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Achtunddreißigstes Kapitel


Beschreibung und Ansicht des Dorfes der Camantschen. – Catlin malt eine Familiengruppe. – Wanderung der Camantschen. – Wunderbare Reiterkünste. – Bildnisse der Camantschenhäuptlinge. – Schätzung ihrer Zahl. – Pahni-Picts, Keiowäs und Weicos.


Das Dorf der Camantschen, neben dem wir lagerten, besteht aus 600 bis 800 Lederzelten, die aus Stangen und Büffelhäuten ganz auf dieselbe Weise gemacht sind, wie dies früher von den Sioux und anderen Missouristämmen beschrieben worden ist. Das Dorf mit seinen tausenden wilder Bewohner, mit seinen Pferden und Hunden, seinen wilden Belustigungen und häuslichen Beschäftigungen bot ein merkwürdiges Schauspiel und die Gebräuche, sowie die Gestalten des Volkes reichen Stoff für Pinsel und Feder.

Wenn wir weißen Männer im Dorfe herumgingen, so wurden wir mit ebenso großer Neugier angestaunt, als ob wir aus dem Monde gekommen wären, und den Kindern und Hunden schien das Blut zu erstarren, so oft wir uns zeigten. Eines Tages, als ich mit Chadwick durch das Labyrinth der Hütten wanderte, kamen mehrere Kinder aus der Hütte des Häuptlings, um uns zu betrachten; ich zog schnell mein Skizzenbuch hervor, um diese Gruppe zu zeichnen, während mein Freund über meine Schulter hinweg ihre Aufmerksamkeit durch irgendeine List zu fesseln suchte. Es waren dies die Kinder des Häuptlings, und die einzigen, die in diesem Augenblick zu Hause waren, denn der ehrwürdige alte Mann und seine vier Frauen befanden sich, gleich den vielen hundert anderen, in unserem Lager.

Die Camantschen haben, gleich den nördlichen Stämmen, zahlreiche Spiele, mit denen sie sich bei schönem Wetter auf den Prärien bei ihrem Dorfe unterhalten.

Im Ballspiel sowie in einigen anderen Belustigungen stehen sie weit hinter den Sioux und einigen anderen nördlichen Stämmen zurück; aber im Pferderennen und Reiten werden sie von keinem anderen Indianerstamme auf dem Kontinent übertroffen. Das Wettrennen ist ihre Hauptunterhaltung und es gibt wohl nirgends vollendetere Jockeys als hier; auch ist dies wohl ganz natürlich in einem an Pferden so reichen Lande, das so vorzüglich zum Reiten geeignet ist und wo diese Übung von Kindheit an getrieben wird. Unter ihren Reiterkünsten setzte mich besonders eine Kriegslist in Erstaunen, die von jedem jungen Manne des Stammes erlernt wird; sie besteht darin, daß der Indianer plötzlich seinen Körper auf die Seite des Pferdes herabfallen läßt und sich dadurch vor den Waffen seines Feindes schützt, indem er horizontal hinter dem Rücken seines Pferdes hängt und sich mit der Ferse auf dessen Rücken festhält, wodurch er in den Stand gesetzt wird, sich schnell wieder hinauf zu schwingen, um sich nötigenfalls auf die andere Seite hinabfallen zu lassen. Dieses Hinabwerfen geschieht im vollen Jagen und der Reiter hält dabei Bogen, Schild und die vierzehn Fuß lange Lanze und bedient sich dieser Waffen, während er bei seinem Feinde vorübersprengt, indem er den Pfeil über den Rücken des Pferdes oder unter dessen Hals hindurch abschießt Einige junge Pahnis, die sich derselben Kriegslist bedienen, erzählten mir, daß sie den Pfeil unter dem Bauche des Pferdes hindurch abschießen und ihren Feind auf diese Weise tödlich verwunden könnten. Ich habe dies Kunststück zwar nicht selbst gesehen, aber nach dem, was ich gesehen, bin ich geneigt zu glauben, daß jene jungen Männer auch imstande waren auszuführen, wessen sie sich rühmten.. Wenn die jungen Leute dieses Manöver zu unserer Unterhaltung ausführten, indem sie um unsere Zelte herumgaloppierten, hatte ich mehrmals vergeblich versucht, mich ihnen zu nähern, um herauszubringen, auf welche Weise sie es möglich machten, so neben dem Pferde zu hängen, während ihr Körper anscheinend nur durch den Hacken auf dem Rücken des Pferdes festgehalten wurde. Endlich löste mir ein junger Indianer, dem ich etwas Tabak schenkte, das Rätsel, und das Manöver war mir nun allerdings erklärlicher, obwohl es noch immer gleich bewunderungswürdig bleibt. Jedes Pferd hat nämlich um den Hals einen kurzen Strick von Haaren, dessen beide Enden in der Mähne am Widerrist befestigt sind, wodurch eine Schlinge entsteht, durch die der Arm so gesteckt wird, daß das Gewicht des Körpers auf der Mitte des Oberarmes ruht, während der Reiter sich mit dem Hacken auf dem Rücken des Pferdes festhält, um sich jeden Augenblick wieder in die aufrechte Stellung versetzen zu können.

