Jeremias Gotthelf
Wie Uli der Knecht glücklich wird
Jeremias Gotthelf

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Elftes Kapitel

Wie bei einem Knechte Wünsche sich bilden und wie ein rechter Meister sie ins Leben setzt

So vergingen Uli einstweilen die Heiratsflausen und er ward wieder der recht emsige Knecht, der seinem Dienst alle Aufmerksamkeit widmete. Seine Rosse waren die schönsten weit und breit, die Kühe glänzten, und einen solchen Misthaufen hätte er noch nie gehabt, sagte der Meister. Wenn es einer verstehe, so könne er mit dem gleichen Stroh fast ds Halb mehr Mist machen als ein Anderer, das sehe man hier. Aber er hätte schon Knechte gehabt, gäb wie er es ihnen gesagt habe, sie seien in ihrem Trapp fortgefahren und hätten gelächelt in den Maulecken. Es mach ihn aber auch nichts täuber als so ein ybildisches Bürschchen, das nichts verstehe und sich doch nicht wolle brichten lassen, das meine, der Meister habe zu seiner eigenen Sache nichts zu sagen. Das seien die, wo in Gottsnamen nichts lernten und ihrer Lebenlang gleich dumm blieben, wo zuletzt niemand gerne als Tauner brauche für zehn Kreuzer des Tags. Uli fliß sich aber auch zu allen Arbeiten außer dem Hause. Im Fahren war er ein Meister, und seine vier Rosse zogen so satt und gleichlig an, wenn er die Geißel hob, daß sie wenigstens ein Drittel mehr als andere ab Platz zogen; ja soviel der Wagen tragen mochte, zogen sie, sie ließen nichts stehen. Er hielt Pflug trotz einem alten Bauer, und mit Säen mochte ihn nicht bald einer. Selbst das kleine Gsäm, Klee, Flachs usw., konnte ihm der Meister zu säen überlassen, und die Meisterfrau sagte: Sie sehe fry keinen Unterschied, wenn dr Johannes säe oder dr Uli. Der Meister sagte manchmal, das gehe aufs Haar ganz gleich, sei er daheim oder nicht, und man wisse gar nicht, wie viel wöhler man sei, wenn man einen Knecht habe, dem es am Dienst gelegen sei und dem man etwas anvertrauen könne, als wenn man so einen Stopfi habe, dem nichts in Sinn komme als heute eine Unfläterei und morgen eine Lümmelei. Er habe das schon Manchem gesagt, dann habe man ihm geantwortet: «Du hast gut krähen, du vermagst Lohn zu geben; üsereim muß Zinsen geben, da vermögen wir nicht vierzigkrönig Knechten, wir müssens mit mingere machen.» Dann habe er ihnen gesagt, wenn sie doch rechnen wollten, so würden sie finden, daß die wohlfeilsten Knechte die teursten seien; aber das hätten sie nicht fassen wollen.

So predigte Johannes oft und war stolz auf seinen Knecht. Uli hatte nach und nach bis auf vierzig Kronen Lohn erhalten und von diesen wenigstens zwanzig vorgespart, und doch war er stolz gekleidet und hatte mehr Hemder, und zwar gute, als mancher Baurensohn. Er hatte viel über hundert Kronen in der Kasse und sah sich bereits für einen vermöglichen Mann an. Doch wie oft mit dem Essen der Hunger kömmt, so kömmt oft mit dem Huslichwerden, mit dem Vermögengewinnen die Ungeduld. Es scheint viel zu langsam zu gehen; es dunkt einem, es sei nicht zu erwarten, bis etwas Erkleckliches beisammen sei, und das müsse anders gehen. Das ist ein eigen Kapitel über diese Krankheit, die alle mehr oder weniger ergreift, die zu einigen eigenen Kronen kommen und denen der Gedanke geboren worden ist, vermöglich zu werden. Sie ergriff auch Uli, und es dünkte ihn von zweien eins: entweder sollte er etwas Eigenes anfangen oder noch mehr Lohn zu machen suchen; so sechzig Kronen, dünkte ihn, sollte er an einem Orte darnach wohl zu erhalten imstande sein, und wenn er einen guten Platz als Stallknecht bekommen könnte, so könnte er leicht auf hundert Kronen kommen. Es reue ihn freilich, da fort, dachte er, und es seien ihm alle lieb, aber es müsse ein jeder für sich selbsten auch sehen.

