Jeremias Gotthelf
Wie Uli der Knecht glücklich wird
Jeremias Gotthelf

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Draußen bat Uli sein Weibchen, mit ihm zum Pfarrer zu kommen, den Schein zu holen. Verschämt weigerte sich dasselbe dessen unter dem Vorwande, es kenne ihn nicht, es sei ja nicht nötig usw. Indessen ging es doch und nicht mehr verschüchtert wie ein Dieb in der Nacht, sondern wie es einem glücklichen Weib an der Seite eines ehrenhaften Mannes wohl ansteht. Vreneli wußte sich zusammenzunehmen.

Freundlich empfing sie der Pfarrer, ein ehrwürdiger, langer, hagerer Herr. Es war nicht bald einer wie er, der Ernst mit holdseligem Wesen zu mischen wußte, daß vor ihm die Herzen aufgingen, als wären sie mit einem Zauberstäbchen berührt.

Als er Vreneli betrachtet hatte, fragte er: «Was meinst du, Uli, ist das Gfell oder Gottes Fügung, daß du dieses Weibchen bekommen?» «Herr Pfarrer,» sagte Uli, «Ihr habt recht, ich halte es für eine Gabe Gottes.» «Und du, Weibchen, welches Sinnes bist du?» «Ich meine auch nichts anderes, als daß der liebe Gott uns zusammengeführt», sagte Vreneli. «Ich glaube auch,» sagte der Pfarrer, «Gott hat das gewollt, das vergeßt nie. Warum hat er euch zusammengeführt? Daß Eins das Andere glücklich mache, aber nicht nur hier, sondern auch dort – das vergeßt mir wieder nicht. Die Ehe ist auf Erden Gottes Heiligtum, in welchem die Menschen sich weihen und reinigen sollen für den Himmel. Ihr seid gute Leute, seid fromm und brav, aber ihr habt Beide Fehler. Dir, Uli, kenne ich zum Beispiel einen, der dir näher und näher kömmt, es ist der Geiz; du, Vreneli, wirst auch welche haben, aber ich kenne sie nicht. Diese Fehler werden hervortreten nach und nach, und wie an dir, Uli, ein Fehler sichtbar wird, so gewahrt ihn deine Frau zuerst und du kannst ihn an ihren Mienen gewahren, und was an Vreneli hervorkömmt, bemerkst du und es kann es an deinem Gesichte absehen. Eines wird fast zu des Andern Spiegel. In diesem Spiegel, Uli, sollst du deine Fehler erkennen und aus Liebe zu deiner Frau sie abzulegen suchen, weil sie am meisten darunter leidet, und du, Frau, sollst ihm mit aller Sanftmut beistehen, sollst aber auch deine Fehler erkennen und um Ulis willen bezwingen, und er wird dir auch dazu helfen. Wenn der Liebe diese Arbeit zu schwer werden will, so schenkt Gott Kind um Kind, und jedes ist ein Engel, der uns heiligen soll, jedes bringt uns neue Lehren, uns recht darzustellen vor Gott, und neues Begehren, daß es zugerichtet werde zu einem Opfer, das da heilig und Gott wohlgefällig sei. Und je mehr ihr in diesem Sinne zusammen lebt, desto glücklicher werdet ihr im Himmel und auf Erden, denn glaubt es mir doch recht, das rechte weltliche Glück und das himmlische Glück werden akkurat auf dem gleichen Wege gefunden. Glaubt es mir, der liebe Gott hat euch zusammengeführt, daß Eins dem Andern in Himmel helfe, daß Eins dem Andern Stütze und Stab sei auf dem engen, schweren Wege, der ins ewige Leben führt, daß Eins dem Andern diesen Weg durch der Liebe Sanftmut und Geduld ebne und leichter mache – er ist so schwer und dornenvoll. Wenn nun trübe Tage kommen wollen, wenn Fehler an dem Einen, an dem Andern, an Beiden ausbrechen, so denket nicht an Ungefell, daß ihr unglücklich seiet, sondern an den lieben Gott, der alle diese Fehler schon lange gekannt und euch eben deswegen zusammengebracht, damit Eins das Andere heile, ihm von seinen Fehlern helfe, das ist Zweck und Aufgabe eures Zusammenkommens. Und wie Liebe den Heiland gesandt, Liebe ihn ans Kreuz gebracht, so muß auch bei euch die Liebe tätig sein; sie ist die Kraft, die über alle Kräfte geht, heilet und bessert. Mit Fluchen und Schimpfen, mit Drohen und Schlagen kann Eins das Andere unterdrücken, aber nicht bessern, daß es wohlgefällig vor Gott wird. Gewöhnlich, je wüster Eins wird, desto wüster wird auch das Andere, Eins hilft dem Andern in die Hölle. Darum vergeßt es nie: Gott hat euch zusammengebracht, Eins wird er aus der Hand des Andern fordern. Mann, wird er sagen, wo ist deines Weibes Seele? Weib, wird er sagen, wo ist deines Mannes Seele? Macht, daß ihr wie aus Einem Munde antworten könnt: Herr, hier sind wir Beide, hier zu deiner Rechten. Fraueli, vergib mir, daß ich dir an diesem Morgen so ernsthaft geredet. Aber es ist ja besser, man rede dir jetzt so als später, wenn Uli gestorben und man ihn durch deine Schuld verdorben glaubt; es ist auch dem Uli besser jetzt als später, wenn er dich unter die Erde gebracht hätte. Was ich aber von Beiden nicht glaube, denn ihr seht mir Beide wirklich so aus, als wenn Gott und Menschen Freude an euch haben sollten.»

