Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Dreißigstes Kapitel


Köcher und Schild. – Räuchern des Schildes. – Tabaksbeutel. – Musikalische Instrumente. – Trommeln. – Rasseln. – Flöten. – Lauten. – Bärentanz. - Skalptanz.


In dem vorhergehenden Kapitel habe ich einige Waffen und andere Gerätschaften der Indianer beschrieben und will hier noch einiges hinzufügen. Der Köcher wird aus der Haut eines Rehkalbes und der Schild der Sioux aus der Halshaut eines Büffels gemacht und mit einem aus den Hufen und Gelenkknochen dieses Tieres bereiteten Leim gehärtet. Ein merkwürdiges und nach der Meinung der Indianer wichtiges Verfahren ist das Räuchern des Schildes. Will ein junger Mann sich einen Schild verfertigen, so gräbt er ein Loch in die Erde, das zwei Fuß tief und so breit ist, als er den Schild zu machen denkt. In dieser Grube zündet er ein Feuer an und über diesem, einige Zoll über dem Boden, spannt er die rohe Haut horizontal aus, indem er an deren Rande kleine Stäbchen hindurch und in den Boden steckt. Die Haut ist anfangs doppelt so groß, als der Schild werden soll. Nachdem die hierzu eingeladenen Freunde um die Grube herum getanzt und den Großen Geist angefleht haben, daß er dem Schilde die Kraft verleihen möge, den Besitzer gegen seine Feinde zu schützen, wird der Leim darauf gestrichen und, sowie die Haut sich erwärmt, eingerieben. Ein zweiter Indianer ist unterdessen beschäftigt, die Stäbchen zu erneuern, die durch die Zusammenziehung der Haut aus der Erde gerissen werden, wodurch die Haut stets ausspannt gehalten wird; hat sie sich endlich bis auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Größe zusammengezogen und die gehörige Dicke und Härte erlangt, so hört der Tanz auf und das Feuer wird ausgelöscht. Nachdem die Haut abgekühlt ist, gibt man ihr die Schildform und bemalt sie häufig mit der Medizin oder Totem, d. h. mit dem Bilde eines Adlers, einer Eule, eines Büffels oder eines anderen Tieres, das den Besitzer gegen jede Verletzung schützen soll; auch wird der Schild noch mit Adlerfedern oder anderen Dingen verziert. Diese Schilde werden von allen Kriegern dieser Gegenden zum Schutze in ihren Gefechten, die fast immer zu Pferde stattfinden, an einem breiten über die Brust gehenden Lederriemen getragen.

Es ist oben (29. Kapitel), wo von den Pfeifen und dem Rauchen die Rede war, gesagt worden, daß sie verschiedene Surrogate für Tabak haben, die sie K'nick-K'neck nennen. Zu deren Aufbewahrung verfertigen die Frauen sehr sonderbare Beutel von Otter-, Biber- oder anderen Fellen, die mit Stachelschweinstacheln und Perlen verziert werden, gewöhnlich am linken Arm hängen und außer dem Tabak noch Stein, Stahl und Schwamm enthalten.

Musikinstrumente hat dieses Volk nur sehr wenige und sie sind äußerst roh und unvollkommen; nämlich Rasseln, Trommeln, Flöten und Lauten, die sich bei allen Stämmen finden.