Der Meister sah diese Krankheit und merkte sie aus einzelnen Äußerungen, aber er zürnte nicht darüber. Er war nicht von denen einer, die glauben, wenn sie einem Dienstboten Gutmeinenheit zeigen, so solle derselbe dafür ein lebenslängliches Opfer bringen, das heißt ihnen um einen Lohn dienen lebenslang, der ihren Kräften nicht angemessen ist. Wohlverstanden, ich rede hier nicht von der Sucht der meisten Diensten, alle Jahre weiterzuziehen um ein, zwei Kronen Lohn mehr, wobei sie gar nichts in Anschlag bringen, weder ihre Fähigkeit noch die ihrer wartende Arbeit noch den sittlichen Namen, den sittlichen Schutz eines Hauses. Das Bewußtsein, etwas Gutes an einem getan zu haben, ist auch ein Lohn, und jedenfalls genießt man einige Zeit lang den besser gewordenen Menschen. Aber dann gehe man nicht zu weit. Kann man denselben bei sich nicht seinen Kräften angemessen stellen und lohnen, so sei man ihm nicht selbstsüchtig vor seinem Weiterkommen, sondern setze sein Werk also fort, daß man ihm selbst weiterzuhelfen, ihn recht zu stellen sucht; dann hat man für zeitlebens ein dankbares Herz, einen Freund gewonnen.

So recht klar sah Johannes das gleich anfangs nicht ein, und es wurmte ihn, daß er Uli für einen Andern erzogen haben sollte; aber er ließ es sich nicht merken und kam endlich doch zum Schluß: «Entweder mußt du ihn belohnen, bis er zufrieden ist, oder ihn gehen lassen.» Als daher Uli in seinem zum Meister gewonnenen Vertrauen ihm einmal eröffnete, er wisse nicht recht was anfangen, ob etwas kaufen oder mieten oder was, so konnte derselbe ohne Bitterkeit ihm raten. «Ich begreife es,» sagte er, «daß du nicht immer bei mir bleiben kannst; du bist jung und mußt deine jungen Jahre brauchen, und dir mit dem Lohn noch viel nachezmache, gruset mir auch, wenn es mir vielleicht schon nützlicher wäre. Aber was denkst du ans Kaufen oder Empfangen? Was willst du mit deinen hundert Kronen anfangen? Etwas Großes ist nicht möglich, da sind hundert Kronen grad wie nichts. Und wenn man nicht auch etwas Geld in den Fingern hat, so kann man gar nichts zwängen und ist immer am Hag. Man muß alles wohlfeiler verkaufen denen, die bar zahlen und die es wohl merken, wenn einer Geld haben muß; man kann nie warten, bis es die rechte Zeit ist. Dagegen muß man alles teurer kaufen von denen, die es einem dings geben; man kann sich nie wehren, ist immer im Hinterlig, bis man die Beine ob sich kehren muß. Noch schlimmer ist es mit etwas Kleinem. Es gruset mir allemal, wenn ich jemand so an ein kleines Heimwesen sich hängen sehe, wo man alles, was darauf wächst, librement selber braucht; woraus soll man den Zins geben? Die Kuhheimetli (Heimwesen, auf denen nur 1 oder 2 Kühe zu ernähren sind) sind zum Kaufen und Empfangen weitaus die teuersten; auf solchen gehen die Meisten zugrunde, wenn sie den Zins innerhalb des Hages nehmen müssen. Wo ein Gewerbe dabei ist oder sonst ein anderweitiger Verdienst, da ist es ein Anderes. Mit deinem Gelde kannst du keines zahlen, hast höchstens für die Bsatzig (das nötige Vieh auf einem Hof; man besetzt die Berge, d. h. schickt das nötige Vieh hinauf); was willst du darauf anfangen? Nein, dafür habe noch Geduld; du kämest um deine Sache, ehe du daran dächtest. Aber wenn ich etwa einen Platz vernehme, wo du recht Lohn machen kannst, so will ich dir nicht davor sein. Öppe nit Stallknecht, da gibt es gerne böse Alter; dr Gliedersucht oder dr Wysucht entrinnt öppe nit menge. Du reust mich freilich; aber ich kann doch nicht klagen, daß du öppe grad fort gewollt hast und öppe uverschant mit dem Lohn gewesen seiest, daß du nicht öppe eingesehen, daß du mir auch etwas zu verdanken hättest. Du bist nun bald zehn Jahre bei mir, und so habe ich allerdings auch deine Besserung zu Nutzen gehabt. Zähl darauf: wenn mir etwas anläuft, so will ich an dich sinnen. Du kannst selber auch nachsehen, nur sag es mir immer öppe i dr Zyt.» So offen redeten Knecht und Meister miteinander; sie mochten sich das Maul gönnen, und es war Keinesten Schade (der Schade von Keinem).