Als Vreneli von Sterben hörte, schoß ihm das Wasser in die Augen, und mit bewegter Stimme sprach es: «O Herr Pfarrer, da ist keine Rede von Zürnen. Ihr sollt Dank haben z'hunderttausend Malen für den schönen Zuspruch, ich will mein Lebtag daran denken. Es würde uns große Freude machen, wenn Ihr einmal in unsere Gegend kämet, Ihr uns besuchen würdet, um zu sehen, wie Eure Worte bei uns fruchten und daß wir sie nicht vergessen haben.» Der Pfarrer sagte, das werde gewiß geschehen, sobald er in ihre Gegend käme, und das könne sehr leicht geschehen. Er betrachte sie, wenn sie auch nicht in seiner Gemeinde wohnten, doch so halb und halb als seine Schäfchen, und sie sollten darauf zählen, daß wenn es ihnen wohlgehe und sie glücklich seien, niemand größere Freude daran hätte als er. Und wenn er ihnen in etwas dienen könne, sei es was es wolle, und es stehe in seinen Kräften, so sollten sie nur kommen, er werde sich eine Freude daraus machen. Darauf nahmen sie Abschied, und allen war es recht wohl und heiter im Herzen. Ein wohltuendes, erwärmendes Gefühl hatten sie sich gegenseitig erweckt, das eigentlich ein Mensch im andern bei jedem Zusammensein erwecken sollte. Dann wäre es schön auf Gottes schöner Erde. «Das ist mir doch der freundlichste Herr», sagte Vreneli im Fortgehen, «er nimmt die Sache ernsthaft und meint es doch gut; dem könnte ich einen ganzen Tag ablosen, es würde mir nicht erleiden.»

Als sie ins Wirtshaus kamen, waren die Gäste noch nicht da, nur der Bescheid: Johannes werde bald kommen, aber seine Frau könne nicht wohl. Da sagte Vreneli: «Du mußt sie holen, fahre hinauf, es ist nicht so weit; wenn du recht fährst, in einer halben Stunde bist du wieder da.» «Ich plage den Kohli nicht gerne, er hat heute noch zu laufen genug», antwortete Uli. «Der Wirt gibt dir wohl ein Roß, nicht weiter, als es ist.»

So geschah es auch, und es war gut. Johannes war noch nicht zweg, und seine Frau trug großes Bedenken, so an einem Werktag ins Wirtshaus zu sitzen, ohne daß man Gotte sei; was würden die Leute dazu sagen? Er hätte mit seiner Frau zu ihnen kommen sollen, statt da im Wirtshaus Kosten zu haben, sie hätten ihnen auch zu essen und zu trinken gehabt. Das wisse er wohl, sagte Uli, allein das wäre uverschant gewesen und dazu wohl weit, denn sie wollten heute noch heim, er hätte jetzt alle Hände voll zu tun. Aber sie sollten doch recht kommen, er hätte es sonst ungern und müßte glauben, sie schämten sich ihrer. «Was sinnest doch, Uli?» sagte die Frau, «du weißt ja, wie wert du uns bist. Expreß sollte ich jetzt nicht kommen, weil du solche Gedanken hast.» Indessen machte sie sich doch zweg, wollte aber nicht erlauben, daß ihre Tochter mitkäme, die Uli auch gerne mitgehabt. «Warum nicht gar,» sagte sie, «noch die Katze und der Hund, das wäre mir! Es ist uverschant genug, daß ich komme. Warte nur, du wirst dein Geldli sonst noch brauchen können – Haushalten hat gar ein weites Maul.»

Mit Verlangen hatte ihnen Vreneli entgegengesehen von der Ecke des Wirtshauses aus. Wer vorbeiging, wandte kein Auge ab ihm, und wenn er vorüber war, fragte er: «Wem ist die Hochzeitere? Ein schöner Meitschi sah ich lange nicht.» Es ging im ganzen Dorfe die Rede von der schönen Hochzeiterin, und wer nur irgend Zeit oder einen Vorwand hatte, ging beim Wirtshause vorüber.

