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Neunzehntes Kapitel


Scheingefecht und Scheinskalptanz der Mandanischen Knaben. – Das Tschung-ki-Spiel. – Schmausereien. – Fasten und Opfer. – Weiße Büffelhaut; ihr Wert. – Regenmacher und Regenvertreiber. – Das Regenmachen. – Das Donnerboot. – Die große Doppelmedizin


In dem vorhergehenden Kapitel habe ich den Büffeltanz beschrieben und ich werde in der Folge noch einige andere Tänze schildern, welche die Mandaner mit anderen Stämmen gemein haben; für jetzt will ich nur einige merkwürdige Gebräuche erwähnen, die den Mandanern eigentümlich sind.

Einer der interessantesten dieser Gebräuche ist das Scheingefecht und der Scheinskalptanz der mandanischen Knaben, die beide einen Teil ihrer Erziehung bilden. An einem schönen Sommermorgen bei Sonnenaufgang werden die Knaben von sieben bis fünfzehn Jahren, etwa 700 an der Zahl, in zwei Parteien geteilt, deren jede unter der Leitung eines erfahrenen Kriegers steht, der sie in die Prärie hinausführt. Die Knaben sind nackt und jeder hat einen kleinen Bogen und mehrere Pfeile von starken Grashalmen, die keinen Schaden tun. Außerdem hat jeder einen Gürtel um den Leib, worin ein hölzernes Messer steckt, das ebenso unschädlich ist, und auf dem Kopfe ist ein Büschel Gras leicht befestigt, das den Skalp darstellt. So ausgerüstet folgen sie den Anweisungen ihrer erfahrenen Führer, die sie alle Evolutionen des Indianerkrieges – Scheinangriff, Rückzug, Angriff und endlich allgemeinen Kampf – durchmachen lassen. Zuletzt werden sie auf 15–20 Fuß Entfernung einander gegenüber gestellt, worauf sie, während die Führer sie aufmuntern, ihre Pfeile gegeneinander abschießen und ihnen auszuweichen suchen.

Wird ein Knabe von einem Pfeil an einem Teile des Körpers getroffen, wo eine wirkliche Verwundung tödlich sein würde, so muß er zu Boden fallen, worauf sein Gegner ihm den Fuß auf den Leib setzt, sein Messer aus dem Gürtel zieht, die Gras-Skalplocken ergreift, einen Scheinschnitt um den Kopf macht, den Skalp losreißt, in seinen Gürtel steckt und wieder in den Kampf zurückkehrt.

Diese Übungen, die etwa eine Stunde währen, werden mit leerem Magen vorgenommen, und die Knaben durchlaufen bei den verschiedenen Manövern etwa fünf bis sechs englische Meilen.

Nach Beendigung der Übungen kehren alle in das Dorf zurück, wo die Häuptlinge und die Tapferen ihren Erzählungen mit großer Aufmerksamkeit zuhören und sie wegen ihrer Geschicklichkeit und Tapferkeit beloben. Diejenigen, die einen Skalp erbeutet haben, treten dann vor, schwingen ihn in der Hand und beginnen den Skalptanz, worin sie ebenfalls von ihren Führern oder Lehrern unterrichtet werden, und erzählen ihre »blutigen Taten« zum großen Erstaunen ihrer jugendlichen Geliebten, die ihnen mit Verwunderung zuhören.