Herbst war es. Voll Obst hingen die Bäume, voll Kühe waren die Matten, voll Erdäpfelgräber die Äcker, voll Eichhörnchen die Birnbäume, voll Jäger die Wälder, voll Wirte das Weltschland. Der Johannes hatte den Zug heimgebracht vom Felde und stopfte auf der Bsetzi die Pfeife, um sie auf dem Bänkchen zu genießen vor dem Nachtessen; seine Frau kam eben aus dem Keller, wo sie Obst auf die Hürde hatte schütten lassen, und sagte, schwer Atem schöpfend: «Sag, Johannes, ich weiß einmal nicht was anfangen; drunten sind schon fast alle Hürden voll hochauf, und es hangen noch fast tausend Körbe voll; du mußt sehen, daß da etwas geht, so kann es nicht länger bleiben; wenn es schon fast nichts giltet, so ist neuis doch immer besser, als es la zSchange gah zUnnutz. Der liebe Gott hat es wachsen lassen, und da muß es für neuis gebraucht sein.» «Ich möchte mich nadisch nicht versündigen, Frau,» sagte Johannes, «ich habe auch schon daran gedacht. Willst morgen mit zMärit? Ich habe allerlei zu tun, sollte für eine Kuh sehen, sollte auf den Metzger luegen, der mir das Kalb noch nicht bezahlt hat, und hätte noch neuis z'rede mit einem Schreiber wegen Gemeindssachen, und da hab ich gedacht, es sollte sein, daß ich zMärit gehe. Da kann ich nachsehen, ob so ein Essig- oder Brönzmacher sie gleich alle miteinander wolle.» «Eh, was sinnist, Johannes, wie könnte ich zMärit! Ich will von allem andern noch nichts sagen, aber wir haben die Schneider auf der Stör; denk doch, was das sagen will! Da müßte ich Tuech füregä u Fade für e ganze Tag! He nu, ih chönnt wohl füregä un es wär ne viellicht ds Rechte; aber vo wegem Tuech u Fade denke ich doch, ich verdiene am meisten daheim. U de lan ih dJumpfere u dSchnyder o nit gern alleini daheim, das chönnt arig gah. Aber gang du und nimm Roß und Wägeli und nimm ein Füderli Äpfel mit!» «O Frau, das trägt nichts ab», sagte Johannes. «Morgen ist der ganze Märit gstacket voll. Ein jeder bringt ein Füderli und man löset nicht, was Roß und Wagen versäumen und vertun. Aber Roß und Wägeli will ich doch nehmen. Es ist mir zwider, zu laufen; es ist mir gar in den Beinen, und morgen können wir doch nicht zAcher fahren. Es muß Mist geführt sein, und da kömmt man mit drei Rossen so weit als mit vieren. Man kann nicht laden, der Boden ist zu naß.» «Du hast recht, daß du fährst. Aber da mußt du mir doch eine Ankenballe mitnehmen, ich will gleich noch anken lassen. Ich kann dann den Schneidern morgen im halben Tag einen Ankenbock (Butterbrot) geben. Es ist ihnen seltsam und macht öppe, daß si mr minger zMittag esse. Es isch i Gottsname ke Sege i nüt, wenn die da sy.»