Endlich kam Uli dahergefahren, und gar freundlich empfing sie Vreneli. «Bist doch jetzt ein Fraueli geworden,» rief die Bäurin, «bis mir Gottwilche,» und streckte Vreneli die runde, hohe Hand entgegen. «Das hab ich doch wohl gedacht, das werde ein Paar geben, es hätte sich niemand bas zu einander geschickt.» «Ja, aber selb Kehr ist noch gar nichts gewesen, erst auf dem Heimweg haben sie mich angefangen zu plagen, und daran seid Ihr, glaub ich, auch schuld gewesen», sagte Vreneli, sich zu Johannes wendend und ihm die Hand bietend. «Aber wartet nur, ich will Euch recht den Krieg machen, hinter meinem Rücken mich so zu verhandeln. Ihr seid mir sufere Kunden, und tut Ihr mir das noch mehr, so will ich Euch bezahlen, wartet nur! Wir wollen Euch auch verhandeln hinter Eurem Rücken.» Johannes antwortete, und Vreneli begegnete ihm wieder mit schalkhaft wohlgesetzten Worten. Als es einen Augenblick hinausgegangen war, sagte die Bäurin: «Uli, du hast bsunderbar eine manierliche Frau; die kann reden, es stünd manchem Herrenhause wohl an, und ds Schönste ist, daß sie das Werchen ebenso gut kann, das ist sonst nicht immer bei einander. Häb Sorg zu dere, du überchunst ke Selligi meh!» Da begann auch Uli mit nassen Augen zu rühmen, bis Vreneli wiederkam. Als bei seinem Eintritt plötzlich das Gespräch stockte, sah es schelmisch Eins nach dem Andern an und sagte: «Schon wieder habt ihr mich hinter meinem Rücken verhandelt, und das linke Ohr hat mir geläutet, wartet nur! Uli, ist das schön, mich schon so zu verklagen, wenn ich nur einen Augenblick den Rücken kehre?» «Er hat dich nicht verklagt,» sagte die Bäurin, «ds Cunträri, aber ich habe ihm gesagt, er solle Sorg zu dir haben, eine Solche bekomme er nicht wieder. Ach, wenn dManne mängisch wüßte, wie die Zweute wäre, sie hätten besser Sorg zu de Erste! Nit daß ich zu klagen habe. Myne ist mir lieb und wert, ich bekäme keinen Bessern und er gönnt mir, was ich brauche, aber ich sehe öppe, wie es an andern Orten zugeht.» «Ih ha welle lose», antwortete Johannes. «Du hast aber nachebesseret. Du hast recht, es geht an manchem Ort den Weibern bös, aber an andern den Männern auch, es kömmt immer darauf an, wo auch Erkanntnus ist und öppe auch der Glaube, daß ein Gott im Himmel sei. Wo kein Glaube ist, da ist das Wüstest Meister.»

Darauf wurden sie in die Hinterstube entboten. Dort war die Suppe aufgetragen, eine Maß Wein auf dem Tisch, ein Kännlein süßer Tee dabei. Sie habe gedacht, sie wolle gleich Tee machen, sagte die Wirtin, es könne dann nehmen, wer wolle; ein Teil sei Liebhaber, ein Teil nicht. Mit ungezwungener Freundlichkeit machte Vreneli die Wirtin, schenkte ein, legte vor, mahnte ans Austrinken; es wurde allen recht wohl und heimelig. Uli machte sich an den Meister und fragte ihn dies und das: Wie er sich einrichten solle im Stall, was er für vorteilhafter halte zu pflanzen, um welche Zeit er dieses säe und jenes, für was der Boden gut sei, für was jener. Johannes berichtete väterlich, fragte wieder, und Uli teilte seine Erfahrungen mit. Die Weiber horchten anfangs, dann aber schwoll auch Vrenelis Herz mit Fragen an und es suchte Rat bei der Bäurin in den hundert Dingen, in denen eine Bäurin Meister sein sollte, erzählte, wie es es bis dahin gemacht, aber ob es nicht noch besser und vorteilhafter anzuschicken wäre? Mit Freuden enthüllte die Bäurin ihre Geheimnisse, sagte aber oft: «Ich glaube, du machst es besser, das muß mir auch probiert sein.» Die trauliche Heimeligkeit lockte Wirt und Wirtin an, verständige Leute, und Beide halfen raten und wägen, was das Beste sei, und zeigten ihre Freude an manchem, das sie hörten. Und je mehr sie hörten, um so mehr zeigten Vreneli und Uli Begierde, zu lernen, um so demütiger wurden sie und horchten den Alten ihre Erfahrungen ab und prägten dieselben sich ein in ihr nicht mit unnützen Dingen beschwertes Gedächtnis.