Die Rasseln (Schischikué) werden aus rohen Häuten gemacht, die getrocknet eine große Härte erlangen; sie enthalten Kieselsteine oder ähnliche Gegenstände und geben, wenn man sie schüttelt, einen schrillenden Ton. Man bedient sich ihrer, um bei den Tänzen und Gesängen den Takt anzugeben. Ihre Trommeln sind sehr roh gearbeitet und bestehen oft bloß aus einem Stück roher Haut, das nach Art eines Tamburins über einen Reifen gespannt ist; zuweilen haben sie die Form eines kleinen Fäßchens, das oben und unten mit roher Haut überspannt ist. Man schlägt diese Trommeln mit einem Stock, der häufig auch eine Rassel ist; zuweilen aber ist das dicke Ende des Trommelstockes mit Ziegenhaut bewickelt, um den Ton zu mildern. Die Trommel wird bei allen ihren Tänzen und Gesängen geschlagen. Die Mysterienflöte ist ein sehr sinnreiches Instrument ihrer eigenen Erfindung. Die Hervorbringung des Tons ist ganz verschieden von der bei den Blasinstrumenten der zivilisierten Völker üblichen Art, und obgleich es häufig vor meinen Augen gespielt wurde und ich selbst es oft versuchte, so habe ich doch, zur großen Belustigung der Frauen und Kinder, mich stets vergeblich bemüht, auch nur den leisesten Ton hervorzubringen. Der Ton ist übrigens sehr sanft und angenehm und ich zweifle nicht, daß es sich in geschickten Händen zu einem beliebten Instrument umwandeln ließe.

Die Kriegsflöte, ein bekanntes und sehr geschätztes Instrument, gewöhnlich sechs bis neun Zoll lang, wird aus den Beinknochen des Hirsches oder Truthahns gemacht und mit bunten Stachelschweinstacheln verziert. Der Häuptling oder Führer trägt sie im Kampfe um den Hals unter seiner Kleidung. Sie hat nur zwei Töne; der eine, hellere Ton gibt das Zeichen zum Kampfe, der andere zum Rückzug; sie werden hervorgebracht, je nachdem man in das eine oder das andere Ende hineinbläst. Dieser Ton wird mitten im Gefecht gehört, wenn der Lärm noch so stark ist, daß es unmöglich ist, das Kommando des Führers zu verstehen.

Ein anderes Blasinstrument, die an der Grenze sogenannte Hirschhautflöte oder die Werbeflöte der Winnebagos (Tsal-iht-quash-to), hat drei, vier oder sechs Löcher für die Finger und eben so viele Töne mit ihren Oktaven, die aber unregelmäßig graduiert sind und den Beweis liefern, daß die Indianer wenig musikalisches Gehör haben. Man bläst in das Ende der Flöte hinein und sie scheint zum Teil eine Nachahmung von Instrumenten der zivilisierten Völker zu sein.

In der Gegend des oberen Mississippi sitzen die jungen Leute des Winnebagostammes, wie man mir erzählte, oft stundenlang Tag für Tag in der Nähe des Wigwams, der den Gegenstand ihrer Neigung enthält, und blasen diese Flöte, bis endlich das Herz der Dame, von so viel Aufopferung gerührt, durch ein Zeichen zu erkennen gibt, daß sie bereit sei, den jungen Orpheus durch ihre Hand und ihr Herz zu belohnen. Ob dies wahr ist, weiß ich nicht, indes muß doch wohl ein Grund für die oben erwähnte Benennung vorhanden sein.

Aus dieser Beschreibung ihrer rohen und unvollkommenen musikalischen Instrumente wird man ersehen, daß sie in der Musik nur geringe Fortschritte gemacht haben; dies zeigt sich noch deutlicher in ihren Gesängen, die der Reisende in diesem Lande täglich und fast stündlich hört.

