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Siebenzehntes Kapitel


Vielweiberei. – Gründe und Entschuldigungen hierfür. – Heiraten, wie sie vollzogen werden. – Die Frauen werden gekauft und verkauft. – Eltern- und Kindesliebe. – Tugend und Bescheidenheit der Frauen. – Frühzeitige Heiraten. – Sklavische Beschäftigungen der indianischen Frauen. – Pomme blanche. – Getrocknetes Fleisch. – Getreidegruben ( Caches). – Art zu kochen und Zeit des Essens. – Stellungen beim Essen. – Trennung der Männer und Frauen beim Essen. – Die Indianer sind mäßige Esser. – Einige Ausnahmen hiervon. – Trocknen des Fleisches in der Sonne ohne Rauch und Salz. – Die wilden Indianer essen kein Salz.


Die Vielweiberei findet sich bei allen nordamerikanischen Indianern, soweit ich sie besucht habe, und es ist nichts ungewöhnliches, daß ein Häuptling sechs, acht oder zehn und zuweilen sogar zwölf bis vierzehn Frauen in seiner Hütte hat. Es ist dies ein alter Brauch und nach ihrer Ansicht ebenso schicklich als notwendig. Unter den Wilden werden die Frauen stets geringer gehalten als die Männer, zu welchen sie in mancher Hinsicht mehr in dem Verhältnis von Gesinde und Sklaven stehen, und da sie »Holzhauer und Wasserträger« sind, so ist es für den Häuptling (der, um seine Beliebtheit zu bewahren, offene Tafel halten muß) notwendig, in seinem Wigwam eine hinreichende Anzahl solcher Hausmädchen oder Dienstboten zu haben, welche die zahlreichen, in einem so großen und kostspieligen Haushalte vorkommenden Arbeiten verrichten.

Es gibt für diesen Brauch noch zwei andere Gründe, die von ebenso großem, wenn nicht noch größerem Gewicht sind, als der oben angegebene. Zuerst besitzt dies Volk, obgleich es den zivilisierten Nationen an Gewinnsucht nachsteht, dennoch mehr oder weniger eine Leidenschaft für die Anhäufung von Reichtümern, oder, mit anderen Worten, für die Genüsse des Lebens; und ein Häuptling, der dies Verlangen und zugleich den Wunsch hegt, seine Hütte etwas mehr als gewöhnlich für die Bewirtung seines Volkes und der Fremden, die seine Gastlichkeit in Anspruch nehmen, einzurichten, hält es für angemessen, mehrere Frauen zu nehmen, die den größten Teil des Jahres hindurch schwere Arbeiten verrichten müssen, wodurch er in den Stand gesetzt wird, sich jene Genüsse zu verschaffen und seiner Hütte ein nicht gewöhnliches Ansehen zu geben. Unter den Stämmen, die mit den Pelz-Compagnien Handel treiben, wird dies System sehr weit getrieben und die Frauen müssen die meiste Zeit darauf verwenden, Büffel- und andere Häute für den Verkauf zuzubereiten. Derjenige Krieger oder Häuptling, der die meisten Frauen hat, gilt daher als der reichste Mann und wird von dem ganzen Stamme beneidet, denn seine Tafel ist am reichlichsten besetzt, seine Hütte am meisten mit den Luxusgegenständen der zivilisierten Welt versehen und am Schlusse des Jahres hat er die meisten Häute an die Pelz-Compagnie zu verkaufen.

Alle Handarbeit wird bei den Wilden von den Frauen verrichtet, und da niemand für Tagelohn arbeitet, so ist derjenige, der zur Besorgung seines Haushaltes mehr als einer Frau bedarf, genötigt, seine Arbeitskräfte durch Heirat zu vermehren; denn nur auf diese Weise kann er sie zu seinen Sklaven machen und ihre Arbeit zu seinem Nutzen verwenden.

Ein anderer Grund, und wahrscheinlich der mächtigste von allen, ist, daß ein Mann, der bei seinem Volke in hohem Ansehen steht und die Macht in Händen hat, Versuchungen ausgesetzt ist, die zu unterdrücken er für unnatürlich hält, da keine Gesetze und gesellschaftlichen Verordnungen ihm im Wege stehen.

