Jeremias Gotthelf
Wie Uli der Knecht glücklich wird
Jeremias Gotthelf

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Vierundzwanzigstes Kapitel

Von einer andern Fahrt, welche durch keine Rechnung fährt, sondern unerwartet eine schließt

Das fiel der guten Mutter alles bei und daß dazu Uli und Vreneli fort wollten, daß dann der Tochtermann das Heft ganz in die Hand kriege, daß sie die Haushaltung machen solle mit Nichts, gegen die Armen schmürzelen (knickern), daß man ihr jede Kelle Mehl nachrechnen werde und alle ungeraden Male, wenn sie das Kücheln ankäme – und da kam sie ein Elend an, daß sie niedersitzen und weinen mußte, daß man die Hände hätte waschen können unter ihren Augen, so daß selbst Joggeli hinauskam und sagte, sie solle doch nicht so plären, es hörten es ja alle Leute und könnten meinen, was sie hätte. Was er gesagt habe, sei ja nicht der wert, sie wisse ja wohl, daß er allbe einist etwas sagen müsse. Auch Vreneli tröstete und sagte, sie solle das nicht so schwer nehmen, es gehe ja am Ende alles leichter, als man denke. Sie aber schüttelte den Kopf und sagte, man solle sie ruhig lassen, sie müsse sich selbst fassen können, das Reden helfe ihr nichts. Sie suchte nach Fassung manchen Tag. Man sah sie umhergehen schweigend, als ob sie Schweres im Kopfe wälze, sah sie hier und dort, wo sie sich unbemerkt glaubte, absitzen, die Hände in den Schoß legen, hie und da den Zipfel des Fürtuches ergreifen und mit der Rückseite die Augen trocknen.

Endlich schien es ihr zu leichten, das Ungewisse schien verschwunden, sie sagte: Es hätte ihr viel gewohlet, aber es düech sie, sie möchte neuehin, sie sei so blange (zielloses Sehnen), es besserete ihr, wenn sie einen Tag oder zwei fortkönnte. Joggeli hatte diesmal nichts darwider, seine Alte hatte ihm selbst Kummer gemacht. Sie könne ja zum Sohn oder zur Tochter fahren, wohin sie wolle; Uli solle sie führen, er hätte jetzt wohl Zeit, meinte er. Nein, sagte sie, dahin möge sie nicht, da sei ein ewiges Gchär, und wenn sie die Säcke mit Neutalern füllte, sie hätte doch noch zu wenig. Aber es dünke sie, sie möchte einmal zu Vetter Johannes; man hätte es ihm schon lange versprochen, nie gehalten, und sie sei nie dort gewesen. Sie sehe da einen neuen Weg, eine unbekannte Gegend und könne vielleicht am besten vergessen, was sie drücke. Sie wolle Vreneli mitnehmen, das sei auch lange nie fortgewesen. Ans Hochzeit habe man es nicht mitgenommen, und es sei doch auch billig, wenn das Meitschi zuweilen eine Freude hätte. Gegen das Letztere hatte Joggeli Manches einzuwenden, indessen diesmal, der Alten zulieb, gab er nach und wollte zwei Tage sich leiden.

Uli freute sich, als er hörte, wohin er mit der Frau fahren sollte. Vreneli dagegen wehrte sich lange, hatte hundert Gründe dagegen und gab erst nach, als die Base sagte: «Du bisch mr doch es wunderligs Greis, und kurz und gut, du kommst mit, ih befiehles.»

