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Vierundvierzigstes Kapitel


Schawanos. – Der Schahnih-Prophet und seine Verrichtungen. – Tschirokihs. – Crihks. – Tschoktahs. – Ballspiel. – Adlertanz. – Sage von der großen Flut und einem Zustande nach dem Tode. – Ursprung der Krebs-Bande.


Es ist bereits früher die Rede gewesen von den Stämmen, die westlich vom Missouri und nördlich von St. Louis versetzt worden sind. Ich will jetzt über einen anderen in dieselbe Gegend verpflanzten Stamm einige Worte sagen und dann zu den in der Nähe des Forts Gibson angesiedelten Stämmen – den Tschirokihs, Crihks, Tschoktahs, Tschikasahs, Seminolen und Jutschihs (Euchees) übergehen.

Schawanos.

Die Geschichte dieses Stammes ist so eng mit derjenigen der Vereinigten Staaten und des Revolutionskrieges verbunden, daß sie im allgemeinen gut bekannt ist. Der Stamm bewohnte früher einen großen Teil der Staaten Pennsylvanien, Neu-Jersey und in den letzten sechzig Jahren einen Teil der Staaten Ohio und Indiana, wohin sie versetzt worden waren. Gegenwärtig lebt ein beträchtlicher Teil von ihnen mehrere hundert englische Meilen westlich vom Mississippi, wo die Regierung ihnen für das im Staate Ohio abgetretene Gebiet einen Landstrich angewiesen hat und man hofft, daß der Rest des Stammes auch bald dorthin wandern wird. Man hat behauptet, der Stamm sei aus Florida gekommen; allein ich kann dies nicht glauben, denn der Umstand, daß in Florida ein Fluß den Namen Su-wa-nih führt, worin man eine Ähnlichkeit mit dem Stammnamen Sha-wa-no hat finden wollen, ist kein hinreichender Beweis. Sie haben, soweit unsere beglaubigte Geschichte zurückgeht, an der atlantischen Küste, an der Delaware- und der Chesapeakbucht gewohnt, von wo aus sie im Kampfe gegen alle Arten von Ränken, gegen Bajonette und Krankheiten, durch Pennsylvanien, Delaware, Ohio, Indiana, Illinois und Missouri nach ihrem jetzigen Wohnsitz am Konzasflusse, mehr als 300 Meilen von ihrer Heimat, gezogen sind.

Sie waren an der atlantischen Küste Nachbarn der Delawaren, bekämpften bald ihre Feinde gemeinschaftlich, bald sich untereinander, bis endlich die Reste beider Stämme, die das Unglück ihrer Nation überlebten, zusammen in die westliche Wildnis wanderten und sich dort als Nachbarn ansiedelten, wo sie der Tod hoffentlich von der Notwendigkeit, abermals eine neue, noch entferntere Heimat zu suchen, befreien wird. Auf ihrer langen Wanderung ließen sie sich in dem schönen und berühmten Tale von Wy-o-ming nieder und erklärten dort bleiben zu wollen, bald aber mußten sie auch die lieblichen Ufer des Susquehanah und die Gräber der ihrigen verlassen, worauf sie zuerst in die Alleghanygebirge, dann an den Ohio und so immer weiter zogen, bis sie endlich durch den »großen Beschützer aller roten Kinder« in ihren gegenwärtigen Wohnort versetzt wurden.

Es sind gegenwärtig von diesem Stamme etwa noch 1200 Personen übrig, von denen eine geringe Zahl sich mit dem Ackerbau beschäftigt und ein fleißiges, mäßiges und religiöses Völkchen bildet, während der größere Teil ein elendes, abhängiges Leben führt und dem Branntwein übermäßig ergeben ist.

Kein Stamm hat eine interessantere Geschichte und keiner hat mehr berühmte Männer hervorgebracht als die Schawanos. Der große Tecumseh, auf den ich hier nicht eingehen kann, war Häuptling dieses Stammes und wohl der ausgezeichnetste Indianer seiner Zeit.

