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Achtundzwanzigstes Kapitel


Schwierigkeit, indianische Frauen zu malen. – Indianische Eitelkeit. – Das Bewachen der Bildnisse. – Ankunft des ersten Dampfboots bei den Sioux. – Hunde-Gastmahl.


Während ich die Häuptlinge und tapferen Krieger der Sioux malte, war mein Wigwam beständig von den Angesehensten des Stammes angefüllt und meine Kunst, die für die größte Medizin erklärt wurde, bildete den ausschließlichen Gegenstand der Unterhaltung der Häuptlinge wie der Frauen und Kinder. Ich mußte alle nach ihrem Range malen, denn sie betrachteten es als eine große Ehre, ihr Bildnis von mir anfertigen zu lassen. Es war indes ein Glück für mich, daß bei den meisten die Furcht stärker war als der Wunsch, dieser Auszeichnung teilhaftig zu werden, da es mir sonst unmöglich gewesen wäre, alle zu befriedigen. Von fünf und selbst von acht war höchstens einer bereit, sich malen zu lassen; die übrigen meinten, sie würden nach dem Tode »ruhiger im Grabe schlafen«, wenn ihr Bild nicht gemalt sei.

Als ich die Häuptlinge und Krieger gemalt hatte und nun erklärte, auch Frauen malen zu wollen, kam ich in große Verlegenheit, indem ich von dem ganzen Stamme, von Männern sowohl als Frauen, herzlich ausgelacht wurde wegen meiner übermäßigen und ihnen unbegreiflichen Herablassung, da ich ernstlich beabsichtigte, eine Frau zu malen und dadurch dieser gleiche Ehre wie den Häuptlingen und tapferen Kriegern erweisen wollte. Diejenigen, die ich gemalt hatte, wurden von solchen, denen diese Auszeichnung nicht zuteil geworden war, tüchtig ausgezogen wegen der »sehr beneidenswerten Ehre«, die der große, weiße Medizinmann »ausschließlich für sie bestimmt gehabt«, nun aber auch auf die »Frauen« übertragen wolle!

Die von mir Gemalten erklärten, daß, wenn ich Frauen und Kinder malte, ich ihre Bildnisse je eher je lieber zerstören möchte; ich hätte gesagt, ich bedürfte ihrer Bildnisse, um den weißen Häuptlingen die Ausgezeichnetsten und Würdigsten unter den Sioux zu zeigen; ihre Frauen und Kinder hätten aber niemals Skalpe erbeutet und nichts weiter getan, als Feuer angemacht und Häute gegerbt. Nachdem diese Angelegenheit noch vielfach besprochen worden und ich ihnen auseinandergesetzt, daß ich die Bildnisse der Frauen lediglich deshalb unter diejenigen ihrer Ehemänner aufhängen wollte, um zu zeigen, wie ihre Frauen aussähen und sich kleideten, ohne weiter etwas über sie zu sagen, gelang es mir endlich, einige Frauenbildnisse zu vollenden, unter denen sich auch die beiden im vorigen Kapitel erwähnten befanden.

Die Eitelkeit der Männer, die sich malen ließen, übersteigt alle Vorstellung. Während in der zivilisierten Welt das fertige Bild gewöhnlich nicht weiter beachtet wird, liegt der Indianer vom Morgen bis zum Abend vor ihm, im Anschauen seiner schönen Züge versunken und bewacht es sorgfältig, damit es keinen Schaden leide. Der Grund dieser Sonderbarkeit liegt in dem Glauben, daß das Bild einen gewissen Grad von Leben besitze und daß seine Verletzung auf mystische Weise auch dem Leben des Originals nachteilig werden könne. Dies abergläubige Bewachen der Bildnisse, das ich unter allen von mir besuchten Indianerstämmen gefunden habe, war mir bei den noch nicht ganz trockenen Gemälden, die durch die neugierige Menge leicht beschädigt werden konnten, oft von großem Nutzen.

In dieser Weise war ich mehrere Wochen eifrig mit meinem Pinsel beschäftigt gewesen, als eines Tages angezeigt wurde, daß das Dampfboot, das wir verlassen hatten, den Fluß herauf komme und bald darauf hörten wir auch das Geräusch des Dampfes und den Donner der Kanonen. Die Aufregung unter den 6000 Indianern, als das Boot bei ihrem Dorfe vor Anker ging, war ungemein belustigend; als aber Herr Chouteaux und der Major Sandford, ihr alter Freund und Agent, es verließen und ans Land kamen, gewannen sie ihr Vertrauen und ihren Mut wieder und alle versammelten sich bei dem Boote, ohne weiter Erstaunen oder selbst Neugier zu zeigen.

Die Ankunft des Dampfbootes war ein so außerordentliches Ereignis, daß mehrere Festlichkeiten deshalb veranstaltet wurden. Eines Tages wurde angekündigt, daß zur Feier der Ankunft der großen weißen Häuptlinge ein großes Festmahl stattfinden solle. Die beiden Häuptlinge Ha-wan-dschi-tah und Tschan-dih stellten ihre beiden Zelte in einem Halbkreise zusammen, in dem etwa 150 Personen Platz hatten; die Herren Chouteaux, Major Sandford, Mackenzie und ich saßen in der Mitte auf erhöhten Sitzen, die Häuptlinge und Krieger dagegen zu beiden Seiten auf dem Boden. In der Mitte war eine Stange mit einer weißen Flagge und der Friedenspfeife errichtet, als ein Zeichen ihrer freundschaftlichen Gesinnung gegen uns. Neben der Flaggenstange standen in einer Reihe sechs oder acht Kessel mit eisernen, dicht schließenden Deckeln, worin das für unser leckeres Mahl zubereitete Fleisch enthalten war, und neben diesen mehrere hölzerne Schüsseln, auf denen das Fleisch serviert werden sollte. Außerdem saßen noch drei Männer auf dem Boden, um die Pfeifen anzuzünden und die Speisen auszuteilen.

