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Fünfzehntes Kapitel


Erstaunen der Mandaner über die Malerei. – Der Verfasser wird zum Medizinmann ernannt. – Neugier ihn zu sehen und zu berühren. – Abergläubische Furcht der Gemalten. – Einwürfe gegen die Malerei. – Ein mandanischer Doktor oder Medizinmann als Gegner; wie er gewonnen wird.


Nichts hat wohl die Mandaner jemals so sehr in Erstaunen verseht, als die Arbeiten meines Pinsels. Die Porträtmalerei war etwas ganz neues für sie und mit meinem Erscheinen begann hier eine neue Aera in den Geheimnissen der Medizin. Bald nach meiner Ankunft begann und vollendete ich die Bildnisse von zwei angesehenen Häuptlingen. Dies geschah ohne die Neugier der Bewohner zu erregen, da sie nichts davon erfahren hatten und selbst die beiden Häuptlinge schienen mit meiner Absicht unbekannt zu sein, bis die Bildnisse vollendet waren. Niemand außer ihnen wurde während des Malens in mein Zelt zugelassen und als ich meine Arbeit beendigt hatte, war es höchst belustigend zu sehen, wie sie wechselseitig einer des andern Ähnlichkeit erkannten und sich dies gegenseitig versicherten. Beide hielten eine Zeitlang schweigend die Hand vor den Mund (wie sie immer zu tun pflegen, wenn etwas sie sehr überrascht), und blickten aufmerksam auf die Bildnisse, auf mich und auf die Palette und die Farben, mit denen diese unerklärlichen Dinge waren hervorgebracht worden.

Sodann kamen sie mit dem edelsten Anstande auf mich zu, ergriffen mich einer nach dem anderen bei der Hand und indem sie den Kopf niederbeugten und die Augen niederschlugen, sagten sie mit leiser Stimme: »Te-ho-pe-ni Wash-i!« und gingen fort.

Ich erhielt in diesem Augenblicke einen neuen Namen, mit dem man mich in diesem Dorfe bezeichnete und wahrscheinlich bezeichnen wird, so lange die Überlieferungen in dieser wunderlichen Gemeinde währen. Es wurde mir nämlich ein Grad verliehen, nicht als Doktor der Rechte oder als Magister der freien Künste, sondern als Meister der Künste – der Mysterien – der Magie – des Hokuspokus. Ich wurde durch jene wenigen Worte als ein »großer Medizinmann« anerkannt. Es ist dies die höchste Ehre, die mir hier widerfahren konnte, und ich gehörte jetzt zu den angesehensten und beneidetsten Personen, den Doktoren und Konjuraten dieser Körperschaft.

Te-ho-pe-ni Wash-i oder weißer Medizinmann ist der Name, den ich jetzt führte, und der, wie nicht zu bezweifeln, von größerem Werte für mich sein mußte, als Gold, denn ich ward von den Ärzten, die sämtlich Medizinmänner sind, eingeladen und festlich bewirtet, und jener Name verschaffte mir zu manchem sonderbaren und geheimnisvollen Orte Zutritt und gab mir Gelegenheit, Nachrichten einzuziehen, die ich sonst gewiß nicht erlangt hätte. Ich stieg täglich in der Achtung der Medizinmänner und der Häuptlinge, und indem ich den Ernst und die Vorsicht annahm, wie sie einem so bedeutenden Manne geziemten (und vielleicht noch beträchtlich mehr) und gelegentlich irgendein unergründliches Kunststück ausführte, hatte ich Hoffnung, meine Stellung zu behaupten, bis der große Tag des Religionsfestes herankam, bei welcher Gelegenheit mir dann von den Doktoren wohl ein Sitz in der Medizinhütte gestattet werden mußte.

Als die Bildnisse der beiden Häuptlinge fertig waren, kehrten beide in ihre Wigwams zurück, setzten sich ans Feuer und nachdem sie schweigend eine oder zwei Pfeifen (wie es allgemein gebräuchlich ist) geraucht hatten, fingen sie allmählich an, das Vorgefallene zu erzählen und bald waren ihre Hütten mit aufmerksamen Zuhörern angefüllt, die ihren Erzählungen mit offenem Munde lauschten. Auch um meine Hütte drängte sich bald eine große Menge von Frauen und Mädchen, und durch jede Spalte konnte ich die glänzenden Augen erblicken, die zu ergründen suchten, was innen vorging. Dies währte einige Stunden, bis endlich die Menge zu einigen Hunderten anwuchs, die wie ein Bienenschwarm um meinen Wigwam herumstanden.