Der gegenwärtige Häuptling, Lä-lah-schih-kah (der den Fluß hinaufgeht) ist ein alter, ausgezeichneter Mann mit einem schönen, geistreichen Kopf. Seine Ohren waren aufgeschlitzt und hingen bis auf die Schultern herab, so daß man die ganze Hand durch die Öffnung stecken konnte. Es ist dies ein Brauch, auf den sie großen Wert legen; sie trennen zu diesem Zwecke den Ohrrand mit einem Messer ab und hängen schwere Gegenstände daran, um ihn so weit als möglich herabzuziehen; in der dadurch entstehenden Öffnung tragen sie bei feierlichen Gelegenheiten ein Bündel Pfeile oder Federn.

Ten-squah-ta-wä (die offene Tür), gewöhnlich der Schahnihprophet genannt, ist wohl einer der merkwürdigsten Menschen, die seit langer Zeit an der Grenze gelebt haben. Er ist der Bruder Tecumsehs und ebenso berühmt durch seine »Medizin«, als jener durch seine Waffentaten. Er war auf dem linken Auge blind und mit seinem »Medizinfeuer« in der rechten und der »heiligen Perlenschnur« in der linken Hand besuchte er die meisten der nordwestlichen Stämme und warb überall Krieger für Tecumseh an, der eine Vereinigung aller Indianer an der Grenze zur Vertreibung der Weißen und zur Verteidigung der Rechte der Indianer zu bilden beabsichtigte, da für diese, wie er sagte, auf andere Weise kein Schutz zu erlangen sei. Um diesen gewiß ganz richtig entworfenen, großartigen Plan auszuführen, wanderte nun sein Bruder, der Prophet, zu den Stämmen am oberen Missouri, wo seine Sendung einen erstaunlichen Erfolg hatte. Er besuchte die Dörfer seiner größten Feinde und andere, die niemals den Namen seines Stammes gehört hatten. Überall verschaffte ihm seine Medizin freundliche Aufnahme und es gelang ihm, 8000 –10+000 Krieger anzuwerben, die durch die Berührung des »Medizinfeuers« und der »heiligen Perlenschnur« sich eidlich verpflichtet hatten, ihm, sobald er sie aufrufe, zum Kampfe gegen die Weißen zu folgen und nicht umzukehren. Außer der genannten Medizin führte er noch die Figur eines toten Menschen mit sich, die auf eine sinnreiche Weise aus einem leichten Stoffe gemacht, mit einem dünnen Musselinüberzug versehen war und niemals geöffnet wurde. Auch an dieser Figur befand sich eine heilige Perlenschnur, die jeder Angeworbene ebenfalls berühren mußte. Er hatte, wie ich bei meinem Aufenthalt unter diesen Stämmen erfuhr, auf diese Weise die Sioux, Puncahs, Riccarier, Mandaner und selbst die Schwarzfüße besucht und überall sie ernstlich ermahnt, niemals das Feuer in ihren Wigwams ausgehen zu lassen, da ihnen dies Unheil bringen werde. Als alles vorbereitet war und die Krieger in wenigen Tagen aufbrechen wollten, wurden seine Pläne durch einige seiner politischen Feinde aus seinem eigenen Stamme, die ihm bis in jene fernen Gegenden gefolgt waren, vereitelt, indem sie überall erklärten, daß er ein Betrüger und wer ihm folge, ein Narr sei. Um sein Leben zu retten, mußte er sich heimlich auf den Weg machen; er erreichte zwar seinen Stamm, aber der Tod Tecumsehs und die Ränke seiner Feinde zerstörten seine glänzenden Hoffnungen und zwangen ihn, den Rest seines Lebens in Verborgenheit und einer Art von Ungnade zuzubringen, gleich allen Indianern, die »große Medizin« zu besitzen vorgeben und auf irgendeine Weise den dadurch beabsichtigten Zweck verfehlen, denn sie glauben, daß dies Mißlingen ein Beweis von dem Mißfallen des Großen Geistes sei, der stets gerecht richte.

