Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Siebentes Kapitel


Krähen- und Schwarzfuß-Indianer. – Allgemeiner Charakter und äußere Erscheinung. – Zelt oder Wigwam der Krähenindianer. – Abbrechen der Zelte und Fortschaffung des Lagers. – Zubereitung und Räuchern der Häute. – Schönheit der Kleidung. – Stehlen oder Einfangen der Pferde. – Grund des schlechten Rufes der Krähenindianer


Die Schwarzfüße (Blackfeet) sind vielleicht der zahlreichste und kriegerischste von allen Stämmen in Nordamerika. Sie bewohnen das ganze Land um die Quellen des Missouri, von der Mündung des Yellow-Stone-Flusses bis zu den Felsengebirgen. Ihre Anzahl kann man nach den besten Schätzungen zu 40000 bis 50000 Seelen annehmen. Sie sind (gleich allen Stämmen, deren Zahl groß genug ist, um ihnen Kühnheit einzuflößen) kriegerisch und grausam, d. h. sie sind räuberisch, schweifen furchtlos im Lande herum, selbst bis tief in die Felsengebirge hinein, und bekämpfen ihre Feinde, worunter natürlich alle zu verstehen sind, die das umliegende Land bewohnen.

Die Krähen-Indianer (Crows), welche an den Quellen des Yellow-Stone-Flusses leben, sind den Schwarzfüßen in den erwähnten Beziehungen ähnlich; auch sie schweifen einen großen Teil des Jahres umher und suchen ihre Feinde, wo sie diese finden können. Sie sind weit geringer an Zahl als die Schwarzfüße, mit denen sie in beständigem Kampfe leben und deren Übermacht im Gefecht ihnen so große Verluste zugefügt, daß sie wahrscheinlich in wenigen Jahren ganz ausgerottet sein werden. Sie zählen vielleicht nicht über 7000 Seelen, und darunter wohl nicht mehr als 800 Krieger. Unter den mächtigeren Stämmen, wie Sioux und Blackfeet, rechnet man auf fünf Personen einen Krieger; bei den Crows, Minataris, Puncahs und anderen kleinen, aber kriegerischen Stämmen kann dies Verhältnis nicht bestehen, da wegen des beständigen Verlustes an Männern im Kriege und bei den Büffeljagden oft zwei bis drei Frauen auf einen Mann kommen.

Die Schwarzfüße und Krähen-Indianer errichten ihre Wigwams oder Hütten ungefähr auf dieselbe Art, wie die Sioux und Assinneboins. Sie werden aus zusammengenähten Büffelhäuten gemacht und im Innern von zwanzig bis dreißig fichtenen Stangen von fünfundzwanzig Fuß Länge getragen; oben befindet sich eine Öffnung, um den Rauch hinaus- und das Licht einzulassen. Wollen sie weiter ziehen, so wird eine solche Hütte von den Frauen ( Squaws) in wenigen Minuten abgebrochen und mit Leichtigkeit nach einem andern Teile des Landes transportiert, wo sie ihr Lager aufschlagen wollen. Dies geschieht sechs bis achtmal im Laufe des Sommers, da sie den ungeheuren Büffelherden bei ihren Wanderungen über die weiten Ebenen von Osten nach Westen und von Norden nach Süden folgen. Sie haben hierbei den doppelten Zweck, sich Büffelhäute und Büffelfleisch zu verschaffen; erstere bereiten sie zu und verkaufen sie im Herbst und Winter an die Pelz-Compagnie, letzteres wird getrocknet, Pemmikan daraus bereitet und das Mark für den Winter aufbewahrt.

Ihr Winterlager schlagen sie gewöhnlich in hochbewaldeten Gegenden auf, an den Ufern eines Flusses, tief versteckt zwischen den umliegenden Hügeln, die die Gewalt des Windes brechen und den langen und beschwerlichen Winter erträglicher machen. Zuweilen wohnen sie den ganzen Winter in ihren Hütten, gewöhnlich aber fällen sie Bäume und errichten eine rohe Art Blockhaus, worin sie wärmer wohnen und zugleich geschützt sind gegen die Angriffe ihrer Feinde, denn ein Blockhaus bietet gegen indianische Waffen ziemliche Sicherheit dar.