Während dieser Zeit war nicht ein einziger Mann bei meiner Hütte zu sehen; nach einer Weile sah man sie jedoch, in ihre Büffelmäntel gehüllt, langsam herankommen und man konnte es deutlich auf ihren Gesichtern lesen, wie die Neugier mit ihrem Stolze kämpfte, indem jene sie unwiderstehlich vorwärts trieb, während dieser es ihnen verbot. Bald jedoch wurde der Zudrang allgemein und die Ärzte und Häuptlinge kamen in meine Hütte, stellten aber Soldaten (Tapfere mit Spießen in der Hand) an die Tür, die nur diejenigen einließen, denen die Häuptlinge dies gestatteten.

Herr Kipp, Agent der Pelz-Compagnie, der seit acht Jahren hier lebte, setzte sich zu den Häuptlingen und erklärte ihnen, da er ihre Sprache geläufig sprach, den Zweck, weshalb ich diese Bildnisse malte, sowie die Art, wie dies geschehe, womit sie alle zufrieden zu sein schienen. Es schien jedoch nunmehr dringend nötig, auch der Menge die Bildnisse zu zeigen, weshalb diese über der Tür aufgehängt wurden, so daß das ganze Dorf sie sehen konnte. Der Eindruck auf eine so gemischte Menge, die noch nichts über diese Bildnisse gehört hatte, war in der Tat lächerlich. Die Ähnlichkeit wurde sogleich erkannt; viele schrieen laut auf, einige stampften tanzend mit den Füßen, noch andere sangen, hunderte bedeckten schweigend den Mund mit der Hand, andere schwangen unwillig ihre Spieße und einige schossen einen roten Pfeil gegen die Sonne und gingen nach Hause.

Nachdem sie die Gemälde angestaunt, wollten sie auch den Mann sehen, der sie gemacht hatte, und ich wurde herausgerufen. Aber die Szene, die jetzt folgte, vermag ich unmöglich zu schildern. Kaum war ich herausgetreten, so wurde ich von der Menge dicht umringt. Die Frauen gafften mich an, die Krieger reichten mir die Hand, während kleine Knaben und Mädchen sich durch die Menge drängten, um mich mit den Fingerspitzen zu berühren. Die Neugier und das Erstaunen, womit alle mich anblickten, bewies, daß sie mich für ein sonderbares und unerklärliches Wesen hielten. Sie nannten mich den größten Medizinmann der Welt, denn, sagten sie, ich hätte lebende Wesen geschaffen, sie könnten ihre Häuptlinge jetzt an zwei Orten lebend sehen, die, welche ich gemacht hätte, wären etwas lebend, man könne sehen, wie sie ihre Augen bewegten, wie sie lachten, und wenn sie lachen könnten, würden sie gewiß auch sprechen können, sobald sie es nur versuchten, und es müßte daher etwas Leben in ihnen sein.

Die Frauen kamen darin überein, sie hätten so viel Leben darin entdeckt, daß meine Medizin zu groß für die Mandaner sei; so etwas könne aber nicht hervorgebracht werden, ohne dem Original etwas von seiner Existenz zu rauben und es in das Bild zu übertragen, und sie könnten sehen, daß es sich bewege.

Diese Verkürzung des natürlichen Daseins, um einem zweiten Wesen Leben einzuflößen, erklärten sie für ein unnützes und zerstörtes Werk, das ihrer glücklichen Gemeinde großen Nachteil bringen könne. Sie erhoben ein gewaltiges Geschrei gegen mich, liefen weinend durch das Dorf und erklärten mich für einen »gefährlichen Menschen, der lebende Wesen machen könne, indem er sie anblicke und der daher auch, wenn er wolle, auf dieselbe Weise das Leben vernichten könne. Meine Medizin sei gefährlich für ihr Leben und ich müsse daher sogleich das Dorf verlassen. Jener böse Blick würde diejenigen treffen, die ich malte, denn ich raubte diesen einen Teil ihres Lebens, um es mit nach Hause unter die weißen Leute zu nehmen, und wenn sie stürben, so würden sie keine Ruhe im Grabe haben.«