Als alles gehörig vorbereitet war, erhob sich Ha-wan-dschi-tah, der erste Häuptling des Stammes, und richtete folgende Worte an den Major Sandford: »Mein Vater! ich bin erfreut, dich heute hier zu sehen – mein Herz ist stets froh, meinen Vater zu sehen, wenn er kommt – unser großer Vater, der ihn hersendet, ist sehr reich, wir sind arm. Wir sind auch erfreut, unseren Freund Mackenzie hier zu sehen. Unser Freund, der zu deiner Rechten sitzt, ist, wie wir alle wissen, sehr reich, und wir haben erfahren, daß ihm das große Medizinboot gehört; er ist ein guter Mensch und ein Freund der roten Männer. Unseren Freund, den weißen Medizinmann, der neben dir sitzt, kannten wir nicht – er kam als Fremder zu uns und er hat mich sehr gut gemalt; alle Frauen wissen es und halten es für sehr gut; er hat viele merkwürdige Dinge getan und wir alle sind mit ihm zufrieden – er hat uns viel Unterhaltung gewährt – und wir wissen, daß er große Medizin ist. Mein Vater! Ich hoffe, du wirst Mitleid mit uns haben; wir sind sehr arm – wir bieten dir heute nicht das Beste, was wir haben, denn wir haben einen großen Vorrat von Büffelhöckern und Mark – aber wir bringen dir unsere Herzen zu diesem Fest – wir haben unsere treuen Hunde geschlachtet, um euch damit zu speisen – und der Große Geist wird unsere Freundschaft besiegeln. Ich habe nichts mehr zu sagen.«

Nachdem er diese Worte gesprochen, legte er seinen schönen Kopfputz von Adlerfedern, den Rock, die Beinkleider, das Halsband von Bärenklauen und die Schuhe ab, band alles sorgfältig zusammen und legte es nebst einer reich verzierten Pfeife als Geschenk vor dem Agenten nieder, worauf er in eine benachbarte Hütte ging, eine Büffelhaut umhing und dann seinen Sitz wieder einnahm.

Der Major Sandford dankte mit wenigen Worten für das wertvolle Geschenk und für die höfliche Art, mit der es dargebracht worden, und überreichte sodann Tabak und einige andere Dinge als Gegengeschenk. Nachdem noch mehrere andere Häuptlinge gesprochen und ebenfalls ihre Anzüge dem Major zu Füßen gelegt hatten, zündete einer von den erwähnten drei Männern seine Pfeife an und überreichte sie dem Häuptling Ha-wan-dschi-tah. Dieser nahm sie, richtete die Spitze gegen Norden, Süden, Osten und Westen, dann, mit den Worten: »Hau, hau, hau« gegen die Sonne, tat einige Züge und reichte sie dann, während er den Kopf in der einen, das Rohr in der anderen Hand hielt, jedem zum rauchen hin. Wenn die Pfeife gestopft und angezündet ist, so darf kein Wort gesprochen werden, bis der Häuptling daraus geraucht hat; geschieht es dennoch und wäre es auch nur ein leises Flüstern, so wird die Pfeife augenblicklich weggeworfen und eine andere genommen.

Nachdem das Rauchen vorüber war, nahm man die Deckel von den Kesseln und das darin befindliche Hundefleisch verbreitete einen ganz angenehmen Geruch. Vor jeden der weißen Gäste wurde eine große hölzerne Schüssel gestellt, worin sich eine ungeheure Menge Fleisch mit vieler Brühe und ein Löffel aus Büffelhorn befand. Da wir wußten, welchen Wert die Indianer auf dieses ganze Fest legten, so waren wir genötigt, wenigstens etwas von diesem Fleische zu genießen, worauf wir unsere Schüsseln zurückgaben. Nachdem das in den Kesseln befindliche Fleisch verzehrt war, entfernten sich alle ohne ein Wort zu sprechen.

Dies Fest hatte offenbar den Zweck, uns einen unzweideutigen Beweis ihrer Freundschaft zu geben, denn nach allem, was ich bei den von mir besuchten Stämmen gesehen habe, ist das Hundefest eine religiöse Feierlichkeit. Der Hund wird bei allen Indianern weit höher geschätzt, als in der zivilisierten Welt. Beide sind unzertrennliche Gefährten und auf den Felsen wie auf ihren Wappenschildern ist der Hund das Sinnbild der Treue; aber dennoch wird der Indianer seinen treuen Begleiter, wenn auch mit Tränen im Auge, zum Opfer bringen, um dadurch die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen zu beweisen, da ein Gastmahl von Wild oder Büffelfleisch etwas gewöhnliches ist, was jedem gereicht wird, der einen indianischen Wigwam betritt.

Das Hundefleisch war sehr gut gekocht und wir hätten auch gewiß davon gegessen, wenn wir hungrig gewesen wären und nicht gewußt hätten, was es war. Dieser Gebrauch findet sich, wie ich glaube, bei allen Stämmen Nordamerikas, und man opfert den Hund und das Pferd, und zwar das Beste, was man von beiden hat, um gewisse Geister oder Gottheiten zu versöhnen.


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