Es gibt auch noch andere und sehr vernünftige Gründe für die Zweckmäßigkeit eines solchen Brauchs; einer davon ist folgender: Da alle Indianernationen in ihrem Naturzustande teils wegen alter, nie endender Fehden, teils aus Liebe zum Ruhm, den zu erlangen für den Indianer das Schlachtfeld fast der einzige Weg ist, mit den sie umgebenden Stämmen in beständigem Kampfe leben, so werden oft so viele ihrer Krieger getötet, daß in einem Stamme zuweilen zwei und sogar drei Frauen auf einen Mann kommen. In solchen Fällen ist die Vielweiberei von wesentlichem Nutzen.

Die angeführten Beispiele von Vielweiberei sind im allgemeinen auf die Häuptlinge und Medizinmänner beschränkt, obgleich keine Verordnung einem armen oder unberühmten Manne verbietet, mehrere Weiber zu nehmen und nur persönliche Schwierigkeiten, wie Unberühmtheit, oder, was noch häufiger der Fall ist, Mangel an weltlichen Gütern, ihn verhindern können, auf die herkömmliche Weise mit den Vätern der Mädchen, die er in seinen Haushalt aufzunehmen wünscht, zu unterhandeln.

Ein armer oder gewöhnlicher Indianer hat daher in diesen Gegenden selten mehr als eine Frau; dagegen haben die Häuptlinge, die tapfersten Krieger und die Doktoren gewöhnlich sechs oder acht Frauen, die alle unter einem Dache leben und sich dem Anschein nach ganz gut vertragen und sich in ihr Schicksal fügen.

Man unterhandelt hier wegen der Frauen meistens mit dem Vater, da sie stets gekauft und verkauft werden. In vielen Fällen wird auf die Neigung des Mädchens gar keine Rücksicht genommen, sondern der Handel mit dem Vater allein abgeschlossen, der diese Angelegenheit als ein Geldgeschäft behandelt, wobei er einen möglichst hohen Preis zu erlangen sucht. Es kommen jedoch auch Fälle wechselseitiger Neigung vor und die Versprechungen und Gelübde werden ebenso heilig und unverletzlich gehalten, wie in der zivilisierten Welt. Aber auch in diesem Falle erhält der Vater des Mädchens die üblichen Geschenke.

Für die Pelzhändler dieser Gegenden ist es notwendig, sich auf diese Weise mit einer oder mehreren der einflußreichsten Familien des Stammes, unter dem sie leben, zu verbinden, weil dies gewissermaßen ihr Interesse mit dem der Nation verschmilzt und sie in den Stand setzt, durch den Einfluß ihrer neuen Verwandtschaft ihr Geschäft vorteilhafter zu betreiben. Es können indes nur die Mädchen der angesehensten Familien auf eine solche Standeserhöhung Anspruch machen und sie sind gewöhnlich sehr begierig danach, weil sie dadurch von den Sklavenarbeiten, die bei einer Verheiratung mit Indianern ihrer warten, befreit werden, ein bequemes und müßiges Leben führen, sich mit Mänteln von blauem und rotem Tuch bekleiden, mit Bändern und anderem Flitterstaat schmücken können und von dem weiblichen Teile des ganzen Stammes beneidet werden.

Verbindungen dieser Art kann man indes wohl kaum Heiraten nennen, da sie ohne alle Förmlichkeiten geschlossen und auch ebenso wieder aufgelöst werden, wenn der Weiße sich zu einem anderen Stamme zu begeben wünscht. Die verlassene Frau ist dann eine gute Partie und der Vater gibt sie ohne weiteres dem ersten, der sich meldet, wenn er ihm nur ein Pferd, eine Flinte usw. als Geschenk bringt.

Aus diesem herabgewürdigten Zustande, in dem die Frauen unter den Indianern leben, wird man vielleicht schließen, daß in diesem Lande von gegenseitiger Liebe und Anhänglichkeit nicht die Rede sein könne; allein dies wäre eine falsche Schlußfolge und eine Ungerechtigkeit gegen die Indianer, die in ehelicher, kindlicher und elterlicher Liebe uns in keiner Weise nachstehen. Ich werde später, wenn ich von der Ehe, der Ehescheidung, der Vielweiberei und den häuslichen Verhältnissen der Indianer spreche, mehr über diesen Gegenstand sagen.

Die Frauen der Mandaner sind schön und bescheiden, und in den ehrenwerten Familien wird die Tugend ebenso hoch geschätzt, wie irgendwo in der Welt; dennoch gibt man für das schönste und bescheidenste Mädchen des Stammes vielleicht nur zwei Pferde, eine Flinte nebst einem Vorrat von Kugeln und Pulver für ein Jahr, fünf bis sechs Pfund Glasperlen, einige Quart Branntwein und eine Anzahl Pfriemen.

