünglichen Einfachheit und Schönheit sehen will, sich bald nach den Prairien und dem Felsengebirge begeben muß, weil er sie sonst nur so sehen wird, wie man sie jetzt an den Grenzen sieht, wie einen Korb voll toten Wildes, – abgemattet, gejagt, blutend und tot, ihrer Federn und Farben beraubt; und unter denen man sich, um ihren Nationalcharakter zu schätzen, vergeblich nach irgendeinem anderen Moralsystem oder Maßstabe umsieht, als der ist, wonach man ihn nur zu oft als aus Grausamkeit und Barbarei zusammengesetzt geschildert hat.


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