Ich hatte mehrere Unterredungen mit diesem scharfsinnigen und einflußreichen Mann über seinen Bruder, von dem er sehr offen und, wie es schien, mit großem Vergnügen sprach; dagegen äußerte er sich nie über seine großen Entwürfe. Er erzählte mir, daß Tecumseh die Absicht hatte, alle Indianer von Mexiko bis zu den großen Seen in einen großen Bund zu vereinigen und auf diese Weise ein Heer aufzustellen, das imstande sei, die Weißen zurückzutreiben, die immer weiter vordrängen und die Indianer zuletzt zwingen würden, ihr Land zu verlassen und in das Felsengebirge zu fliehen. Tecumseh, sagte er, sei ein großer Krieger gewesen und nur sein frühzeitiger Tod habe die Ausführung seiner großen Pläne vereitelt.

Gleich den Überresten anderer Stämme, die durch Vertilgung des Wildes in ihrem Gebiet und durch den Genuß des Branntweins in Armut und gänzlichen Mangel versetzt wurden, sind die Schahwanohs Ackerbauer geworden und gewinnen jetzt Bohnen und Kartoffeln und besitzen Schweine und Pferde. Die Regierung hat auch mit diesen, wie mit den meisten anderen zerstreuten Stämmen eine Übereinkunft wegen ihrer Versetzung westwärts vom Mississippi abgeschlossen; es soll ihnen dort Land zum ewigen Eigentum angewiesen werden, allein die Dauer dieser »Ewigkeit« wird von Zeit und Umständen abhängen.

Tschir-o-kihs.

Die Tschirokihs leben in der Nähe des Forts Gibson am Arkansasflusse, 150 Meilen westlich vom Mississippi; es ist dies etwa ein Drittel des einst sehr zahlreichen und mächtigen Stammes, der einen bedeutenden Teil des Staates Georgia bewohnte, wo die Mehrzahl noch jetzt lebt. Die Trennung des Stammes wurde durch folgende Umstände herbeigeführt. Die Zentralregierung hatte die Tschirokihs durch feierliche Verträge als freie und unabhängige Nation anerkannt und ihnen zugleich das Recht zugestanden, sich selbst Gesetze zu geben. Einen solchen Staat im Staate wollte indes die Regierung von Georgien nicht dulden und um die entstandenen Zwistigkeiten zu schlichten, machte die Regierung der Vereinigten Staaten den Indianern wiederholt den Vorschlag, in die westlichen Gegenden auszuwandern, wo man ihnen einen schönen Landstrich anweisen wolle und wo sie ungestört nach ihren eigenen Gesetzen leben könnten.

Der erste Häuptling des Stammes, John Roß, ein zivilisierter und sehr unterrichteter Mann sowie mehrere der angesehensten, ihm untergebenen Häuptlinge weigerten sich jedoch entschieden, diesen Vorschlag anzunehmen und wohnen noch jetzt mit der bedeutenden Mehrzahl der Nation auf ihrem Gebiete in Georgien; nur ein Teil des Stammes, etwa 6000–7000 Köpfe, wanderten vor mehreren Jahren unter der Führung eines bejahrten, würdigen Häuptlings namens Dschol-lih nach dem Arkansasflusse. Dieser Mann hat, gleich sehr vielen Tschirokihs, eine Mischung von weißem und rotem Blute in seinen Adern und namentlich bei ihm scheint das erstere zu überwiegen.

Ich habe sowohl die westlichen als die östlichen Wohnsitze dieses interessanten Stammes besucht und gefunden, daß die Tschirokihs sowie ihre Nachbarn, die Tschoktahs und Krihks, in der Zivilisation bereits sehr weit vorgeschritten sind.

Da, wie ich bereits mehrmals erwähnt habe, mein eigentlicher Zweck ist, mich mit denjenigen Stämmen bekannt zu machen, die noch im Naturzustande leben, so werde ich die Tschirokihs und andere Überreste von Stämmen, die einst die schönsten Teile der Vereinigten Staaten bewohnten und deren interessante und wichtige Geschichte allgemein bekannt ist, hier nur kurz berühren und dann wieder in die unbesuchte Wildnis zurückkehren. Ich verlasse jedoch diesen Gegenstand, wie ich das mir liebgewordene Volk verließ, mit schwerem Herzen und wünsche ihm Erfolg und Segen des Großen Geistes, der allein das Verderben von ihnen abzuwenden vermag.