Die Spiele und Belustigungen dieses Volkes sind größtenteils denen der anderen Stämme ähnlich und bestehen in Ballspiel, Mokassinspiel, Schüsselspiel, Bogenschießen, Pferderennen usw. Es findet sich jedoch bei ihnen ein Spiel, das ihre Lieblingsunterhaltung und den umwohnenden Stämmen unbekannt zu sein scheint. Es ist dies das Spiel Tschung-kih, mit dem sie sich gewöhnlich beschäftigen, wenn schönes Wetter ist und sonst nichts ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Der Platz zu diesem Spiele liegt in der Nähe des Dorfes und besteht aus Tonboden, der durch den häufigen Gebrauch ganz glatt und hart geworden ist. Zwei Kämpfer wählen sich abwechselnd die berühmtesten Spieler, bis die erforderliche Zahl voll ist. Dann werden die Einsätze gemacht und von den anwesenden Häuptlingen oder anderen Personen entgegengenommen. Das Spiel beginnt damit, daß zwei Männer (einer von jeder Partei) nebeneinander im Trab laufen, während der eine von ihnen einen steinernen Ring von zwei bis drei Zoll im Durchmesser vor sich hinrollt, worauf jeder seinen Tschung-kih (einen Stab von sechs Fuß Länge, der an den Seiten mit abstehenden, etwa einen Zoll oder darüber langen Lederstückchen besetzt ist) so nach dem Ringe hinwirft, daß er auf dem Boden hingleitet, wobei man nun den Wurf so einzurichten sucht, daß, wenn der Stock stille steht, der Ring auf eines der Lederstückchen fällt. Dies zählt dann, je nach der Stellung des Lederstückchens, ein, zwei, drei oder vier. Der letzte Gewinner läßt stets den Ring rollen, aber beide Spieler laufen und werfen ihre Stäbe gleichzeitig. Wenn einer der Spielenden den Stab so wirft, daß der Ring nicht an den Lederstückchen haften bleibt, oder wenn er nicht in einer gewissen Richtung liegt, so verwirkt der Spieler den Betrag der Nummer, welche die nächste war, verliert seinen Wurf und es tritt ein anderer an seine Stelle. Es ist schwer, durch die Beschreibung einen richtigen Begriff von diesem Spiele zu geben, das die Mandaner so leidenschaftlich lieben, daß sie oft alles verspielen was sie haben und zuletzt ihre Freiheit einsetzen Siehe Anmerkung 12..

 


Anmerkung 12.

Max von Neuwied sagt, dieses Spiel wurde von den Mandanern Skohpe und von den Mönnitarriern Máh-Kache genannt; der Major Long erwähnt es auch bei den Pahnihs. Die französischen Kanadier nennen es das Billard-Spiel.


 

Schmausereien und Fasten sind wichtige Gebräuche, die von den Mandanern, wie von den meisten anderen Stämmen, zu gewissen Zeiten und zu besonderen Zwecken streng und gewissenhaft beobachtet werden. Einige dieser Gebräuche sind sehr interessant und zugleich von Wichtigkeit für die richtige Würdigung des Charakters der Indianer; ich werde daher später auf einige von ihnen zurückkommen.

Das Opfern ist ebenfalls ein religiöser Gebrauch der Mandaner, das auf verschiedene Art und bei vielen Gelegenheiten stattfindet. Da ich später ausführlicher hierüber zu sprechen gedenke, so will ich für jetzt nur einige von den hundert verschiedenen Arten, wie die Opfer dem guten und bösen Geiste dargebracht werden, anführen. Menschenopfer sind niemals bei den Mandanern und, soviel ich erfahren konnte, auch bei keinem anderen der nordwestlichen Stämme gebräuchlich gewesen; nur die Pahnihs ( Pawnees) am Platteflusse haben früher dergleichen Opfer gebracht, diesem Brauche jedoch in neuerer Zeit entsagt. Die Mandaner opfern dem Großen Geiste ihre Finger und das Beste und Kostbarste von ihren irdischen Gütern. Besteht das Opfer in einem Pferde oder Hunde, so muß es das Lieblingstier sein; opfern sie einen Pfeil, so nehmen sie den vollkommensten; opfern sie Fleisch, so wählen sie das wohlschmeckendste Stück, und wollen sie etwas von den aus den Vorräten der Pelzhändler eingetauschten Waren zum Opfer bringen, so ist es ein Stück blaues oder rotes Tuch, das sie übermäßig teuer bezahlen müssen und das sie hauptsächlich dazu gebrauchen, es über ihren Wigwams aufzuhängen oder die Totengerüste ihrer Verwandten damit zu bedecken.