Auf diese Weise war es den Frauen und einigen alten Quacksalbern gelungen, eine Opposition gegen mich hervorzurufen, und die Gründe, die sie vorbrachten, waren so glaubwürdig und ihrem Aberglauben so angemessen, daß sogar mehrere Häuptlinge, die sich malen lassen wollten, in Furcht gerieten, so daß meine Arbeiten für mehrere Tage unterbrochen wurden. Man beriet sich Tag für Tag über diesen Gegenstand, aber es schien ihnen sehr schwer zu werden, sich zu entscheiden, was mit mir und meiner gefährlichen Kunst anzufangen sei, die sich ganz anders gestaltet hatte, als sie ursprünglich erwarteten. Endlich gelang es mir, zu ihren Beratungen Zutritt zu erhalten; ich versicherte, daß ich nur ein Mensch sei, wie sie, daß meine Kunst keine Medizin oder Geheimnis sei, daß jeder von ihnen sie lernen könne, wenn er sie so lange übe wie ich, daß ich die freundlichsten Gesinnungen gegen sie hegte und daß in dem Lande, worin ich lebte, tapfere Männer sich nicht durch Weibergeschwätz in Furcht setzen ließen. Diese Äußerung hob sogleich alle Schwierigkeiten; alle standen auf, schüttelten mir die Hand und kleideten sich an, denn alle wollten gemalt sein, die Frauen schwiegen und meine Hütte wurde beständig von Häuptlingen, tapferen Kriegern und Medizinmännern besucht, die mit Ungeduld warteten, bis ein Bildnis fertig war, um über die Ähnlichkeit entscheiden zu können, und für die Gesundheit und das Glück desjenigen, der soeben den Händen und der Operation der »weißen Medizin« glücklich entgangen war, lachen, ein neues Lied anstimmen und eine frische Pfeife rauchen zu können.

Ich bemerkte, daß jedesmal eine oder zwei Pfeifen gestopft wurden, und sobald ich zu malen begann, die Häuptlinge und Krieger, die an den Wänden der Hütte herumsaßen, anfingen zu rauchen, wie sie sagten für das Gelingen des Bildes, wahrscheinlich aber wohl mehr, um den, der zu seinem Bilde saß, vor allen Gefahren zu schützen; die Pfeife wanderte auf diese Weise von einem zum andern, bis das Bild vollendet war.

Indem ich auf diese Weise malte, hielt ich oft plötzlich ein, als ob etwas falsch sei, machte einige tüchtige Züge aus der Pfeife, wobei ich den Rauch durch die Nasenlöcher von mir blies und mir das Ansehen gab, als ob mir dies Erleichterung verschafft hätte und ich nunmehr mit größerer Leichtigkeit und besserem Erfolge arbeiten könne. Ich sagte jedem, der gemalt war, etwas Schmeichelhaftes über sein gutes Aussehen und malte sie nach ihrem Range oder Stande, indem ich es zu einer Ehrensache für sie machte, was ihnen außerordentlich gefiel und meiner Kunst den Stempel der Achtungswürdigkeit aufdrückte.

Die Häuptlinge nahmen mich dann beim Arm und führten mich in ihre Hütten, wo ein Gastmahl im eleganten Stil, d. h. in der besten Art, die dies Land zu bieten vermag, meiner wartete. Auch die Medizinmänner luden mich in gehöriger Form zu einem Festmahl ein und schenkten mir eine Doktorrassel (Schi-schi-quoi), sowie einen Zauber- oder Doktorstab, der mit den Klauen des gräulichen Bären, mit den Hufen der Antilope, mit Hermelinfellen, wildem Salbei und Fledermausflügeln geschmückt und mit dem Duft des Iltis parfümiert war; auch wurde ein Hund geschlachtet und bei den Füßen über meinem Wigwam aufgehängt. Ich war hierdurch in die Geheimnisse der Medizin eingeweiht und wurde als Mitglied der Gesellschaft der Konjuraten betrachtet.

Seit diesem glücklichen Erfolge meiner Arbeiten ging alles ganz vortrefflich und ich habe viel Unterhaltung gehabt. Nur einmal fand unter den Häuptlingen und tapferen Kriegern ein Streit über den Rang statt, worauf sie sehr eifersüchtig sind; es wurde jedoch alles gütlich beigelegt und es hat mir seitdem nicht an Beschäftigung für meinen Pinsel gefehlt, obgleich einige ihren Entschluß, sich malen zu lassen, wieder aufgaben, aus Furcht, wie man sagt, sie würden frühzeitig sterben oder nach dem Tode nicht ruhig im Grabe schlafen können.