Außerdem sind diese Indianer noch Meister in mehreren anderen Reiterkünsten, die sie uns ebenfalls vorführten und auf die sie nicht wenig stolz sind. Ein Volk, das buchstäblich einen großen Teil seines Lebens auf dem Pferde zubringt, muß natürlich ungemein gewandt im Reiten sein, sowohl auf der Jagd als im Kriege, und ich bekenne ohne Zögern, daß von allen Völkern, die ich auf meinen Reisen gesehen habe, die Camantschen die ausgezeichnetsten Reiter sind und ich zweifle, ob sie von irgendeinem Volke auf der Erde hierin übertroffen werden.

Die Camantschen sind von Wuchs klein und neigen zur Beleibtheit. In ihren Bewegungen sind sie schwerfällig und ungeschickt und zu Fuß einer der unansehnlichsten und häßlichsten Stämme, die ich gesehen habe, aber sowie sie zu Pferde sitzen, sind sie plötzlich wie verwandelt und überraschen den Zuschauer durch die Leichtigkeit und Eleganz ihrer Bewegungen. Ein Camantsche zu Fuß ist außerhalb seines Elementes wie ein Fisch außer dem Wasser; aber in dem Augenblick, wenn er die Hand auf das Pferd legt, wird selbst sein Gesicht schön und er fliegt anmutig davon, wie ein ganz anderes Wesen.

Unser Lager wurde beständig von alt und jung, von Männern, Frauen und Hunden, mit einem Worte von allem, was es in ihrem Dorfe lebendiges gab, umschwärmt, während die Häuptlinge und andere angesehene Personen des Stammes in unsere Zelte kamen. Es fehlte mir daher während unseres Aufenthalts bei diesem Dorfe nicht an hinreichendem Stoff für meinen Pinsel und meine Feder.

Der oberste Häuptling dieses Stammes, der uns als das Oberhaupt der Nation vorgestellt wurde, hatte einen sanften und gefälligen Ausdruck in seinem Gesicht ohne besonders hervortretende Züge; er war sehr einfach gekleidet mit sehr wenigen Verzierungen und das Haar hing ihm frei um das Gesicht und die Schultern. Sein Name ist I-schäh-ko-nih (Bogen und Köcher). Der einzige Schmuck, den er trug, waren ein Paar Muscheln in den Ohren und ein Bärenzahn, der an einer Schnur um den Hals befestigt war und auf der Brust herabhing. Er schien das Vertrauen und die Achtung des ganzen Stammes zu besitzen.

Mehrere Tage nach unserer Ankunft vertrat ein außergewöhnlich beleibter Indianer, ein wahrer Fleischklumpen, Namens Ta-wah-qui-nah (Felsenberg) die Stelle des ersten Häuptlings und es mußten von dem Dragonerregiment alle Honneurs gemacht werden, bis der oben erwähnte Häuptling, der auf einem Streifzuge begriffen zu sein schien und den man zurückberufen hatte, eintraf, worauf Ta-wah-qui-nah, der größte und beleibteste Indianer, den ich jemals gesehen habe, seine Würde niederlegte.

Dieser gewaltige Mann, der mindestens drei Zentner wog, benahm sich wunderlich genug bei Ausübung seiner temporären Autorität. Er war ein echter John Falstaff, mit einem afrikanischen Gesicht und einem drei Zoll langen Bart am Kinn. Er erzählte mir, daß er seinen Namen erhalten habe, weil er einen großen Trupp Camantschen in einem geheimen, unterirdischen Gange durch einen hinter dem Dorfe liegenden Granitberg geführt und dadurch ihr Leben gerettet habe, da sie von einem mächtigeren Feinde so eingeschlossen gewesen seien, daß dies der einzige Rettungsweg blieb. Der Berg, durch den er seine Landsleute hindurchführte, hieß Ta-wah-qui-nah (Felsenberg) und von diesem erhielt er seinen Namen, der viel passender gewesen wäre, wenn der Mann »Fleischberg« geheißen hätte.

