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Elftes Kapitel


Dorf der Mandaner. – Frühere Wohnsitze. – Befestigung ihres Dorfes. – Bauart der Wigwams. – Beschreibung des Innern. – Betten. – Waffen. – Familiengruppen. – Indianische Schwatzhaftigkeit. – Späße. – Erzählungen am Feuer. – Ursachen der Schweigsamkeit der Indianer in zivilisierter Gesellschaft.


Die Mandaner oder Si-pohs-kah-nu-mah-kah-ki, d. h. Fasanenvolk, wie sie selbst sich nennen Siehe Anmerkung 2., sind vielleicht der älteste Indianerstamm in diesem Lande. Ihr Ursprung ist natürlich, gleich dem aller anderen Stämme, in Dunkelheit gehüllt. Auf ihre Überlieferungen und Eigentümlichkeiten werde ich später zurückkommen. Sie setzen einen großen Stolz darin, ihre Sagen über ihren Ursprung zu erzählen und behaupten, sie seien das erste Volk, das auf der Erde erschaffen wurde. Ihre Anwesenheit in dieser Gegend schreibt sich aus keiner sehr frühen Zeit her, und soviel ich aus ihren Überlieferungen ersehen habe, waren sie früher eine sehr zahlreiche und mächtige Nation, die aber durch die beständigen Kriege mit ihren Nachbarn bis auf ihre gegenwärtige Zahl – etwa 2000 Seelen – zusammengeschmolzen ist.

 


Anmerkung 2.

Die Mandaner (bei den Kanadiern les Mandals), – so werden diese Indianer allgemein genannt, obgleich diese Benennung eigentlich von den Dacotas gegeben ist, – bildeten ehemals ein zahlreiches Volk, das dreizehn und vielleicht mehr Dörfer bewohnte. Sie selbst nennen sich Númangkake (d. h. Menschen), und wollen sie ihre Abstammung näher bezeichnen, so wird noch die Bezeichnung des Dorfes hinzugesetzt, aus dem sie ursprünglich herstammen, da alle ihre Dörfer einen Namen tragen. Ein Teil von ihnen nennt sich Sipuske-Númangka (die Leute der Fasanen oder Prairie Hens), nach dem Dorfe Sipúska- Mihti (Fasanen-Dorf); andere heißen Mató-Númangkä (die Leute des Bären) nach dem Dorfe Mató-Mihti; wieder andere Schakiri-Númangkä (die Leute der Kaktus oder der Pommes de requettes) nach Schakiri-Mihti (Dorf der Kaktus); noch andere Mahtäkä-Númangkä (Leute des Dachses) nach dem Dachsdorfe (Mahtäkä-Mihti) usw. Ein anderer allgemeiner Name dieses Volkes ist Máhnd-Härrä, die Trotzenden oder Schmollenden, weil sie sich von einem Teile ihrer Nation trennten und den Missouri weiter aufwärts zogen.


 

Die Mandaner leben gegenwärtig am westlichen Ufer des Missouri, etwa 400 deutsche Meilen oberhalb St. Louis und 40 Meilen unterhalb der Mündung des Yellow-Stone-Flusses. Sie haben nur zwei Dörfer Siehe Anmerkung 3., die etwa zwei englische Meilen voneinander entfernt sind und eine sehr schöne und zur Verteidigung sehr zweckmäßige Lage haben. Namentlich liegt das untere Dorf, oder der Hauptort, überaus reizend in der Mitte eines weiten Tales, das von anmutigen, im schönsten Grün prangenden Hügeln umgeben ist. Auf einer ausgedehnten Ebene, die, gleich den Hügeln und Talgründen, mit grünem Rasen bedeckt ist, aber so weit das Auge reicht nicht einen Baum oder Strauch zeigt, erheben sich die Kuppeln (nicht von Gold, sondern von Erde) und unzählige Skalppfähle usw. des halb unterirdischen Dorfes der gastlichen und wohlgesitteten Mandaner.

 


Anmerkung 3.