Der Nachmittag schwand, es wußte es niemand. Auf einmal warf die Sonne einen goldenen Schein ins Stübchen, und verklärt schwamm in ihrem Lichte, was darinnen war. Erschrocken fuhren sie zweg über das unerwartete Licht, das fast von ausgebrochenem Feuer zu kommen schien. Sie sollten nur ruhig sein, sagte die Wirtin, das sei nur von der Sonne; die möge gegen Haustagen hineinscheinen, wenn sie niedergehen wolle. «Herr Yses, so spät schon?» sagte Vreneli, «wir müssen fort, Uli.» «Ich wollte nicht pressieren,» sagte die Wirtin, «der Mond kömmt, ehe es finster wird.» «Wie ist mir doch dieser Nachmittag vorbeigegangen!» sagte die Bäurin. «Ich wüßte mich gar nicht zu besinnen, wann ich so kurze Zeit gehabt hätte.» «Es geht mir auch so», sagte die Wirtin. «Das ist etwas anderes gewesen als so viele Hochzeitleute, die vor langer Weile nichts anzufangen wissen als zu saufen und zu spielen, und einem so lange Zeit machen, daß man froh ist, wenn man ihnen den Rücken sieht. Ja es dünkt mich manchmal, ich müßte so einem Bürschchen, das nichts zu reden weiß an seinem Hochzeittag als zu fluchen und seine entlehnte Pfeife geradeausstreckt, wie wenn er den Mond hinunterguseln wollte, eins zum Grind geben, daß er ihn doch auch wieder da habe wo andere Leute und reden lerne wie andere Leute.» Die Bäurin aber gab Vreneli die Hand und sagte: «Du bist mir, weiß Gott, recht lieb geworden, und ich lasse dich nicht fort, bis du mir versprichst, du wollest bald wieder zu uns kommen.» «Recht gerne,» sagte Vreneli, «wenns möglich ist. Es ist mir auch gewesen, als rede ich mit einer Mutter, und wenn wir nur näher bei einander wären, ich käme nur zu viel. Aber wir haben ein großes Wesen und werden nicht viel daraus können, ich und Uli. Aber kommt Ihr zu uns, das müßt Ihr mir versprechen; Ihr habt erwachsene Kinder und wisset, es geht zu Hause gleich, wenn Ihr schon fort seid.» «Ja, kommen will ich zu euch, das verspreche ich. Ich habe es dem Johannes schon manchmal gesagt, es nähmte mich wunder, wie es in der Glungge sei. Und los, wenn ihr öppe einist eine Gotte mangelt, so habt nicht Mühe und lauft weit um eine aus. Ich weiß eine, sie sagt euch nicht ab.» «Das wäre guter Bescheid,» sagte Vreneli und zupfte am Fürtuchbändel, es wolle ihn nicht vergessen und daran sinnen, wenn es ihnen einmal dazu kommen sollte; man wisse nie, was es geben könne. «Ungefähr wohl,» lachte die Bäurin, «und dann wollen wir sehen, ob ihr uns etwas schätzet oder nicht.»

Unterdessen hatte Uli abgeschafft, anspannen lassen und schenkte nun allseits ein und nötigte zum Abschiedstrunk. Da kam noch der Wirt mit einer Extraflasche und sagte: Etwas wolle er auch tun und nicht umsonst getrunken haben. Es freue ihn, daß sie bei ihm gewesen, und er wollte alle Freitage eine vom Mehbesseren zum besten geben, wenn alle Freitag solche Leute bei ihm Hochzeit hätten; an denen hätte er jetzt Freude gehabt. Als er hörte, daß abgeschafft sei, tat Johannes es nicht anders, der Wirt mußte noch eine auf seine Rechnung holen, und es stunden wiederum die Sterne am Himmel, als nach recht innigem Abschied, wie er selten von Nichtverwandten genommen wird, der mutige Kohli ein glückliches Paar rasch davonführte – dem Himmel zu.

Ja, lieber Leser, Vreneli und Uli sind im Himmel, das heißt sie leben in ungetrübter Liebe, mit vier Knaben, zwei Mädchen von Gott gesegnet; sie leben im wachsenden Wohlstande, denn der Segen Gottes ist ihr Gfell, ihr Name hat guten Klang im Lande, weit umher stehn sie hoch angeschrieben, denn ihr Trachten geht hoch, geht darauf, daß ihr Name im Himmel angeschrieben stehe!

Merke dir das, lieber Leser!


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