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Vierzigstes Kapitel


Rückkehr nach Fort Gibson. – Bedeutende Erkrankungen an diesem Orte. – Tod des Leutnants West, des preußischen Botanikers Beyrich und seines Dieners. – Indianische Ratsversammlung im Fort Gibson. – Ausrüstung von Handelspartien nach dem Lande der Camantschen. – Merkwürdige Mineralien und fossile Muscheln. – Bergketten mit fossilen Muscheln, Eisen und Gips. – Salpeter und Salz.


Als wir von unserem Lager am Canadianflusse aufbrachen, hatten wir eine große Anzahl Kranke, die auf Tragbahren fortgeschafft wurden, und da auch mehrere unserer Pferde unterwegs starben, so kamen wir nur langsam vorwärts und erreichten erst nach einem fünfzehntägigen mühsamen Marsche Fort Gibson, wo wir in einem sehr elenden Zustande anlangten. Mehrere Kranke hatte man mit Leuten zu ihrer Bedienung zurücklassen müssen, andere waren unterwegs gestorben und begraben worden und noch andere erreichten nur das Fort, um daselbst zu sterben und so doch wenigstens ein ordentliches Begräbnis zu erhalten. Von denen, die in das Hospital gebracht wurden, starben täglich vier bis fünf Mann, und da auch von dem hier stationierten neunten Infanterieregiment ebensoviel derselben Krankheit erlagen, so hörte ich täglich sechs- bis achtmal die gedämpfte Trommel unter meinem Fenster, denn der Begräbnisplatz lag in geringer Entfernung von meiner Wohnung.

Unter denen, die hier der Tod hinwegraffte, befand sich auch mein vielgeliebter Freund, der Leutnant West, der den General Leavenworth auf diesem unglücklichen Zuge als Adjutant begleitete und eine trauernde Witwe und kleine Kinder hinterließ. Mit ihm zugleich wurde der preußische Botaniker Beyrich beerdigt, ein trefflicher, gelehrter Mann, der von dem Sekretär des Kriegsdepartements den Auftrag erhalten hatte, die Expedition zu wissenschaftlichen Zwecken zu begleiten. Er hatte in St. Louis einen bequemen Wagen und ein Gespann kleiner Pferde gekauft, um darin mit seinem Diener die Reise durch die Prärie zu machen und seine Pflanzensammlungen fortzuschaffen. Auf diese Weise begleitete er das Regiment von St. Louis bis zum Fort Gibson, über hundert Meilen weit und von da bis zum False Waschita und Croß-Timbers und wieder zurück. Er brachte von dieser Reise eine sehr bedeutende und unstreitig sehr wertvolle Sammlung von Pflanzen mit und war seit mehreren Wochen unermüdlich mit dem Ordnen und Trocknen beschäftigt, als auch ihn endlich die herrschende Krankheit ergriff, die leichtes Spiel mit ihm zu haben schien, da er infolge der Lungenschwindsucht, woran er litt, sehr schwächlich war. Dieser fein gebildete, treffliche Mann, zu dem ich mich sehr hingezogen fühlte, bewohnte ein Zimmer neben dem meinigen, wo er starb, wie er gelebt, ruhig und lächelnd, und zwar in einem Augenblick, wo niemand glaubte, daß sein Leben in Gefahr sei. Der Arzt, Dr. Wright, machte eben seinen Morgenbesuch bei mir, als ein Negerknabe, der sich allein in dem Nebenzimmer befand, hereintrat und sagte, der Herr Beyrich sterbe. Wir eilten sogleich zu ihm und fanden ihn völlig angekleidet auf dem Bette liegend, nicht im Todeskampfe, sondern wie er eben, ohne ein Wort oder eine Zuckung, zum letzten Male aufatmete. An dem vorhergehenden Tage starb sein treuer Diener, ein junger Deutscher, an derselben Krankheit. Beide wurden nebeneinander beerdigt und allgemeine Trauer gab sich unter den Offizieren und Bürgern zu erkennen, die ihn zu Grabe geleiteten.

siehe Bildunterschrift

Tafel XV. Wilde Pferde im Freien.

Nachdem wir den Canadianfluß verlassen hatten, nahm meine Krankheit immer mehr zu und ich wurde täglich schwächer, so daß ich auf das Pferd hinauf- und wieder herabgehoben werden mußte, bis ich zuletzt auch nicht mehr reiten konnte. Ich wurde daher auf einen leeren Packwagen gelegt, auf dem sich schon mehrere kranke Soldaten befanden. Hier lag ich acht Tage lang fast immer im Delirium auf harten Brettern und wurde beständig hin und her gerüttelt, so daß zuletzt die Haut von meinen Ellbogen und Knien abgescheuert war. In dem Fort erhielt ich jedoch eine bequemere Wohnung, und die geschickte Behandlung des Dr. Wright, meines Freundes und Schulkameraden, stellte mich bald wieder her.