Die beiden Dörfer sind Mih-Tutta-Hangkusch (das südliche Dorf), etwa 300 Schritte oberhalb Fort Clarke, an demselben Flußufer, und Ruhptare (die sich umwenden) etwa drei englische Meilen höher am Flusse aufwärts ebenfalls an demselben Ufer. Das erstere zählte 65 Hütten und enthielt etwa 150 Krieger; das letztere 38 Hütten und 83 Krieger. Dem Gesagten zufolge besaß damals dieser Stamm nicht mehr als 233 bis 240 Krieger und etwa im ganzen 900-1000 Seelen.


 

Dies Volk lebte früher, wie viele der ältesten Leute sich noch erinnern können, drei bis vier Meilen weiter stromabwärts in zehn nahe beisammenliegenden Dörfern, deren Überreste noch deutlich zu sehen sind. Damals waren sie, wie sich sowohl aus der Zahl der Hütten, die ihre Dörfer enthielten, als aus ihren Sagen ergibt, weit zahlreicher als gegenwärtig. Andere und interessante Sachen und historische Tatsachen deuten auf einen noch früheren Wohnsitz und Zustand dieses Volkes hin, worauf ich später ausführlich zurückkommen werde; es geht daraus hervor, daß sie früher am unteren Missouri und selbst am Ohio und Muskingam wohnten und allmählich den Missouri hinauf bis zu ihrem gegenwärtigen Wohnsitz wanderten.

Unterhalb ihres Dorfes und fast bis nach St. Louis hinab finden sich viele Ruinen, die deutlich die eigentümliche Bauart der Mandanerhütten zeigen und daher ein starker Beweis für die obige Annahme sind.

Die Lage des Dorfes ist bewundernswürdig für die Verteidigung ausgewählt. Der Fluß, dessen Ufer hier 40–50 Fuß hoch sind und größtenteils aus festem Gestein bestehen, wendet sich plötzlich unter einem rechten Winkel und deckt auf diese Weise zwei Seiten des Dorfes, das auf diesem vorspringenden Winkel oder Vorgebirge erbaut ist; es blieb daher nur eine Seite zu beschützen und dies wird durch eine starke Verpalisadierung und einen im Innern befindlichen 3–4 Fuß tiefen Graben bewirkt. Die Pfähle sind einen Fuß und darüber dick und 18 Fuß hoch, fest in den Boden eingegraben und weit genug voneinander entfernt, um Flinten- und andere Geschosse zwischen sie hindurch abschießen zu können. In dem Graben, der (gegen die bei zivilisierten Völkern übliche Befestigungsart) sich innerhalb der Palisaden befindet, verbergen sich die Krieger, um sich dem Anblick und den Waffen ihrer Feinde zu entziehen, während sie selbst ihre Geschosse laden und zwischen den Pfählen hindurch abschießen.

Die Mandaner sind in ihren Dörfern völlig gesichert gegen die Angriffe von Indianern und haben diese nur zu fürchten, wenn sie ihnen auf der Prärie begegnen. Ihr Dorf erscheint dem Fremden sehr sonderbar. Die Hütten sind dicht aneinander gebaut und lassen nur soviel Raum, daß man zwischen ihnen gehen und reiten kann. Von außen scheinen sie ganz aus Erde erbaut zu sein, tritt man aber hinein, so ist man erstaunt über die Nettigkeit, Bequemlichkeit und Geräumigkeit dieser Wohnungen. Sie haben alle eine Kreisform und 40 bis 60 Fuß im Durchmesser. Zuerst wird für das Fundament die Erde etwa zwei Fuß tief kreisförmig ausgegraben und der Fußboden geebnet; seine Größe richtet sich nach der Zahl oder dem Range der Bewohner. Sodann werden Pfähle von 8–9 Zoll Durchmesser und etwa 6 Fuß Höhe innerhalb der kreisförmigen Ausgrabung dicht nebeneinander in den Boden befestigt und auf der Außenseite eine starke Erdwand gegen sie aufgeschüttet. Auf diese Pfähle werden andere von 20–25 Fuß Länge befestigt, die sich mit ihrem oberen oder schmaleren Ende unter einem Winkel von 45° gegen die in der Mitte des Daches der Hütte befindliche Öffnung neigen, die 3–4 Fuß im Durchmesser hat und zugleich als Rauchfang und als Fenster dient. Das Dach wird durch Querbalken gestützt, die etwa in der Mitte der schrägen Pfähle rings um das Innere der Hütte herumlaufen und von vier bis fünf großen, in dem Fußboden befestigten Balken getragen werden. Auf die das Dach bildenden Pfähle werden Weidenzweige etwa einen halben Fuß hoch gelegt, um sie gegen die Feuchtigkeit der Erde zu schützen, mit der die ganze Hütte bis zur Dicke von 2–3 Fuß bedeckt wird; diese Erdschicht belegt man endlich noch mit hartem oder zähem Ton, der das Wasser nicht durchläßt und zuletzt so hart wird, daß das Dach der Hütte bei schönem Wetter der ganzen Familie zum Versammlungsort dient, um die frische Luft zu genießen oder sich zu unterhalten, und dorthin begibt sich der ernste Krieger, um ungestört seinen Betrachtungen nachzuhängen über all die Fröhlichkeit und das Glück, das ihn umgibt, als eine Folge der harten Kämpfe, die er mit den kühnen roten Männern durchgefochten hat.