Von diesen Opfern waren besonders drei interessant, die über der großen Medizinhütte in der Mitte des Dorfes aufgerichtet waren; sie bestanden aus zehn bis fünfzehn Ellen blauen und schwarzen Tuches (das die Pelz-Compagnie ihnen die Elle zu 15–20 Dollars verkauft hatte), die so zusammengelegt waren, daß sie menschlichen Gestalten ähnlich sahen, mit Federn auf dem Kopfe und Masken vor dem Gesicht. Diese wunderlich aussehenden Figuren waren gleich Vogelscheuchen auf 30 Fuß hohen Stangen über der Medizinhütte aufgerichtet, wo sie bleiben werden, bis sie ganz zerfallen. Während meiner Anwesenheit fügte man noch eine vierte Figur von der Haut eines weißen Büffels hinzu.

Die Geschichte dieser schönen und kostbaren Haut gibt einen deutlichen Beweis von der Wichtigkeit, die die Mandaner diesen Sühneopfern beilegen. Wenige Wochen vor meiner Ankunft kehrten mehrere Mandaner von der Mündung des Yellow-Stone-Flusses mit der Nachricht zurück, daß die wegen des Handels mit der amerikanischen Pelz-Compagnie dort anwesenden Schwarzfuß-Indianer eine weiße Büffelhaut zu verkaufen hätten. Dies schien den Häuptlingen sehr wichtig und der öffentlichen Berücksichtigung wert. Denn eine weiße Büffelhaut ist selbst in dem Lande der Büffel eine große Merkwürdigkeit, die ihrer großen Seltenheit wegen sehr teuer bezahlt und deshalb, als der kostbarste Gegenstand des Handels in diesen Gegenden, gewöhnlich dem Großen Geiste als Opfer dargebracht wird. Unter den zahllosen Büffelherden, welche auf den weiten Prärien grasen, ist vielleicht unter hunderttausenden nicht ein einziges weißes Tier, und findet sich ein solches, so wird es als große Medizin betrachtet.

Als die Häuptlinge die oben erwähnte Nachricht erhielten, versammelten sie sich sogleich, um darüber zu beraten, ob es angemessen sei, die weiße Büffelhaut von den Schwarzfuß-Indianern zu kaufen. Nach Beendigung ihrer Beratungen wurden acht Mann mit acht der besten Pferde und verschiedenen Waren, die an Wert die Pferde noch überstiegen, und auf Kredit der Häuptlinge aus dem Magazin der Pelz-Compagnie entnommen wurden, nach der Mündung des Yellow-Stone-Flusses abgesandt, wo sie noch zur rechten Zeit ankamen, die Haut gegen die acht Pferde und die Waren eintauschten und zu Fuß nach ihrem Dorfe zurückkehrten. Die Haut, die nach der Ansicht der Mandaner etwas vom Großen Geiste in sich enthält, lag in der Hütte des Häuptlings mehrere Tage zur Ansicht für jedermann, und nachdem die allgemeine Neugier befriedigt war, wurde sie durch die Doktoren oder Hohenpriester mit vielen Förmlichkeiten geweiht und an einer langen Stange über der Medizinhütte aufgerichtet, wo sie mit den übrigen als ein dem Großen Geiste dargebrachtes Opfer hängen bleibt, bis sie zerfällt. Siehe Anmerkung 13.

 


Anmerkung 13.

