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Viertes Kapitel


Indianer des oberen Missouri. – Allgemeiner Charakter – Büffel. – Art sie zu töten. – Büffeljagd. – Chardons Sprung. – Verwundeter Büffel. – M'Kenzies außerordentliche Geschicklichkeit. – Rückkehr von der Jagd.


Die verschiedenen Indianerstämme, die das Land am oberen Missouri bewohnen, haben unstreitig von allen auf dem Kontinent das hübscheste Aussehen und sind am besten ausgerüstet und am prächtigsten gekleidet. Sie leben in einem Lande, das reich ist an Büffeln und wilden Pferden, die ihnen einen trefflichen und leicht zu erlangenden Lebensunterhalt gewähren. Die reine Atmosphäre gibt ihnen Gesundheit und langes Leben und sie sind die unabhängigsten und gesündesten von allen Indianerstämmen, die ich gesehen habe. Sie befinden sich alle noch in dem Zustande ursprünglicher Wildheit und haben daher etwas Malerisches und Schönes, das sich kaum beschreiben läßt, und nichts kann einige ihrer Spiele und Unterhaltungen, ihre Tänze und festlichen Aufzüge an Grazie und Schönheit übertreffen.

Soweit ich in das Indianergebiet vorgedrungen bin, habe ich es bestätigt gefunden, daß diejenigen Indianer, die noch am meisten im Naturzustande leben und am wenigsten von der zivilisierten Welt wissen, an ihrem Körper höchst reinlich, in ihrer Kleidung elegant und in ihrem Betragen höflich sind. Die Krähen- und Schwarzfuß-Indianer stehen in dieser Beziehung wohl oben an, und wer sie nicht in ihrer Heimat gesehen hat, kann sich keinen Begriff davon machen, welcher Reichtum, wie viel Geschmack selbst in der Kleidung bei einigen dieser Indianer herrscht.

Jeder dieser Söhne des Waldes, oder vielmehr der Prärie, ist ein freier Mann; die Frauen sind seine Sklavinnen. Das einzige, was er seiner würdig hält, ist, sich mit Bogen, Köcher, Schild und Speer auf sein schnaubendes Roß zu schwingen, oder ohne allen Schmuck, nur mit Bogen und Köcher, sich zu Pferde unter die fliehenden Büffelherden zu stürzen, und von seinem selten fehlenden Bogen den tödlichen Pfeil zu senden.

Die Büffelherden, die in zahlloser Menge auf den schönen Prärien weiden, gewähren ihnen Überfluß an Fleisch, und sie ziehen dies so sehr allem anderen Fleische vor, daß die Hirsche, Elentiere und Antilopen in großen Rudeln in der größten Sicherheit in den Prärien herumstreifen, denn die Indianer töten sie gewöhnlich nur, wenn sie ihrer Häute zur Kleidung bedürfen. – Der Büffel, oder richtiger Bison, ist ein edles Tier, das auf den weiten Prärien von der mexikanischen Grenze im Süden bis zur Hudsonsbai im Norden herumschweift. Er ist etwas größer als der gemeine Stier; sein Fleisch, das einen köstlichen Geschmack hat, einigermaßen dem von fettem Rindfleisch ähnlich, gewährt dem Wilden eine gesunde und leicht zu erlangende Nahrung, von der er fast ausschließlich lebt. Die Häute, Hörner, Hufe und Knochen verwendet er zur Anfertigung von Kleidungsstücken, Schilden, Bogen usw. Der Büffelstier ist, wenn er zum Widerstande gereizt wird, eines der wütendsten und am grimmigsten aussehenden Tiere. Die lange zottige Mähne, die Nacken und Schultern in großer Fülle bedeckt, hängt oft bis aufs die Erde hinab. Die Büffelkuh ist kleiner und nicht so wütend, obgleich auch ihr Ansehen nicht weniger wild und furchtbar ist.

Die Art, wie die Indianer den Büffel töten – er wird fast nur mit dem Pfeil und der Lanze, und zwar im vollen Jagen erlegt – bietet ein im höchsten Grade belebtes und anziehendes Schauspiel dar. Ich begleitete fast täglich die Indianer auf die Jagd und nahm oft selbst teil daran, noch öfter aber ritt ich nur nebenher, um die einzelnen Szenen genau zu studieren und sie dann auf die Leinwand zu übertragen.