Die Tschirokihs bestehen in allem aus etwa 22 000 Seelen, von denen 16000 unter ihrem Häuptling John Roß noch in Georgien leben. Mit diesem ausgezeichneten Mann war ich sehr genau bekannt und trotz der Schmähungen seiner politischen Feinde fühle ich mich ermächtigt, ja verpflichtet, ein Zeugnis abzulegen für sein anspruchsloses, feines Benehmen und die Reinheit seiner Sprache, wovon er nie, weder in öffentlichen noch in privaten Unterredungen, abwich Seitdem dies niedergeschrieben wurde, ist es der Regierung gelungen, die Tschirokihs, die in Georgien zurückgeblieben waren, zum Auswandern jenseits des Mississippi zu bewegen, wo sie sich neben ihren alten Freunden, die, wie erwähnt, vor mehreren Jahren unter Dscholli dorthin verpflanzt waren, ansiedelten. Auch mit den meisten der übrigen in den letzten Kapiteln besprochenen Stammresten hat die Regierung in bezug auf ihre Versetzung in den letzten Jahren Verträge geschlossen, so daß gegenwärtig nur noch einige Hundert rote Männer im Osten des Mississippi leben, die wahrscheinlich den anderen auch bald folgen werden..

Außer den erwähnten Tschirokihs in Georgien und bei dem Fort Gibson leben noch einige Hundert an den Ufern des Canadianflusses unter dem ausgezeichneten Häuptling Tutsch-ih (von den Weißen gewöhnlich »Dutch« genannt), der sowohl durch seine Geschichte als durch seine schöne, männliche Figur und den Ausdruck in seinem Gesicht einer der außerordentlichsten Menschen ist, die gegenwärtig an der Grenze leben. Er begleitete das Dragonerregiment auf dem Marsche zu den Camantschen als Führer und Jäger und ich hatte hier bei einem mehrere Monate dauernden Beisammenleben Gelegenheit, seinen Charakter zu studieren und Zeuge seiner wunderbaren Geschicklichkeit auf der Jagd zu sein.

Aufgebracht über die beständigen Eingriffe, die die Weißen an der Grenze des Landes der Tschirokihs in Georgien sich erlaubten und deren trauriges Resultat er vielleicht vorhersah, forderte er Freiwillige auf, die nach dem Westen auswandern wollten. Einige Hundert Männer, Frauen und Kinder zogen mit ihm über den Mississippi und ließen sich an den Quellen des White River (weißen Flusses) nieder, wo sie blieben, bis auch dort die bleichen Gesichter erschienen; sie zogen dann über 100 Meilen weiter zu den Ufern des Canadianflusses, wo sie die Osagen, Camantschen und andere Feinde von einem weiten Landstriche vertrieben haben, den sie jetzt als unbestrittenes Eigentum bewohnen. Sie gewinnen dem Boden reiche Ernten ab von Mais, Kartoffeln usw., gehen nach Belieben auf die Büffeljagd oder folgen ihrer natürlichen Neigung zur Ausschmückung ihrer Kleider und Kriegskeulen mit den Skalplocken ihrer Feinde.

Krihks oder Mus-ko-dschihs.

Sie bewohnen, 20000 Köpfe stark, bis vor kurzem in den Staaten Mississippi und Alabama einen weiten Landstrich, den sie durch Übereinkunft mit der Regierung gegen ihren jetzigen Wohnsitz im Süden des Arkansas neben den Tschirokihs vertauschten. Dort treiben sie Ackerbau und haben sich hübsche Häuser gebaut, die zum Teil mit ausgedehnten Mais- und Weizenfeldern umgeben sind.