Ein wichtiger Gegenstand und eine vorzügliche Medizin ist in den Augen der Mandaner und Mönnitarrier die Haut einer weißen Büffelkuh. Wer eine solche nicht besessen oder noch nicht besitzt, ist nicht angesehen. Es streiten sich vielleicht zwei Männer um ihre Taten: der eine ein alter, erfahrener Krieger, der viel Feinde erlegt hat, der andere ein junger unerfahrener Bursche, und der letztere wirft dem ersteren vor, er habe ja noch keine weiße Büffelhaut gehabt, so wird der Alte den Kopf senken und vor Scham sein Gesicht verbergen. Gewöhnlich gibt der Besitzer einer solchen Haut, die man Wohkadeh nennt, (ein weißer Büffel im allgemeinen heißt Ptihn-Schottä), diese als Opfer (Uapáhdshi) an den Herrn des Lebens. Er weiht sie ihm, oder, was gleichviel ist, der Sonne, auch dem ersten Menschen (Numank-Machana). Er sammelt vielleicht noch während der Zeit eines ganzen Jahres Dinge von Wert und hängt dann alles zusammen in der freien Prärie, meist in der Nähe des Begräbnisplatzes, oder im Dorfe vor seiner Hütte, an einer hohen Stange aus. Die weiße Büffelkuhhaut steht unter den Auszeichnungen eines Mannes oben an. Hat man nicht selbst das Glück, eine solche zu erlegen, was wohl meistens der Fall ist, da dergleichen Tiere selten sind, so kauft man sie oft in weiter Ferne, und andere Nationen bringen sie, da man den von den Mandanern diesem Gegenstände beigelegten Wert wohl kennt. Eine solche Haut muß von einer jungen, nicht über zwei Jahre alten Kuh sein, und wird mit Hörnern, Nase, Hufen, Afterklauen und Schwanz vollständig abgezogen und gegerbt. Man zahlt dafür bis zu 10 und 15 Pferden an Wert. Ein Mandaner gab 10 Pferde, eine Flinte, Kessel und andere Dinge für ein solches Fell. Die weiße Haut einer alten Kuh oder eines Stiers bezahlt man lange nicht so teuer. Eine weiße junge Kuhhaut reicht für alle Töchter eines Mannes hin; sie wird nicht als Robe getragen wie bei den Mönnitarriern, oder es trägt sie höchstens einmal bei einer großen Festlichkeit eine Tochter oder Frau aus der Familie, nachher aber nicht mehr.

Bei der Einweihung des Felles haben die Númangkake (Mandaner) besondere Feierlichkeiten. Sobald man die Haut erhalten hat, nimmt man einen ausgezeichneten Medizinmann (Numank-Chópenik) an, der sie umhängen muß. Dieser geht alsdann in der scheinbaren Richtung des Ganges der Sonne um das Dorf herum und singt eine Art von Medizingesang. Wenn der Besitzer, nachdem er drei bis vier Jahre hindurch Dinge von Wert gesammelt hat, sein Kleinod dem Herrn des Lebens oder dem ersten Menschen opfern will, so wickelt er es zusammen, nachdem er Wermuth ( Artemisia) oder eine Maiskolbe hinzugefügt hat, und die Haut bleibt alsdann an einer hohen Stange aufgehängt, bis sie verfault ist. Oft, wenn die Zeremonie der Einweihung vorüber ist, schneidet man die Haut in schmale Streifen und die Familienmitglieder tragen Teile davon als schmale Binden quer über den Kopf oder über die Stirn befestigt, wenn sie sich putzen wollen.

Tötet ein Mandaner eine solche junge weiße Büffelkuh, so gilt dies mehr, als wenn er einen Feind erlegt hätte. Er zerlegt das Tier nicht selbst, sondern trägt dies einem anderen Manne auf, dem er ein Pferd dafür schenkt. Er allein, der ein solches Tier erlegt hat, darf in den Ohren einen schmalen Streifen des Felles tragen. Die weiße Robe wird nicht anderweitig verziert, denn sie ist über allem anderen Putze erhaben. Die Handelsleute verkauften zuweilen den Indianern solche Felle und erhielten bis zu 60 andere Felle dafür.

Auch weißgefleckte Büffelfelle haben bei den Mandanern schon einen höheren Wert; es gibt aber auch eine Rasse dieser Tiere mit sehr weichen, seidenartigen Haaren von schönem, in der Sonne wie Biberhaar schillerndem Goldglanze, die man ebenfalls hoch hält und mit 10-15 Dollars bis zu dem Werte eines Pferdes bezahlt.


 

Da dies Kapitel von den Gebräuchen handelt, die den Mandanern eigentümlich sind, so will ich hier noch eines solchen erwähnen, dem ich beiwohnte, als ich auf meiner Reise stromaufwärts einige Tage in diesem Dorfe verweilte; ich meine die Manipulationen der Regenmacher und der Regenvertreiber.

Es ist bereits erwähnt worden, daß die Mandaner viel Mais bauen, dessen Ernte jedoch zuweilen durch große Dürre vereitelt wird. Dies war der Fall, als ich am Bord des Dampfbootes »Yellow-Stone« bei ihnen ankam, denn es hatte seit vielen Tagen nicht geregnet, und die kleinen Mädchen und die alten Frauen weinten und baten ihre Gebieter, sie möchten sich doch verwenden, daß es regne, damit ihre kleinen Felder, die schon gelb würden, nicht verdorrten und sie nicht der Festlichkeiten der »gerösteten Ähren« und des »Grünkorntanzes« beraubt würden.