Hoffentlich wird man den traurigen Ausgang dieses Unternehmens sich zur Lehre dienen lassen und künftig nicht wieder Soldaten aus dem Norden in der heißesten Jahreszeit, im Juli und August, nach dem Süden senden. Von den 450 schönen Leuten, die vom Fort Gibson ausmarschierten, war nach vier Monaten schon der dritte Teil gestorben, und von denen, die noch lebten, erlagen noch viele der tödlichen Krankheit, die sie sich in jenem unheilvollen Lande zugezogen hatten.

Als nach unserer Rückkehr aus den Prärien die Krankheit etwas nachgelassen hatte, sandte der Oberst Dodge Boten an alle benachbarten Indianerstämme und ließ sie auffordern, zu einer Besprechung mit den Pahnihs usw. nach dem Fort zu kommen. Sieben oder acht Stämme fanden sich in großer Anzahl am ersten Tage des Monats ein, als die Beratungen begannen; sie währten mehrere Tage und gaben diesen halbzivilisierten Söhnen des Waldes Gelegenheit, ihren wilden und ungebändigten roten Brüdern des Westens die Hand zu reichen, sie zu umarmen und die Pfeife mit ihnen zu rauchen, als feierliches Unterpfand des dauernden Friedens und der Freundschaft.

Der Oberst Dodge, der Major Armstrong, als Agent, und der General Stokes, als Kommissar für die Indianerangelegenheiten, hatten bei diesen Beratungen den Vorsitz und es kann kein interessanteres und unterhaltenderes Schauspiel geben, als diese Zusammenkünfte, wo zivilisierte, halbzivilisierte und wilde Menschen mehrere Tage frei miteinander verkehrten. Die prahlerischen Reden der halbzivilisierten (und Halbindianer) Tschirokihs und Tschoktahs mit all ihrem Prunke und ihrer Verschlagenheit wurden von den kurzen und in mißtönenden Kehllauten gesprochenen Reden der wilden und nackten Männer übertroffen.

Nachdem die Beratungen beendet, die Friedenspfeifen und die Geschenke vom Oberst Dodge verabreicht waren, kehrten die Indianer, von Dragonern begleitet, wieder in ihre Heimat zurück. Es wäre wohl zu wünschen gewesen, daß die Indianer Washington gesehen hätten, allein sie waren nicht zu bewegen, die Reise dorthin zu machen.

Drei der angesehensten Häuptlinge der Pahnihs, fünfzehn Keiowäs-, ein Camantschen- und ein Weicoshäuptling begleiteten uns nach dem Fort Gibson. Es war dies unstreitig eine der interessantesten Gruppen, die jemals unsere Grenze besuchte und ich bin eifrig bemüht gewesen, diese sowie sieben andere Camantschenhäuptlinge, die einen Teil des Weges mit uns zogen und dann umkehrten, zu malen.

Obgleich es sehr verdienstlich war, diese Indianer mit uns bekannt zu machen und einen allgemeinen Frieden herzustellen, so zweifle ich doch, ob ihr Zustand dadurch gebessert werden wird, wenn nicht zugleich die Regierung sie in den Rechten schützt, worauf sie von Natur Ansprüche haben.

Bereits am Tage nach der Abreise der Indianer wurde im Fort Gibson eine Gesellschaft von acht Personen mit großen Vorräten, Biberfallen usw. ausgerüstet, die die Indianer in ihre Heimat begleiten und daselbst einen Handelsposten errichten will; sie werden dort in kurzer Zeit große Reichtümer erwerben, da sie die ersten Handelsleute und Biberfänger sind, die in jenen Teil des Landes kommen.

Ich bin zu viel unter den Indianerstämmen gereist, um nicht die üblen Folgen eines solchen Systems zu kennen. Die Waren werden zu so übermäßig hohen Preisen verkauft, daß der Indianer nur einen Schatten von dem wahren Werte seines Pelzwerks empfängt. Die Indianer sehen keine anderen Weißen als Pelzhändler und Branntweinverkäufer und die natürliche Folge davon ist, daß sie uns verachten, uns mit Recht für geringer halten als sich selbst, und uns weder fürchten noch achten. Wenn dagegen die Regierung dergleichen Ansiedlungen verhindern und die Indianer auffordern wollte, nach unseren Grenzposten zu kommen, so würden sie ihr Pelzwerk, ihre Pferde, Maultiere usw. dorthin bringen, wo ein guter Markt für sie alle ist – wo man ihnen den vollen Wert für ihr Eigentum zahlt – wo Vorräte von allerlei Waren sind – wo man ihnen vier- bis fünfmal soviel für ihre Handelsartikel geben würde, als sie von dem Händler in ihren Dörfern erhalten, wo fern von dem Bereich der zivilisierten Welt keine Konkurrenz vorhanden ist.