Es gibt schwerlich ein schöneres Land auf der Erde, als das, welches die Krihks jetzt bewohnen, und gewiß keinen Indianerstamm in Nordamerika, der weiter in den Handwerken und dem Landbau vorgeschritten wäre. Es ist nichts Ungewöhnliches, einen Krihk zu sehen, auf dessen Pflanzung zwanzig bis dreißig Sklaven arbeiten, die sie aus ihrem früheren Wohnsitz, einem Sklavenstaat, mitgebracht haben und von denen auf ihrem langen und beschwerlichen Marsch wohl die Hälfte gestorben ist.

Sowohl die Krihks als die Tschirokihs und Tschoktahs haben gute Schulen und Kirchen, die unter der Leitung trefflicher Männer stehen.

Zwei angesehene Männer dieses Stammes, Brüder und, wie ich glaube, Häuptlinge, habe ich gemalt, sie sind gewöhnlich in Kalikot oder andere von den Weißen verfertigte Zeuge gekleidet, und ihren Anzug verzieren sie auf phantastische, aber oft sehr geschmackvolle Weise, und namentlich verbrauchen sie eine große Menge von Glasperlen, die sie teils um den Hals tragen, teils zur Verzierung der Mokassins und des schönen Gürtels verwenden.

Tschoktahs.

Dieser aus 15000 Seelen bestehende Stamm wurde vor einigen Jahren aus den nördlichen Teilen der Staaten Alabama und Mississippi südwärts vom Arkansas- und Canadianflusse versetzt, wo sie an das Gebiet der Krihks und der Tschirokihs grenzen, denen sie hinsichtlich der Zivilisation und der Lebensweise gleichstehen.

Die Tschoktahs scheinen mit ihrem Zustande zufrieden zu sein und gleich den anderen Überresten von Stämmen haben sie noch ihre verschiedenen Spiele beibehalten. Während meines Aufenthalts unter ihnen schien die Zeit der Belustigungen oder irgendein Fest zu sein, denn fast der ganze Stamm versammelte sich täglich um die Wohnung des Agenten und unterhielt uns mit Wettrennen zu Pferde und zu Fuß, Tanz, Ringen, Ballspiel usw. Von allen diesen Spielen ist unstreitig das Ballspiel das interessanteste und die Lieblingsunterhaltung der südlichen Stämme. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß bei einer solchen Gelegenheit 800–1000 junge Männer an dem Spiele teilnehmen, während fünf- bis sechsmal so viel Zuschauer, Männer, Weiber und Kinder die Spielenden umgeben.

Während meines Aufenthaltes im Lande der Indianer habe ich es nie versäumt, einem Ballspiele beizuwohnen und bin deshalb oft fünf bis sechs Meilen weit geritten. Ich blieb dann im Sattel sitzen, um alles besser übersehen zu können und bin oft vor Lachen über die wunderlichen Sprünge und Stellungen der Spielenden beinahe vom Pferde gefallen.

Das Spiel beginnt gewöhnlich um neun Uhr morgens und ich habe oft bis zum Sonnenuntergang zugeschaut. Es ist unmöglich, selbst mit Hilfe des Pinsels, mehr als eine Karikatur eines solchen Schauspiels zu geben.

Als ich mich bei den Tschoktahs befand, wurde eines Tages angekündigt, daß einige englische Meilen von der Wohnung des englischen Agenten entfernt ein Ballspiel stattfinden werde; ich begab mich dorthin und entwarf drei Skizzen des Spiels.