Die Häuptlinge und Doktoren teilten die Besorgnisse der Frauen und empfahlen Geduld; sie sagten, es sei in solchen Fällen große Überlegung nötig und obgleich sie beschlossen, den Versuch zu machen, dem Getreide Regen zu verschaffen, so waren sie doch klug genug, einzusehen, daß, wenn sie zu schnell darauf eingingen, das Ganze leicht mißlingen könne, während sie um so sicherer auf Erfolg rechnen könnten, je länger sie zögerten. Als indes nach einigen Tagen der Ungestüm der Frauen fast unerträglich wurde, versammelten sich die Medizinmänner in der Beratungshütte mit ihrem ganzen geheimnisvollen Apparat, mit einer Menge wilder Salbei und anderen wohlriechenden Kräutern und einem Feuer, um diese zu verbrennen, damit ihr Wohlgeruch zu dem Großen Geist aufsteige. Die Hütte war allen Dorfbewohnern verschlossen und nur zehn oder fünfzehn junge Männer, die sich zu dem gefährlichen Unternehmen entschlossen hatten, entweder Regen zu verschaffen oder sich der ewigen Schmach auszusetzen, einen vergeblichen Versuch gemacht zu haben, durften dem Hokuspokus der Doktoren in der Hütte beiwohnen. Es wurde sodann durchs Los bestimmt, wer zuerst einen Tag auf dem Dache der Hütte zubringen sollte, um die Kraft seiner Medizin zu beweisen, oder, mit anderen Worten, zu sehen, ob seine Stimme in den Wolken des Himmels gehört werde und Beachtung finde, während die Doktoren in der Hütte unter ihm Weihrauch verbrannten und Gesänge und Gebete zu dem Großen Geiste emporsandten, der »in der Sonne lebt und den Wolken des Himmels gebietet«.

Wah-kih (der Schild) bestieg zuerst die Hütte bei Sonnenaufgang. Alle Dorfbewohner waren um ihn versammelt und beteten für den glücklichen Erfolg. So stand er den ganzen Tag; aber nicht eine Wolke erschien, der Tag war ruhig und heiß und bei Sonnenuntergang stieg er herab und ging nach Hause; »seine Medizin war nicht gut« und er kann niemals ein Medizinmann werden.

Ihm folgte am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang Om-pah (das Elen); sein Körper war ganz nackt und mit gelbem Ton bedeckt, am linken Arm trug er einen schönen Schild, in der rechten Hand eine Lanze und auf dem Kopfe die Haut eines Raben. Er schwang seinen Schild und seine Lanze und erhob seine Stimme, aber vergebens, denn bei dem Untergange der Sonne war der Boden trocken und der Himmel heiter.

Ebenso erfolglos waren die Bemühungen War-rah-pa's (Biber), dem Wak-a-dah-ha-hih (des weißen Büffels Haar) folgte, ein kleiner, aber schön gewachsener junger Mann. Er trug einen Rock und Beinkleider von dem Felle des Bergschafes, beides reich verziert mit Stachelschweinstacheln und Skalplocken, welch letztere er selbst seinen Feinden geraubt hatte. Am Arm trug er einen Schild von Büffelhaut, dessen Buckel der Kopf des Kriegsadlers bildete und dessen Vorderseite mit »roten Ketten des Blitzes« geschmückt war; in der linken Hand hielt er seinen Bogen und einen Pfeil. Er warf eine Feder in die Höhe, um die Richtung des Windes zu erfahren und sprach dann zu den um ihn versammelten Dorfbewohnern:

»Meine Freunde! Volk der Fasanen! Ihr seht mich hier ein Opfer bringen. Ich werde Euch heute von Eurer Not befreien und Freude unter Euch bringen, oder bei Sonnenuntergang von dieser Hütte herabsteigen und alle meine Tage unter Hunden und alten Weibern verbringen. Meine Freunde! Ihr sahet, wohin die Feder flog und ich halte meinen Schild an diesem Tage in der Richtung, woher der Wind kommt – der Blitz auf meinem Schilde wird eine große Wolke herbeiziehen und dieser Pfeil, den ich aus meinem Köcher ausgewählt und mit den Federn des weißen Schwans besetzt habe, wird ein Loch in diese machen. Meine Freunde! Die Öffnung in der Hütte zu meinen Füßen zeigt mir die Medizinmänner, die in der Hütte unter mir sitzen und den Großen Geist anrufen, der auf den Wolken thront und den Winden gebietet! Drei Tage haben sie hier gesessen, meine Freunde, und es ist nichts geschehen, um Eurer Not abzuhelfen. Am ersten Tage kam Wah-kih, er konnte nichts tun; er zählte seine Perlen und stieg herab – seine Medizin war nicht gut – sein Name war schlecht und hielt den Regen zurück. Ihm folgte Om-pah; auf seinem Kopfe sah man den Raben, der über dem Sturm fliegt und er bewirkte nichts. Sodann, meine Freunde, kam War-rah-pa (der Biber); der Biber liegt unter dem Wasser und bedarf nicht des Regens. Meine Freunde! Ich sehe, Ihr seid in großer Not und noch ist nichts geschehen; dieser Schild gehörte meinem Vater, dem weißen Büffel, und der Blitz auf ihm ist rot, wie Ihr seht; er wurde aus einer schwarzen Wolke entnommen und diese Wolke wird heute über uns kommen. Ich bin des weißen Büffels Haar – und ich bin der Sohn meines Vaters.«

Auf diese Weise fuhr Wak-a-dah-ha-hih fort, abwechselnd seine Zuhörer und den Himmel anzureden – sich mit den Winden und deren Dschi-bi (Geistern) zu unterhalten und mit den Füßen über den Köpfen der Zauberer zu stampfen, die unter ihm mit ihren Mysterien beschäftigt waren und die Geister der Finsternis und des Lichts anriefen, sie möchten Regen senden und die Herzen der Mandaner erfreuen.

An diesem merkwürdigen Tage landete das Dampfboot »Yellow-Stone« auf seiner ersten Fahrt den Missouri hinauf bei dem Dorfe der Mandaner, wie bereits in einem früheren Kapitel gesagt worden ist. Ich war als Reisender auf dem Boote, als es in der Entfernung von 3-4 englischen Meilen vor dem Dorfe 20 Schüsse aus einer zwölfpfündigen Kanone abfeuerte. Die Mandaner hielten diese Kanonenschüsse anfangs für Donner, und der junge Mann auf der Hütte empfing von allen Seiten Beifallsruf, der sich durch das ganze Dorf fortsetzte – die Häuptlinge beneideten ihn – die Herzen der Mütter klopften höher, als sie ihre schönen Töchter schmückten, um sie ihm zum heiraten anzubieten. Der Medizinmann kam aus der Hütte hervor, um ihm den wohlverdienten Titel als Medizinmann oder Doktor zu verleihen – es wurden Kränze gewunden, um seine Stirn zu schmücken und Adlerfedern und Pfeifen für ihn bereit gehalten – seine Freunde waren fröhlich – seine Feinde standen schweigend und auf ihren Gesichtern drückte sich Mißmut und Haß aus, und seine ehemaligen Geliebten, die ihn früher abgewiesen, blickten ihn jetzt zärtlich an und schienen ihr Benehmen tief zu bereuen.

Während dieser allgemeinen Aufregung blieb Wak-a-dah-ha-hih auf der Hütte, wo er die drohendsten Stellungen annahm und seinen Schild in der Richtung des Donners schwang, obgleich nicht eine Wolke zu sehen war, bis er endlich, da er höher stand, als die übrigen, zu seinem unaussprechlichen Erstaunen das Dampfboot entdeckte, das die Windungen des Flusses hinauffuhr, während der Dampf stoßweise ausströmte und von dem Verdeck der Kanonendonner erschallte! Des weißen Büffels Haar stand regungslos und bleich, er starrte eine Weile hin, wendete sich dann zu den Häuptlingen und den Umstehenden und sagte mit bebenden Lippen: »Meine Freunde, wir werden keinen Regen erhalten! Ihr sehet, es sind keine Wolken da; aber meine Medizin ist groß – ich habe ein Donnerboot gebracht! Sehet, dort ist es! Der Donner, den Ihr hört, kommt aus seinem Munde und der Blitz, den Ihr sehet, ist auf den Wassern!«