Bei den Mandanern, wie bei den meisten nordwestlichen Stämmen, heiraten die Mädchen in dem Alter von zwölf bis vierzehn Jahren, zuweilen selbst schon im elften Jahre. Aus diesem Grunde und wegen ihrer beschwerlichen Lebensweise verschwindet ihre Schönheit bald nach der Verheiratung. Sie sind fast immer beschäftigt und unterziehen sich allen Arbeiten ohne Murren.

Die Hauptbeschäftigungen der Frauen in diesem Dorfe bestehen darin, Holz und Wasser herbeizuschaffen, Büffel- und andere Häute zu gerben, Fleisch und wilde Früchte zu kochen und Mais zu bauen. Die Mandaner treiben etwas Ackerbau und gewinnen viel Mais und Kürbisse. Das Feld wird ausschließlich von den Frauen bearbeitet, die sich statt des Pfluges der Hacken aus dem Schulterblatte des Büffels oder Elkhirsches bedienen, und es ist dies natürlich eine sehr schwere Arbeit. Der Mais, den sie bauen, hat sehr kleine Ähren, denn sie sind nicht länger als der Daumen eines Mannes; es ist dies die einzige Art, die hier gedeiht, denn die anderen Varietäten reifen nicht in einem so kalten Klima. Die Jahreszeit des grünen Korns ist ein großes und wichtiges Fest für sie. Der größte Teil ihrer Ernte wird während dieser Feste verzehrt; den Rest trocknet man in den Ähren, ehe sie reif geworden und bewahrt sie in Gruben in der Erde (Mochä – Caches der Franzosen) auf, die 6–7 Fuß tief sind und an der Öffnung dicht verschlossen werden. In diesen Gruben wird auch selbst in der strengsten Jahreszeit getrocknetes Fleisch und Pemikan aufbewahrt, indem man es, ebenso wie das Getreide, dicht mit Präriegras aufeinander packt Siehe Anmerkung 9..

 


Anmerkung 9.

Die Indianer der feststehenden Dörfer haben vor den umherziehenden Jägervölkern den Vorzug, daß sie nicht nur jagen, sondern auch ihren Hauptunterhalt aus ihren Pflanzungen nehmen, was ihnen immer einen gewissen Rückhalt in der Not sichert. Zwar hungern auch diese Indianer zuweilen, wenn die Bisonherden sich entfernt halten und ihre Feldfrüchte mißraten; allein der Mangel kann bei den Missouri-Indianern doch nie so drückend werden, als bei den mehr nördlich wohnenden Nationen. Die Gewächse, die sie bauen, sind Mais, Bohnen ( Phaseolus), Kürbisse, Sonnenblumen ( Helianthus annuus) und die Tabakpflanze ( Nicotiana quadrivalvis).

Von dem Mais gibt es viele Farben und mehrere Abarten, die bei ihnen verschiedene Benennungen tragen. Der allgemeine Name für dies Gewächs in der Mandan-Sprache ist Kóhchantä ( ch guttural, an französisch auszusprechen). Die verschiedenen Abänderungen sind etwa folgende: 1. Weißer Mais, Schótka. 2. Gelber Mais, Sihka. 3. Roter Mais, Sachká. 4. Gefleckter Mais, Puská. 5. Schwarzer Mais, Psichká. 6. Süßer Mais, Chéhchipka. 7. Sehr harter, gelber Mais, Schótlka-Káhschä. 8. Weiß oder rot gestreifter Mais, oder sogenanntes Erdkorn, Omahkank-Takóhchä (an französisch). 9. Sehr zarter gelber Mais, Chiika.

Die Bohnen, Ohmenik-Kähne (e halb ausgesprochen) sind ebenfalls von verschiedenen Arten: 1. Kleine weiße Bohnen, Ohmenik Schóttä. 2. Schwarze Bohnen, Ohmenik-Pfih. 3. Rote Bohnen, Ohmenik-Sähne (e halb ausgesprochen). 4. Gefleckte Bohnen, Ohmenik-Pusähne.

Die Kürbisse, Kóhdä: 1. Gelbe Kürbisse, Kóhdä-Siidá. 2. Schwarze Kürbisse, Kóh-Psi; sie sind schwärzlich von Farbe. 3. Gestreifte Kürbisse, Koh-Pussa. 4. Blaue Kürbisse, Koh-Fokähne. 5. Lange Kürbisse, Koh-Háschka. 6. Der Kürbis mit der dicken Schale, Kóhachtuhn.