Die Krähen-Indianer haben von allen Stämmen dieser Gegend und vielleicht in ganz Nordamerika die schönsten Hütten. Sie errichten diese, wie bereits erwähnt, auf dieselbe Weise und aus demselben Material wie die Sioux; zuweilen bereiten sie die Häute, aus welchen die Hütten bestehen, so zu, daß sie weiß wie Leinwand erscheinen, besetzen sie sehr hübsch mit den Stacheln des Stachelschweines und bemalen und verzieren sie auf mannigfaltige Weise, daß sie dem Auge einen sehr hübschen Anblick gewähren. Ich besitze eines dieser Zelte, das schön verziert, mit Skalplocken besetzt und so geräumig ist, daß vierzig Personen darin speisen können. Die Fichtenstangen, die es tragen, etwa dreißig Stück, stammen aus den Felsengebirgen und sind vielleicht einige hundert Jahre im Gebrauch. Das aufgeschlagene Zelt hat eine Höhe von fünfundzwanzig Fuß, auf der einen Seite befindet sich das Bild des Großen oder Guten Geistes, auf der anderen das des Bösen Geistes, und das Ganze macht einen sehr hübschen Eindruck.

Das Abbrechen und Fortschaffen der Zelte eines Lagers ist sehr merkwürdig. Als ich den Missouri hinauffuhr, sah ich ein aus 600 Zelten bestehendes Lager in wenigen Minuten abbrechen, zusammenpacken und den Zug sich in Bewegung setzen. Will ein Häuptling den Lagerplatz verändern, so schickt er, wenige Stunden vor der bestimmtem Zeit, seine Läufer oder Ausrufer (deren jeder Häuptling in seinem Dienste hat) durch das Lager, um seine Absicht und die Stunde des Aufbruchs zu verkünden. Es werden dann sogleich die nötigen Vorbereitungen getroffen und zu der festgesetzten Zeit sieht man das Zelt des Häuptlings, nachdem einige der Zeltstangen hinweggenommen, im Winde flattern. Dies ist das Zeichen; in einer Minute sieht man alle Zelte, die soeben noch unbeweglich auf der schönen, ebenen Grasflur standen, im Winde hin- und herflattern und in der nächsten Minute liegen alle flach am Boden, worauf die schon bereit stehenden Pferde und Hunde mit der ihnen bestimmten Last beladen werden.

Zu diesem Zweck bindet man die Zeltstangen in zwei Bündel zusammen und befestigt sie mit den dünnen Enden zu beiden Seiten an den Schultern oder dem Widerrist des Pferdes, während die dicken Enden zu beiden Seiten auf dem Boden nachschleppen. Dicht hinter dem Pferde wird ein Querholz befestigt, das die Zeltstangen in gehöriger Entfernung voneinander hält und auf dieses und die Stangen legt man nun das zusammengelegte Zelt und eine Menge Hausgeräte, und oben auf allen diesen Dingen sitzen zwei, drei und zuweilen vier Frauen und Kinder! Jedes dieser Pferde wird von einer Frau geführt, die entweder mit einem großen Pack auf dem Rücken vorausgeht, oder rittlings auf dem Pferde sitzt, vielleicht mit einem Kinde an der Brust, während ein anderes hinter ihr sitzt, mit dem einen Arm sich an der Mutter festhält und mit dem anderen zärtlich einen jungen Hund umschlingt.