Es war in den ersten Novembertagen eines schönen Herbstes an einem Samstag morgens, als das Sitzwägeli vor dem Hause stund, der Kohli herausgenommen, im Schopf mit geschäftigen Händen aufgeputzt und endlich von einem zum Fuhrwerk geführt wurde, während nun auch Uli seine Sonntagskutte anzog und stattlich mit der Geißel in der Hand an das Fuhrwerk sich stellte. Nicht lange darauf kam Vreneli, schmuck und schön wie ein aufgehender Morgen, einen kleinen Strauß an der Brust, und packte etwas ein. Dann kam die Mutter, geleitet von Joggeli, dem sie noch manche Anweisung zu geben hatte. «Die Leute werden glauben, ihr seiet ein Hochzeit,» sagte Joggeli, «die fahren an einem Samstag im Lande herum. Ds Vreneli sieht gerade aus wie eine Hochzeiterin.» «Öppis Dumms eso,» sagte Vreneli und ward rot bis weit hinteren. «Uli muß noch einen Meien haben, dann meinen es alle Leute,» rief eine schnippische Jungfrau, riß dem Uli den Hut vom Kopf und sprang damit ins Haus. Zornig war Vreneli aufgesprungen im Wägeli: «Mädi, willst du den Hut geben oder nicht? Was braucht Uli einen Meien? Sei mir nicht ds Hergetts, einen Meienstock anzurühren!» Als Mädi nicht hören wollte, wollte Vreneli ab dem Wägeli springen; aber die Mutter, lachend, daß es ihre ganze Gestalt erschüttete, hielt es am Kittel und sagte: «Was willst du? Laß das doch gehen, das ist nur lustig. Vielleicht sieht man ja mich für die Hochzeiterin an, wer weiß?» Die sämtliche Hausbewohnerschaft nahm an dem Spiel teil und lachte über Vrenelis Zorn, der sich gar nicht wollte besänftigen lassen, während Uli in den Spaß eintrat und seinen Hut tüchtig in den Kopf drückte, den Vreneli ihm abzureißen suchte, um den Meien wegzunehmen. Es hätte ihm doch noch denselben abgerissen, wenn nicht die Mutter gesagt hätte, es solle nicht so dumm tun und den schönen Meien verstrupfen. Das wäre doch noch lange nicht das Grüslichste, wenn man sie schon für ein Hochzeit ansehen würde. Es wolle es aber nicht, sagte Vreneli und nahm den eigenen Meien von der Brust und hätte ihn fortgeworfen, wenn die Mutter nicht gesagt hätte: Es solle doch nicht so dumm machen. Die, wo am wüstesten täten, die heirateten zuletzt noch am liebsten, wenn es Ernst gelte. «Einmal ich nicht,» sagte Vreneli, «ich will keinen Schlufi, wie sie alle sind. Ich wüßte nicht, was ich so mit einem Schnürfli (von schnarchen) anfangen sollte.» «He, öppe was die Anderen!» sagte die Mutter herzlich lachend und fuhr mit dem von nun an schmollenden Vreneli in den schönen Morgen hinaus.

In aller Farbenpracht hing das welke Laub an den Bäumen, im Schimmer seiner eigenen Abendröte, unter ihm streckte sich grün und munter die junge Saat aus, spielte lustig mit den blinkenden Tautropfen, die an ihrer Spitze hingen; geheimnisvoll und düftig dehnte sich über alles der Himmel aus, der geheimnisvolle Schoß der Wunder Gottes. Schwarze Krähen flogen über die Äcker, grüne Spechte hingen an den Bäumen, schnelle Eichhörnchen liefen über die Straße und beguckten von einem rasch erreichten Ast neugierig die Vorüberfahrenden, und hoch in den Lüften segelten in ihrem wohlgeordneten Dreieck die Schneegänse einem wärmeren Lande zu, und seltsam klang aus weiter Höhe ihr seltsam Wanderlied.

Der Mutter verständig Auge schweifte lebendig über alles, ihre lauten Bemerkungen nahmen kein Ende, und manche kluge Rede ward zwischen ihr und Uli gewechselt. Besonders wenn sie durch Dörfer fuhren, häufte sich das Auffallende, und selten ein Haus bot ihr nicht Gelegenheit zu einer Bemerkung. Es sei doch nichts, wenn man immer daheim hocke, sagte sie, da sehe man immer das Gleiche. Man sollte von Zeit zu Zeit im Lande herumfahren: da sehe man nicht nur etwas für den Gwunder, sondern könne auch viel lernen. Man mache die Sachen nicht an jedem Orte gleich und an einem Orte besser als am andern, und so könne man das Beste daraus nehmen. Sie waren nicht viel mehr als zwei Stunden gefahren, als die Mutter schon davon zu reden anfing, daß sie dem Kohli etwas werden geben müssen. Er seis nicht gewohnt, so lange zu springen, und sie wollte lieber ihn gesund wieder heimbringen. «Halt du beim nächsten Wirtshaus,» sagte sie auf Ulis Einreden, «und lueg, ob er nicht ein Immi Hafer nimmt. Es ist mir auch gleich, etwas zu nehmen, es will mich schier anfangen zu frieren.»