Die Sonnenblumen, Mapáe, ein großer Helianthus, der dem in unseren Gärten kultivierten ganz ähnlich zu sein scheint. Man pflanzt sie reihenweise zwischen den Mais. Es gibt zwei bis drei Arten, mit rotem, schwarzem und eine andere mit kleinerem Samen. Aus den Körnern backt man wohlschmeckende Kuchen.

(Über den Tabak siehe Anmerkung 6, S. 330.)

Die Bebauung der Mais- und anderer Felder, deren jede Familie 3-4 Acker bearbeitet, geschieht im Monat Mai. Kleine Gruben werden reihenweise angelegt, in welche man die Maiskörner einzeln wirft und mit Erde bedeckt. Während des Sommers werden die Maisfelder dreimal behackt und behäufelt, damit die Feuchtigkeit besseren Zugang finde, und im Oktober ist die Erntezeit, wobei Männer, Weiber und Kinder Hand anlegen. Jetzt bedienen sich die Weiber zur Feldarbeit breiter eiserner Hacken, mit einem krummen hölzernen Stiel, die sie von den Kaufleuten erhalten; Charbonneau erinnerte sich, daß sie Schulterblätter von Bisons dazu gebrauchten. Die Felder werden nie eingezäunt, sondern sind gänzlich frei und offen.

Die Benutzung der wilden Gewächse der Prärie haben die Mandaner und übrigen Völker des Missouri miteinander gemein. Außer den oben erwähnten sind noch die Feverolles zu nennen, eine den Bohnen ähnliche Frucht, die in der Erde wachsen soll, so wie es noch mehrere Wurzeln in der Prärie gibt, die benutzt werden. Die Kürbisse werden frisch und getrocknet, die Bohnen gewöhnlich mehrere Arten durcheinander gemischt gegessen. Der Mais wird in Wasser abgekocht oder geröstet, auch alsdann gestoßen, mit Fett gemischt und in kleine runde Kuchen geballt, gebacken, die an einer Seite hohl sind und etwa aussehen wie die Hippen; auch bereitet man ihn auf mancherlei andere Art. Der süße Mais ist sehr wohlschmeckend, besonders wenn er in der sogenannten Milch ist, wo er abgekocht, dann getrocknet und zum Gebrauche aufbewahrt wird.


 

Mais und getrocknetes Fleisch werden im Herbst in hinreichender Menge für den Winter eingesammelt, denn sie bilden die Hauptnahrungsmittel während dieser langen und rauhen Jahreszeit; außerdem haben sie auch oft noch große Vorräte von getrockneten Kürbissen und Pommes blanches ( Psoralea esculenta), einer Art Rübe, die sehr häufig in der Prärie wächst. Letztere werden in großer Menge getrocknet, zu Mehl zerstoßen und mit getrocknetem Fleisch und Mais gekocht. Auch wilde Früchte, wie Büffelbeeren, Serricebeeren ( Amelanchior sanguinea), Erdbeeren und wilde Pflaumen werden in Menge für den Winter getrocknet.

Das wichtigste Nahrungsmittel ist jedoch das Büffelfleisch. Es sind in diesen westlichen Gegenden, nach einer mäßigen Schätzung etwa 250000 Indianer, die das ganze Jahr hindurch ausschließlich von dem Fleische der Büffel leben. In den Sommer- und Herbstmonaten essen sie frisches Fleisch, das sie rösten, braten, kochen, schmoren, räuchern usw.; auch kochen sie die Rippen und die Schenkelknochen mit dem Mark, das eine wohlschmeckende Suppe gibt, die allgemein und in großer Menge gegessen wird Siehe Anmerkung 10.. Die Mandaner haben keine bestimmte Zeit für ihre Mahlzeiten, doch essen sie gewöhnlich zweimal in 24 Stunden. Der Kessel hängt stets kochend über dem Feuer und wer hungrig ist, er mag zum Hause gehören oder nicht, hat das Recht, in jede Hütte, selbst in die des Häuptlings zu treten, den Kessel abnehmen zu lassen und soviel zu essen, als ihm beliebt, sobald Unglück oder Not ihn dazu zwingt. Dieser Brauch ist allgemein bei den Indianern Nordamerikas und selbst der ärmste und unwürdigste Müßiggänger der Nation, der zu träge ist, um auf die Jagd zu gehen und selbst für sich zu sorgen, kann in jede Hütte eintreten und man wird redlich mit ihm teilen, so lange noch etwas zu essen da ist. Wer jedoch imstande ist, auf die Jagd zu gehen, und dennoch auf diese Weise bettelt, muß sein Mahl teuer bezahlen, denn er erhält den entehrenden Beinamen »Memme« und »Bettler«.