Es sind einige merkwürdige Fälle dieser Art in meinem Maleratelier vorgekommen und ich habe mir dadurch hier einige Todfeinde gemacht, doch hat das in den Gesinnungen der Häuptlinge und Doktoren gegen mich nichts geändert. Es kamen drei- oder viermal einige stolze junge Leute in meine Hütte, die, nachdem sie die Bildnisse der Häuptlinge angestaunt, mit der Hand vor dem Gesicht an die Seite der Hütte gingen, von wo aus sie die Häuptlinge von der Seite anblickten, statt ihnen gerade in das Gesicht zu sehen (was bei allen Indianerstämmen eine fast unverzeihliche Beleidigung ist), und nachdem sie das Gemälde noch eine Weile angesehen, das sie natürlich noch immer gerade anblickte, nahmen sie ihre Büffelmäntel zusammen und verließen voll Erstaunen und Unwillen die Hütte, indem sie erklärten, daß sie »die Augen sich hätten bewegen gesehen«, – daß, während sie in der Hütte umhergegangen, »die Augen ihnen überallhin gefolgt seien.« Pelzhändler, Häuptlinge und Doktoren, die diese Täuschung kannten, gaben sich viele Mühe, jene jungen Leute von ihrem Irrtum zu überzeugen, indem sie ihnen das Geheimnis erklärten; aber sie wollten nichts davon hören, indem sie sagten, »was sie mit ihren eigenen Augen gesehen, sei ihnen Beweis genug und sie würden stets ihren eigenen Augen mehr glauben, als hundert Zungen.« Alle Versuche, sie zu bewegen, meine Hütte wieder zu betreten, oder mit mir in Gesellschaft zu sein, waren gänzlich fruchtlos.

Auch von einer anderen Seite her wurden mir Unannehmlichkeiten bereitet. Ein Medizinmann, Mah-to-he-hah (der alte Bär), suchte nämlich die bei meiner Hütte versammelte Menge zu überreden, daß alle, die sich bei mir befänden und sich malen ließen, Narren seien und bald sterben würden, wodurch er meiner Popularität sehr schadete. Ich ließ ihn jedoch am nächsten Morgen, als ich mit dem Dolmetscher allein war, auffordern, zu mir zu kommen. Ich sagte ihm, daß ich bereits seit mehreren Tagen meine Augen auf ihn geworfen und daß mir sein Aussehen so gut gefallen hätte, daß ich mir alle Mühe gegeben, seine Geschichte zu erfahren, die, wie man mir von allen Seiten gesagt, ganz außerordentlich, sowie auch sein Charakter und sein Rang meiner ganzen Aufmerksamkeit würdig seien. Ich hätte seit mehreren Tagen beschlossen, daß, sobald durch das Malen der übrigen die von dem langen Rudern meines Canoes erzeugte Steifheit meiner Hand verschwunden sein würde, ich sein Bildnis anfangen wollte, was sogleich geschehen könne. Hieraus schüttelte er mir die Hand, winkte mir, mich zu setzen und nachdem wir eine Pfeife miteinander geraucht, sagte er, daß er durchaus keine feindseligen Gesinnungen gegen mich hege und sich vor meiner Kunst nicht fürchte. »Ich weiß,« fügte er hinzu, »du bist ein guter Mann, du wirst keinem ein Leid zufügen, deine Medizin ist groß und du bist ein großer Medizinmann. Ich möchte mich gern selbst sehen und dasselbe wünschen alle Häuptlinge; aber alle sind viele Tage in meiner Medizinhütte gewesen und haben mich nicht aufgefordert, hierher zu kommen und mit Farben »lebend gemacht zu werden« – mein Freund, ich freue mich, daß mein Volk dir gesagt hat, wer ich bin – mein Herz ist froh – ich will in meinen Wigwam gehen und essen und in kurzer Zeit werde ich kommen, und dann kannst du ans Werk gehen.« Nachdem hierauf noch eine Pfeife geraucht war, ging er fort. Ich bereitete nun alles vor, mußte aber bis zwölf Uhr auf ihn warten, da er den ganzen Vormittag zu seiner Toilette gebraucht hatte.

Endlich erschien er, mit verschiedenen Farben, mit Bärenfett und Holzkohle bemalt, mit Medizinpfeifen in den Händen und Fuchsschwänzen an den Hacken, begleitet von mehreren seiner Kollegen und einigen Knaben, die er bei sich zu behalten wünschte und die, wie ich vermute, seine Zöglinge waren, die er in der Materia medica und im Hokuspokus unterrichtete. Er setzte sich mitten in der Hütte nieder, bewegte seine Adlerpfeife hin und her und stimmte den Medizingesang an, den er über Tote zu singen pflegt, wobei er mir fest ins Gesicht blickte, bis das Gemälde fertig war. Seine Eitelkeit war vollkommen befriedigt; er kam nun täglich in meine Hütte, betrachtete sein Bildnis stundenlang, zündete meine Pfeife an, wenn ich malte, schüttelte mir ein Dutzendmal täglich die Hand und rühmte überall meine Medizintugenden und meine Geschicklichkeit, so daß diese Schwierigkeit glücklich gehoben und er aus meinem Gegner einer meiner eifrigsten Freunde geworden war.


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