Dort angekommen, befahl sie Uli: «Wenn das Roß den Hafer hat, so komm hinein.» Noch unter der Türe kehrte sie um und rief: «Hast du gehört? Komm dann!» Nachdem drinnen die Wirtin mit dem Fürtuch die Bänke abgewischt, gefragt hatte: «Womit kann man aufwarten?», eine gute Halbe und ein wenig Tee befohlen war, setzten sich die Frauen, sahen in der Stube herum, machten halblaut ihre Bemerkungen und wunderten sich, daß es an dieser Uhr nicht später sei; aber Uli sei wohl geschwind gefahren, man sehe, es pressiere ihm, hinzukommen. Als endlich das Verlangte da war mit der Entschuldigung, es sei wohl lang gegangen, aber das Wasser sei nicht warm gewesen und das Holz habe nicht brennen wollen, sagte die Mutter zu Vreneli: Es solle doch Uli rufen, sie wisse nicht, warum der nicht komme, sie hätte es ihm doch zweimal gesagt. Als er da war und gehörig Gesundheit gemacht hatte, wollte die Wirtin ein Gespräch anfangen und sagte: Es sei heute auch schon ein Hochzeit durchgefahren. Da lachte die Mutter gar herzlich auf. Uli lächerete es auch, hingegen Vreneli wurde hochrot und zornig und sagte: Es seien nicht alles Hochzeit, was heute auf der Straße sei. Es werden andere Leute auch noch das Recht haben, am Samstag herumzufahren, die Straße werde nicht bloß für Hochzeitleute sein. Sie solle doch recht nicht zürnen, sagte die Wirtin, sie kenne sie ja nicht; aber es hätte ihr geschienen, sie schickten sich wohl für einander, ein so hübsches Paar hätte sie nicht bald gesehen. Die Mutter tröstete die Wirtin, sie solle sich nur nicht lange verexgüsieren; sie hätten schon daheim ein großes Gelächter gehabt und gedacht, es werde so gehen, und schon damals sei das Meitschi so bös geworden. «Das ist nicht schön von Euch, Base, daß Ihr mich auch helfet plagen,» sagte Vreneli; «wenn ich das hätte wissen sollen, ich wäre gar nicht mitgekommen.» «Es plaget dich ja kein Mensch», sagte die Base lachend. «Du tust so dumm, es würde sich ja manches Meitschi meinen, wenn man es für eine Hochzeiterin ansehen würde.» «Ich darum nicht,» sagte Vreneli, «und wenn man mich nicht ruhig läßt, so laufe ich noch jetzt heim.» «Du wirst den Leuten die Mäuler nicht verbinden können und kannst froh sein, wenn sie nicht etwas Ärgeres über dich sagen», antwortete die Base. «Das ist mir genug, wenn mich die Leute verbrüllen mit einem, den ich nicht will und der mich nicht will.»