 


Anmerkung 10.

Der bekannte Amerikaforscher Prinz von Neuwied erwähnt noch eine Suppe, die, wie er sagt, bei zivilisierten Nationen wohl wenig Beifall finden dürfte; sie wird nämlich in dem Magen der Tiere gekocht, indem man, nachdem die innere Haut des Magens abgezogen wurde, Wasser hineingießt, das ganze fest zugebunden über dem Feuer aufhängt und hin und her bewegt, worauf das Wasser bald darin kocht. Auf eben diese Weise bratet und kocht man in den dicken Gedärmen der Tiere Fleisch und Blut. Das ungeborene Büffelkalb ist ein großer Leckerbissen für die Mandaner. Auch der Biber liefert ihnen ein sehr schmackhaftes Fleisch und in seinem fetten Schwanze eine große Delikatesse. Außerdem essen sie noch den Bären, wenn er jung ist, den Wolf, den Fuchs, kurz alles, nur nicht das Pferd. Das Wiesel (Hermelin) wird nur von wenigen gegessen, und unter den Vögeln sind ihnen der Turkey-Buzzard und die Raben unangenehm, weil sie die Toten auf den Gerüsten verzehren. (A. a. O. S. 126.)


 

Die Mandaner sitzen bei ihren Mahlzeiten, gleich allen anderen Stämmen, mit gekreuzten Beinen, oder vielmehr mit gekreuzten Knöcheln, wobei sie die Füße dicht an den Leib heranziehen; häufig essen sie jedoch auch in liegender Stellung, indem die Beine ausgestreckt sind und der Körper auf dem einen Ellbogen und Vorderarm ruht. Die Schüsseln stehen immer auf dem Fußboden der Hütte und die Essenden lagern sich um sie herum auf Büffelhäute oder Matten.

Die Frauen nehmen beim Essen und bei anderen Gelegenheiten eine andere Stellung ein, als die Männer; sie biegen nämlich beide Kniee zusammen, neigen den Körper zurück, Kopf und Schultern dagegen vorwärts und hocken ganz auf den Boden nieder, indem sie beide Füße nach der rechten oder linken Seite hinstrecken. In dieser ebenso anständigen wie anmutigen Stellung nehmen sie ihre Mahlzeiten ein, und sie lassen sich auf diese Weise nieder und stehen auf, ohne sich dabei der Hände als Stützen zu bedienen.

Diese Frauen mögen indes noch so schön und noch so hungrig sein, sie dürfen niemals an der Mahlzeit der Männer teilnehmen. So weit ich in dem Indianerlande herumgekommen bin, habe ich niemals gesehen, daß eine Frau mit ihrem Manne zusammen gegessen hätte. Zuerst halten die Männer ihre Mahlzeit und dann erst kommen die Frauen, Kinder und Hunde an die Reihe, und diese essen gewöhnlich ungeheuer viel, was bei den Männern sehr selten der Fall ist.

Es dürfte wohl Zeit sein, endlich einmal einen allgemein verbreiteten Irrtum in bezug auf diesen Gegenstand zu berichtigen. Es wird überall behauptet und auch fast überall geglaubt, daß die Indianer »ungeheure Esser« sind; ich kann indes versichern, daß dies ein Irrtum ist. Nirgends wird so viel Vorsicht und Selbstverleugnung bewiesen, als von den Männern unter den wilden Indianern, die ihr Leben im Kriege, auf der Jagd oder mit körperlichen Übungen hinbringen und so hohe Begriffe von Stolz und Ehre haben, daß sie sorgfältig jede Übertreibung vermeiden. Auch wird ihnen einen großen Teil ihres Lebens die größte Enthaltsamkeit auferlegt, um ihren Körper gegen die Beschwerden abzuhärten, die ihrer warten. Mancher, der sich einige Wochen an der Grenze unter den betrunkenen, nackten, bettelnden Indianern aufgehalten hat, und bei seiner Rückkehr ein Buch über die Indianer schreibt, hat sie ohne Zweifel auch unmäßig essen und soviel Branntwein trinken sehen, daß sie sich nicht rühren konnten; denn dergleichen Fälle kommen zu Tausenden vor, wo die Indianer durch die Weißen zu Bettlern gemacht worden sind. Aber unter den wilden Indianern in dieser Gegend gibt es keine Bettler, keine Trunkenbolde, und jeder Mann ist eifrig bemüht, seinen Körper, wie seinen Geist in so gesundem Zustande zu erhalten, daß er sich seiner Waffen zur Verteidigung bedienen, oder bei ihren mannhaften Spielen um den Preis kämpfen kann.

