Jeremias Gotthelf
Wie Uli der Knecht glücklich wird
Jeremias Gotthelf

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Der guten Mutter liefen die Tränen die Backen ab während dieser schönen Rede. Sie dachte bei sich, ein solches gutes Herz habe sie noch bei keinem Menschen gesehen. Aber wunderlich müßte doch so ein Herr sein. Sie müsse sagen, wenn ds Elisi schon ihr Meitschi sei, zur Frau wäre es ihr zu wüst und zu hässig; aber in der Stadt sei alles gerade das Gegenteil als auf dem Lande. Da fräßen sie ja auch Schnecken und verachteten Küchleni. Als er endlich geendet hatte und ihre beiden Hände gefaßt hielt (knien tat er nicht von wegen dem Kasimir an den Hosen), war sie in großer Verlegenheit, was sie antworten sollte. He ja, sagte sie endlich, das sei wohl gut und schön, aber er müßte den Vater fragen, der hätte zu befehlen, und was der sagen werde, wisse sie nicht, er sei allbets einist ein wenig wunderlich. Es komme darauf an, in was für einem Laun er sei und wie man es ihm breichen könne. Oh, sagte der Baumwollene, das mache ihm gar keinen Kummer, wenn es ihr recht sei, sie ein gutes Wort für ihn einlegen wolle. Sie solle nur Ja sagen, so sei ihm schon geholfen. «Aber Elise, kommt und helft mir die gute Mutter bitten,» sagte er zu seiner holden Braut, die unterdessen gar emsig Mandeln gegessen und Haselnüsse aufgemacht hatte. Die gute Mutter war nicht unbarmherzig. Sie dachte an Uli und wie auf diese Weise der Lärm ihr erspart würde, daß die Tochter den Knecht heirate. Der reiche Tochtermann mit seinem guten Mundstück gefiel ihr wohl, indessen sagte sie bloß: He, darwider wollte sie nicht sein, wenn ds Elisi nichts darwider habe und kein Anderer mehr ihm im Kopf sei. Aber versprechen könne sie nichts, das müsse der Mann machen, und dann müsse man doch noch etwas genauer wissen, woher er sei und was er wohl für Mittel hätte. Sie zweifle nicht daran, daß alles so sei, wie er sage, aber es habe sich schon Mancher für reich ausgegeben und nachher sei man darübergekommen, daß alles lauter Lügenwerk gewesen. Und bsunderbar an solchen Orten, wie der Gurnigel auch eins sei, gebe es gar allerlei Leute, da müsse man wohl luegen, wem man traue. Sie denke immer an das Sprichwort: es gebe gar viel Beeren, allein es seien nicht alle Kirschen. Da war der Baumwollhändler ganz vergnügt und sagte: Oh, wenn es nur das sei, so sei er glücklich und die Jungfer Elise sein. Er wolle sich ausweisen, daß es eine Art hätte. Sie sollte nur keinen Kummer haben, er mache ein Haus, wie es wenige gebe. Er hätte unter den reichsten Fabriktöchtern im Aargau auslesen können und auch im St. Gallerlande. Man hätte ihm manchmal unter den Fuß gegeben, man möchte gerne ein Geschäft der Art mit ihm machen. Aber er hätte sie nicht verstehen wollen. Die Töchter dort seien ihm alle zu bauelig (zu baumwollen) gewesen. Er handle zwar mit Baumwolle, aber das müsse er sagen, die Töchter habe er lieber sydig (seiden) als bauelig. Die Alte lachte gar herzlich, nahm einen guten Schluck und vergaß fast das Pressieren zum Heimfahren. Es ging nun langsamer das Tal auf, und der Herr schwatzte ganz traulich mit seinen Damen und erzählte ihnen von seinen Herrlichkeiten, seinen Einrichtungen, Geschäften, Plänen, daß es der Mutter ganz wunderlich im Kopfe ward und es ihr manchmal schien, die Tannen höben die Füße und tanzten Länguus um sie herum. Wenn es nicht so wäre, dachte sie, so würde er es nicht sagen, und alles Mißtrauen schwand. Sie konnte sich nicht sattsam an den Betrachtungen erlaben, wie das doch eine glückliche Badefahrt sei und wie das sich auch hätte treffen müssen, daß ds Elisi so einen hier gefunden, der so reich sei und gerade so gnatürt, daß er ds Elisi absolut haben wolle. In hundert Jahren, meinte sie, hätte das vielleicht sich nie so breicht (getroffen). Das Zeichen im Kalender wolle sie sich aber merken, in dem sie die Badefahrt angetreten; das müsse ihr ein vornehmes sein, es nehme sie doch wunder, was für eines. Während die Alte ihre Betrachtungen machte, schätzelete der Herr mit der Jungen, wie es dieser auch recht war. Die Zeit verrann auf dem langen Weg, sie wußten nicht wie.