Beleibtheit findet sich unter allen Indianerstämmen sehr selten bei den Männern; es ist dies wohl ihrem beschwerlichen und tätigen Leben, sowie dem Mangel aller Gewürze zuzuschreiben, von denen einige unter den zivilisierten Völkern dies zu bewirken pflegen.

Isch-a-so-jeh (der den Wolf führt) und Is-sa-wa-tamah (der mit Haaren gebundene Wolf) sind auch angesehene Häuptlinge und offenbar Männer von großem Einflusse, da die ersten Häuptlinge verlangten, daß sie gleich nach ihnen gemalt werden sollten. Der zuerst genannte war der Führer der uns begegnenden Streifpartei, von der ich oben gesprochen habe. Auf dem Marsche nach dem Dorfe stellte er sich an die Spitze und machte den Führer, weshalb ihm der Oberst Dodge eine schöne Flinte schenkte.

His-uh-sam-tsches (der Spanier), ein kleiner tapferer Mann, wurde uns als einer der ausgezeichnetsten Krieger vorgestellt und er ist gewiß einer der außerordentlichsten Menschen, die jetzt in diesen Gegenden leben. Er ist von halbspanischer Abkunft und obgleich die Halbindianer gewöhnlich verachtet werden, so hat er sich doch stets im Kampfe so ausgezeichnet, daß er die größte Achtung des ganzen Stammes genießt. Dieser war es, der, als wir der Streifpartei begegneten, mit der weißen Fahne an der Spitze seiner Lanze so kühn zu uns heransprengte. Ich malte ihn mit dem Schilde am linken Arm, dem Köcher auf dem Rücken und der vierzehn Fuß langen Lanze in der rechten Hand. Dieser kleine Mann von schlankem Wuchse besaß außerordentliche Muskelkraft in seinen Beinen und Armen. Wir sahen mehrere Proben seiner außergewöhnlichen Stärke und Gewandtheit, auch erhielten wir häufig Beweise von seiner Höflichkeit und Freundschaft. Von letzteren will ich nur einen Fall anführen. Als wir unser Lager nach einem passenderen Ort auf der anderen Seite des Dorfes verlegten, mußten wir über einen tiefen und reißenden Fluß setzen, wobei unsere Kranken auf Tragbahren fortgeschafft wurden. Ich befand mich mit meinem Freunde Chadwick hinter dem Regimente und sah, wie jener kleine Mann beim Hinüberschaffen der Kranken von jeder Tragbahre das eine Ende auf den Kopf nahm und so, bis an das Kinn in dem schlammigen Wasser stehend, durch den Fluß hindurchwatete. Als alle Kranken hinüber waren, rief er mir zu, abzusteigen, er wolle mich auf seinen Schultern durch das Wasser tragen, und da ich dies ablehnte, indem ich es vorzog, auf meinem Pferde zu bleiben, so ergriff er die Zügel und führte es an der seichtesten Stelle hindurch. Als wir am jenseitigen Ufer waren, schenkte ich ihm ein schönes Messer, worüber er sehr erfreut zu sein schien.

siehe Bildunterschrift

Tafel XIV. Weiße Wölfe einen Büffel zerfleischend.

Außer den genannten Häuptlingen und Kriegern malte ich noch Koss-o-ko-roko (Nackenhaar des Stiers) und Hah-nih (Biber); jener ist ein Häuptling, dieser ein Krieger von fürchterlichem Aussehen, aber ein geachteter Mann.

Nach dem, was ich von den Camantschen gesehen habe, bin ich vollkommen überzeugt, daß sie ein zahlreicher und sehr mächtiger Stamm und daß die Angaben über ihre Menge und ihre Tapferkeit nicht übertrieben sind.

Eine genaue Schätzung ihrer Zahl ist für jetzt unmöglich; nimmt man indes ihre eigenen Angaben über die Zahl ihrer Dörfer südlich vom Red-River, sowie die weiter westlich liegenden und die, welche sich ohne Zweifel noch im Norden des Red-River befinden, so kann man wohl annehmen, daß sie aus 30000–40000 Seelen bestehen und 6000–7000 gut berittene und gut bewaffnete Krieger stellen können. Diese Angabe macht durchaus nicht auf Genauigkeit Anspruch, denn dieses Volk ist so wenig bekannt, daß man mit Gewißheit von ihnen nur sagen kann, sie sind ein sehr zahlreicher und kriegerischer Stamm.

Sie sprachen viel von ihren Verbündeten und Freunden, den Pahnipicts, deren Dörfer sich drei bis vier Tagemärsche weiter westlich befinden und in deren Nähe auch die ihnen ebenfalls verbündeten kleinen Stämme der Keiowäs und Weicos wohnen.


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