Sie würden ferner bei ihren Besuchen gute und gebildete Gesellschaft sehen und dadurch allmählich unsere Lebensweise annehmen, unsere Gemüse, unsere Haustiere, Geflügel usw., und endlich unsere Künste und Manufakturen in ihr Land einführen; sie würden endlich unsere militärische Stärke und unsere Überlegenheit erkennen und uns fürchten und achten lernen. Mit einem Wort, es wäre dies der kürzeste und sicherste Weg zur Freundschaft, zum Frieden und endlich zur Zivilisierung. Wenn ein Gesetz zur Beschützung der Indianer besteht und vielleicht in bezug auf diejenigen Nationen, mit denen wir schon seit langer Zeit Handel treiben, außer acht gelassen worden ist, so wäre es sehr zu beklagen, wenn es nicht in dem gegenwärtigen Falle ausgeführt werden sollte, wo wir mit 30000–40000 Menschen Bekanntschaft machten, die zwar der Zivilisation fremd, aber dennoch, wie uns ihre ungekünstelte Gastlichkeit bewies, ein menschliches Herz besitzen, und aller edlen Gefühle des zivilisierten Menschen fähig sind.

Diese Bekanntschaft kostete den Vereinigten Staaten außer einer großen Summe Geldes, mehrere tüchtige und geachtete Offiziere und mehr als hundert Dragoner.

Was das Dragonerregiment durch Krankheit gelitten hat, seitdem es seinen Marsch antrat, ist beispiellos in diesem Lande und fast unglaublich. Als wir am Fort Gibson aufbrachen, wurden am ersten Tage zehn bis fünfzehn Mann zurückgesandt, weil sie zu krank waren, um weiter zu marschieren, und so wurden unsere Reihen täglich mehr gelichtet, so daß wir, nach einem Marsche von etwa vierzig Meilen, nur noch 250 Mann zählten, die fähig waren, den Marsch fortzusetzen, und mit dieser kleinen Schar, die noch um sechzig bis siebzig Kranke vermindert wurde, gingen wir vorwärts und verrichteten alles, was geschehen ist. Die schönen und malerischen Gegenden, die wir durchzogen, hatten etwas verführerisches, aber sie schienen unter dieser zauberischen Außenseite ein lauerndes Gift zu verbergen, das Trauer über unser Lager verbreitete, wo wir es auch aufschlugen.

Zuweilen ritten wir mehrere Tage, ohne einen Baum zu finden, der uns gegen die brennenden Strahlen einer tropischen Sonne hätte schützen können – ohne daß auch der leiseste Wind uns erfrischt hätte – während die Zunge uns am Gaumen klebte und wir vor Durst verschmachteten, hatten wir nichts anderes als das Wasser der stehenden, von der Sonne erhitzten Pfühle, in denen die Büffel sich zu wälzen pflegten. Dann aber kamen wir auch wieder durch malerische, wellige Gegenden mit schönen Quellen und Flüssen, wo wir erquickenden Schatten und kühles Wasser fanden.

So wurde dieser unheilvolle Marsch vollbracht, und es kann den Obersten Dodge und Kearney für ihre unermüdliche Sorgfalt, die sie den Leuten widmeten, kein zu großes Lob gespendet werden.

Während ich im Fort Gibson krank lag, pflegte mich mein Freund Chadwick, der fast nicht von meiner Seite kam, wie ein Bruder. Ich werde diese erprobte Freundschaft nie vergessen und mich noch oft namentlich des ersten Teiles unserer Reise erinnern, der sehr angenehm war, und viele Vorfälle haben Eindrücke zurückgelassen, die ich bis an das Ende meines Lebens bewahren werde.