Ich ritt nachmittags mit den Leutnants S. und M. nach dem etwas über eine Meile entfernten Ballspielplatze der Tschoktahs, wo sich in zwei, etwa eine halbe englische Meile voneinander entfernten Gehölzen die Spielparteien mit ihren Familien und Freunden gelagert hatten; zwischen beiden lag die Prärie, auf der das Spiel stattfinden sollte. Da wir nichts mitgebracht hatten, worauf wir schlafen konnten, so beschlossen wir, wach zu bleiben, um zu sehen, was in der Nacht geschehe. Während des Nachmittags gingen wir zwischen den Zelten und den geschmückten Indianern der beiden Lager umher und wohnten gegen Sonnenuntergang der Ausmessung des Platzes und der Errichtung der Malzeichen bei; es sind dies zwei aufrechtstehende, etwa fünfundzwanzig Fuß hohe und sechs Fuß voneinander entfernte Stangen, die oben durch eine dritte Stange verbunden werden. Beide Malzeichen waren etwa 40–50 Ruten voneinander entfernt und genau in der Mitte zwischen beiden wurde eine einzelne Stange errichtet, um den Ort zu bezeichnen, wo der Ball ausgeworfen werden sollte, nachdem durch Abschießen einer Flinte das Zeichen dazu gegeben worden. Alle diese Vorbereitungen wurden von einigen alten Männern getroffen, welche die Spielrichter zu sein schienen und zuletzt noch von einem Malzeichen zum anderen eine Furche zogen. Nun kamen aus beiden Gehölzen Frauen und alte Männer, Knaben und Mädchen, Pferde und Hunde in großer Menge herbei, stellten sich längs der Furche auf und die Wetten auf das Spiel begannen. Diese Wetten scheinen hauptsächlich den Frauen überlassen zu sein, die von allem, was ihre Häuser und Felder enthielten, etwas mitgebracht hatten: Messer, Kleider, Decken, Töpfe, Kessel, Hunde, Pferde, Flinten usw. Alle diese Gegenstände wurden einigen Personen übergeben, die sie die Nacht hindurch bewachten.

Die Stöcke, deren man sich beim Spiel bedient, sind an dem einen Ende zu einem länglichen Reifen umgebogen, über den ein Netz gespannt ist, damit der Ball nicht hindurchfalle. Die Spieler halten in jeder Hand einen dieser Stöcke und, indem sie hochspringen, fangen sie den Ball zwischen beiden Netzen und werfen ihn weiter, doch dürfen sie ihn nicht schlagen oder mit den Händen fangen.

Alle Mitspielenden gehen fast ganz nackt und tragen nur den Schurz (Breech-Cloth, ein Stück Zeug zur Bedeckung des Unterleibs), einen prächtigen Gürtel von Glasperlen, woran ein »Schweif« von weißen Pferdehaaren oder Federn befestigt ist, und außerdem um den Hals eine »Mähne« von buntgefärbten Pferdehaaren.

Das Spiel, dem ich beiwohnte, war schon vor drei oder vier Monaten auf folgende Weise angeordnet worden: Die beiden Spieler, die die beiden Parteien anführten und abwechselnd die Mitspielenden in dem ganzen Stamm auswählen konnten, sandten Läufer, die phantastisch mit Bändern und roter Farbe verzierte Ballstöcke trugen, die von den ausgewählten Spielern berührt wurden, wodurch diese sich verpflichteten, sich zur bestimmten Zeit bei dem Spiele einzufinden. Nachdem nun, wie eben erwähnt, alle Vorbereitungen zum Spiel beendigt, die Wetten gemacht und die aufs Spiel gesetzten Gegenstände niedergelegt waren, brach die Nacht herein, ohne daß einer von den Spielern sich gezeigt hätte. Aber bald nachdem es dunkel geworden, setzte sich von jedem Lager aus ein Zug mit brennenden Fackeln in Bewegung, stellte sich um sein Malzeichen auf und begann beim Schall der Trommeln und dem Gesang der Frauen den »Ballspieltanz«. Jede Partei tanzte in ihrem Spielanzuge etwa eine Viertelstunde lang um ihr Malzeichen, wobei sie ihre Ballstöcke heftig zusammenschlugen und sangen, so laut sie konnten, während die Frauen, die an den Wetten teilgenommen hatten, sich zwischen die beiden Parteien längs der Furche in zwei Reihen aufstellten, ebenfalls tanzten und einen Gesang anstimmten, worin sie den Großen Geist anflehten, das Spiel zugunsten ihrer Partei zu entscheiden, und zugleich die Spieler ermutigten, in dem bevorstehenden Kampf alle ihre Kräfte aufzubieten. Während dieser Zeit saßen vier alte Medizinmänner, die mit dem Auswerfen des Balles und mit dem Richteramt beauftragt waren, an der Stelle, wo der Ball ausgeworfen werden sollte, und rauchten eifrig, damit der Große Geist sie erleuchte und sie in den Stand setze, in einer so wichtigen Angelegenheit ein richtiges und unparteiisches Urteil zu fällen.