Der Fußboden dieser Hütte ist von Erde, aber durch die Länge der Zeit so fest und rein geworden, daß er wie poliert erscheint und das weißeste Leinen nicht beschmutzen würde. In der Mitte und gerade unter der Öffnung im Dache befindet sich der Feuerplatz, ein kreisförmiges, etwa einen Fuß tiefes Loch von 4–5 Fuß Durchmesser und rundherum mit Steinen ausgelegt. Über demselben hängt an schräggestellten Stangen der Topf oder Kessel mit Büffelfleisch und um diesen lagert sich die Familie in malerischen Stellungen und Gruppen auf Büffelhäuten oder zierlich geflochtenen Binsenmatten. Diese Hütten sind so geräumig, daß sie 20–40 Personen – eine Familie mit allen ihren Verwandten aufnehmen können. Alle Mandaner schlafen in Bettstellen, die den unsrigen ähnlich, aber nicht ganz so hoch und aus runden Pfählen gemacht sind, die mit Stricken zusammengebunden werden. Über die etwa zwei Fuß über dem Boden befindlichen unteren Pfähle wird eine frisch abgezogene Büffelhaut mit der Haarseite nach oben gespannt, die, wenn sie getrocknet ist und sich zusammengezogen hat, ein vollkommenes Unterbett bildet, worauf es sich ganz bequem liegt; eine zweite Büffelhaut dient als Kopfkissen und eine dritte als Decke. Diese Betten, soviel ich deren gesehen – und ich habe fast alle Hütten besucht – sind sämtlich mit einem Vorhang von Büffel- oder Elenhaut versehen, der vorn soviel Raum läßt, daß man in das Bett gelangen kann. Einige dieser Vorhänge waren geschmackvoll mit Fransen und Stachelschweinstacheln verziert und mit Hieroglyphen bemalt.

Wegen der großen Anzahl von Bewohnern in jeder Hütte befinden sich auch viele Betten darin. Man sieht deren oft zehn bis zwölf, die stets 4–5 Fuß voneinander entfernt sind; in diesem Zwischenraume steht ein 6–7 Fuß hoher Pfahl mit großen hölzernen Nägeln oder Pflöcken, woran die Waffen und Rüstungen der Krieger aufgehängt werden, nämlich der weiße, mit der Abbildung seiner schützenden »Medizin« verzierte Schild, der Bogen und Köcher, die Kriegskeule oder Streitaxt, der Wurfspieß, der Tabakbeutel und die Pfeife, der Medizinbeutel und der Kopfputz von Adler- oder Rabenfedern oder von Hermelin, und über allen diesen Dingen, auf der Spitze des Pfahles, prangt ein vollständiger Büffelkopf mit den Hörnern, der bei dem Büffeltanze, wovon später die Rede sein wird, als Maske dient.

Diese ganze Zusammenstellung von Betten, Waffen, Pelzwerk und Geheimnissen, Kesseln, Töpfen, Löffeln und anderen Küchengeräten eigener Fabrik, die düsteren, vom Rauche geschwärzten Wände und Decke der Hütte, in Verbindung mit den anmutigen, schwatzenden, Geschichten erzählenden, glücklichen, wenn auch ungebildeten und ungelehrten Gruppen, die, um ihr friedliches Feuer gelagert, ihre Pfeifen rauchen, mit ihren Geliebten tändeln und ihre Kinder umarmen – dies alles bietet dem Fremden eine der malerischsten und wildesten Szenen dar, wie keine Einbildungskraft sie darzustellen vermag.