Auf diese Weise werden fünf- bis sechshundert Wigwams mit allem Hausgerät meilenweit über die Grasebenen dieses Landes fortgeschafft und dreimal soviel Männer sieht man auf guten Pferden voraus oder an den Seiten herumschweifen. Bei einigen Stämmen folgen hinter dieser sonderbaren Karawane wenigstens fünfmal soviel Hunde, von denen jeder, der groß genug und nicht etwa zu schlau ist, um sich einjochen zu lassen, auf dieselbe Art wie die Pferde eingespannt wird und auf fünfzehn Fuß langen Stangen seine Ladung ziehen muß, die aus einem Teile der Gerätschaften des Zeltes besteht, zu dem er gehört.

Die Krähen-Indianer sind gleich den Schwarzfüßen schön gekleidet und vielleicht mit noch etwas mehr Geschmack und Eleganz, da die Häute, woraus ihr Anzug gemacht wird, feiner und weißer zubereitet werden; sie übertreffen hierin die zivilisierten Völker und verfahren dabei auf folgende Weise: Zuerst legen sie die Büffel- und andere Häute einige Tage in eine Lauge von Asche und Wasser; sodann werden sie über einen Rahmen, oder auf der Erde zwischen Pflöcken oder Nägeln ausgespannt, mit Büffel- und Elengehirn bestrichen und bleiben so mehrere Tage liegen, worauf sie von den Squaws mittels eines an den Rändern geschärften Knochens auf der Fleischseite geschabt, getrocknet, weich gemacht und zur Benutzung zugerichtet werden.

Der größere Teil dieser Häute wird jedoch noch einer anderen Behandlung unterworfen, wodurch sie wertvoller und brauchbarer werden – sie werden nämlich geräuchert. Zu diesem Zwecke wird ein kleines Loch in die Erde gegraben und darin faules Holz angezündet, welches viel Rauch und wenig Flamme gibt; um das Loch herum werden mehrere Pfähle von gehöriger Länge in die Erde gesteckt, oben zusammengebunden und mit einer Haut bedeckt, deren Ränder man gewöhnlich zusammennäht, damit der Rauch nicht entweicht. In diese zeltartige Vorrichtung wird nun die zu räuchernde Haut eingehängt und bleibt in dem heißen Rauch einen Tag oder länger. Die auf diese Weise geräucherten Häute mögen noch so oft naß werden, sobald sie trocken geworden, erlangen sie wieder die frühere Weichheit und Biegsamkeit. Die Kleidung des Indianers wird hundertmal auf seinem Körper naß und bleibt immer weich, und die dem Regen und der Strenge des Winters ausgesetzten Zelte sind beim Abbrechen ebenso weich und rein, als ob sie eben neu wären aufgeschlagen worden.

Ein Krähen-Indianer ist überall an seiner hübschen, weißen Kleidung und seiner großen, schönen Figur zu erkennen; die meisten sind sechs Fuß groß. Die Schwarzfüße sind dagegen von mittlerer Größe, mit breiten Schultern und stark gewölbter Brust; die Häute, aus denen sie ihren Anzug verfertigen, sind schwarz und von dieser Farbe ihrer Beinkleider und Mokassins (Schuhe) haben sie wahrscheinlich den Namen Schwarzfüße erhalten.