Dieser Tanz wurde auf dieselbe Weise die ganze Nacht hindurch mit halbstündigen Pausen wiederholt. Um neun Uhr morgens nahmen nun beide Parteien ihre Plätze ein und das Spiel begann damit, daß die Richter, nachdem eine Flinte abgeschossen worden, den Ball in die Höhe warfen. Es entstand nun ein augenblicklicher Kampf zwischen beiden Parteien, indem jeder von den 600 bis 700 Spielern den Ball mit den Stöcken zu fassen und zwischen die Stangen des Malzeichens seiner Partei zu werfen suchte; gelingt dies, so zählt es eins. Von diesem Kampfe, wo alles läuft, springt, sich stößt und drängt und jeder mit aller Kraft seiner Stimme schreit, kann sich niemand eine Vorstellung machen, der nicht Zeuge davon war. Da der Vorderste die meiste Aussicht hat, den Ball zu erhaschen, so wird alles aufgeboten, um dies zu verhindern und es kommt dabei oft zu Schlägereien, wobei indes selten jemand verletzt wird, da es allgemeine Vorschrift bei den Ballspielen ist, daß die Waffen im Lager zurückgelassen werden.

So oft der Ball zwischen die Stangen eines Malzeichens geworfen worden, wird eine Pause von etwa einer Minute gemacht; dann werfen die Richter den Ball wieder in die Höhe, das Spiel beginnt von neuem und dies währt so lange, bis es einer Partei gelungen ist, den Ball einhundertmal in ihr Malzeichen zu werfen. Das Spiel endigte eine Stunde vor Sonnenuntergang und nachdem die Sieger ihre Gewinne in Empfang genommen hatten, gaben sie, der Übereinkunft gemäß, einige Kannen Branntwein zum besten, wodurch alle in die heiterste Stimmung kamen, ohne betrunken zu sein.

Am folgenden Tage versammelten sich die Indianer in der Nähe der Wohnung des Agenten, wo sie verschiedene Tänze und andere Belustigungen ausführten, von denen ich die meisten schon beschrieben habe; einer dieser Tänze, der Adlertanz, war mir jedoch neu, weshalb ich einige Worte darüber sagen will. Dieser malerische Tanz, der zu Ehren des Adlers stattfindet, für den sie eine religiöse Verehrung zu hegen scheinen, wird von 12–16 jungen Leuten aufgeführt, die bis auf den Gürtel und den Schurz ganz nackt und mit weißem Ton bemalt sind. Jeder hält in der Hand einen Adlerschwanz und trägt einen Schmuck von Adlerfedern auf dem Kopfe. Die Tänzer sitzen in Reihen von je vier Mann hintereinander auf der Erde, von denen bei dem Schall der Trommel vier (denn nur so viel nehmen gleichzeitig am Tanze teil) aufspringen und um einige in die Erde gesteckte Lanzen herumtanzen; die Pas oder vielmehr Sprünge waren von allem, was ich früher gesehen, verschieden und sehr schwierig, indem die Tänzer nach jedem Sprunge niederhockten und mit dem Körper fast den Boden berührten.

Ich habe bereits oben die merkwürdige Sage dieses interessanten Stammes erwähnt, wonach sie behaupten, aus dem Westen gekommen zu sein; ich will hier noch einige ihrer Sagen mitteilen, wie sie mir von einem gebildeten und sehr einflußreichen Indianer, von den Weißen gewöhnlich »Peter Pinchlin« genannt, erzählt wurden.