Der Tanz ist eine der vorzüglichsten und häufigsten Vergnügungen bei allen Indianerstämmen Nordamerikas. Die Tänze bestehen etwa aus vier Pas, die Figuren und Formen dieser Szenen, die durch heftige Sprünge und Verdrehungen des Körpers hervorgebracht und mit Gesang und Trommelschlag, genau nach den Bewegungen des Tanzes, begleitet werden, sind sehr zahlreich. Einige Reisende haben behauptet, daß die Musik des Indianers weder Harmonie noch Melodie besitze; dem kann ich nicht beistimmen, obgleich ich zugebe, daß in den meisten Gesängen von dem, was die musikalische Welt »Melodie« nennt, keine Rede ist. Ihre Gesänge bestehen aus rauhen und schnarrenden Kehltönen, aus Geschrei, Gebell und Gekreisch, was alles vollkommen nach dem Takte und nicht nur mit Methode, sondern auch mit Harmonie ausgestoßen wird. Jeder, der in diesem Lande reiste, wird sich erinnern, daß der Indianer sich zuweilen neben sein Feuer niederlegt, seine Trommel zur Hand nimmt, die er auf kaum hörbare Weise berührt und einen so sanften Gesang anstimmt, daß man glaubt, ein Frauenzimmer singen zu hören. Diese sanften Gesänge, die sich sehr von denen unterscheiden, die sie im vollen Chor und mit heftigen Gestikulationen bei ihren Tänzen singen, scheinen voll Ausdruck zu sein, obwohl einförmig und ohne Melodie.

Sie tanzen viel mehr als die zivilisierten Völker, denn der Tanz gehört mit zu ihrem Gottesdienst; sie tanzen, wenn sie dem Großen Geist ihren Dank darbringen, wenn sie ihrer Medizin ihre Verehrung bezeigen und angesehene Fremde ehren und unterhalten wollen.

Während meines Aufenthalts unter den Sioux habe ich so viele verschiedene Tänze gesehen, daß ich dieses Volk die »tanzenden Indianer« nennen möchte. Sie scheinen für alles Tänze zu haben und fast zu jeder Stunde des Tages und der Nacht hörte man die Trommel, die irgendeinen Tanz begleitete. Die Tänze sind ebenso mannigfaltig in ihrem Charakter, als zahlreich – einige sind ungemein grotesk und lächerlich und erhalten den Zuschauer in fortwährendem Gelächter – andere haben den Zweck, das Mitleid zu erregen, während noch andere durch die furchtbaren Drehungen und Verdrehungen des Körpers Widerwillen oder Schrecken und Furcht erregen.

Alle Welt hat von dem Bärentanze gehört, aber wohl nur wenige haben ihn gesehen. Die Sioux, gleich allen westlichen Stämmen, lieben das Bärenfleisch und müssen große Vorräte von Bärenfett haben, um ihr langes Haar und ihren Körper damit zu salben. Sie alle lieben auch sehr die Bärenjagd und mehrere Tage vorher, ehe sie zu diesem Zwecke ausziehen, vereinigen sich alle, um den Bärentanz aufzuführen, und zu dem »Bärengeist« zu singen, der, wie sie glauben, sich irgendwo unsichtbar aufhält und zu Rate gezogen und versöhnt werden muß, ehe man auf eine glückliche Jagd rechnen könne. Zu diesem Zwecke hängt einer der angesehensten Medizinmänner, der den Tanz leitet, ein Bärenfell um, so daß die mit einer Feder des Kriegsadlers verzierte Kopfhaut ihm das Gesicht bedeckt und er durch die Augenlöcher hindurch sieht; noch mehrere der Tanzenden tragen Masken von Bärenfell und alle ahmen mit den Händen die Bewegung dieses Tieres nach, einige, wenn es läuft, andere die eigentümliche Stellung und das Herabhängen der Vordertatzen, wenn es, auf den Hinterfüßen sitzend, die Annäherung eines Feindes erwartet. Diese wunderliche und unterhaltende Maskerade wird oft in Zwischenräumen mehrere Tage hintereinander wiederholt, ehe man auf die Bärenjagd auszieht, und sie würden, wie bereits erwähnt, auf keinen Erfolg rechnen, wenn sie nicht alle Formen streng beobachteten.