Vreneli hätte noch lange geeifert, wenn nicht angespannt und weitergefahren worden wäre. Sie rückten rasch vor. Die Meisterin sagte öfters: «Machs nicht zu stark, Uli, wenn es nur dem Kohli nichts tut.» Als sie hörte, daß sie nur noch eine Stunde von Erdöpfelkofen seien, befahl sie, im nächsten Wirtshause zu halten. Dort wollten sie etwas zu Mittag essen, sie hätte Hunger und sie möge ds Vetter Johannese nicht zur Mittagszeit kommen, das gebe gar viel Umstände. So im halben Tag sei es am anständigsten und kommodesten, da könne man es mit einem Kaffee machen, das sei bald gemacht und man nehme es doch gern. Uli gehorchte, fuhr vor, und ziemlich wurden sie vom Stubenmädchen empfangen. Dasselbe führte sie in eine Stube und öffnete sie mit den Worten: «Geht nur hinein, es sind schon zwei drinnen,» und drinnen empfing sie der Ruf: «Das geht gut, da kömmt noch eins» – Hochzeit nämlich! Die Base lachte, daß es sie über und über schüttelte, und sagte: «Du siehst, es muß sein. Du magst dich wehren, wie du willst, es gilt dich doch.» Dahinein bringe es niemand, sagte das zornig gewordene Vreneli, und wenn es den ganzen Tag so gehen solle, so laufe es zu Fuß heim. «Und von dir, Uli, ist es auch nicht bravs, daß du nicht witziger bist als so, du tätest sonst deinen Meien ab dem Hut. Ich habe dir aber nichts darauf, weißt du es nur.» Da sagte Uli: Bös wolle er es nicht machen, er hätte es für einen Spaß angesehen. Wenn es es aber so nehme, so wolle er ihm gerne seinen Meien geben und, wenn es wolle, heimgehen; sie könnten mit dem Kohli wohl fahren, er sei sicher. Vreneli nahm den Meien und sagte: «Dankeigist!» Aber die Base sagte: «Ich hätte ihm ihn nicht gegeben, ihr habt euch einander nicht zu verschämen.» «Und kurz und gut, Base, sei das, wie es wolle, so will ich nichts davon, und zu den Hochzeitleuten will ich nicht, und wenn Ihr nicht mit mir in die Gaststube kommen wollt, so laufe ich heim auf der Stelle», begehrte Vreneli auf. «Das ist mir doch afe es Meitli, das,» sagte die Base. «Uli, wenn ih dih wär, su nähmt ih das uf e Gunte.» «Mira, nehm ers, wenr will; aber ih hätt bald gseit, Ueli syg witziger as anger Lüt und heyg o selber nit Freud a öppis Dumms eso.» «Wart ume, Vreneli,» sagte die Base, «es wird dir o scho angers cho, zell druf. E Hochzytere z'si ist doch de am Eng e schöni Sach.» «Was, e schöni Sach! E arme Tüfel isch e Hochzytere,» sagte Vreneli. «Hochzyt ha isch no viel ärger as Sterbe. Bim Sterbe weiß me doch no öppe, ob me selig wird oder ob eim dr Tüfel nimmt, bim Hochzytha cha me gar nüt wüsse. We me meint, dr Himmel syg voll Gyge, su sys zletzt luter Donnerwetter. U we me meint, mi heyg dr Freinst, su isch es de zletzt, we me recht luegt, dr wüestisch Hung.» «O Meitschi,» sagte die Base, «du heschs o so wie äy Bettlere, wo gseit het, sie möcht kei Büri sy, vo wege sie mög dKüechleni nit erlyde, das syg ere doch es Dolders Fresse, u wo me du grad druf im ene Cheller erwütscht het, wo sie e ganzi Bygete het welle stehle. Gang mr doch mit sellige Rede, mi vrsüngt sih drmit gar gern. U we me scho e wenig kybig isch, sym Mul soll me doch geng e Rechnig mache. Mi weiß nie, was es eim gä cha, u we me de drin isch, su chunts eim wieder zSinn, was me gredt het, u selligi Wort chönne eym mengisch Tag und Nacht vrfolge, ärger as e Truppele wildi Tier, daß me kei Rue meh het. U menge het ne nit angers wüsse z'ertrünne as dür e Tod.» «Base,» sagte Vreneli, «ih han Ech nit welle höhn mache u dih o nit, Ueli, aber löyt mih rüeyig! Ih bi nüt as es arms Meitschi, u drum mueß ih mih wehre, we mih öpper no zu öppis Mingerem mache will.» «Bhüetis,» sagte die Base, «das chunt niemerem zSinn, u es wär mängi rychi Tochter froh, si wär, was du. Ja ih wett o gern öppis minger ha u no fry ordelig minger, we ds Elisi wär, was du. Du machst en iedere Ma glücklich, er ma rych oder arm sy. Mi cha dih histelle an esn ieders Ort, wo me will, u ds Elisi isch, helf mr Gott, nüt. Ih weiß o nit, wie das cho isch, u ha doch Beidi erzoge. Aber es isch o nit Eim gä wie am Angere. Du masch arüere, wasd witt, su steyts dr wohl a, u wenn ih e junge Bursch wär, su seyt ih: Die u ke Angeri! U was ds Elisi macht, isch uwatlig; da wirds no Vrdruß gä, dä mih i ds Grab bringt.»

Der guten Mutter schossen die Tränen in die Augen, und ds Vreneli, das bei sich selbst gedacht hatte, es könnten Zwei an einem Orte und von der gleichen Person erzogen werden und doch ungleich, sagte dieses nicht, sondern tröstete: Es werde wohl nicht so bös gehen, sondern besser kommen, als man denke. Aber die Base schüttelte den Kopf und klagte fort, wie sie gedacht hätte, wenn es einmal geheiratet sei, so werde es auch etwas angreifen, es werde ihm schon noch anders kommen; aber es komme ihm nicht. Den ganzen Tag habe es die Hände über einander, mache die Dame; es sei ein Schlärpli und werde sein Lebtag eins bleiben. Wenn sie ihm nur den Zehnten eingeben könnte, was Vreneli sei, so wollte sie glücklich sein. Ihm gebe alles nichts zu tun, es möge sein, was es wolle, und alles sei immer gemacht, es düech eim, es könne hexen, und wenn ds Elisi an einem Sessel den Staub abwischen sollte, so hätte es einen ganzen Tag daran, und den andern müßte es im Bette liegen. Manchmal am Nachmittag sei noch kein Bett gemacht, und abends um neun Uhr wisse man noch nicht, was man zu Nacht essen wolle. Es hätte sie hoch aufgesprengt, als sie das gesehen. «Aber sägits daheim niemere, ih möcht nit, daß es no uschämti,» setzte sie hinzu und trocknete sich die Augen.


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