Die Sage von der großen Flut. »Unsere Nation hat folgende Sage von der großen Flut: Es war eine lange Zeit auf der ganzen Erde völlig finster; die Doktoren der Tschoktahs schauten lange nach dem Tageslicht umher, bis sie endlich verzweifelten, je es wiederzusehen und das ganze Volk sehr unglücklich war. Endlich erschien im Norden ein Licht, worüber große Freude entstand, bis man entdeckte, daß es ein großer Berg von fließendem Wasser sei, der alle bis auf eine Familie vernichtete, die es erwartet und ein großes Floß gebaut hatte, worauf sie sich rettete.«

Die Sage vom Zustande nach dem Tode. »Unser ganzes Volk glaubt, daß der Geist in einem künftigen Zustande fortlebt – daß er nach dem Tode weit nach Westen wandern und über einen furchtbar tiefen und reißenden Strom setzen muß, der auf beiden Ufern von hohen und steilen Bergen eingefaßt ist – über diesem Strom liegt von einem Berge zum anderen ein langer, schlüpfriger Tannenbaum ohne Rinde, über den die Verstorbenen gehen müssen, um in die schönen Jagdgefilde zu gelangen. Auf der anderen Seite des Stromes stehen sechs Personen aus den schönen Jagdgefilden, die auf die den Strom Überschreitenden, wenn sie sich aus der Mitte des Tannenstammes befinden, große Felsstücke schleudern. Die Guten kommen glücklich hinüber in die schönen Jagdgefilde, wo ein ewiger Tag herrscht, – wo die Bäume stets grünen – wo der Himmel wolkenlos ist – wo stets ein sanfter, kühler Wind weht – wo ununterbrochene Festlichkeiten und Tänze herrschen – wo man keine Mühe und Arbeit kennt, das Volk nie alt wird, sondern ewig jung bleibt und die Freuden der Jugend genießt.

Die Schlechten dagegen, die die geschleuderten Felsstücke ankommen sehen, suchen ihnen auszuweichen, gleiten aus und stürzen viele tausend Fuß tief hinab in das Wasser, das von toten Fischen und anderen Tieren übel riecht, wo sie durch Wirbel stets wieder auf dieselbe Stelle zurückgebracht werden – wo die Bäume alle abgestorben, die Gewässer mit Kröten, Eidechsen und Schlangen angefüllt sind – wo die Toten stets hungrig sind und nichts zu essen haben – wo sie stets krank sind und niemals sterben – wo die Sonne niemals scheint und wo die Bösen zu Tausenden beständig einen hohen Felsen hinanklettern, von wo aus sie die schönen Jagdgefilde, das Land der Seligkeit erblicken, aber niemals erreichen können.«

Die Sage von der Entstehung der Krebsbande. »Es besteht unter unserem Volke ein Verein, der die ›Krebsbande‹ heißt. Vor sehr langer Zeit lebten sie unter der Erde und pflegten aus dem Schlamme hervorzukommen – sie waren eine Art Krebse und gingen auf Händen und Füßen und lebten in einer Höhle tief unter der Erde, wo auf viele Meilen weit kein Licht war. Sie hatten keine Sprache, auch verstanden sie keine. Der Eingang in ihre Höhle führte durch den Schlamm und sie gingen durch diesen in ihre Höhle, und so konnten die Tschoktahs lange Zeit hindurch sie nicht fangen. Die Tschoktahs suchten ihnen aufzulauern, wenn sie hervorkamen und sich in den Sonnenschein legten, um sie anzureden und Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen.

Eines Tages wurde ein Teil von ihnen so plötzlich von den Tschoktahs überrascht, daß sie nicht Zeit hatten, durch den Schlamm in ihre Höhle zu fliehen, sondern durch einen anderen Eingang, der sich im Felsen befand, in diese gelangten. Die Tschoktahs suchten lange Zeit sie durch Rauch herauszutreiben, was ihnen endlich gelang – sie behandelten sie gütig – lehrten sie die Tschoktahsprache und das Gehen auf zwei Beinen – schnitten ihnen die Zehennägel ab, pflückten ihnen das Haar vom Körper und nahmen sie in ihre Nation auf – die übrigen leben unter der Erde bis auf diesen Tag.«


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