Auf diese Nachricht eilten alle auf die Dächer ihrer Wigwams oder an das Ufer, von wo aus sie das Dampfboot zu ihrem großen Schrecken hinauffahren sahen. Unter dies verwirrte Gedränge von Häuptlingen, Doktoren, Frauen, Kindern und Hunden mischte sich auch Wak-a-dah-hah-hih, der von seinem hohen Standpunkte herabgestiegen war.

Erschreckt durch die Ankunft eines so auffallenden und unerklärlichen Gegenstandes, hielten die Mandaner nur wenige Augenblicke Stand, denn auf Befehl der Häuptlinge mußten sich alle innerhalb der Verschanzung des Dorfes begeben und die Krieger sich zur Verteidigung rüsten. In wenigen Augenblicken war das Dampfboot bei dem Dorfe angekommen, wo alles wie ausgestorben war; nicht ein einziger Mandaner ließ sich am Ufer sehen. Als das Boot vor Anker gegangen war, kamen bald darauf drei oder vier Häuptlinge mit der Lanze in der einen und der Friedenspfeife in der anderen Hand auf das Verdeck, wo sie zu ihrer großen Freude und Überraschung ihren alten Freund und Agenten, den Major Sanford, erkannten, wodurch ihrer Furcht auf einmal ein Ende gemacht wurde. Die Bewohner des Dorfes, die sogleich hiervon in Kenntnis gesetzt wurden, kamen nun sämtlich ans Ufer, wo das Dampfboot vor Anker lag.

Der »Regenmacher«, der durch seine außerordentliche Medizin ein großes Unglück über die Nation heraufbeschworen zu haben fürchtete und sich deshalb verborgen hatte, um der Rache zu entgehen, war der letzte, der ans Ufer kam, wo er sich überzeugte, daß dieser Besuch der weißen Männer ein friedlicher sei und daß seine Medizin nichts dazu beigetragen habe. Dies beruhigte ihn zwar in bezug auf die Gefahr und die Rache, die er wenige Augenblicke zuvor noch gefürchtet hatte, allein es blieb ihm doch noch der Kummer und die Schmach, daß seine geheimnisvollen Operationen erfolglos gewesen waren. Er behauptete jedoch überall und gegen jedermann, daß er die Ankunft der weißen Männer vorhergewußt und ihr Erscheinen durch seine Medizin bewirkt habe; er fand indes wenig Gehör, denn alle waren zu sehr mit den Geheimnissen des Donnerbootes beschäftigt. So verging der Tag, bis kurz vor Sonnenuntergang »des weißen Büffels Haar« (der natürlich mehr als die übrigen auf dergleichen Dinge achtete) eine schwarze Wolke bemerkte, die am Horizont heraufgezogen war und fast gerade über dem Dorfe stand! Augenblicklich ergriff er Schild und Bogen, stieg wieder auf die Hütte, richtete das Gesicht und den Schild gegen die Wolke, spannte den Bogen und befahl der Wolke, näher zu kommen, damit er ihren Inhalt auf die Köpfe und die Maisfelder der Mandaner herabziehen könne. So stand er, bewegte den Schild über seinem Kopfe, stampfte mit dem Fuße und indem er den Pfeil gegen die Wolke schoß, rief er aus: »Meine Freunde, es ist geschehen! Wak-a-dah-ha-hih's Pfeil ist in diese schwarze Wolke eingedrungen und die Mandaner werden mit dem Wasser des Himmels befeuchtet werden!« Seine Vorhersagung traf ein; in wenigen Minuten war die Wolke über dem Dorfe und der Regen fiel in Strömen. Er stand nun noch einige Zeit, bewegte seine Waffen und seinen Schild gegen den Himmel und rühmte seine Macht und die Wirksamkeit seiner Medizin gegen die Umstehenden, die indes bald in den Wigwams Schutz suchten, worauf er seine Prahlereien beendigte und ganz durchnäßt von der Hütte herabstieg, bereit, die Ehren und Huldigungen, die einem in den Geheimnissen so mächtigen Manne gebührten, sowie den Titel eines Medizinmannes entgegenzunehmen. Dies ist eine von den vielfachen Arten, wie jemand unter den Indianern diesen ehrenvollen Titel erlangen kann.

siehe Bildunterschrift

Tafel VII. Der Büffeltanz.