Als sie bald heim waren, sagte ds Elisi: Es hülfe aber droben von dem allem, was heute vorgegangen, nichts sagen; es begehrte nicht, daß die Herren es wüßten, es müßte sonst gar viel ausstehen von ihnen. Möglicherweise dachte ds Elisi, wenns dem einen oder andern auch noch einfiele, mit ihm nach Blumenstein zu fahren, so könnte es immer noch machen, was es wolle. Dem Baumwollenhändler war der Vorschlag auch ganz recht, aber aus andern Gründen. Im Gurnigel könnte manches bekannt sein, was ihm nicht lieb war, und der Neid es leicht vor die unrechten Ohren bringen. Die Mutter meinte, das verstehe sich. Das würde ein schöner Lärm daheim absetzen, wenn Joggeli vernähmte, seine Tochter sei Hochzeiterin im Gurnigel, und er wüßte nichts davon. Und so etwas trag der Luft in einem Tag, man wisse es nicht wie weit, bsunderbar wenn es Leute seien, auf die man öppe luege und die nicht zum Pöbel gehörten.

Die Mutter hatte nichts darwider, daß der Baumwollenhändler seine Elise zur guten Nacht noch herzlich küßte und tat, als könne er fast nicht von ihr lassen. Endlich sagte die Mutter, es dünke sie, es sei genug, es sei morgen auch noch ein Tag; es sei hohe Zeit, wenn man etwas schlafen wolle. Aber trotzdem, daß die gute Mutter endlich im Bette war, konnte sie doch nicht schlafen. Vor allem zog sie den Atem tief herauf, wie wenn es ihr geleichtet hätte auf der Brust, ds Elisi darab gefallen wäre. Dann dachte sie, was Joggeli wohl sagen werde? Diesmal werde es ihm doch wohl recht sein, was sie gemacht, da jetzt ds Elisi dem Knecht entronnen sei. Sie konnte aber auch nicht umhin, an Uli zu denken, was der sagen und machen werde? Es ist ihm nicht übel gegangen, dachte sie zuletzt, er wird wohl noch etwas finden, das sich besser für ihn schickt als ds Elisi. Dann dachte sie an den Trossel, ließ alle Bettstücke, alle Ziechen, alle Leintücher, die zu diesem Zwecke gemacht bereit lagen, die Musterung passieren, zählte alle Stücke Tuch, die sie noch ganz hatte, auf und sann und sann, ob sie alle hinreichten, den Trossel so zu vervollständigen, daß er für eine reiche Herrenfrau passe. Und endlich gingen ihr noch alle Strangen Garn, gebauchetes und ungebauchetes, die vorrätig waren, an den Augen vorüber, sonderten sich zu dieser und jener Bestimmung, wanderten zu diesem, jenem Weber, je nachdem es Tischzeug oder Bettzeug oder Hemlituch oder Naselümpen geben sollte. Endlich ob dem Rechnen mit den Webern kam der gute Schlaf und ließ die gute Mutter nicht aus den Armen, bis die Sonne hoch am Himmel stund.

In wenig Tagen lief der Aufenthalt im Gurnigel zu Ende. Der Baumwollenhändler leuchtete wie ein Siegesheld, bei der Mutter wechselten Sorgen mit mütterlicher Freude. Elisi aber war während der ganzen übrigen Zeit in beständigem Werweisen begriffen, ob es es mit diesem oder jenem Schnauz nicht noch besser gemacht und ob es nicht hätte warten sollen, bis sie fort wären, bis Keiner etwas gesagt, um das Jawort zu geben. Indessen tröstete es sich damit, daß im gegebenen Fall noch nichts Schriftliches vorhanden sei, so daß es noch immer machen könne, was es wolle. Diese Bedenken ließen es nicht zum reinen Genusse seines Glückes kommen. Am Tage vor ihrer Abreise ward Elisi nicht müde, allen Leuten zu sagen, morgen früh um sechse reisten sie ab, und dann ging es spazieren nach jedem einsamen Winkel hin. Dann schwebte der Baumwollenhändler hinter ihm drein wie eine Bremse hinter einem Pferde und wollte zärtlich tun im Verborgenen. Aber Elisi fand, der Bysluft gehe kalt, und steuerte wieder der Laube zu. Kaum dort, strich es sich zu einer andern Türe aus wiederum spazieren. Horch, was säuselt hinter ihm drein: ists ein Schnauz, in dem der Wind weht? Ach nein, es ist der Baumwollenhändler, der Staub ab dem Ermel bläst und dem Elisi nachschießt wie eine hungrige Fliege einem Suppenteller. Da klagt Elisi über den Wetterluft, der ihm gehe durch Mark und Bein, und segelt wiederum der Laube zu. Endlich am Abend, als niemand mit ihm spazieren gehen wollte, als man nur so in allgemeinen Redensarten, die es kaum verstund, sein Weggehen bedauerte, dachte es, Einer sei besser als Keiner, und es kam zu einem zärtlichen Abschied und näherer Abrede in ihrer Kammer oder Stube, man kann beid Weg sagen.