Ich will jetzt eine Jagd beschreiben, die Herr M'Kenzie mit einer Anzahl seiner Leute ohne Indianer veranstaltete und an der ich teilnahm. Er hat innerhalb des Forts einen geräumigen Eiskeller, worin er das Büffelfleisch lange Zeit frisch aufbewahrt; geht der Vorrat auf die Neige, so besteigt er sein Lieblings-Büffelpferd (d.h. dasjenige Pferd, das am besten zur Büffeljagd abgerichtet ist), nimmt eine leichte kurze Flinte, die sich am bequemsten im vollen Jagen laden läßt, und geht mit fünf oder sechs seiner Leute nicht auf die Jagd, sondern »nach Fleisch«. So zogen wir denn auch eines Morgens aus, nämlich die Herren M'Kenzie, Chardon, Baptist Defonde, Tullock, ich und noch einige andere, deren Namen ich nicht weiß. Vier oder fünf Mann erhielten noch den Befehl, uns mit ebenso vielen einspännigen Wagen zu folgen, um die erlegten Büffel nach Hause zu schaffen. Wir setzten über den Fluß und hatten einige engl. Meilen im Galopp zurückgelegt, als wir von einem Hügel aus eine Büffelherde von 400–500 Stück erblickten, die sich hier gewiß vollkommen sicher glaubten und von denen einige grasten, andere lagen und schliefen. Wir näherten uns ihnen etwa bis auf eine englische Meile, machten Halt, und Herr Chardon »warf die Feder«, um zu sehen, woher der Wind komme (ein Gebrauch, der immer beobachtet wird); dann begann das »Auskleiden«, d. h. jeder entledigte sich und sein Pferd aller unnötigen Gegenstände, die bei der Jagd hinderlich sein konnten: Hüte, Röcke und Kugelsäcke wurden abgelegt, die Ärmel aufgestreift, ein Tuch um den Kopf, ein anderes um den Leib gebunden, die Patronen zurecht gemacht und in die Westentasche gesteckt, oder ein halbes Dutzend Kugeln in den Mund genommen usw. Dies währte etwa zehn bis fünfzehn Minuten, und nachdem nun der Anführer den Jagdplan vorgelegt hatte, die Flinten geladen und die Ladestöcke in die Hand genommen waren, ritten wir alle in einer Front und im langsamen Schritt vorwärts. Die Pferde sind hier sämtlich auf diese Jagd eingeübt und scheinen mit demselben Enthusiasmus daran teilzunehmen, wie ihre Reiter. Während des Auskleidens und Ladens zeigten sie die größte Ungeduld, und als wir uns der Herde näherten, schienen sie alle von der Jagdlust begeistert zu sein, denn selbst der trägste Gaul stolzierte mit elastischem Schritte, einer biß auf die Stange, spitzte die Ohren und richtete seine funkelnden Augen auf das Wild, während er unter dem Sattel seines Reiters zitterte.

Auf diese Weise ritten wir vorsichtig und schweigend weiter und waren den Büffeln bis auf etwa zehn oder fünfzehn Ruten nahegekommen, als sie uns erblickten, Kehrt machten und in Masse davonliefen. Nun ging es vorwärts (und vorwärts müssen alle, denn niemand würde in einem solchen Augenblick sein Pferd zurückhalten können) und dahin flogen wir über die Prärie, in eine Wolke von Staub gehüllt. M'Kenzie war der vorderste und verschwand bald in dem Staube. Ich hatte einen großen Stier entdeckt, dessen Schultern über die ganze Herde hervorragten und drängte mich durch, um an seine Seite zu kommen. Ich ging nicht nach »Fleisch«, sondern nach einem »Siegeszeichen«; ich wollte seinen Kopf und seine Hörner. Ich jagte durch die über die Ebene hinstürmende Herde, von allen Seiten gedrängt, gestoßen, so daß ich oft nicht wußte, ob ich auf einem Büffel oder auf meinem Pferde saß, bis ich endlich an die Seite meines Stiers gelangte und ihm einen Schuß beibrachte. Ich sah den Blitz von mehreren Flinten, hörte aber keinen Knall. Chardon hatte einen stattlichen Stier verwundet und wollte eben zum zweiten Male schießen; beide waren, ebenso wie wir, in vollem Rennen und dicht vor mir, als der Stier sich plötzlich umwandte und das Pferd auf die Hörner nahm, so daß Chardon einen Froschsprung über den Büffel hinweg machte und fast unter den Hufen meines Pferdes zu Boden fiel. Ich ritt so schnell als möglich zu ihm zurück; er lag noch am Boden, der Büffel neben ihm, mit den Beinen nach oben, und quer über demselben das Pferd. Ich stieg sogleich ab; indes hob sich Chardon auf den Händen empor, Augen und Mund voll Staub, und suchte seine Flinte, die an dreißig Schritte weit von ihm lag. »Um des Himmels willen, seid Ihr verletzt, Chardon?« »Nein – nein, ich glaube nicht. Oh, das bedeutet nichts, Herr Catlin, das ist nichts neues – aber das ist hier ein verdammt harter Boden.« Bei diesen Worten wurde der arme Mensch ohnmächtig, erhob sich jedoch in wenigen Augenblicken wieder, nahm seine Flinte und ergriff sein Pferd beim Zügel, das mit Gestöhn aufstand, den Staub abschüttelte – und wir waren alle wieder auf dem Platze, mit Ausnahme des Stieres, der das traurigste Schicksal hatte.