Ich sagte von diesem Volke, daß es gern schwatze, Märchen erzähle und glücklich sei; dies ist buchstäblich wahr, und es ist meine Aufgabe, dies darzutun und den in dieser Beziehung herrschenden Irrtum zu widerlegen.

Es gibt in dieser aufgeklärten Zeit in dem ganzen Bereich des menschlichen Wissens wohl kaum irgendeinen Gegenstand, über den die zivilisierte Welt so schlecht unterrichtet ist, als über die Sitten und Gebräuche, den moralischen Zustand, die Rechte und die Mißbräuche der nordamerikanischen Indianer. Die Hauptursache hiervon ist die Schwierigkeit für uns, offen und ehrlich Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen und, wie es die Gerechtigkeit gegen sie und unsere eigene Ehre erfordern, ihren Charakter unparteiisch zu beurteilen. Die gegenwärtige Zeit des Klügelns und Untersuchens hat alles andere in den Bereich des Verstandes und der Wissenschaft gezogen, während der wilde und schüchterne Indianer mit seinen interessanten Gebräuchen und Moden verschwunden ist, oder seinen Charakter bei der Annäherung des zivilisierten Menschen verändert, der ihm, gleich einem Phantom, eine Zeitlang folgt und endlich ohne seinen wahren Charakter erkannt zu haben, zu den gewöhnlichen Geschäften des sozialen Lebens zurückkehrt.

Unter den Irrtümern, in die man infolge jener Schwierigkeiten hinsichtlich der Wilden verfällt, ist wohl keiner allgemeiner verbreitet und falscher und zugleich keiner so leicht zu widerlegen als der, daß der Indianer ein mürrisches, verdrießliches, verschlossenes und schweigsames Wesen sei. Dies ist keineswegs allgemein der Fall.

Ich habe auf allen meinen Wanderungen unter den Indianern, und namentlich unter den anspruchslosen Mandanern bemerkt, daß sie weit schwatzhafter und gesprächiger sind als die zivilisierten Völker. Man wird diese Behauptung vielleicht auffallend finden, aber sie ist dennoch wahr. Wer jemals einen Blick in die Wigwams dieses Volkes getan oder eine ihrer Gruppen beobachtet hat, der wird die Überzeugung gewinnen, daß Schwatzen, Plaudern und Erzählen ihre Hauptleidenschaften sind.

Man gehe oder reite an einem schönen Tage nur einige Stunden um dies kleine Dorf herum und betrachte ihre zahllosen Spiele und Unterhaltungen, die von unaufhörlichem Freudengeschrei begleitet sind, oder man gehe in ihre Wigwams und beobachte die um das Feuer versammelten Gruppen, wo Scherze und Anekdoten erzählt werden und fröhliches Gelächter erschallt – und man wird sich überzeugen, daß Lachen und Fröhlichkeit ihnen natürlich sind. Es wäre auch in der Tat auffallend, wenn ein Volk wie dieses, das sonst wenig vom Leben genießt, gerade in dieser Quelle des Vergnügens und der Unterhaltung beschränkt sein sollte. Wenn auch der unentwickelte Zustand ihres Geistes die Zahl ihrer Vergnügungen beschränkt, so sind sie doch auch frei von tausend Sorgen und Plagen, die aus gewinnsüchtigen Beweggründen in der zivilisierten Welt hervorgehen, und sie stehen, nach meiner Ansicht, in dem wirklichen und ununterbrochenen Genusse ihrer natürlichen Fähigkeiten weit über uns.

Sie leben in einem Lande und in Gemeinden, wo es nicht gebräuchlich ist, mit Sorgen in die Zukunft zu blicken, und sie wissen nichts von dem Aufwande, den das Leben in der zivilisierten Welt nötig und unerläßlich macht; ihre Neigungen und Fähigkeiten sind daher allein darauf gerichtet, den gegenwärtigen Tag zu genießen, ohne sich düsteren Betrachtungen über die Vergangenheit oder Besorgnissen für die Zukunft zu überlassen.