Dieser Mann hatte »Regen gemacht« und mußte daher ungewöhnliche Ehrenbezeigungen erfahren, da er mehr getan, als ein gewöhnlicher Mensch vermochte. Aller Augen waren auf ihn gerichtet und alle kamen darin überein, daß er in der Zauberei erfahren, mit dem Großen oder Bösen Geiste in naher Verbindung stehen und daher großen und mächtigen Einfluß besitzen müsse, weshalb er auf den Titel eines Doktors oder Medizinmannes gegründete Ansprüche habe.

Es ist hierbei zweierlei zu bemerken; erstlich, daß die Mandaner, wenn sie es unternehmen Regen zu machen, stets ihren Zweck erreichen, weil sie ihre Zeremonien so lange fortsetzen, bis es regnet; zweitens, daß derjenige, welcher einmal »Regen gemacht hat«, dies niemals zum zweiten Male versucht; seine Medizin ist unzweifelhaft, denn er hat sein Meisterstück in Gegenwart des ganzen Dorfes abgelegt und bei ähnlichen Gelegenheiten überläßt er das Feld anderen jungen Leuten, die sich auf dieselbe Weise auszuzeichnen wünschen.

Während in dieser merkwürdigen Nacht der Regen bis Mitternacht in Strömen herabfiel, der Donner rollte und die Blitze so schnell aufeinander folgten, daß der ganze Himmel in Feuer zu stehen schien, schlug ein Blitzstrahl in eine Hütte der Mandaner und tötete ein hübsches Mädchen. Dies gab dem Aberglauben reichliche Nahrung und es entstand große Aufregung. Die Träume des neuen Medizinmannes wurden gestört, und er sah mit Besorgnis dem kommenden Tage entgegen, denn er wußte, daß er sich dem unwiderruflichen Ausspruche der Häuptlinge und Doktoren unterwerfen müsse, die jedes auffallende und unerklärliche Ereignis mit strenger und abergläubischer Genauigkeit untersuchen und ihre Rache ohne Gnade auf denjenigen fallen lassen, der die unmittelbare Veranlassung desselben ist.

Er betrachtete seinen wohl erworbenen Ruhm als verloren und fürchtete, daß man vielleicht gar sein Leben als Sühne für das vom Blitz erschlagene Mädchen fordern werde, indem man wahrscheinlich deren Tod ihm zur Last legen würde. Er hielt sich selbst für schuldig und glaubte das Unglück dadurch veranlaßt zu haben, daß er bei der Ankunft des Dampfboots seinen Posten verließ. Der Morgen kam und er erfuhr bald durch seine Freunde die Meinung der weisen Männer; er ließ daher seine drei Pferde aus der Prärie holen, bestieg die Medizinhütte und redete die sich um ihn versammelnden Bewohner folgendermaßen an: »Meine Freunde! Ich sehe Euch alle um mich und ich stehe vor Euch; meine Medizin ist groß, wie Ihr sehet – sie ist zu groß – ich bin jung und ich war zu eifrig – ich wußte nicht, wann ich aufhören sollte. Der Wigwam von Mah-sisch ist zerstört und viele Augen weinen um Ko-ka (die Antilope). Wak-a-dah-ha-hih gibt drei Pferde, um die Herzen derjenigen zu erfreuen, die um Ko-ka weinen; seine Medizin war groß – sein Pfeil durchbohrte die schwarze Wolke und der Blitz kam und das Donnerboot auch! Wer sagt, daß die Medizin von Wak-a-dah-ha-hih nicht stark ist?«

Am Schlusse dieser Rede erscholl ein allgemeiner Beifallsruf und »das Haar des weißen Büffels« stieg herab unter die Menge, wo man ihn mit dem Handschlage begrüßte. Er führt nunmehr den ehrenvollen Namen Große Doppelmedizin.


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