Ich sah mich nun nach der fliehenden Herde und unseren Gefährten um, allein von beiden war nichts zu sehen als die Staubwolke, die sie hinter sich gelassen hatten. Dagegen erblickte ich in geringer Entfernung zur Rechten meinen großen Stier, der sich auf drei Beinen so schnell als möglich von diesem gefährlichen Boden zu entfernen suchte. Ich galoppierte auf ihn los und sogleich kehrte er sich kampffertig gegen mich; er schien sehr gut zu wissen, daß er mir nicht entgehen könne und wollte daher sein Leben so teuer als möglich verkaufen.

Ich fand, daß mein Schuß ihn etwas zu weit nach vorn getroffen, eine Schulter zerschmettert hatte und in der Brust stecken geblieben war; bei seiner großen Masse war es ihm daher unmöglich, auf mich loszuspringen. Ich näherte mich ihm daher bis auf wenige Schritte, nahm mein Skizzenbuch heraus, legte meine Flinte quer über den Sattel und begann ihn zu zeichnen, indem ich es dem Scharfsinn meines Pferdes überließ, mich außer dem Bereich der Gefahr zu halten. Er stand ganz still, während aus seinen Augen die größte Wut blickte. Ich ritt rund um ihn herum und zeichnete ihn in verschiedenen Stellungen; einmal legte er sich nieder und ich zeichnete ihn in dieser Lage; dann warf ich meine Mütze nach ihm, worauf er sich wieder erhob und wieder gezeichnet wurde. Auf diese Weise erhielt ich einige unschätzbare Skizzen dieses wutblickenden Untieres, das von meiner Zeichnung gewiß nichts ahnte.

Niemand kann sich einen Begriff machen von dem Blick eines solchen Tieres; ich fordere die ganze Welt auf, mir ein anderes Tier zu nennen, das einen so entsetzlichen Blick hat, wie ein großer Büffelstier, der verwundet ist, und sich, vor Wut aufschwellend, zum Kampfe umwendet – seine Augen sind blutrot, seine lange zottige Mähne hängt bis auf den Boden – das Maul steht offen und er stößt Ströme von Dampf und Blut aus Maul und Nase aus, wenn er sich bückt, um auf seinen Angreifer loszuspringen.

Während ich ruhig zeichnete, kamen M'Kenzie und seine Gefährten, ihre erschöpften Rosse am Zügel führend, von der Jagd zurück, und hinter uns vier oder fünf Wagen, um das Fleisch nach Hause zu schaffen. Alle versammelten sich um mich und meinen Stier, den ich durch einen Schuß in den Kopf tötete. Wir setzten uns auf die Erde, jeder zündete seine Pfeife an und erzählte seine Heldentaten. Ich selbst wurde herzlich ausgelacht, weil ich, als Neuling, einen alten Stier getötet hatte, dessen Fleisch ungenießbar ist. Ich ritt mit M'Kenzie zurück, der mir fünf Kühe zeigte, die fettesten und schönsten der Herde, die er erlegt hatte, und zwar auf einer Strecke von einer englischen Meile; alle wurden im gestreckten Galopp getötet und jeder Schuß ging gerade durchs Herz. In der kurzen Zeit, die erforderlich ist, um eine englische Meile im Galopp zurückzulegen, hatte er fünfmal geschossen, viermal geladen, die Tiere ausgewählt und mit jedem Schusse getötet! Außerdem waren noch sechs Tiere erlegt worden. Es wurden nunmehr ihre besten Teile abgeschnitten, auf die Wagen und Packpferde geladen und das übrige den Wölfen preisgegeben.

So leben die weißen Männer in diesem Lande, auf diese Weise verschaffen sie sich ihren Lebensunterhalt und dies ist eine von ihren Vergnügungen, wobei man Gefahr läuft, sich alle Rippen zu zerbrechen und hinterher noch wegen seiner Torheit und Unklugheit verspottet zu werden.


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