Als wir den Marsch antraten, waren wir frisch und munter und begierig auf die Dinge, die da kommen sollten – unser kleines Packpferd trug unsere Betten und unser Küchengerät; unter letzterem eine Kaffeekanne und eine Bratpfanne, – hinreichender Vorrat an Zucker und Kaffee, und so waren wir sicher, überall, wo wir unsere Bärenhaut ausbreiteten und unser Feuer im Grase anzündeten, ein gutes Mahl und erquickenden Schlaf zu finden. Da wir während des Marsches keiner militärischen Disziplin unterworfen waren, so ritten wir hin, wo es uns beliebte, verschossen unsere Munition und beschauten jeden Winkel und jede Schlucht. Auf diese Weise reisten wir ganz zufrieden, bis unser Kaffee und unser Brot aufgezehrt waren, und selbst dann waren wir noch zufrieden mit bloßem Fleisch, bis endlich auch wir beide, wie jedes lebende Wesen, Menschen und Tiere, anfingen von dem vergiftenden Einflüsse irgendeines verborgenen Feindes zu leiden, der in der Luft zu schweben und uns mit Vernichtung zu bedrohen schien.

Solange Chadwick und ich noch gesund waren, sammelten wir auf dem Wege viele Mineralien und Versteinerungen, die wir wochenlang mit vieler Mühe im Mantelsack mitschleppten, bis endlich unser Geist erschlaffte und wir alles Gesammelte wieder wegwarfen.

Einer der merkwürdigsten Punkte, den wir auf unserem Wege trafen, war eine Hügelkette, die ganz aus fossilen Muscheln bestand. Am zweiten Tage, nachdem wir die Mündung des falschen Waschita verlassen, sahen wir zu unserem Erstaunen, daß unser Weg über ein Lager von versteinerten Austern- und anderen Muschelschalen führte. Dieser Hügelzug, der von Nordost nach Südwest streicht, war einige hundert Fuß hoch, ¼–½ englische Meile breit und schien ganz aus einer Zusammenhäufung von Muscheln zu bestehen, deren Bindemittel an der Oberfläche bis zu einer Tiefe von acht bis neun Zoll durch den Einfluß der Atmosphäre verschwunden war, so daß sie lose herumlagen und oft mehrere Morgen Landes bedeckten, wo auch nicht ein Grashalm zwischen ihnen zu sehen war und unsere Pferde bei jedem Schritt tief einsanken; sie hatten übrigens noch ganz Farbe, Form und Ansehen der lebenden Muscheln. Wir nahmen zuweilen eine dieser noch geschlossenen Muscheln auf, öffneten sie mit dem Messer, wie eine frische Auster und fanden das Tier ebenfalls versteinert, das, wenn man es in Wasser legte, ganz das Ansehen einer eben geöffneten frischen Auster hatte. Dieser Hügelzug, der nur an einigen Stellen mit Gras bewachsen ist, gehört gewiß zu den größten geologischen Merkwürdigkeiten dieses Landes.

In einem anderen Teile des Landes, zwischen Fort Gibson und dem Waschita, ritten wir über einen, mit dem eben erwähnten parallelen Bergzug, wo auf eine weite Strecke weder Gras noch Erde vorhanden war, sondern unsere Pferde auf dem kahlen Felsen gingen, der eine rötliche Farbe hatte. Als ich vom Pferde stieg, fand ich, daß er aus dichtem Eisen bestand und als ich mit meinem Beil dagegen schlug, gab es einen Ton und prallte ab, als wenn man auf einen Ambos schlägt.

Weiter westlich, zwischen dem Dorfe der Camantschen und dem Canadianflusse kamen wir auf eine Strecke von mehreren englischen Meilen über eine, nur hier und da mit einzelnen Büscheln Gras und wilder Salbei bedeckte, kahle Fläche von dunkelgrauem, dichten Gips, der von Osten nach Westen, so weit das Auge reichte, von drei bis fünf Zoll breiten Adern eines schneeweißen Gipses durchsetzt war. Auch Salpeter und Salz kommt hier in großer Menge vor, so daß also der Mineralreichtum dieser Wildnis bedeutend ist, und nur des zivilisierten Menschen harrt, da der Wilde diese Schätze nicht zu benutzen weiß.

In der Umgegend des Fort Gibson befinden sich sehr viele Indianer, die größtenteils vor wenigen Jahren aus ihren östlicher gelegenen ursprünglichen Wohnsitzen hierher versetzt wurden. Ich benutzte die zwei Monate meines Aufenthalts in dem Fort, um mit meinem Pinsel und Notizbuch alle diese Indianer in ihren Dörfern zu besuchen. Es waren dies die Stämme der Tschirokihs (Cherokees), Tschoktahs (Choctaws), Krihs oder Kricks (Creeks), Seminolen, Tschickasahs (Chickasaws), Quapahs (Quapaws), Senecas, Delawaren und mehrere andere, deren Gebräuche und Geschichte, namentlich wegen ihres Aufenthalts in der Nähe der zivilisierten Welt, von großem Interesse sind.


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