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Zwanzigstes Kapitel


Das Bogenschießen der Mandaner. – Das Pfeilspiel. – Wilde Pferde. – Pferderennen. – Eine beratende Kriegspartei zu Fuß.


Eine Lieblingsunterhaltung der Mandaner ist das Pfeilspiel. Die jungen Leute, die die geschicktesten in dieser Übung sind, versammeln sich auf der Prärie in geringer Entfernung von dem Dorfe und nachdem jeder seine Eintrittsgebühr mit einem Schilde, einer Büffelhaut, einer Pfeife u. dgl. erlegt hat, schießen sie nach der Reihe ihre Pfeile in die Luft, wobei es darauf ankommt, diese so schnell hintereinander abzuschießen, daß die möglichst größte Anzahl von Pfeilen gleichzeitig in der Luft schwebt. Zu diesem Zwecke nimmt jeder acht bis zehn Pfeile mit dem Bogen in die linke Hand und schießt den ersten Pfeil so hoch, daß er möglichst lange in der Luft bleibt, während die anderen so schnell als möglich abgeschossen werden; wer die meisten Pfeile auf diese Weise gleichzeitig in der Luft schwebend hat, ist der »Beste« und gewinnt den Einsatz.

Die Schnelligkeit, mit der die einzelnen Pfeile nacheinander auf den Bogen gelegt und abgeschossen werden, ist in der Tat erstaunlich und erfordert große Übung. Die Geschicktesten sind imstande, acht Pfeile abzuschießen, bevor der zuerst abgeschossene den Boden wieder erreicht.

Da das Wild in diesem Lande zu Pferde und im stärksten Galopp erlegt und der Feind auf dieselbe Art angegriffen wird, die Pferde aber die schnellsten Tiere der Prärie sind und den Reiter stets bis auf wenige Schritte an die Seite seines Opfers bringen, so kommt es natürlich nur darauf an, den Bogen plötzlich und mit augenblicklicher Wirkung zu benutzen, und das Abschießen so schnell als möglich zu wiederholen. Der Indianer hat daher seinen Pfeil immer nur auf eine Entfernung von wenigen Schritten abzuschießen, aber dies geschieht mit einer solchen Kraft, daß Büffel oder andere Tiere oft augenblicklich tot niederstürzen. Die Bogen, deren man sich in diesen Gegenden gewöhnlich bedient, sind bereits im 5. Kapitel beschrieben worden; sie haben selten über drei Fuß, zuweilen nur 2½ Fuß Länge. Im Schießen auf weite Entfernungen möchten die Indianer wohl von anderen Völkern übertroffen werden, aber wenn es darauf ankommt, auf einem wilden Pferde im vollen Jagen und ohne sich der Zügel zu bedienen, den Bogen plötzlich zu gebrauchen und augenblicklich durch den Pfeil zu töten, so finden sie sicherlich nicht ihresgleichen.

Die Pferde, deren sich die Indianer dieser Gegenden bedienen, sind stets wilde Pferde, die sich in großer Anzahl in den Prärien finden. Sie stammen ohne Zweifel von denjenigen ab, die die spanischen Eroberer in Mexiko einführten und die sich jetzt über die weiten Prärien von der mexikanischen Grenze bis zum Winnipeg-See im Norden, eine Strecke von etwa 600 Meilen, verbreitet haben. Diese Pferde sind sämtlich klein, von der Art der Ponys, aber stark und kräftig und ganz für die Lebensweise der Indianer geeignet. Man fängt sie mit dem Lasso, einem aus roher Büffelhaut gemachten Riemen von 15–20 Ellen Länge, der an dem einen Ende mit einer Schlinge versehen ist, die der Indianer dem in vollem Laufe befindlichen Tiere, das er zu fangen wünscht, mit großer Geschicklichkeit über den Kopf wirft, sodann vom Pferde springt, das gefangene Tier mit dem Lasso niederzieht und es später zähmt und zu seinem Dienst verwendet.

Es gibt in diesem Lande kaum einen Indianer, der nicht eines oder mehrere dieser Pferde besitzt; manche haben deren acht, zehn und selbst zwanzig Stück.

Die Indianer lieben auch die Pferderennen sehr, die zu ihren ausschweifendsten Spielen gehören. Ich war Zeuge eines solchen Rennens, das sich von den in der zivilisierten Welt dabei üblichen Gebräuchen, namentlich beim Abreiten, etwas unterscheidet.

Außer dem Pfeilspiel und dem Pferderennen fanden an demselben Tage noch andere Belustigungen statt. Die Ursache dieser ungewöhnlichen Fröhlichkeit war die glückliche Rückkehr einer kleinen Kriegspartei, die schon verloren gegeben wurde, da man so lange nichts mehr von ihr gehört hatte. Diese aus den angesehensten und kühnsten jungen Männern des Stammes bestehende Partei war gegen die Riccarihs ausgezogen und hatte sich durch einen feierlichen Eid verpflichtet, nicht eher zurückzukehren, als bis sie einen Sieg würden erfochten haben. Sie waren, ihrem Eide getreu, lange im Lande herumgezogen, indem sie der Spur ihrer Feinde folgten, als sie von einer zahlreichen Partei angegriffen wurden, wobei sie mehrere Menschen und alle Pferde verloren. Um in diesem Zustande ihren Feinden nicht zu begegnen, die den geraden Weg nach dem Dorfe besetzt hielten, machten sie einen großen Umweg.

So traf ich sie, als ich den Missouri von der Mündung des Yellow-Stone-Flusses hinabfuhr; sie saßen rauchend um ein Feuer und schienen sich zu beraten, was zu tun sei. Da ich damals noch nichts von ihrer Sprache verstand, so konnten sie mir nichts über ihre Lage mitteilen, und es ist wahrscheinlich, daß sie dies auch überhaupt nicht würden getan haben, aus Furcht, ich könnte ihren Feinden Nachricht geben. Ich blieb mit meinen Gefährten etwa eine Stunde bei ihnen, während welcher Zeit sie uns höflich, aber mit großer Zurückhaltung behandelten. Sie bildeten eine der hübschesten Gruppen, die ich jemals gesehen habe, und besonders war der Häuptling mit seinem Hauptschmucke von Adlerfedern und Hermelinfellen, wie er nachdenkend auf der Büffelhaut saß, das schöne Bild eines Naturhelden. Diese tapferen Männer erreichten, wie gesagt, glücklich ihr Dorf wieder und die erwähnten Belustigungen wurden zur Feier ihrer glücklichen Rückkehr veranstaltet.


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