«Uli,» sagte am Abend der Meister, «mach mir doch morgen den Blaß zweg und bürst mir das Wägeli ein wenig, man hat es lange nicht gebraucht. Ich mag, weiß Gott, nicht mit einem Wägeli fahren wie die Oberaargauer und die Bauren um Bern; so ferndrigen Dreck an den Rädern, an den Speichen und an der Nabe und Gras in den Spälten. Es meint einem, sie könnten keinen Wagen waschen. Das muß sufer aussehen um ihre Häuser; da wird man wohl noch nach fünfzig Jahren dem Großätti sein Ghüder (Unrat) und Gfräß ums Haus herum finden, damit, wenn er wiederkäme, es ihn heimelete.» Da lachten die Schneider, und jeder wußte dem Johannes zu Lieb und Ehr etwas von den Bauren um Bern herum.

Am Morgen stund der stattliche Blaß und das saubere Bernerwägeli vor dem Hause. Die Bäurin legte dem Johannes noch das Halstuch um, machte ihm den Hemdekragen zurecht, wie sie meinte, daß er ihm am besten stehe, steckte ihm ein Nastuch in die Tasche, nachdem sie es aufgemacht, um sich zu vergewissern, daß nicht etwa ein Loch darin sei, fragte ihn: «Hast du jetzt alles?» Und als Johannes nach allen Säcken griff, fehlte ihm noch Schwamm, den die Frau ihm aus der Küche holte. Draußen war der Anken zweg in einem Bogenkorbe und mit einem schönen weißen Zwecheli mit roten Strichen bedeckt. Johannes setzte sich auf, nachdem er dem Uli die nötigen Anweisungen eingeschärft; hinter ihm war die Bäurin und gab ihm den Anken hinauf und sagte: Er könne ihn einstweilen auf den Sitz stellen; aber wenn eine Hübsche und Muntere ihn ums Reiten frage, so solle er es ihr nicht etwa absagen, sie sei nicht so schalus wie die Gufebüri, die apartige Leute bestelle und bezahle, welche ihr aufpassen müßten, mit wem ihr Mann geritten sei, daß sie es allemal wüßte, ehe er noch heim wäre. «Komm aber notti nicht z'spät heim,» sagte die Frau, «und bring den Korb und das Zwecheli wieder mit! Hast jetzt alles?» «Ja,» sagte Johannes, «bhüet ech Gott und heyt guet Sorg zu enangere! Hü i Gottsname!» Der Blaß schritt stattlich vor, und Uli stund im Wege und die Bäurin auf der Bsetzi und sahen dem stattlichen Meister nach. Nach hundert Schritten, eben als Uli umkehren wollte dem Stalle zu, hielt der Meister. «Lauf gschwing, Uli,» sagte die Frau, «er hat etwas vergessen. Es nimmt mich nur wunder, daß der nicht einmal dr Gring am ene Ort vrgißt; e vrgeßlichere Mönsch gits nit,» brummte die Bäurin, während Uli lief und den Bescheid vernahm, der Meister hätte im Stübli auf dem Tischli noch Schriften vergessen; die Frau solle ihm sie geben, er hätte sie zweggelegt. Von weitem schon vernahm die Frau den Auftrag und brachte sie dem Uli. Nun fuhr der Meister fort und kam aus den Augen, und als die Frau in die Stube ging, abzuräumen, sagte sie zu sich selbst: «Ich bin allemal froh, wenn er einist fort ist; man hat immer nur mit ihm zu tun, er kann nie fortkommen, und doch hat er immer noch etwas vergessen.»

Unterdessen fuhr Johannes dem Märit zu. Seine Augen betrachteten allenthalben den Stand der Herbstarbeit, die Kornäcker, die gesäet waren, die Erdäpfel, die noch auszumachen waren; übersah die Bäume, wie sie behängt und ob nicht hier oder da eine schöne Sorte sei, die er noch nicht besitze.


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