Die Krähen-Indianer haben stets, so lange man sie kennt, für sehr höflich und freundlich gegolten. Sie haben unstreitig zuweilen in ihrem Lande Trappers und Reisende beraubt, weshalb man sie Schelme, Diebe, Schurken erster Klasse genannt hat; aber sie selbst betrachten dies nicht so. Stehlen ist allerdings auch in ihren Augen ein großes Verbrechen und die schmachvollste Handlung, deren ein Mann sich schuldig machen kann; wenn sie aber zuweilen das Pferd eines Pelzhändlers entführen, so nennen sie das »Fangen« und rühmen sich dessen; sie betrachten dies als eine Art Wiedervergeltung oder summarischen Verfahrens, das sie für Recht und ehrenwert halten. Und warum sollten sie dies nicht für die zügellosen Eingriffe, die die habsüchtigen weißen Männer von einem bis zum andern Ende des Landes sich erlauben, indem sie das Wild töten und die Biber und anderen wertvollen Pelztiere wegfangen, ohne irgend eine Entschädigung dafür zu geben und selbst auch dann noch damit fortfahren, nachdem sie mehrmals gewarnt worden sind vor den Gefahren, denen sie sich aussetzen, wenn sie dies Verfahren nicht einstellen. Ich halte die Indianer für den redlichsten und ehrenwertesten Menschenschlag von allen, unter denen ich jemals gelebt habe, und ich versichere auf meine Ehre, daß sie im Naturzustande gewiß von allen Menschen die letzten sind, die stehlen oder rauben, wenn man sich ihrer Ehre anvertraut. Und für das unaufhörliche und maßlose Raub- und Plünderungssystem, das die habgierigen weißen Männer gegen die rechtmäßigen Eigentümer des Bodens ausüben, sowie für die Ausschweifungen, die sie begehen, ist das gelegentliche Wegtreiben einiger Pferde doch wohl nur eine gelinde Strafe, wohl die gelindeste, die man erwarten sollte; und in der Tat kann nur ein sehr ehrenwertes und edeldenkendes Volk es dabei bewenden lassen, während es doch in seiner Macht stände, die wenigen weißen Männer in seinem Lande einer weit strengeren Bestrafung zu unterwerfen, ohne irgendeinem Gesetze dafür verantwortlich zu sein.

In St. Louis und anderen Orten sagte man mir, daß die Krähen-Indianer die abgefeimtesten Schurken, Diebe und Straßenräuber seien, eine Ansicht, die sich seitdem allgemein verbreitet hat und die sich einzig darauf gründet, daß sie den Agenten der Pelz-Compagnie, Crooks und Hunt, als diese auf ihrem Wege nach Astoria durch ihr Gebiet zogen, einige Pferde wegtrieben. Diese Herren, die große Vorräte an Waren, Flinten, Munition, Messern, Lanzen und Pfeilspitzen usw. bei sich hatten, lagerten einige Zeitlang im Gebiete der Krähen-Indianer (ich glaube, sie überwinterten dort). Die Indianer versammelten sich in großer Menge um sie, behandelten sie freundlich und wohlwollend und ersuchten sie (nach der eigenen Aussage jener Herren), ihnen Flinten, deren sie sehr nötig bedürften, sowie einige andere Gegenstände gegen Pferde zu überlassen. Dies verweigerten die weißen Männer, da sie doch von dem Wild der Indianer lebten. Sie erzählten unstreitig, daß sie ihre Waren nach Astoria bringen müßten; allein die Indianer wußten nichts von diesem Orte, ihnen war es genug, daß die Waren weiter nach Westen gingen, um daraus zu schließen, daß die Waffen für ihre Todfeinde, die Schwarzfüße bestimmt seien, die dann über sie herfallen und sie vertilgen würden. Sie ritten daher fort, und um ihren Unwillen zu zeigen, nahmen sie einige Pferde der Compagnie mit hinweg, wofür sie Diebe und Straßenräuber genannt worden sind. Es ist bei allen Wilden gebräuchlich und ein Teil ihrer Rechtspflege, sich an dem zu rächen, der sie beleidigt hat, und wenn dies nicht möglich ist, an dem ersten weißen Manne, der ihnen begegnet, vorausgesetzt, daß der Beleidiger ein weißer war. Es sollte mich daher gar nicht überraschen, wenn mir oder dem geneigten Leser, falls er in dies Land kommen sollte, für jene (angebliche) Beleidigung das Pferd geraubt würde.

Dennoch sprechen diejenigen, die jahrelang des Handels wegen mit ihnen verkehrten, z. B. die Herren Mackenzie, Sublette und Campbell, sich sehr günstig über sie aus, und erklären sie für eine der ehrenwertesten, biedersten und hochherzigsten Nationen der Erde, mit tiefem Gefühl für Ehre, furchtlos und tapfer, aber auch schnell im Bestrafen oder Wiedervergelten einer erlittenen Beleidigung.


 << zurück weiter >>