Es wurde bereits oben erwähnt, daß die Indianer gewöhnlich nur zweimal, zuweilen sogar nur einmal des Tages essen, und daß ihre Mahlzeiten im Vergleich mit denen der Weißen leicht und einfach sind. Wenn sie dagegen, wie es zu gewissen Zeiten geschieht, mehrere Tage hintereinander gefastet, oder wenn sie sich keine Lebensmittel haben verschaffen können, dann beginnen sie, dem Brauch gemäß, allerdings mit einer tüchtigen Mahlzeit; aber man ist doch keineswegs berechtigt, sie deshalb überhaupt für Fresser zu halten. Ich habe viele Indianer gesehen, habe lange unter ihnen gelebt und habe oft geglaubt, bei ihren geringen Mahlzeiten verhungern zu müssen, und kann es daher mit voller Überzeugung aussprechen, daß die nordamerikanischen Indianer, selbst wenn sie Lebensmittel im Überflusse haben, weniger essen als die zivilisierten Völker.

Die Art, wie sie das Büffelfleisch zur Aufbewahrung zubereiten, ist merkwürdig und in der Tat fast unglaublich, denn sie trocknen es nur in der Sonne, ohne Beihilfe von Salz oder Rauch. Man verfährt dabei auf folgende Weise: Nachdem die Frauen die besten Teile von dem Fleische des Büffels ausgewählt und sie, quer gegen die Fasern, in einen halben Zoll dicke Streifen, und zwar so zerschnitten haben, daß die Lagen von magerem Fleische und Fett abwechseln, werden diese in großer Menge an Querstangen aufgehängt, die außer dem Bereich der Wölfe und Hunde auf Gabelhölzern ruhen. Hier bleibt das Fleisch mehrere Tage der Einwirkung der Sonne ausgesetzt, wodurch es so vollkommen trocken wird, daß man es ohne Nachteil überallhin versenden kann. Diese bei allen Indianerstämmen bis Mexiko gebräuchliche Art des Trocknens geschieht in den heißesten Monaten und läßt sich wohl nur durch die große Dünne und Reinheit der Atmosphäre in diesem weiten Landstriche erklären, den man sehr passend die großen Büffelebenen nennt, die aus einer Reihe hoher Steppen- oder Prärieplateaus bestehen, die sich bis an den Fuß der Felsengebirge hinziehen.

So überraschend es den meisten Menschen sein mag, daß man Fleisch ohne Rauch und Salz in der Sonne trocknen kann, ebenso auffallend dürfte wohl die Tatsache sein, daß die Indianerstämme sich niemals des Salzes bedienen, obgleich ihr Land reich an Salzquellen ist und in manchen Gegenden, die häufig von den Indianern besucht werden, die Prärie mehrere englische Meilen weit so mit einem Salzanfluge bedeckt ist, daß sie wie beschneit erscheint. Auf meinen Reisen mit den Indianern lagerten wir uns oft an solchen Stellen, allein niemals konnte ich sie bewegen, beim kochen oder essen sich des Salzes zu bedienen. Sie kochen indes ihr Fleisch länger als die zivilisierten Völker und ich habe mich überzeugt, daß man Fleisch, das auf diese Weise gekocht worden, sehr gut ohne Salz und anderes Gewürz genießen kann Siehe Anmerkung 11.

 


Anmerkung 11.

Nach dem Prinzen von Neuwied bedienen sich die Mandaner des Salzes bei ihren Speisen; sie finden es teils in ihren Seen, teils kaufen sie es von den Handelsleuten.


 

Dies gilt jedoch nur von den Indianern, die noch im Urzustande leben und sich ganz von Fleisch nähren; längs der Grenze dagegen, wo das Wild schon längst ausgerottet ist und die halbzivilisierten Indianer sich, gleich uns, von verschiedenen Pflanzen nähren, bedienen sie sich ebenfalls des Salzes und zuweilen sogar im Übermaße.


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