Endlich hatten sie den Gurnigel im Rücken und die Mutter meinte: Sie wollte, ihr Herz wäre so leicht wie ihr Geldseckel! «Joggeli wird luegen, wenn er sieht, wie er die Auszehrig hat. Doch das macht mir wenig, wenn ihm nur das Andere recht ist. Und was wird Uli sagen? Es macht mir ein rechter Kummer, heimzugehen.» «Mir nicht», sagte ds Elisi. «Was wird der Vater sagen? Er wird brummen und räsonieren und wird mich machen lassen. Und was frage ich Uli nach? Er ist nume dr Knecht (die Mutter wußte aber nicht, was Elisi und Uli alles verhandelt hatten und wie sie eigentlich zusammen stunden, sondern bloß, daß sie einander süße Augen machten). Er ist e Göhl gsi, daß er gmeint het, er überchömi e Buretochter, we si öppis Bessers wüßti.» Aber Elisis Herz wurde doch schwer. Es kam die Eifersucht und spiegelte ihm nun vor Augen, was sein Baumwollenhändler alles treiben werde, wenn es fort sei. Alle Mägde, alle weiblichen Gäste gingen vor seinen Augen vorüber, und der Gwunder und der Kyb töteten es fast, was er wohl mit allen diesen anfangen und was er ihnen sagen werde. Wenn die Mutter nicht Meister gewesen wäre, es wäre umgekehrt und hätte in irgend einer Verkleidung den Verlobten beargauget.

Sie wisse nicht, sagte die Mutter, wie sie es machen wolle, ob sie es dem Vater gleich sagen oder warten wolle, bis er komme. Sie wollte, es wäre vorbei. Am Kummer der Mutter nahm ds Elisi keinen Teil; es dünkte ihns, es gäbe alles Geld, welches es hätte, wenn es nur wieder im Gurnigel wäre, ja es plärete endlich und sagte: Es stehe es nicht aus, so lang von ihm fort zu sein! Elisi plärete bis zum Bären, wo die Wirtin gar teilnehmend sich bewies mit Hoffmannstropfen und vielen Fragen. Es besserte Elisi nicht, bis die Mutter sagte, sie müsse doch noch etwas in der Stadt herum. Sie sei lange fort gewesen, und wenn sie nicht auch etwas heimkramete, so ginge es übel. Es gruse ihr freilich, sagte sie, sie hätte Geld gebraucht, es sei eine Schande, sie hätte nicht von weitem an so viel gesinnet. Wenn sie etwa mangle, sagte die Wirtin, so solle sie es nur sagen, es stehe ihr zu Diensten, so viel sie wolle; sie wisse wohl, wie das gehen könne. Nein, sagte die Bäurin, sövli bös zweg sei sie doch noch nicht. Sie hätte da noch öppis in einem Säckeli für die Not. Sie hätte freilich gemeint, sie wolle es nicht angreifen. Nun wollte ds Elisi auch mit, es wußte wohl warum. Die Mutter wollte erst nur für die Hauptpersonen etwas kramen. Aber wenn sie für dieses gekramet hatte, so dauerte sie jenes, wenn es nichts bekäme, und hatte sie für dieses etwas, so kam ihr ein Drittes in Sinn, und als sie einmal über die Hälfte aus war, so dünkte es sie, es wäre wüst von ihr, wenn sie nicht für alle etwas hätte. Sie möge die mißvergnügten Gesichter nicht sehen, sagte sie, die seien ihr verflümeret zuwider. Sie mußte das Reservesäckeli zur Hand nehmen, mußte Geld daraus nehmen und zwar viel, denn ds Elisi wollte zuletzt auch noch etwas. Es konnte niemand kramen sehen, wenn es nicht den bessern Teil davon bekam. Aber je mehr die Mutter daraus nahm, desto ringer ging es ihr. Äbe so mähr, dachte sie, e kly meh oder e kly minger, es gang jetz alles i eim zue; es wüß niemer, wie lang es gang, gäb sie wieder vo Hus chömm! Sie hatten fast nicht Platz in ihrem Chaischen, als sie heimfuhren, und mußten so übel sitzen, daß ds Elisi ein über das andere Mal balgete, die Mutter hätte nicht so viel zu kaufen braucht, man könne ja gar nicht sein.