Da sie von den mannigfachen Leidenschaften und Begierden des zivilisierten Lebens noch unberührt geblieben sind, so ist es leicht und natürlich für sie, ihre Gedanken und Unterhaltungen auf die kleinen und unbedeutenden Begegnisse ihres Lebens zu richten. Sie lieben Scherz und Heiterkeit, und die kleinen Späße, wozu ihre eigentümliche Lebensweise ihnen unerschöpflichen Stoff darbietet, werden in ihren kleinen Versammlungen um das Wigwamfeuer mit herzlichem Gelächter und Fröhlichkeit aufgenommen.

Man wird vielleicht meinen, ich verweilte zu lange bei diesem Punkte; allein da es sich um einen Irrtum handelt, der allgemein verbreitet ist und der, wenn einmal gehoben, eine wesentliche Schwierigkeit beseitigt, die bisher einer richtigen Würdigung des indianischen Charakters im Wege stand, und da ich der Welt den Indianer in seinem wahren Lichte zu zeigen wünsche, so muß ich, bevor ich weitergehe, diese Punkte erledigen. Nur muß man meinen Worten Glauben schenken oder selbst in dies Land kommen und in diesen wunderlichen Versammlungen Zeuge der unerschöpflichen Scherze und des unauslöschlichen Gelächters sein, statt in Washington den armen verlegenen Indianer anzugaffen, der von seinem »großen Vater« dorthin berufen ist, um mit der Sophistik der zivilisierten Welt um sein Land zu feilschen, das die Gräber und die Jagdgebiete seiner Vorfahren enthält. Dort ist nicht der geeignete Ort, den Charakter des Indianers zu studieren und seine Geschichte zu schreiben. Weil er dort nicht spricht und den köstlichen Trank, den die Hand der weißen Menschen ihm reicht, trinkt, ist er »ein sprachloses Tier und ein Trunkenbold«. Der Indianer ist ein Bettler in Washington und der weiße Mann ist nicht viel besser im Dorfe der Mandaner; der Indianer in Washington ist stumm und verlegen und ebenso der weiße Mann in dem Dorfe der Indianer, und zwar aus demselben Grunde – weil er niemand hat, mit dem er sprechen könnte.

Ein wilder Indianer muß, um die zivilisierte Welt zu erreichen, mehrere hundert Meilen auf ungewohnte Art reisen, durch Gegenden, die ihm neu sind, Nahrungsmittel genießen, an die er nicht gewöhnt ist, von Tausenden sich angaffen lassen, mit denen er nicht sprechen kann, und sein Herz bricht ihm, wenn er sieht, wie in dem Lande und über den Gebeinen seiner Vorfahren der weiße Mann seinen Reichtum und Luxus genießt. Und hat er endlich das Ziel seiner Reise erreicht, so wird er wie ein Tier im Käfig angestaunt, bekrittelt, bemitleidet und der Welt als stumm, vernunftlos und als Bettler geschildert.

Ein Weißer muß, um in das Dorf zu gelangen, auf Dampfbooten, auf Kanoes, zu Pferde, zu Fuß reisen, Flüsse durchschwimmen, Sümpfe durchwaten, mit den Moskitos kämpfen, seine Mokassins und seine Beinkleider immer wieder ausbessern, nur von Fleisch leben, den ganzen Weg auf der Erde schlafen und von seinen Freunden träumen, die er verlassen hat; und wenn er halb verhungert, halb nackt und mehr als halb krank hier ankommt, so muß er um einen Platz zum Schlafen und um etwas Speise betteln; er ist stumm unter Tausenden, die sich um ihn versammeln, um ihn zu betrachten, zu bekritteln, über sein elendes Aussehen zu lachen und ihn, wie alle Weißen ohne Unterschied, für einen Lügner zu erklären. Da dies Volk in seinem Lande keine anderen weißen Männer als Pelzhändler sieht und von keinen anderen etwas weiß, so beurteilt es uns alle auf gleiche Weise, glaubt, daß wir alle nur kommen, um zu handeln oder zu tauschen, und nennt uns alle ohne Unterschied Lügner oder Pelzhändler.

Man sieht hieraus, daß durch die unglückliche Unwissenheit, worin die Entfernung uns erhält, wechselseitig einer in des anderen Achtung leidet, und daß der Geschichtschreiber, der den Charakter und die Gebräuche eines Volkes richtig schildern will, unter ihm leben muß.


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