Der Tanz wird auch hier, wie zuweilen unter zivilisierten Völkern, dazu benutzt, um Gunstbezeigungen oder die Güter dieser Welt zu erlangen, nur gehen die Indianer dabei ehrlicher zu Werke, indem sie dem Tanz den rechten Namen geben und ihn den Bettlertanz nennen. Ich sah diesen Tanz nicht von Bettlern, sondern von den ersten und unabhängigsten jungen Leuten des Stammes, die, bis auf den Gürtel von Adler- und Rabenfedern, ganz nackt waren und Lanzen, Pfeifen und Rasseln in den Händen hielten; ein Medizinmann begleitete den Gesang mit der Trommel und mit den höchsten Tönen, die er mit seiner Kehle hervorzubringen vermochte. Bei diesem Tanze singt ein jeder so laut er kann, indem er den Großen Geist anfleht, daß er die Herzen der Umstehenden erweichen möge, damit sie den Armen geben, und die Versicherung hinzufügt, daß der Große Geist gütig gegen diejenigen sein werde, die sich gegen die Armen und die Hilflosen mildtätig erweisen.

Von dem Skalp und der Art und dem Zwecke des Skalpierens ist bereits oben (29. Kapitel) die Rede gewesen und ich sagte dort, daß die meisten Skalpe über kleine Reifen gespannt würden, um bei dem Skalptanz benutzt zu werden. Über diesen Skalptanz will ich jetzt einige Worte sagen.

Der Skalptanz findet zur Feier eines Sieges statt und wird bei diesem Stamme in der Nacht bei Fackelschein und kurz vor dem Schlafengehen getanzt. Wenn eine Streifpartei mit den Skalpen der Feinde von einem Kriegszuge heimkehrt, so »tanzen« sie vierzehn Nächte hintereinander, wobei sie sich ihrer Heldentaten rühmen, während sie die Waffen in den Händen schwingen. Einige junge Frauen treten in den Kreis und halten die neu eroberten Skalpe, ohne jedoch an dem Tanze selbst teilzunehmen, während die Männer im Kreise herumtanzen, d. h. mit beiden Beinen zugleich in die Höhe springen, auf das entsetzlichste schreien und ihre Waffen so drohend schwingen, als ob sie sich gegenseitig auf der Stelle in Stücke zerhauen wollten; zugleich verzerren sie ihr Gesicht auf das gräulichste und beißen die Zähne zusammen, mit einem Worte, sie gebärden sich, als ob sie mitten im heftigsten Kampfe wären. Keine Beschreibung vermag den furchtbaren und unauslöschlichen Eindruck dieser in dunkler Nacht bei Fackelschein aufgeführten Tänze zu schildern.

Der Zweck des Skalpierens ist bekannt und oben erklärt worden; aber die Gründe, weshalb diese Zeremonie des Tanzes so gewissenhaft von allen nordamerikanischen Stämmen beobachtet wird, sind nach meiner Ansicht noch nicht genügend aufgeklärt. Ein Hauptzweck ist unstreitig die öffentliche Freudenbezeigung; aber es gibt noch andere wesentliche Gründe für die streng beobachtete Schaustellung der Skalpe. Bei einigen Stämmen werden die Skalpe nach dieser Feierlichkeit begraben. Die öffentliche Schaustellung hat wohl den Zweck, die Skalpe zur allgemeinen Kenntnis zu bringen und den Besitzern die öffentliche Anerkennung zu verschaffen, da sie sich nun von ihnen trennen müssen. Die große Achtung, die sie den Skalpen beweisen, so lange sie sich in ihrem Besitz befinden, der traurige Gesang für die Geister ihrer unglücklichen Schlachtopfer, sowie die große Sorgfalt und Feierlichkeit, womit sie später die Skalpe begraben – dies alles gibt mir die Überzeugung, daß sie eine abergläubische Furcht vor den Geistern ihrer erschlagenen Feinde haben und diese zur Sicherung ihrer eigenen Ruhe durch mancherlei Zeremonien zu versöhnen suchen, wohin auch die oben beschriebene Feierlichkeit gehört.


 << zurück weiter >>