Es war ein schöner Abend, als sie heimfuhren. Bei jedem Schritt, den das Roß tat, wohlete es der Mutter. Wenn nur das schießig Züg nicht wäre, sie könnte nicht sagen, wie froh sie wäre, heimzukommen. Solche Betten, wie sie daheim hätten, hätte man doch im Gurnigel nicht, wenn es schon Herrenbetten sein sollten. Wenn sie nicht immer noch den Kittel und das Gloschli auf das Bett getan hätte, sie glaube, sie wäre erfroren und käme nicht lebendig heim.

Sie hatte fast nicht Augen genug, nach allem zu sehen, nach jedem Kabisplätz, jedem Flachsplätz, nach den Kirsch- und Apfelbäumen. Alle Augenblicke sagte sie zu Elisi: «Lueg, die fangen schon an, Flachs zu ziehen; dort sind doch schlechte Bohnen!» Aber Elisi nahm sich nicht die Mühe, aufzusehen, sondern sagte: «Lueg, wie mein himmelblau Tschöpli abgeschossen ist, ich darf es nicht mehr tragen als bloß so daheim herum.» «Es nimmt mich doch wunder,» sagte die Mutter, «ob sie wohl den Kabis beschüttet haben?» Dann mußte der Knecht Antwort geben, und auf das Genaueste wurde er über alles examiniert. Je näher sie nach Hause kam, desto mehr tat sie die Augen auf, zu sehen, wie alles stehe, und alle Augenblicke nahm es sie wunder: ob sie nicht mehr Gras hätten, als dort sei, auch so viel Brand im Korn, auch so schönes Werch. «Lueg, lueg!» sagte sie endlich, «dort sieht man unsern Kirchturm, jetzt sind wir in einer Viertelstunde daheim.» Als sie den ersten bekannten Menschen sah, lachte ihr das Herz im Leibe und sie sagte: «Wenn ich gewußt hätte, daß wir den zuerst antreffen würden, ich hätte ihm auch etwas gekramet. Wenn ich noch einmal so lang fort sollte, was aber, so Gottswill ist, nicht mehr geschehen wird, so kaufe ich etwas, um es dem ersten bekannten Menschen zu geben, der mir beim Heimfahren begegnet.»

Endlich bogen sie ein gegen ihr Gut. Vor Blangen hielt sich die Mutter am Fußsack, und eine Bemerkung nach der andern über jeden Baum und jeden Plätz entrann ihr unwillkürlich, und daß die Spatzen in den Erbsen seien, beschäftigte sie so, daß sie es fast nicht merkte, als sie zum Hause fuhren. Dort kam aus der Küche Vreneli gesprungen, aus dem Futtergang Uli, und am Stecken im Schopf stand Joggeli. Er sah doch seine Mutter gerne wieder kommen, wenn er es schon nicht sagte. Schon lange hatte die Mutter die Hand am Fußsack gehabt, wollte ihn jetzt abheben, allein er steckte sich, Uli mußte ihn emporreißen. «So,» sagte die Mutter, «aber vergiß doch recht nicht, morgen ein Gschüch in die Erbsen zu stellen, die Spatzen machen ihnen sonst viel zu wüst.» Drunten gab sie Vreneli die Hand und sagte freundlich: «Ist alles gut gegangen und hast gut Sorg getragen zu allem?» Dann eilte sie, nachdem sie das Fürtuch glatt gestrichen, dem Joggeli zu, streckte ihm schon von weitem die Hand dar und sagte: «Gottwilche! Wie ist es dir gegangen? Ich bin doch so froh, daß ich wieder daheim bin, so bald bringt mich niemand mehr fort.» Uli hatte Elisi herausgehoben, und das hatte ihm guten Abend gewünscht und gesagt, er solle nicht unerchannt machen beim Auspacken und die Sachen hineinbringen, sie müßten ausgepackt sein von wegen den Rümpfen (Falten). Drinnen war das Kaffee schon zweg, und die Mutter konnte nicht genug rühmen, wie das eins sei. Wenn man schon meine, man habe den besten Kaffee, so fehle eim doch die Nidle, und die sei doch die Hauptsache. Es hätte sie manchmal dünkt, sie gäbte die Plättleni alle für ein Tröpfli guten Kaffee. «Gib mir noch ein Kacheli,» sagte sie zu Vreneli, «alle guten Ding sind drei; es dünkt mich, ich könne gar nicht aufhören.» Dann rühmte sie auch das Brot und den Käs und erklärte endlich: Es sei doch alles nüt gege daheim. Wenn man schon manchmal auch etwas zu klagen habe, «es ist einem doch endlich immer am wöhlsten daheim.» Sie konnte nicht satt werden, zu erzählen, was sie alles gesehen und wie wohl es ihr jetzt sei.


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